Die Wanderschuhe hat Luis Silva letztes Jahr gekauft, den Feldstecher leiht er sich jeweils aus. «Zum Glück hatte ich ihn auch vor zwei Wochen dabei», sagt der junge Portugiese, «sonst hätte ich den Steinbock nicht gesehen.» Oberhalb von Buffalora wars, kurz vor dem Ofenpass im Unterengadin. «Mein erster Steinbock in freier Natur. Ein wunderbares, stolzes Tier.» Der 28-jährige Bauarbeiter sagts auf Rätoromanisch: «üna bes-cha magnifica e superbgia».

Luis Miguel Ferreira da Silva, wie er mit vollem Namen heisst, mag seine neue Heimat, das Wandern, die Sprache. Ihm gefällt auch Italienisch, das er auf der Baustelle oft spricht. «Aber Romanisch ist noch schöner, hat mehr Finessen.» Seit vier Jahren lebt er in Zernez, und bereits kann er auch lesen und schreiben auf Vallader (siehe «Räto­romanisch» am Ende des Artikels). Silva kennt sich aus mit dem Romanischen, erzählt von den vier weiteren Idiomen und rührt im Kaffee, den ihm Kellnerin Susana Oliva hingestellt hat – auch sie eine Portugiesin mit nahezu perfektem Romanisch. «Ich muss doch sprechen können wie die Leute hier», sagt die 31-jährige Mutter einer Tochter.

Leichter als das sperrige Deutsch

Es ist ein regnerischer Sonntag in Zernez, das Café Fümm voll mit Touristen, Einheimischen und Portugiesen – Letztere zählen zur grössten Ausländergruppe in Grau­bünden, noch vor den Deutschen und den Italienern. Im ganzen Kanton leben rund 8700 Portugiesen, wobei ihr Anteil im Engadin am grössten ist: Jeder Siebte ist hier portugiesischer Herkunft, 3500 von insgesamt 25'000 Einwohnern. Sie sind unentbehrliche Arbeitskräfte im Gast- und Baugewerbe der Tourismusregion. Und begabte Sprachschüler. Mit ihrer vom Latein abstammenden Muttersprache fällt es den Portugiesen wesentlich leichter, das verwandte Romanisch zu lernen als das sperrige Deutsch.

Damit erhält die vierte Landessprache von unerwarteter Seite Verstärkung – vielleicht helfen ausgerechnet die Portugiesen, als Zuwanderer aus dem strukturschwachen Südeuropa sonst durchaus kritisch beäugt, die gefährdete Sprache zu retten und damit ein Stück Schweizer Identität zu erhalten. Nur noch 60'000 Menschen beherrschen Romanisch, rechnet Daniel Telli vor, Linguist bei der Dachorganisation Lia Rumantscha. «Da ist jeder hochwillkommen, der Romanisch lernt und die Sprache im Alltag spricht.»

«Vielleicht kann meine Tochter in der Schweiz studieren. Dafür würde ich sogar die harten Winter für immer in Kauf nehmen»: Susana Oliva mit Lara

Quelle: Luxwerk &nbsp

Umgekehrt hilft das Romanische den Portugiesen, sich besser zu integrieren. Luis Silva etwa kommt aus der Gegend von Porto, wenige Kilometer von den Dünen des Atlantiks entfernt. «Tolle Strände, zweifellos, aber ich habe ja jetzt die Berge», sagt er. Und vor allem Arbeit und ein paar Freunde – «hiesige», wie der junge Mann betont. Er hat die Zelte in der Heimat ab­gebrochen, wo er nach den neun obligatorischen Schuljahren Gehilfe eines Schreiners war, bis dieser ihn mangels Aufträgen entliess. «Die Wirtschaftskrise in Portugal lässt die Menschen auf keinen grünen Zweig kommen», so der Neu-Zernezer. Seine Mutter habe einst auf den Alpen von Zernez zwei Sommer als Kuhhirtin gearbeitet – «seither schwärmte sie vom Dorf».

Luis Silva fand Arbeit bei einer Spenglerei im 1200-Seelen-Ort am Fuss des Ofenpasses, lernte, was es zu lernen gab, packte an – und arbeitet immer noch da. Mittlerweile kann er sich eine eigene kleine Wohnung leisten. Zudem schickt er jeden Monat Geld nach Hause, für das Marketingstu­dium seiner Schwester; der Putzlohn der Mutter reicht dafür nicht. Derzeit erneuert Silva die Dachrinne des Spitals von Scuol unten im Tal, «allein», bemerkt er stolz. Er träumt von einem Lehrabschluss. Dieser fehlt vielen Portugiesen: 63 Prozent der hiesigen Arbeitsmigranten absolvierten daheim nur die obligatorische Schulzeit, zeigt eine Erhebung des Bundes von 2010.

Silvas Chef Rinaldo Angelini ist ein Ansässiger. Er hat wesentlichen Anteil daran, dass sich der junge Portugiese in der neuen Welt so schnell zurechtgefunden hat. Angelini brachte ihm das Spenglerhandwerk bei, lehrte ihn Skifahren, nimmt ihn am Mittag mit nach Hause zum Essen. «Luis gehört zur Familie», sagt Angelinis Frau Gabriela kurz und bestimmt.

Der Chef war es auch, der seinem Spenglergehilfen zum Romanischkurs riet. Zwei hat Silva nun schon absolviert, «und wenns einen dritten gibt, schreibe ich mich wieder ein». Die Lia Rumantscha hat die speziellen Lehrgänge vor vier Jahren ins Leben gerufen. Sie werden vom Kanton und von einzelnen Gemeinden finanziert und «Piripiri» genannt, das portugiesische Wort für Chilischoten. Konzipiert hat sie Flurina Plouda. «Sprachlehrgänge gab es einige, doch keine, die auf Portugiesen zugeschnitten waren», sagt die 39-jährige Mitarbeiterin. Das erstaunt – erstmals trafen schon vor 40 Jahren arbeit­suchende Portugiesen in grösserer Zahl in den Engadiner Tourismushochburgen ein.

«Die Schule ist die beste Integration»: Men Wieland, Schulleiter im Unterengadin.

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Kindergärtner lernen in Rekordzeit

Mitte der neunziger Jahre stagnierte die Arbeitseinwanderung, Grund war die Krise im Bausektor. Mit dem Aufschwung und dem Personenfreizügigkeitsabkommen von 2002 setzte sie erneut ein. Ursprünglich kamen vor allem Männer, heute ziehen vermehrt Familien nach oder gleich mit. Die Kinder gehen in den Engadiner Dörfern zur Schule, wo Rätoromanisch gesprochen wird – in Zernez etwa ist es bis zur sechsten Primarklasse die Unterrichtssprache.

«Die Schule ist die beste Integration», sagt Men Wieland, Schulleiter im Unter­engadin. «Und je früher ein portugiesisches Kind bei uns eingeschult wird, desto schneller kann es auch Romanisch.» Die Kindergärtner sprächen es meist schon an Weihnachten nach der Einschulung.

Schwieriger wird es, wenn in der dritten Primarklasse Deutsch als erste Fremd­sprache hinzukommt. «Da müssen auch Engadiner Kinder aus rein rätoromanischen Familien einen speziellen Effort leisten», sagt Wieland. Die Schule bietet verschiedene Fördermassnahmen an. «Die Resultate bestärken uns», so der Schul­leiter, «ob Schweizer oder fremdländische Jugendliche: Alle letztjährigen Abgänger, die geistig dazu in der Lage waren, konnten eine Lehre machen oder eine weiterführende Schule besuchen.»

Die Schule allein kann es jedoch nicht richten. «Die Eltern müssen sich am Schulalltag der Kinder beteiligen», sagt Flurina Plouda, «das war die Hauptmotivation für die ‹Piripiri›-Kurse.» Bei der Konzeption der Lehrgänge ging die Unterstufenleh­rerin und Mutter von zwei Töchtern von sich selber aus: «Ich fragte mich, was ich lernen wollte, wenn ich nach Portugal ziehen würde.» So machte Plouda neben der Sprache auch Kulturgut und Alltagswissen zum Thema – «aber ich wollte nicht belehren, sondern austauschen». Sie lud unter anderem zwei Trachtenpaare ein, worauf die Kursteilnehmer ihre Musik präsentierten und über ihre Traditionen sprachen.

Ähnliche Mentalitäten

Eine gute Voraussetzung für lebendige Kurse, die der junge Handwerker Luis Silva mit Begeisterung absolvierte. «Ich habe viel gelernt über die Menschen hier», sagt er, «und mir scheint, unsere Mentalitäten sind gar nicht so verschieden.» Auch die Kursleiterin hat dazugelernt, Gemeinsames entdeckt. «Wir Engadiner sind manchmal ähnlich zurückhaltend wie die Portugiesen. Geht uns aber das Herz auf, können wir ebenso temperamentvoll sein wie sie», sagt Flurina Plouda und schwärmt von einem portugiesischen Fado-Fest in Samedan, zu dem sie kürzlich eingeladen war.

«Wir Engadiner sind ähnlich zurückhaltend wie die Portugiesen»: Flurina Plouda.

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«Schlicht keine Zeit für einen Kurs»

Auch im Liedgut gibt es Parallelen. Engadiner sind bekannt fürs Auswandern, die Couragiertesten suchten oft aus Not ihr Glück in der Ferne, machten nicht selten Karriere als Zuckerbäcker oder Hotelier. «Unsere Lieder zeugen vom Heimweh und der Sehnsucht unserer Vorfahren», sagt Plouda.«Diese Gefühle haben wir auch in portugiesischen Volksweisen gefunden.»

Mittlerweile haben sieben «Piripiri»-Kurse mit je rund zehn Teilnehmern stattgefunden. «Ein Erfolg, wenn man weiss, wie befrachtet der Alltag unserer südländischen Mitbewohner ist», so Plouda.

Susana Oliva, die Kellnerin im Café Fümm, hat keinen Kurs besucht, «ich hatte schlicht keine Zeit dazu». Ihr Mann, ein Portugiese, den sie im Engadin kennengelernt hat, serviert in einem Hotel in Zernez. Gemeinsam betreuen sie Töchterchen Lara. «Tagsüber schaut mein Mann, abends, wenn er seine Schicht hat, übernehme ich. Da bleibt kein Freiraum für mich.»

Ihr Weg zur romanischen Sprache war ein anderer. Susana Oliva, die in Portugal Matur gemacht hat, aber kein Geld fürs Studium hatte, kam mit 18 zu ihrem Grossonkel ins Oberengadin. Er machte die Zimmer in einem Hotel, sie begann ebenfalls als Zimmermädchen, arbeitete sich zur Kellnerin hoch und hörte den Einheimischen fünf Jahre lang nur zu, bevor sie romanisch zu sprechen wagte. «Plötzlich gings von selbst», sagt sie lachend. «Was da genau im Kopf geschah, weiss ich nicht.»

Ihre Tochter Lara, 4, hat es einfacher. «Sie ist in der Spielgruppe und spricht schon perfekt Romanisch.» Die Hoffnung der Mutter ruht auf der Kleinen, «ich wünschte, sie könnte später eine Lehre machen, vielleicht sogar in der Schweiz studieren». Dafür würde Oliva ihren Traum opfern, eines Tages in die Heimat zurückzukehren. «Ich würde sogar für immer den harten Engadiner Winter in Kauf nehmen.»

Die Zahl jener, die nach Portugal zurückkehren, ist nicht bekannt. Tatsache ist, dass heute die Mehrheit der Portugiesen in der Schweiz über eine C-Bewilligung mit unbeschränktem Aufenthaltsrecht verfügt. Gemeindepräsident René Hohenegger spricht denn auch von «unseren Portugiesen in Zernez», meist langjährige Bewohner, mit denen er nicht mehr Probleme habe als mit Schweizern. «Die Wirtschaft hat sie gebraucht», sagt der 50-Jährige, «und ihre Kinder sind so gut integriert, dass ich sie als Einheimische wahrnehme.»

Rätoromanisch: So verschieden wie St. Galler und Lötschentaler Dialekt

Rätoromanisch, seit 1938 offiziell vierte Landessprache, ist eine Hinterlassenschaft der Römer. Um 15 vor Christus eroberten Drusus und Tiberius, Stiefsöhne von Kaiser Augustus, das Engadin sowie das angrenzende Tirol und stiessen auf ansässige Volksstämme, Räter genannt. Wenige Flur- und Ortsnamen deuten noch auf die Räter hin. Woher die frühen Alpen­be­wohner kamen, lässt sich nur vermuten. Linguisten haben im heutigen Romanisch sprachliche Spuren der Etrusker aus Norditalien, der Kelten aus Mittel­europa sowie arabische, hebräische und akkadische ­Elemente – die Sprache Babylons und ­Assyriens – gefunden.

Die Alpensprache ist längst versunken, die römischen Besatzer überlagerten die Urdialekte mit Latein, das sich entlang der römischen Heeresstrassen über Splügen, Septimer und Julier ausbreitete. Es war ein Volks­latein, nicht das Latein Vergils oder Cäsars – und je nach Tal in anderer Färbung. Bis heute gibt es fünf Idiome, ins­gesamt sprechen sie rund 60'000 Menschen: In der Surselva im Vorder­r­hein­tal reden 18'000 Bewohner Sursilvan, im Unterengadin (ab Brail) ­6500 Vallader, im Ober­engadin 5500 Puter, in anderen Talschaften 5000 Surmiran und Sutsilvan. Weitere 25'000 Rätoromanen wohnen ausserhalb des Kantons Graubünden.

Während Vallader und Puter relativ ähnlich klingen, liegen Sursilvan und Puter so weit auseinander wie etwa der St. Galler und der Lötschentaler Dialekt. Deshalb hat man sich auf eine gemeinsame Schriftsprache geeinigt: Rumantsch Grischun, zusammengesetzt aus den drei vitalsten Idiomen Sursilvan, Vallader und Surmiran, ist seit 2001 die Amtssprache Grau­bündens – notabene entwickelt von Romanistik­professor Heinrich Schmid mit Muttersprache Zürichdeutsch. Die Standardsprache hat sich bis heute im Alltag aber nicht durchgesetzt.