«Bis zur vierten Klasse habe ich kein Wort Deutsch gesprochen. Aufgewachsen bin ich in Trun in der Surselva. Schon in der Schule wurde mir klar, dass ich beruflich etwas mit meiner Muttersprache Portugiesen Die Retter des Rumantsch machen will. Also habe ich rätoromanische Sprache und Literatur studiert.

1990 wurde ich Redaktor beim Wörterbuch «Dicziunari Rumantsch Grischun», kurz DRG. Seit 2004 bin ich Chefredaktor. Das DRG ist eine von vier nationalen Enzyklopädien. Es gibt noch das «Idiotikon» für Schweizerdeutsch, das «Glossaire des patois de la Suisse romande» und das «Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana». 

Die Arbeit am DRG begann zwischen 1900 und 1904. Der Indogermanist Robert von Planta liess 10000 Fragen in 16 romanischen Gemeinden beantworten. Er wollte das Sprachgut aufnehmen und den Wortschatz aller fünf Idiome erklären. 

«Hast ist hier am falschen Ort. Jedes Wort ist wie ein Wesen, das Einfühlung verlangt.»

Carli Tomaschett, 61, Chefredaktor  des «Dicziunari»

Florian Melcher und Chasper Pult, die beiden ersten Redaktoren, führten die Arbeit fort. Mit Hilfe von Korrespondenten liessen sie in 100 Ortschaften Papierbögen mit weiteren 16500 Fragen ausfüllen. Wir bearbeiten diese Unterlagen noch heute. 

Der erste Teil des DRG erschien 1939. Derzeit arbeiten wir am Doppelteil 190/191, der im August erscheinen wird. Er wird wohl die Wörter «Michel» bis «minaret» abdecken.

Ruhe bewahren

Für diesen Job braucht man Sitzleder und Leidenschaft. Sonst geht man ein. Sogar in der Freizeit lese ich mich nach einer Wanderung Uina-Schlucht Schmugglern auf der Spur oft noch in ein Thema ein, das mir bei einem Wort nützlich sein kann. Manche Begriffe hat man an einem Tag abgearbeitet, andere verlangen viel mehr Zeit. Für das Verb «metter» – es bedeutet «legen», «stellen» und «setzen» und noch vieles mehr – waren sechs Schachteln mit über 12000 Zetteln zu bearbeiten. Da waren die Kollegen schon froh, dass ich das übernahm. Aber als Chefredaktor habe ich immer mal wieder andere Pflichten, und so war ich mehr als drei Jahre mit diesem Verb beschäftigt. Da hilft nur: Ruhe bewahren und einen Zettel nach dem anderen abarbeiten.

Detektivarbeit

Hast ist hier am falschen Ort. Wenn man vor den Ferien noch schnell etwas fertigmachen Arbeitszeit Warum sich weniger arbeiten für alle auszahlt will, kommt das bestimmt nicht gut. Denn jedes Wort ist wie ein lebendiges Wesen, das Aufmerksamkeit und Einfühlung verlangt. Das macht die Arbeit so spannend. Man taucht bei jedem Begriff in eine neue Welt ein und muss sich in akribischer Detektivarbeit damit auseinandersetzen.

Dafür gehen wir ab und zu auch in Kurse. Wenn man etwa botanische Begriffe oder Vogelarten bearbeiten muss, kann fundiertes Hintergrundwissen helfen.

Eine meiner Mitarbeiterinnen musste beim Wort «mesch» – es bedeutet «Messing», bezeichnet aber auch eine gefärbte Strähne im Haar – Coiffeurgeschäfte im Engadin und in der Surselva abtelefonieren, um herauszufinden, ob es weiblich oder männlich ist.

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Die nächste Schachtel

Hierarchien gibt es nicht bei uns. Jeder nimmt sich die nächste Schachtel, sobald er fertig ist. Ich habe keine Präferenzen bei den Wörtern. Wobei klar ist, dass einem bei einem Pronomen eine etwas nüchternere Arbeit bevorsteht als bei einem Substantiv.

Einmal besuchte eine Schulkollegin meiner Tochter unser Institut. Danach sagte sie zu ihr: «Was dein Vater macht, ist stinklangweilig. Aber er scheint sehr grosse Freude daran zu haben.» Offenbar hat sie meine Leidenschaft bemerkt. Und oft findet die jüngere Generation zu einem späteren Zeitpunkt selber Gefallen an der rätoromanischen Sprache.»

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Matthias Pflume, Textchef Digital

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