Ein dunkler Fleck zieht sich über die rechte Pupille von Daniel Schlosser. Das linke Auge schielt stark nach ­innen. Zehn Prozent sieht er damit noch. Seit Geburt leidet der 36-Jährige an grauem Star, in seinem Fall nicht operierbar. «Ich nehme meine Umgebung als Schatten und verschwommene Umrisse wahr», sagt Schlosser. Der grossgewachsene Mann, zwei Meter, findet sich aber trotzdem zurecht im Leben.

Schlosser arbeitet Teilzeit bei der Immobilienverwaltung der Heilsarmee. Zusammen mit der IV-Rente hat er zwar genug zum Leben, die Wohnung in Zollikofen bei Bern kann er sich allein aber nicht leisten. Sie kostet inklusive Nebenkosten 1923 Franken im Monat. 4,5 Zimmer, Neubau, Parkettböden, offene Küche. «Ich fühle mich sehr wohl hier.»

«Da haben die Alarmglocken geläutet»

Ende 2015 kündigt sein Mitbewohner, Schlosser sucht einen Nachfolger. Eine Bekannte sagt, sie kenne jemanden. Er wohne im Passantenheim der Heilsarmee, einem niederschwelligen Wohnangebot für Leute in einer Notsituation. Schlosser winkt ab. «Passantenheim», sagt er heute, «da haben bei mir sofort die Alarmglocken geläutet. Ich will doch keinen Obdachlosen, sagte ich mir.»

Doch die Bekannte lässt nicht locker. «Sie schwärmte richtig von diesem Markus Graf*. Der sei wirklich ein Flotter. Gepflegt, sehr ­zuverlässig. Für ihn lege sie die Hand ins ­Feuer.» Schlosser gibt sich einen Ruck. Man könne sich ja nicht immer von Vorurteilen ­leiten lassen. Zudem wolle er die sozialen Werte seines Arbeitgebers auch selber leben.

«Er war offen und höflich. Ich dachte: Warum landet ein so anständiger Mensch im Heilsarmee-Heim?»

 

Daniel Schlosser

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Und so kommt der 46-jährige Graf auf ­einen Kaffee vorbei. «Er war höflich und ­offen. Erzählte, dass er wegen psychischer Probleme in Behandlung war, dass er von der Sozialhilfe lebt und sich selbständig machen will. Ich dachte: Gopfridli, warum landet ein so anständiger Mensch im Passantenheim?»

«Ich hatte wirklich ein gutes Gefühl»

Bevor Schlosser zusagt, sichert er sich beim Sozialdienst der Stadt Bern ab. Am 10. März 2016 schreibt der zuständige Sozialarbeiter: «Hiermit kann ich Ihnen bestätigen, dass der Sozialdienst die von Herrn Graf genannte Miete bis Ende April 2016 übernehmen kann. Danach ist die neue Wohngemeinde (Zol­likofen) für Herrn Graf zuständig, welche mit grosser Wahrscheinlichkeit die Miete auch vollumfänglich übernehmen wird.»

«Meine Mutter fragte mich noch, ob ich ein gutes Bauchgefühl habe», sagt Schlosser. «Und ja: Ich hatte wirklich ein gutes Gefühl.» Doch er sollte sich täuschen.

Wenige Tage nach dem Treffen zieht ­Markus Graf ein. Im Untermietvertrag steht: «Untervermietet wird das Schlafzimmer ­hinten rechts. Inklusive Mitbenutzung von Küche, Bad, Dusche, Wohnzimmer, Waschküche.» Am Abend nach dem Einzug wird Schlosser von Angstattacken gepackt. «Ich war von der einen Sekunde auf die nächste extrem unruhig, fast panisch. Ich fühlte mich im eigenen Zimmer nicht mehr wohl.» Später wird er sich darüber ärgern, dass er diese ­Gefühle einfach weggeschoben hat.

«Ein Missverständnis»: Der Untermieter nimmt bei seinem heimlichen Auszug einen PC-Bildschirm mit.

Quelle: Andreas Gefe
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Anfangs funktioniert das Zusammenleben prima. Graf stellt im Wohnzimmer eine Carrera-Autobahn auf. Die beiden spielen ab und zu damit. Am Wochenende ist er jeweils auf Flohmärkten und versucht, sich mit dem An- und Verkauf von Schallplatten und antikem Spielzeug als Selbständigerwerbender zu etablieren.

«Er hat mich fast angeschrien»

Dann, Ende April, anderthalb Monate nach dem Einzug, kommt der Abend, nach dem nichts mehr ist wie vorher. Der fast blinde Daniel Schlosser bittet seinen Mitbewohner, ihm einen Brief vorzulesen, «Handgeschriebenes kann ich fast nicht lesen». Graf reagiert ­gereizt und wird laut. «Er fuhr mich an, er habe jetzt keine Zeit.» Ein paar Minuten später will sich Schlosser bei Graf erkundigen, wann er denn Zeit habe. «Da hat er mich fast angeschrien. Er wisse nicht, wann er Zeit habe, er habe viel um die Ohren, er lasse sich nicht unter Druck setzen.» Dann sei er aus der Wohnung gestürzt.

Bei Schlosser kommt wieder dieses Unwohlsein hoch. Dieses Gefühl, in der eigenen Wohnung nicht mehr ­daheim zu sein.

Irgendwann merkt er, dass Ess­waren fehlen. Auf Grafs Wunsch kaufen sie nicht gemeinsam ein. Jeder hat eigene Lebensmittel. «Mal war ein ­Joghurt weg, dann bediente er sich bei den Brotaufstrichen und so weiter.»

Am 4. Mai traut sich Schlosser zu fragen, wann er denn die Miete für den Mai bekomme. Graf meint nur, er habe kein Geld. Wenn er die Miete haben wolle, müsse er halt selber mit dem ­Sozialdienst schauen.

Es ist das letzte Mal, dass die beiden zusammen reden.

«Ich wohnte mit jemandem zusammen, der kein Wort mit mir sprach, der sich in meinem Kühlschrank bediente und die Miete nicht zahlen wollte.»

 

Daniel Schlosser

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Schlosser ruft beim Sozialdienst in Zollikofen an. Dort heisst es, Graf sei nicht angemeldet, man könne nichts tun, er solle sich an den Sozialdienst in Bern wenden. Aber auch das nützt nichts. Der zuständige Sozial­arbeiter in Bern schreibt am 9. Mai: «Herr Graf ist nicht mehr in der Stadt Bern angemeldet und wohnt auch nicht mehr hier. Der ordentliche Weg zur Sozialhilfeunterstützung führt über die ­Anmeldung beim Einwohnerdienst der Gemeinde Zollikofen.» Dort wird Schlosser aber erneut abgewimmelt. «Man schaue schon, sagten sie.»

Die Lage in der Wohnung entgleitet Daniel Schlosser. Der freundliche Mitbewohner mit der Carrera-Bahn hat sich in ein Phantom verwandelt, das durch die Zimmer geistert.

Nun meldet sich Schlosser beim Passantenheim der Heilsarmee, wo Graf vorher gewohnt hat. Ohne Ergebnis. Heimleiter Franz Dillier erinnert sich: «Markus Graf ist bei uns nach knapp sechs Monaten ausgetreten. Sein Aufenthalt war problemlos. Uns ist es leider nicht möglich, Bewohner nach dem Austritt zu betreuen. Das gehört nicht zu unserem Auftrag, uns fehlen die Mittel dazu.»

Schlosser weiss nicht weiter. «Die Situation war sehr beengend. Ich wohnte mit jemandem zusammen, der kein Wort mit mir sprach, der sich in meinem Kühlschrank bediente und die Miete nicht zahlen wollte.»

«Mein Sohn ist erwachsen»

Der Beobachter fragt bei Markus Graf nach. Er bestätigt, dass er die dama­lige Situation ausgenutzt hat. Reue zeigt er nicht: «Ich stehe dazu, ich ­habe mich in Zollikofen nie angemeldet. Daniel Schlosser hat mich ein­geengt. Ich wollte warten, bis ich eine neue Wohnung gefunden habe, und mich dann dort registrieren. Aber Esswaren habe ich nie geklaut.»

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Schlosser legt seinem Untermieter einen Brief vor die Zimmertür. «Wir müssen reden. Ich kann die Miete nicht selber bezahlen.» Und er ruft Grafs Eltern an. Dessen Vater meint nur: «Mein Sohn ist erwachsen, das ist nicht mein Problem.»

In seiner Verzweiflung geht Schlosser zur Polizei. Auch dort heisst es, man könne nichts tun. Sie würden Graf erst holen, wenn Schlosser an Leib und Leben bedroht sei. Schlossers Rechtsschutzversicherung, die ihn bei Mietfragen schützen soll, sagt, man könne ihm nur in Angelegenheiten als Mieter helfen – als Vermieter habe er keinen Anspruch.

«Einen Sozialhilfebezüger liessen sie wohl gern ziehen.»

 

Daniel Schlosser

Per Einschreiben schickt Schlosser Graf eine Mahnung. Keine Reaktion. Er kündigt ihm. Graf reagiert nicht.

Schlosser fürchtet sich inzwischen in seiner eigenen Wohnung. Seit zwei Monaten hat er keinen Kontakt mit seinem Mitbewohner. Abends hört er ihn durch die Wohnung schleichen. Schlosser holt bei einem Schlüsseldienst eine Offerte für ein neues Schloss an der Wohnungstür ein.

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Dann, Ende Juni, tut sich etwas. «Ich merkte, dass er am Packen ist, dass er Kisten füllt.»

Schlosser informiert die Gemeinde Zollikofen: «Ich sagte, dass sich Graf vom Acker mache, dass er sich noch immer nicht angemeldet habe und dass ich noch immer auf meine Miete warte.»

Kurz darauf ruft die ­Polizei bei Schlosser an und fragt ihn, wann Graf jeweils allein daheim sei.

Wenig später findet Schlosser den Wohnungsschlüssel von Graf im Briefkasten. Bei seinem heimlichen Auszug hat der 46-Jährige einen PC-Bildschirm mitgenommen. Dem Beobachter sagt er heute: «Das war ein Missverständnis. Ich dachte, dass er mir den geschenkt hatte.»

Auf der Gemeindeverwaltung in Zollikofen erfährt Schlosser, dass die Polizei Graf zuvor aus der Wohnung geholt hat und mit ihm auf der Einwohnerkontrolle war. Dort habe dieser gesagt, er habe sich bereits rückwirkend auf den 15. März 2016 – das ­Datum seines Einzugs in Schlossers Wohnung – in Freiburg angemeldet.

«Ich verstehe das nicht», sagt Schlosser heute. «Die wussten auf der Gemeinde haargenau, dass er seit ­diesem Tag bei mir wohnte. Warum haben sie das einfach akzeptiert, dass er sich rückwirkend in Freiburg angemeldet hat? Einen Sozialhilfebezüger liessen sie wohl gern ziehen.»

Fall erledigt – «Datenschutz»

Darauf ruft Schlosser den Sozialdienst in Freiburg an. «Man sagte mir, für Mieten in anderen Gemeinden seien sie nicht zuständig.»

Er steht auf und holt einen dicken Ordner. Alles fein säuberlich sortiert, wie er es an der Handelsmittelschule gelernt hat. Schlosser durchsucht den Ordner, hält ihn dabei einen Zenti­meter vors Gesicht. «Da! Der Auszug aus dem Betreibungsregister. Ich hatte damals gehofft, dass ich die aus­stehenden Mieten eintreiben kann.» Der Auszug hat diese Hoffnung zunichtegemacht. «Es sind mehr als zehn Verlustscheine aufgeführt. Steuerschulden, Krankenkassen, mehrere Inkassobüros.»

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Auch Graf sagt heute, er könne die ausstehenden Mieten nicht ­zahlen. «Ich weiss selbst nicht, wie ich über die Runden kommen soll. Ich war in der Kiste, eine Busse absitzen.» Ausserdem sei ihm die Sozialhilfe ­gekürzt worden, weil er nicht am Arbeits­programm teilnehme.

Für die Behörden in Bern, Freiburg und Zollikofen ist der Fall erledigt. Sie schweigen. «Datenschutz», heisst es.

Daniel Schlosser hat inzwischen einen neuen Mitbewohner gefunden. Die drei ausstehenden Monatsmieten von Markus Graf, total rund 2800 Franken, wird er wohl nie sehen.

 

*Name geändert

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