Ursula Gübeli und Erika Fritsche schlugen Freudenkapriolen, als sie erfuhren, dass für Ende Mai das erste Livekonzert geplant ist. Denn bisher fand das «Einsingen um 9» bloss im Internet statt. Gübeli und Fritsche nennen die Community «Singfamilie». Endlich können sie die anderen Familienmitglieder auch in echt kennenlernen.

Doch je näher das Konzert rückt, desto öfter mischen sich leise Bedenken in die Vorfreude. Der Mut scheint sich aus dem Staub zu machen. «Was, wenn die anderen ganz anders sind als in meiner Vorstellung?», fragt Erika Fritsche, pensionierte Lehrerin in Trogen AR. «Was, wenn der Funke nicht überspringt?», fragt Ursula Gübeli, ehemalige Kindergärtnerin in Jona SG.

Dass sich die «Einsingen»-Community irgendwann mit solchen Fragen beschäftigen würde, hätte die Zürcher Profisängerin Barbara Böhi, 58, niemals gedacht, als sie sich vor zwei Jahren vornahm, die Seele der Chorsängerinnen und Chorsänger zu retten. Böhi arbeitet schon ihr halbes Berufsleben lang mit Menschen, die im Chor singen. Als Solistin steht sie mit ihnen auf Konzertbühnen. Als Gesangspädagogin hilft sie ihnen, wenn sie Probleme mit der Stimme haben. Sie weiss, dass der Chor für viele von ihnen ein Ort ist, an dem sie Gemeinschaft und Geborgenheit finden. «Ich kenne ihre Seele gut», sagt sie.

Als der Bundesrat vor zwei Jahren das Land in den Shutdown schickte, wollte sie etwas zur Rettung dieser Seele unternehmen. Sie holte ihre Freundin Julia Schiwowa, 39, mit ins Boot. «Uns schwebte eine Art Notdienst für Chormitglieder vor», erzählt Böhi. Eine Brainstorming-Runde später war das Projekt «Einsingen um 9» geboren.

Mehr für Sie
 
 
 
 
 
 

Schon am ersten Tag nahmen Hunderte Menschen den «Notdienst» in Anspruch. Auch Ursula Gübeli. Sie habe sich an jenem Morgen extra schön zurechtgemacht. Sie stellte den Computer auf einen Stuhl und beides auf den Tisch, sodass sie den Bildschirm direkt auf Augenhöhe hatte. Die Adresse der Website von «Einsingen» hatte der Leiter ihres Chors per Brief an alle Mitglieder verschickt.

Um Punkt neun startete das Livevideo auf der Website. Barbara Böhi erschien auf dem Bildschirm, sagte «Grüezi», lächelte strahlend. «Sie war ziemlich nervös und gleichzeitig so fröhlich, das hat in diesem Moment so gutgetan», erzählt Gübeli. Es folgten Körper-, Atem- und Stimmübungen. Gübeli machte zuerst nur zögernd mit, weil sie es seltsam fand, so allein in ihrem Malzimmer mit dem Unterkiefer zu kreisen oder «Lum-lum-lum» zu singen.

Die Unsichtbaren chatten drauflos

Von den anderen Teilnehmenden war nichts zu sehen und nichts zu hören. Aber es gab neben dem Livevideo einen Livechat, in dem einige «Macht Spass» oder «Danke» schrieben. Und es gab Barbara Böhi. «Sie lobte uns, als würde sie uns alle wirklich sehen.» Als nach 30 Minuten das erste «Einsingen» mit einem Kanon zu Ende ging, stimmte Gübeli begeistert ein.

Seitdem hat sie kein «Einsingen» ausgelassen. «Ich habe noch nie so tolle Tipps fürs Singen bekommen», sagt Gübeli. Durch die Übungen habe ihre Stimme grosse Fortschritte gemacht. Vor der Pandemie habe sie während der Chorproben die höchsten Töne oft nur noch mit Ach und Krach geschafft. Wenn überhaupt. Sie dachte, das sei halt das Alter, war kurz traurig und nahm es hin wie etwas Unausweichliches. Als vor kurzem die Proben wieder losgingen, merkte sie: «Wow, die Töne gehen wieder!

Hühner, Gedichte und Rezepte

Ursula Gübeli kann sich ein Leben ohne «Einsingen» nicht mehr vorstellen. Auch wegen der Gemeinschaft, die sie dort gefunden hat. Sie sei immer noch baff vor Staunen, dass in der virtuellen Welt ein derart tiefes Gefühl von Verbundenheit möglich ist.

Einmal malte sie ein Bild – drei singende Hühner – und schickte es per Post an Barbara Böhi und Julia Schiwowa. Die hielten das Bild während eines «Einsingens» in die Kamera, der Chat ging über vor Lob. Andere schickten ihre eigenen Gedichte, die Böhi und Schiwowa dann der Community vorlasen, oder Zungenbrecher, Fotos, Rezepte, selbst erstellte Kreuzworträtsel. Es sei ganz egal, was man schicke, Barbara und Julia antworteten immer und sehr persönlich. «Man hat das Gefühl, dass sie einen wirklich wertschätzen», meint Ursula Gübeli.

Julia Schiwowa sagt: «Die Leute sollen spüren, dass wir für sie da sind, dass wir sie wahrnehmen.» Barbara Böhi erzählt, wie sie in den letzten zwei Jahren Tausende Mails und Hunderte Briefe beantworteten, stundenlange Telefongespräche führten und unzählige Päckchen, Whatsapp-Nachrichten oder Blumensträusse erhielten. Sie erwähnt Briefe, in denen die Einsamkeit mit Händen zu greifen ist. «Ihr seid die Einzigen, die ich den ganzen Tag höre», steht dann da. Oder: «Ihr habt mir wieder einen Grund gegeben zum Aufstehen am Morgen.»

Auch der Humor soll beim Singen nicht zu kurz kommen: Julia Schiwowa (links) und Barbara Böhi

Das «Einsingen um 9» ist auch eine Anleitung zum Fröhlichsein.

Quelle: Christian Schnur

Es geht den beiden schon lange nicht mehr nur darum, morgens um neun mit anderen zusammen die Stimme zu trainieren. «Uns verbindet viel mehr», sagt Barbara Böhi. «Wir haben zusammen die schwersten Zeiten der Pandemie durchlebt, zusammen Weihnachten gefeiert, zusammen getrauert, als einer seine Frau verlor.» Es sei eine soziale Verantwortung, die sie spüren und die sie mit Freuden wahrnehmen. «Wir werden ja auch reich beschenkt», sagt Julia Schiwowa.

Als es das «Einsingen» noch nicht gab, habe sie für ihre Arbeit kaum Feedback erhalten, höchstens mal nach einem Konzert ein «Das war aber schön!». Alles sehr unverbindlich. Jetzt reicht das Echo von einer Dose selbst gebackener Spitzbuben bis hin zur Lebensgeschichte einer einsamen Frau. Diese persönliche Atmosphäre trage sie und gebe ihrer Arbeit Sinn.

Es soll weitergehen

Die beiden Profisängerinnen wollen mit dem «Einsingen» fortfahren, auch nach der Pandemie. Inzwischen sei es für sie beinahe ein Vollzeitjob, fast ausschliesslich finanziert durch Spenden derer, die sich um 9 Uhr morgens einklinken. Jede und jeder ist willkommen, Gesangstalent hin oder her. Auf der Website gibt es eine Videoreihe für Neuankömmlinge. Unter «Fit im Chor» lernt man Noten lesen und Intervalle erkennen.

Unablässig denken die beiden Freundinnen darüber nach, wie sie ihr Projekt weiterentwickeln können. Das Livekonzert Ende Mai im Zürcher Volkshaus, vor dem Ursula Gübeli und Erika Fritsche so den Bammel haben, ist für Böhi und Schiwowa auch der Versuch, das «Einsingen» fit für die Zukunft zu machen. Seit Wochen freuen sie sich wie kleine Kinder darauf.

«Wir haben zusammen schwere Zeiten durchlebt, Weihnachten gefeiert, zusammen getrauert.»

Barbara Böhi, Sängerin

Das Konzert ist natürlich auch im Livechat seit Wochen Thema. Erika Fritsche meldet sich dort fast täglich zu Wort. Wenn Barbara Böhi, Julia Schiwowa oder jemand anderes aus dem Team um Punkt neun live auf Sendung geht und mit den Übungen loslegt, begrüssen sich Fritsche und die anderen Chatter wie alte Bekannte. Sie berichten, wo sie gerade sind, wie dort das Wetter ist, wie es der Katze und dem Hund geht, tauschen Insider-Gags aus, schicken sich lachende Smileys zu. Inzwischen singen jeweils 400 bis 500 Leute mit, auch aus Deutschland, Österreich und Holland.

Fritsche beteuert, dass sie beides gleichzeitig könne: Singen und Chatten. Und dass es für sie auch beides brauche, um dieses Gefühl von Gemeinschaft zu erzeugen. Vor einiger Zeit wurde der Hund überfahren, den Fritsche immer hütete. Als sie unter Schock im Chat davon berichtete, war die Anteilnahme gross. Das habe ihr sehr geholfen. Von manchen Chattern hat Fritsche die Mailadresse, sie schreibt, erhält Antworten, spürt, wie Freundschaften aufkeimen.

Das bevorstehende Konzert schüttle die geliebten Gewohnheiten ein bisschen durcheinander. Einige der Chat-Bekannten wollen nicht teilnehmen. Zu viel Nähe. Aber die meisten werden kommen. Sie wissen, eine richtige Familie hält so was aus.

Weitere Infos

Der Beobachter-Newsletter – Wissen, was wichtig ist.

Das Neuste aus unserem Heft und hilfreiche Ratgeber-Artikel für den Alltag – die wichtigsten Beobachter-Inhalte aus Print und Digital.

Jeden Mittwoch und Sonntag in Ihrer Mailbox.

Jetzt gratis abonnieren