Stefanie Theiss* hat mit dem Leben abgeschlossen. Seit zwölf Jahren kämpft sie gegen eine unheilbare Krankheit, hat zwei Dutzend Ärzte aufgesucht, liess sich auf diverse Therapien ein. Erfolglos. Die Schmerzen wurden heftiger und haben trotz Medikamenten einen Grad erreicht, den sie als «sehr schlimm bis brutal-unerträglich» beschreibt. Und das Tag für Tag, Nacht für Nacht. So reifte ihr Entschluss: «Für immer einschlafen. Das ist meine einzige Hoffnung. Daher habe ich mich an Dignitas gewandt.» Stefanie Theiss ist im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte, hat keine psychischen Beeinträchtigungen, spricht glasklar.

Immer mehr zusätzliche Dokumente verlangt

Doch aus der Hoffnung wurde bittere Enttäuschung. Skeptisch wurde Theiss schon, als Dignitas verlangte, dass sie ihre 14-seitige Lebensgeschichte kürzt. Das war letzten Sommer. Damals musste sie ihre Krankheit dokumentieren und darlegen, dass sie immer «lebensbejahend» war, psychisch ­gesund, selbstbewusst und selbstbestimmend im Leben gestanden war.

Dann plötzlich forderte Dignitas Angaben über ihre Konfession ­sowie zusätzliche Dokumente aus dem Ausland, von denen zuvor keine Rede war. ­Stefanie Theiss war irritiert und teilte Dignitas mit, man hätte ihr das auch von Anfang an sagen können. Dignitas reagierte ungehalten. «Ich wurde richtiggehend abgekanzelt», sagt Theiss. Trotzdem besorgte sie die geforderten medizinischen Diagnosen. Im November erhielt sie endlich den Bescheid, ihr Gesuch sei vollständig. Jetzt müsse sie 3500 Franken bezahlen, damit das Gesuch an einen Dignitas-Arzt weitergereicht werde. Noch am selben Tag überwies sie den Betrag.

«Ich hätte mich nie bei Dignitas ­angemeldet, wenn ich gewusst hätte, was die von mir verlangen.»

Stefanie Theiss*

Jetzt ging es mit dem Ärger erst richtig los. Man teilte ihr mit, das ­Dossier würde «so rasch als möglich» einem Arzt vorgelegt. Doch als sie zwei Tage später bei Dignitas nachfragte, hiess es, das Prozedere könne durchaus einen oder zwei Monate dauern. Zudem erfuhr sie zum ersten Mal, dass sie noch Zivilstandsdokumente liefern müsse, ohne die eine Freitodhilfe gar nicht in Frage käme.

Als Theiss ihren Unmut darüber äusserte, sei sie von einer Mitarbeiterin beschimpft worden. Was sie sich eigentlich vorstelle, sie sei nicht die einzige kranke Person, Dignitas müsse sich um Leute aus 60 Ländern kümmern. «Ich war geschockt über den unfreundlichen, ruppigen Ton», sagt Stefanie Theiss. Man habe ihr gar vorgeworfen, sie sei schon früher negativ aufgefallen. «Dieses Verhalten ist inakzeptabel, nicht nur im sensiblen Bereich der Freitodbegleitung», so Theiss.

Zu viel bezahlt «reicht nicht ganz»

Zudem teilte ihr Dignitas per E-Mail mit, die überwiesene Summe habe «nicht ganz gereicht». Wie viel Geld fehlte, wollte man ihr auch auf mehrmaliges Nachfragen nicht sagen. Kein Wunder, sie hatte nicht zu wenig, ­sondern zu viel bezahlt. Nachweislich überwies sie umgerechnet 3531 Franken, die Rechnung betrug 3500 Franken. Auch gegenüber dem Beobachter schweigt Dignitas. Die Frage, ob die Sterbehilfeorganisation im Hinblick auf eine Freitodbegleitung eine Geldspende erwarte, bleibt unbeantwortet.

«Ich hätte mich nie bei Dignitas ­angemeldet, wenn ich gewusst hätte, was die von mir verlangen», sagt Stefanie Theiss heute. Sie hatte über Jahrzehnte in den USA gelebt, bevor sie 2016 nach Deutschland zurückkehrte, weil sie ihr Leben beenden wollte. Sie wusste, dass sie nicht mehr in der Lage war, in die USA zu reisen, um eine vor 32 Jahren ausgestellte Heiratsurkunde zu beschaffen.

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Inzwischen ist für Stefanie Theiss klar: «Unter keinen Umständen will ich meine letzten Stunden im Umfeld dieses Vereins verbringen. Sie haben sich mir gegenüber autoritär, verachtend und entwürdigend verhalten.» Sie teilte Dignitas ihren Rückzug mit. Gemäss einer Klausel auf der Rechnung verrechnet der Verein 20 Prozent des überwiesenen Betrags für geleisteten Aufwand, wenn jemand die Dienste des Vereins doch nicht wahrnehme. Dignitas ignorierte die Geldrückforderung.

Die Mitarbeiter bleiben stets anonym

Dafür ging es mit der ärztlichen Prüfung plötzlich schnell. Einen Tag nach der ­Forderung nach Rückerstattung schrieb Dignitas, ihr Gesuch sei jetzt von einem Arzt beurteilt worden, sie erhalte «provisorisch grünes Licht» für die Freitodbegleitung. Theiss argwöhnt, dass Dignitas die Unterlagen schnell einem Arzt vor­gelegt habe, um das Geld nicht zurückzahlen zu müssen. Welcher Arzt das ­Gesuch prüfte, will man ihr nicht sagen.

Dann folgten wieder Beleidigungen. Ihre Ansprüche seien «nur sehr schwer nachzuvollziehen», schrieb ihr Dignitas. Und: «Sie sind in einer Art und Weise ­abgefasst, was man am ehesten als sozial-morbiden Vandalismus bezeichnen kann.» Harte Worte an eine Frau, die den begleiteten Freitod will. Unterzeichnet hat den Brief – wie immer – niemand. Auch wenn Stefanie Theiss bei Dignitas anruft, stellt sich nie jemand mit Namen vor. Ludwig A. Minelli, inzwischen 84-jähriger Gründer und Kopf von Dignitas, tritt nicht in Erscheinung.

Dignitas wirft der Sterbewilligen «sozial-morbiden Vandalismus» vor.

Quelle: Alessandro Della Bella/Keystone
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Gegenüber dem Beobachter sagt Sandra Martino, Mitglied der Vereinsleitung: «Es handelt sich hier um einen komplexen und unglücklichen Einzelfall mit einigen Missverständnissen.» Leider sei «unnötig emotionales Geschirr zerschlagen» worden, «was wir ausserordentlich bedauern». Laut Martino hat Dignitas Stefanie Theiss «ausdrücklich um Entschuldigung für die unangebrachte Äusserung einer unserer Mitarbeitenden gebeten». Zurückzahlen will Dignitas trotzdem nichts. Auch wenn Stefanie Theiss ihre Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen will.

Dignitas, vor Jahren schon wegen mangelnder Transparenz in der Kritik, hat weitere Fragen des Beobachters nicht beantwortet. Auf erneutes Nachfragen hiess es salopp: «Wir möchten die Korrespondenz zum Thema abschliessen.»

* Name geändert

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