
Veröffentlicht am 24. Februar 2024 - 06:00 Uhr

«Jede Rakete, die nicht abgewehrt wird, bedeutet Dutzende von Opfern»: Kateryna Potapenko
Man kann vieles erreichen in zwei Jahren. Und so einiges erleben. Man kann ein Musikinstrument lernen, eine neue Sprache. Man kann sich ein Haus bauen oder ins Ausland ziehen – was auch immer. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer haben in den letzten zwei Jahren gelernt, mit Waffen umzugehen. Sie haben ihre Häuser verloren, wurden Kriegsveteranen oder Zwangsmigrantinnen.
Vielleicht ist das der Hauptunterschied zwischen dem Leben im Frieden und im Krieg: In Friedenszeiten versucht man, sein Leben selbst zu planen, im Krieg wird es für einen geplant.
Doch es wäre falsch zu sagen, dass sich seit Kriegsausbruch alles geändert hat. Verändert hat sich nur, was man als normal empfindet. Es ist jetzt normal, auf dem Boden im Korridor zu schlafen. Es ist normal, bei Explosionen nicht aufzuwachen. Es ist auch normal, die Nacht in einer Tiefgarage zu verbringen. Aber sonst: Ich arbeite immer noch, miete eine Wohnung, treffe mich mit Freunden, feiere Feste, und mein Bruder geht nach wie vor in dieselbe Schule wie früher.
Zur Person
Die «Zwei-Wände-Regel» macht Wohnungen attraktiv
Andererseits prahle ich heute damit, wenn ich Freundinnen und Freunde zu Besuch habe, dass ich jetzt eine Wohnung mit «Zwei-Wände-Regel» miete. Das heisst, es gibt zwei Wände zwischen mir und der Welt da draussen – auf dem Wohnungsmarkt im Internet wird dieser doppelte Schutz mit einem goldenen Stern angezeigt. Und statt Geschenken für meine Freunde besorge ich jetzt lieber was für die Soldaten an der Front.
Natürlich ist es nicht in allen Städten gleich. In Charkiw, Cherson, Mykolajiw und anderen Städten, die näher an der Frontlinie liegen als Kiew, wird die Norm noch viel stärker strapaziert. In der mobilen App, die über Luftangriffe informiert, leuchten diese Orte fast immer rot auf, das heisst, sie werden gerade beschossen.
Den Alarm einfach ignorieren
Vor der grossen Invasion lebte meine Cousine mit ihrem Mann und den Kindern in Irpin, einem Vorort von Kiew. Sie flohen vor der Besatzung in den Westen der Ukraine. Dort mieteten sie ein Haus, verlegten ihr Geschäft dorthin, und ihre Kinder gingen am neuen Ort zur Schule. Doch nach anderthalb Jahren kehrten sie zurück, trotz der schrecklichen Erinnerungen an ihren Heimatort. Und obwohl sie in ihrer neuen Bleibe in einer relativ sicheren Stadt gelebt hatten, in der es nur selten Luftangriffe gibt und wo die Leute nicht auf Fliegeralarm reagieren.
Paradoxerweise sagt meine Cousine, sie fühle sich in Irpin sicherer. Den Fliegeralarm ignoriert sie weiterhin – obwohl das dort eine wirklich schlechte Angewohnheit ist.
Eine Klassenkameradin von mir ist vor kurzem aus der Schweiz zurückgekehrt. In Bern, wohin sie und ihr Mann zu Beginn der Invasion geflüchtet waren, fanden sie Arbeit und Freunde und bekamen ein Kind. Doch eines Tages packten sie ihre Sachen und kehrten mit ihrem drei Monate alten Baby nach Kiew zurück – ohne einen konkreten Grund zu nennen. Der Wunsch, ihr altes Leben zurückzubekommen, überwog.
Wer zurückkommt, wer geht
In der Ukraine herrscht die Meinung vor, dass jene, die zurückkehren wollten, das längst getan haben. Und dass Menschen, die noch im Ausland leben, auch dort bleiben werden. Schliesslich haben sie sich in den letzten zwei Jahren ein neues Leben aufgebaut.
Heimkehr ins Ungewisse
Ich denke, das trifft zu – mit wenigen Ausnahmen. Familien mit jungen Männern, die bald 18 sind, werden auch weiterhin aus der Ukraine fliehen, wenn ihren Söhnen die Wehrpflicht droht.
Laut Statistik leben heute etwa sechs Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer im Ausland. Und doch ist die Zahl der Menschen in Kiew nicht zurückgegangen. Auch die Wohnungspreise steigen weiterhin und neue Geschäfte werden eröffnet. Vor allem, weil Leute aus den östlichen Regionen zuziehen. Dass sich die Bevölkerung wandelt, zeigt sich trotzdem: Es spielen viel weniger Kinder auf der Strasse.
Es ist sehr schwierig geworden, mit anderen in allem mitzufühlen, was nicht den Krieg betrifft.
Bei Begegnungen gibt es nun eine Kluft zwischen denen, die den Krieg seit Anbeginn miterleben, und jenen, die ihn zwischenzeitlich verlassen haben. Natürlich bekommt man im Ausland nicht alle Informationen mit. Man verliert vielleicht auch das Verständnis für Insiderwitze oder das Gespür dafür, was man in gewissen Situationen sagen darf und was besser nicht, weil es andere Menschen verletzen könnte. Doch nach dem ersten Beschuss und dem ersten gemeinsamen Ausharren in einem Unterstand schliesst sich diese Kluft, und nach kurzer Zeit ist sie weg.
Auch das emotionale Empfinden hat sich verändert. Es ist sehr schwierig geworden, mit anderen Leuten mitzufühlen, wenn sie sich über Dinge sorgen, die nicht direkt den Krieg betreffen. Etwa mit jenen, die ins Ausland gezogen sind und es dort schwer haben. Für alle, die jetzt in der Ukraine leben, existieren diese Probleme schlicht nicht.
Keine Konservendosen mehr wegwerfen
In der Ukraine haben wir auch neue Gewohnheiten entwickelt. Wir werfen zum Beispiel keine Konservendosen mehr weg. Sie werden für die Herstellung von Grabenkerzen verwendet. Die Soldaten in den Schützengräben an der sogenannten Nulllinie – sprich: null Kilometer von der Front entfernt – nutzen sie zum Wärmen der Hände und Trocknen der Kleider.
Stille ist beängstigend. Und Alarm bedeutet in gewissem Sinne, dass man sich um dich kümmert.
Neu ist auch, dass man die verschiedenen Bänder zum Abbinden von Gliedmassen unterdessen besser kennt als Bekleidungsmarken. Oder dass man – je nach Raketentyp, vor dem gewarnt wird – weiss, ob einem noch genug Zeit bleibt, um Tee zu kochen. Oder auch dass man so was wie Erleichterung verspürt, wenn man nach ein paar Tagen der Ruhe wieder den Fliegeralarm hört. Denn Stille ist beängstigend, und Alarm bedeutet in gewissem Sinne, dass man sich um dich kümmert – dass dies immer noch dein Land ist.
Klar sind wir müde. Es ist schon schwer genug, einfach so weiterzumachen. Und ganz zu schweigen davon, um Hilfe zu bitten und immer wieder zu beweisen, dass sie benötigt wird. Es ist lächerlich, wenn im Ausland medienwirksam ein paar Dutzend Raketen für die Ukraine versprochen werden, während Russland in nur wenigen Stunden über hundert davon auf Kiew abfeuern kann.
Kein Spielraum für Verhandlungen
Jede Rakete, die nicht abgewehrt wird, bedeutet Dutzende von Opfern. Das ist wahrscheinlich das zweite grosse Missverständnis bei Politikerinnen und Politikern im Ausland. Die Verluste waren schon in den ersten Kriegstagen zu gross, um über irgendetwas zu verhandeln. Man kann verhandeln, wenn es eine Schnittmenge gibt zwischen den Positionen beider Seiten. Aber wenn die eine Seite leben und die andere töten will, gibt es keine Schnittmenge.
In einem Land, das sich im Krieg befindet, gibt es keine hundertprozentige Sicherheit. Zudem können viele Geflüchtete nicht einfach zurück, weil ihr Dorf besetzt oder zerstört ist. Und es besteht die Gefahr, dass alles noch viel schlimmer wird. Es ist daher unverantwortlich, alle einfach so zur Rückkehr aufzufordern. Denn auch diese neue Normalität wünscht man eigentlich niemandem.




