Irene Rohrbach wollte ursprünglich Tierärztin werden. Jetzt arbeitet sie als Juristin beim Beratungszentrum des Beobachters. Bild: Tanja Demarmels

Fast blind«Mein Bauchgefühl ist ja nicht sehbehindert»

Irene Rohrbach ist fast vollständig blind. Beim Beobachter hat sie ihren Zweit-Traumjob gefunden. Doch jetzt freut sich die Juristin erst mal auf Lilo, Locke oder Lucille.

von Susanne Loacker

«Ich sehe praktisch nichts. Bloss mit dem linken Auge an einem kleinen Punkt zwei Prozent. Ich weiss, dass man sich darunter nichts vorstellen kann, deshalb erkläre ich es jeweils so: Auf meinem Bildschirm sind die meisten Pixel kaputt. An einem ganz kleinen Ort funktionieren sie noch, aber auch nicht vollständig. Dieser Punkt wandert, weil ich die Augen nicht fixieren kann. Mein Hirn setzt sich aus dem wenigen, was es an optischer Information erhält, ein Bild zusammen.»

Irene Rohrbach ist Juristin. Sie ­arbeitet zu 60 Prozent im Beratungszentrum des Beobachters. Zuvor war sie in einer Anwaltskanzlei tätig. Auch dort hat sie sich für Menschen ein­gesetzt, die nicht mehr weiterwussten.

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«Er war meine Lebensversicherung»

Bis vor kurzem kam die 43-Jährige mit Chamsin ins Büro. Der grosse Pudel führte sie in den Lift, durch Türen und Gänge. Vor ein paar Wochen musste ihn die Juristin einschläfern lassen. Er hatte Krebs. Selbst wer ein Haustier hat, kann sich die Tragweite dieses Verlusts kaum vorstellen.

«Viele erwarten, dass ich sage, ich hätte einen Partner oder besten Freund verloren. Das stimmt so nicht. Chamsin hat es verdient, Hund sein zu dürfen. Er hat mir unglaublich viel Energie gespart, mir ein sehr viel ­entspannteres Leben ermöglicht. Vor allem aber war er meine Lebensversicherung. Einmal hat er mich an einem Bahnhof vor einem hässlichen Sturz auf die Gleise bewahrt.»

Irene Rohrbach ist mit einem Mann verheiratet, der ganz erblindet ist und ebenfalls einen Führhund hat. Als sie ihren Mann kennenlernte, sei es «Liebe auf den ersten Blick» gewesen – «mein Bauchgefühl ist ja nicht seh­behindert». Auch wenn sie sich damals einen Partner gewünscht hätte, der sehen kann. Und Auto fahren.

Die Juristin kommuniziert so, wie es für sie typisch ist: seelenvoll, unsentimental und selbstironisch zugleich. Sie ist keine, die jammert, hadert oder andere für ihr Schicksal verantwortlich macht. Sie überrascht mit Offenheit, die frei ist von Selbstmitleid, und hat eine dicke Portion Humor.

Mode ist ihr Hobby

«Oft höre ich, ich hätte einen schwarzen Humor. Das legen mir manche als Bitterkeit aus. Aber Bitterkeit hat mit Verzweiflung zu tun, dafür habe ich keine Energie. Natürlich denke ich manchmal, dass es toll wäre, sehen zu können. Ich würde so gern Auto fahren! Aber wenn die Behinderung das Leben beherrscht, macht man etwas falsch. Mir ist es wichtig, als Mensch mit einer Behinderung wahrgenommen zu werden, nicht als Behinderte. Viele halten das für eine Wortklauberei. Für mich ist es aber entscheidend.

Ich lege etwa grossen Wert darauf, gut angezogen zu sein. Kleider zu kaufen, kann man echt als mein Hobby bezeichnen. Ich will mir aber nichts von einer Verkäuferin aufschwatzen lassen. Ich kaufe lieber online, grösstenteils mit Hilfe. Meine besten Freundinnen haben eine ähnliche Figur wie ich. Es sind fünf Schwestern, von denen vier heute auch fast blind sind, nur die jüngste sieht noch und fährt Auto. Sie ist auch die, die einkauft, wir anderen probieren an. Wenn es passt, kauft sie es noch mal. Der Schweizerische Blindenverband hat eine Zeit lang Stil- und Farbkurse angeboten. Das hat mir wirklich etwas gebracht. Aber ich habe lieber Kurse, die sich an alle Menschen richten, nicht nur an blinde.»

Arbeitswelt wird schneller und komplexer

Eigentlich wollte Irene Rohrbach Tierärztin werden. Als Teenager hat sie aber realisiert, dass man gut sehen muss, um Tiere behandeln und operieren zu können. Ihr nächster Berufswunsch war Physiotherapeutin.

«Doch damals stellte sich die ein­zige Schule, die diese Ausbildung für sehbehinderte Menschen anbot und von der IV bezahlt wurde, auf den Standpunkt, wir seien nicht geeignet als Physiotherapeuten. Absurd, nicht wahr? Heute bin ich aber froh darüber – ich kann ja zum Beispiel keine modernen Fitnessgeräte bedienen.

Ich entschied mich also für ein Studium. Psychologie oder Jus. Ich dachte, mit Rechtswissenschaft fände ich eher den Einstieg ins Berufsleben. Jus war 2002 noch nicht so schnelllebig. Es wurde etwa noch nicht so flächen­deckend per E-Mail kommuniziert. Zudem konnte ich die IT besser bedienen, sie war noch nicht so mauslastig.

Bei der IV hatte ich eine tolle Berufsberaterin, sie war eine der wenigen guten dort. Sie unterstützte meine Entscheidung. Im Studium zeigte sich dann leider, dass durch den Mail­verkehr alles viel schneller geworden ist. Vieles ist nicht mehr so gut lesbar, die elektronischen Dokumente wurden immer komplexer.»

Ohne Kaffeeholen gehts nicht

Bald realisierte Irene Rohrbach, dass sie es schwer haben würde. Schon während des Studiums hat sie sich vergeblich um ein Praktikum am Gericht bemüht. Einmal hiess es, dass man Studierende brauche, um Kaffee zu holen, und da sie das nicht könne, klappe das eben nicht mit dem Praktikum.

«Ich bin darauf angewiesen, dass mir mein Arbeitgeber mehr Zeit für die Arbeit zugesteht und dass sich meine Kollegen an gewisse Spielregeln halten. Wenn in Dossiers zum Beispiel die Ablagen nicht korrekt sind, brauche ich ewig, bis ich die Infos beisammenhabe. In Kanzleien heisst es halt oft: Hier ist das Dossier, und das ist die Frist.

Zehn Jahre lang hat die Zeit für mich gearbeitet. Neue Technolo­gien halfen mir. Es gab viele neue Programme, etwa eins, das mir die Mails vorliest. Doch dann wurden die Einschränkungen wieder grösser, da meine Sehleistung nachliess und mir die Computerisierung nicht nur Vorteile bringt. Es wird auch alles schneller, meine Langsamkeit immer augenfälliger.»

Von wegen immer gut gelaunt

Etwas kann Irene Rohrbach nicht ausstehen: wenn man sie nicht für voll nimmt. Grund zum Ärger gibt es immer wieder. «Ich komme im Alltag oft in Situationen, in denen ich mich nicht ernst genommen fühle. Im ersten Moment macht mir das nichts aus. Anders ist es aber, wenn ich merke, dass die Person den Schalter nicht umlegen kann; wenn ich über längere Zeit ­behandelt werde, als hätte ich ein Problem mit dem Denken und nicht mit dem Sehen. Wenn jemand im ersten Moment denkt, ‹Huch, arme blinde Frau, die muss man betreuen›, kann ich das nachvollziehen. Aber dann sollte der Normalmodus kommen.

«Die IV ist nach all den Jahren immer noch am Abklären, wie viel Rente ich bekommen soll.»

 

Irene Rohrbach, Juristin

In solchen Momenten reagiere ich nicht immer freundlich. Ich habe auch nicht immer gute Laune. Viele Leute meinen, als Behinderte sollte man freundlicher sein als die anderen, weil man etwas will von den ‹Normalen›. Das findet sogar der Schweizerische Blindenverband. Aber manchmal bin ich nun mal schlecht gelaunt. Etwa wenn ich im Zug stehen muss. Dann wird mir nämlich übel. Das hat mit dem Gleichgewichtssinn zu tun.»

Irene Rohrbach hat als Beraterin beim Beobachter hauptsächlich mit dem Thema Sozialversicherungen zu tun. Mit der IV hat sie ihre eigenen Erfahrungen gemacht. «Die IV ist nach all den Jahren immer noch am Abklären, wie viel Rente ich bekommen soll. Möglicherweise habe ich mir geschadet, als ich die 60-Prozent-Stelle angenommen habe. Es war das erste Mal, dass ich eine Anfrage für eine Stelle bekommen habe und nicht einfach nehmen musste, was ich bekam.

Einfach nicht ernst genommen

Beim Beobachter ging es auch nie um meine Behinderung. Hier macht mir das Beraten am meisten Spass. Es ist toll, dass ich die Fälle nicht weiterführen muss, sondern Hilfe zur Selbst­hilfe bieten kann. Mein Spezialgebiet sind die Sozialversicherungen. Eigentlich hätte mich das Strafrecht mehr ­interessiert, aber ich habe schon ­während des Praktikums gemerkt, dass man als Mensch mit einer Seh­behinderung von Angeschuldigten einfach nicht ernst genommen wird. Ich war an einigen Einvernahmen ­dabei. Wenn man keinen Augen­kontakt haben kann, ist es schwierig.

Ich wäre zwar immer noch am ­allerliebsten Tierärztin, aber beim ­Beobachter habe ich meinen Zweit-Traumjob gefunden.»

Der nächste grosse Schritt im ­Leben von Irene Rohrbach heisst Lilo, Locke oder Lucille. Eines der drei ­apricotfarbenen Pudelmädchen, die Anfang März geboren wurden, kommt im Mai zu ihr. Wie schon ihren letzten Hund wird sie auch diesen Begleiter selber ausbilden. Dabei wird sie von einer Blindenführhundeschule unterstützt. Doch erst mal hat Irene Rohrbach drei Wochen Ferien eingegeben – sie geht in den Welpenurlaub.

Veröffentlicht am May 05, 2017