Beobachter: Nicoletta Wagner, welches Wort haben Sie zuletzt nachschlagen müssen?
Nicoletta Wagner«Elter».


Und?
Gemäss Duden wird «Elter» etwa in der Genetik gebraucht. Nachkommen von zweigeschlechtlichen Pflanzen haben einen Elter.


«Elter» sollte «Mutter» und «Vater» ersetzen. Das diktierte die Stadtverwaltung von Bern im Jahr 2010. Der Leitfaden verschwand schnell. Darf jede Verwaltung schreiben, wie sie will?
Der Rat für deutsche Rechtschreibung sagt nicht, ob Wörter zulässig sind oder nicht, gut oder schlecht. Er beobachtet, wie Wörter eingesetzt werden. Er legt die Schreibweise fest, etwa bei neueren Begriffen wie «Fake News».


Werden Social Media ebenfalls beobachtet?
Nein.


Sind Wörter wie «Anlegende» zulässig?
«Anlegende» oder «Studierende» bezeichnen eine Tätigkeit, die in diesem Moment gemacht wird. Solche Formen werden gern eingesetzt beim Gendern, beim Bemühen nach geschlechtsneutraler Sprache. Meinen Sie übrigens Leute, die Geld in der Bank anlegen? Oder mit dem Schiff? Ich würde das Wort nicht einsetzen. Oft ändert diese Form auch die Bedeutung. Die Fahrenden sind nicht die Fahrerinnen und Fahrer. Leserinnen und Leser sind nicht dasselbe wie die Lesenden. Zuhörer sind keine Hörenden. Das las ich im Programm des Zürcher Opernhauses. – Es riecht nach Verbranntem. Grilliert jemand?


Das ist der Hamburgerbrater ums Eck.
Ach so. Ich sehe gerade das Buch von Sahra Wagenknecht (der deutschen Politikerin der Partei Die Linke; Red.) dort im Bücherregal. Gendert sie?


Nein.
Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock schon. Das Programm der deutschen Grünen ist schwer lesbar. Sterne überall. Nur in einem Fall nicht: «Jüdinnen und Juden». Es gab Protest von jüdischer Seite. Nun würde man ihnen schon wieder einen Stern verpassen. Das ist nicht der einzige Fettnapf, um den man herumhüpfen muss, wenn man gendern will. Man muss die richtige Variante finden.


In manchen Blättern lese ich so oft von Assistenzärztinnen und Assistenzärzten, Patientinnen und Patienten, dass ich am Ende gar nicht mehr weiss, worum es im Text ging.
Das ist das Problem des Genderns. Es lenkt ab. Und oft werden Wörter wiederholt. Das hindert den Sprachfluss und Lesefluss. Dabei schliesst das sogenannte generische Maskulinum «Ärzte» alle ein. Männlein, Weiblein und alles dazwischen. Aber in der deutschen Sprache fällt das generische Maskulinum mit der männlichen Form zusammen. Das ist die Krux. Wenn ich sage, «Die Lehrer dieser Schule haben …», dann meine ich alle. Von dieser allgemeinen Form leitet man mit «-in» und «-innen» die weibliche Form ab. Man kann also nicht die weibliche Form nehmen und sagen, es seien alle eingeschlossen.


Das ist ein häufig gehörter Vorschlag. Man soll einfach generell «die Ärztinnen» schreiben.
Das generische Femininum gibt es in der deutschen Grammatik nicht. Es ist auch etwas scheinheilig, wenn man sagt, die männliche Form schliesse Frauen aus und sei daher sexistisch – und dann mit einem erfundenen generischen Femininum dasselbe tut. Und die Männer ausblendet. Das ist unredlich. Es führt zu Missverständnissen, wenn in der Zeitung steht, Patientinnen würden eine Impfung schwerer vertragen. Obwohl Frauen wie Männer gemeint sind.

«Die Einführung des Frauenstimmrechts hat der Gleichstellung wesentlich mehr gebracht als sämtliche Sternchen und Doppelpunkte.»

Nicoletta Wagner, Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung

Was hält der Rat für deutsche Rechtschreibung von Formen wie «Fahrer:in»?
Vermutlich nicht viel. Zeichen wie der Doppelpunkt oder das Sternchen sind nicht geeignet zum Gendern. Doppelpunkt und Stern haben in der Sprache eine andere Bedeutung. Der Stern steht zum Beispiel für Fussnoten.


*Name der Redaktion bekannt.
Genau. Es gibt auch den Vorschlag, ein Ausrufezeichen zu setzen, etwa Verkäufer!n. Der Rat sieht die Notwendigkeit, dass man Personen, die einem dritten Geschlecht angehören, sprachsensibel begegnet. Aber diese Zeichen sind, wie es heute aussieht, dafür nicht geeignet. Der Rat stellte sechs Punkte für gendergerechte Texte auf. Einer davon: Der Text soll vorlesbar sein. Wie liest man «Fahrer:in» vor? Verlangt wird eine kleine Pause. Aber wenn das schnell geht, fällt die Pause weg, was verwirrt.


Kann der Rat etwas verbieten?
Nein. Das amtliche Regelwerk – also die Grammatik – ist verbindlich für Schulen, Behörden und Justiz. Jeder ist frei, in Abweichung von den Regeln zu sprechen und zu schreiben, wie er will. Aber er kann nicht Allgemeingültigkeit und Verbindlichkeit beanspruchen.


Die Stadt Zürich stellt Schilder auf mit dem Wort «Bewohner*innen». Als Behörde dürfte sie das also nicht?
Nein. Gerade was eine Behörde sagt und schreibt, muss von allen verstanden werden. Das kann man beim Gendern nicht immer voraussetzen. Man müsste vielleicht auch an jene denken, die mit der deutschen Sprache nicht so gut zurande kommen. In Deutschland haben 12 Prozent der Bevölkerung grosse Mühe mit Lesen und Schreiben.


In der Schweiz fällt 800'000 Menschen das Lesen schwer, schätzt die Organisation Pro Infirmis.
Man darf auch jene nicht vergessen, die Deutsch lernen müssen oder wollen. Für Migranten, die sich zurechtfinden müssen, ist das, was eine Behörde sagt, auch nicht unwichtig. Ihnen macht man mit dem Gendern sicher keinen Gefallen. Es zeigt aber auch, wie elitär die Diskussion ums Gendern und ums Gendersternchen ist.


Die Schweizer Bundeskanzlei beschloss im Juni 2021, nicht zu gendern. Denn die Texte liessen sich nicht in die anderen Landessprachen übertragen.
Ja. Ihr Leitfaden gilt übrigens als Vorbild. Er kommt ohne Doppelpunkt und Gendersterne aus.


Sprache forme das Denken und umgekehrt, lese ich oft. Kann man durch gendergerechte Sprache eine Änderung des Denkens und Verhaltens bewirken?
Ich bin da sehr skeptisch. Die Einführung des Frauenstimmrechts Stimmrecht für Frauen, 16-Jährige und Ausländer «Es wird stets neu verhandelt, wer dazugehört» hat der Gleichstellung wesentlich mehr gebracht als sämtliche Sternchen und Doppelpunkte. Ich glaube auch nicht, dass Gendern wahnsinnig viel zur Lohngleichheit beitragen könnte.


Aber Frauen sichtbarer machen?
Ich glaube nicht daran. Und für mich ist es eine fragwürdige Art von Sichtbarmachung. Unsere Bundesrätinnen kamen ohne Genderstern auf ihren Posten. Auch Angela Merkel oder Christine Lagarde.


Vielleicht sind wir zu konservativ?
Man sieht den moralinsauren Zeigefinger. Wer nicht gendert, ist reaktionär, altmodisch. Wer gendert, ist innovativ, aufgeschlossen … Ich kann das nicht nachvollziehen. Ich weiss nicht, was am Gendern innovativ sein soll. Grammatik ist Grammatik. Sie ist weder innovativ noch altmodisch. Weder gerecht noch ungerecht. Sie ist einfach. Das generische Maskulinum ist vielleicht nicht das Gelbe vom Ei. Aber es ist das, was sich in der deutschen Sprache entwickelt und durchgesetzt hat.

«Natürlich ändert sich die Sprache. Manchmal sehr schnell und sehr stark. Aber sie ändert sich von innen her.»

Nicoletta Wagner, Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung

Die Mehrheit der Deutschsprachigen lehnt das Gendern ab. Je nach Umfrage stark oder sehr stark. Wollen sich die Leute nicht umerziehen lassen?
Wenn Sie das als Erziehungsmassnahme betrachten wollen, dann ja. Die Mehrheit widersetzt sich.


Oder sie wendet sich von Medien ab, die gendern.
Ja. Es wird als Übergriff empfunden. Die Sprache gehört nicht den Medien, die gendern, sondern sie gehört auch jenen, die die Texte dann lesen oder hören. Sprache ist ein Teil von uns.


Manche Feministinnen halten den Genderstern für einen Schritt zurück. Warum?
Einige wie etwa Alice Schwarzer finden ihn einfach hässlich. Andere wie die Linguistin Luise F. Pusch sind der Ansicht, die Frauen würden dadurch sprachlich noch schlechter behandelt: Erst kommen die Männer, dann der Stern für Intersexuelle und dann erst die Frauen. Also von Platz 2 auf Platz 3. Pusch fordert das Ausrufezeichen oder das generische Femininum, also konsequent die weibliche Form.


Wofür waren Doppelpunkt und Genderstern gedacht?
Ursprünglich für Intersexuelle. Also für Menschen, die genetisch gesehen weder männlich noch weiblich sind. Darauf bezog sich das deutsche Verfassungsgericht. Im Personenregister muss es neben «männlich» und «weiblich» eine weitere Bezeichnung geben. In Deutschland einigte man sich auf den Buchstaben D für divers. Das sagt aber noch nichts über die Sprache aus. Dann kam für Intersexuelle der Stern auf und verbreitete sich über weitere Communitys – ich sehe gerade eine Regenbogenfahne Sexuelle Orientierung und Geschlecht Was bedeutet LGBTQIA+? , die sich in Ihrem Fenster spiegelt …


… die Nachbarn. Die Fahne hängt seit Jahren dort.
Aber es wird schwierig, wenn ich in der Sprache nicht nur die drei Geschlechter abbilden möchte, sondern mit dem Sternchen auch noch die sexuelle Orientierung. Warum muss man das Geschlecht in der Sprache derart betonen? Man könnte genauso gut die Religionen darin ausdrücken. Aber dann können wir wohl definitiv nicht mehr miteinander sprechen.


Das ist der Hauptvorwurf: Gendern schliesse nicht ein, sondern trenne. Manche werden sternsverrückt, und viele haben genug von diesem Thema.
Das kann ich nachvollziehen. Möglicherweise ist die Diskussion darüber ein Stellvertreter für andere gesellschaftliche Entwicklungen. Geführt hat sie zu einer Polarisierung. Das ist schade. Es ist etwas, was eine Minderheit einer Mehrheit aufzwingen will. Demokratisch ist das nicht. Natürlich ändert sich die Sprache. Manchmal sehr schnell und sehr stark. Aber sie ändert sich von innen her. Durch den Sprachgebrauch. Und stets in Richtung Einfachheit, Klarheit, Schlankheit. Nicht in Richtung Kompliziertheit.


Die Diskussion wird verbissen geführt. Es gibt darin kein D wie divers. Nur «Gut» oder «Böse».
Absolut. Darüber lachen kann man nur noch höchst selten. Selbst wenn ein Schnitzer passiert wie «Steuerinnenzahler», lacht man nicht befreit, sondern allenfalls mit zusammengebissenen Zähnen.

Zur Person

Nicoletta Wagner ist eines der neun Schweizer Mitglieder im 41-köpfigen Rat für deutsche Rechtschreibung. Der Rat vertritt die Leute deutscher Zunge aus sieben Ländern (Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Belgien, Italien und Luxemburg). Er legt die Schreibweise fest und urteilt in Zweifelsfällen. Wagner war 32 Jahre lang bei der «Neuen Zürcher Zeitung», zuletzt als Mitglied der Chefredaktion, und leitete fünf Jahre lang die Redaktion des Lehrmittelverlags Zürich. 2019 machte sie sich selbständig.

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René Ammann, Redaktor

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