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GleichstellungMüssen die Frauen bald ins Militär?

Der Bund und die Armee wollen die Dienstpflicht für alle. Vorbild ist Norwegen – dort müssen alle, aber nur die Besten dürfen.

Norwegen: 
Inzwischen sind 
32 Prozent der 
Rekruten Frauen.

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Immer wieder rufen hässige Männer an beim Büro für Gleichstellung. Warum, fragen sie, müssen wir ins Militär, die Frauen aber nicht?

Über dieser Frage brüten im Moment auch die Politiker in Bern. Und in den Kantonen gibt es Vorstösse in diese Richtung. Die Meinungen sind geteilt.

Eine Studiengruppe hat im Auftrag des Bundesrats einen Bericht zum Thema verfasst. Sie untersuchte vier Modelle mit oder ohne Dienstpflicht für Frauen. Der 2016 vorgelegte Bericht empfiehlt als Fazit das «norwegische Modell».

Bei dieser Variante wären Männer und Frauen dienstpflichtig. Armee und Zivilschutz könnten aus allen Dienstpflichtigen diejenigen Kandidatinnen und Kandidaten wählen, die für eine Aufgabe am ehesten geeignet erscheinen. Die übrigen müssten eine Ersatzabgabe entrichten.

So liessen sich «Rekrutierungsprobleme für Spezialistenfunktionen nachhaltig lösen», schreiben die Autoren des Berichts. Sie denken dabei zum Beispiel an medizinisches Personal. Ausländer und Ausländerinnen könnten freiwillig Zivilschutz leisten.

Die Jungen sind nicht mehr fit genug

In Norwegen ist dieses Modell seit zwei Jahren Realität. Männer und Frauen müssen zur Aushebung. Statt aus 30'000 jungen Männern wählt das Militär seither aus 60'000 Männern und Frauen; 10'000 von ihnen leisten schliesslich je nach speziellen Fähigkeiten Dienst. Frauen erfüllen dabei die gleichen Aufgaben wie Männer.

Im Jahr 2016 waren 32 Prozent der norwegischen Rekruten Frauen. Norwegen gilt mit diesem Ansatz als Vorreiter, wenn es um die Integration von Frauen in die Diensttruppen geht.

Neue Dienstpflicht: Vier Modelle

Der Bundesrat beschäftigt sich mit vier Varianten, wie die künftige Dienstpflicht in der Schweiz ­aussehen könnte:

  • Status quo plus: Alles bliebe beim Alten. Ausnahme: Niedergelassene Ausländer und Ausländerinnen könnten freiwillig Zivilschutz leisten.
  • Sicherheitsdienstpflicht: Neu gäbe es einen Katastrophenschutz, in dem Männer Dienst leisten könnten. Für Frauen und Niedergelassene wäre das freiwillig.
  • Norwegisches Modell: Schweizer Männer und Frauen wären dienstpflichtig. Die Armee würde diejenigen auswählen, die am besten passen.
  • Allgemeine Dienstpflicht: Männer, Frauen und Niedergelassene wären dienstpflichtig, Ausländer aber nur für Aufgaben ausserhalb der Armee.

In Norwegen spielte bei der Diskussion um Frauen in der Armee ein spezieller Punkt eine Rolle: Jugendliche sind heute im Durchschnitt körperlich nicht mehr so fit wie vor 20 Jahren. Es gibt eine immer grösser werdende Zahl, die den Anforderungen nicht mehr entspricht. Deshalb wollten die Verantwortlichen aus dem Pool der körperlich fitten Jugendlichen beider Geschlechter auswählen.

Auch in der Schweiz hat die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugend­lichen seit den achtziger Jahren um rund 50 Prozent zugenommen.

Frauen verdienen 20 Prozent weniger

Auf dem Papier sind Frauen in der Schweiz tatsächlich gleichgestellt; seit 1981 steht es so in der Bundesverfassung, Art. 8 Abs. 3.

In der Praxis sieht allerdings manches anders aus. Frauen verdienen für die ­gleiche Arbeit durchschnittlich rund 20 Prozent weniger als Männer, in Kader­positionen gar 30 Prozent. Zugleich leisten Frauen einen wesentlich grös­seren Teil der Kinderbetreuung und der Hausarbeit, selbst wenn beide Partner berufstätig sind. Frauen wenden doppelt so viel Zeit für Hausarbeit und Familie auf wie Männer, zeigt eine Studie des Bundesamts für Statistik von 2013.

In Norwegen sind die Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen kleiner als im europäischen Durchschnitt, sie liegen bei rund acht Prozent. Unter diesen Vorzeichen findet auch eine gleichberechtigte Dienstpflicht mehr Akzeptanz.

«Frauen für die Armee sensibilisieren»

Die Behörden wollen sich momentan nicht zum Bericht der Studiengruppe äus­sern. Der Bundesrat habe ihn zur Kenntnis genommen, heisst es. Die zuständigen Departemente arbeiten nun an einem Massnahmenpaket, wie der Bericht umzusetzen sei. Es sei ein «Prozess mit langfristiger Perspektive».

Bei der Armee stösst der Vorschlag, das «norwegische Modell» umzusetzen, auf positives Echo. «Frauen sollten vermehrt für die Sicherheitspolitik und die Armee sensibilisiert werden», sagt Stefan Holenstein, Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft. «Da liegt noch ein gros­ses Potenzial, das wir im Moment zu wenig nutzen.» Die Verpflichtung nach norwe­gischem Vorbild hält Holenstein für einen «guten und interessanten Denk­ansatz». Denn freiwillig wollen heute nur wenige Frauen zum Militär.

Derzeit sind rund 1100 Schweizerinnen Armeeangehörige, das sind gerade mal 0,06 Prozent der weiblichen Bevölkerung im wehrfähigen Alter.

Im Militär mit dabei ist Kirsten Hammerich. Sie leistet Dienst als Infor­­ma­tions­offizier bei den Armeetier­einheiten. «Wir leben in der Schweiz sehr privilegiert. Mit dem freiwilligen Militärdienst möchte ich dem Land etwas zurück­geben.» Trotzdem findet sie es zu früh, in der Schweiz eine allgemeine Dienstpflicht für alle Frauen zu fordern. «Zuerst müssten Frauen für die gleiche Arbeit auch den gleichen Lohn wie Männer bekommen.» In der Armee sei das der Fall.

In der Diskussion um eine Dienstpflicht für Frauen geht es immer auch um Gleichberechtigung. Wenn Frauen gleichberechtigt sind, fragen die erbosten Männer, die beim Büro für Gleichstellung ­anrufen, wieso müs­sen sie dann nicht auch ins Militär?

Kirsten Hammerich, Offizier.

Quelle: Ole-Sverre Haugli/Forsvaret

«Bevor alle dienstpflichtig werden, müssen Frauen für gleiche Arbeit gleichen Lohn bekommen wie Männer.»

Kirsten Hammerich, Informationsoffizier

«In der Schweiz ist die Gleichstellung im Alltag noch nicht vollständig umgesetzt», sagt Andrea Binder vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann. Das müsse man berücksichtigen, wenn man die Dienstpflicht für Frauen einführen wolle. Geklärt werden müsse etwa die Frage der Kinderbetreuung, wenn beide Eltern dienstpflichtig wären oder wenn eine alleinerziehende Mutter ins Militär müsse.

Diskussionen gibt es auch um die ­Frage, wie sich das Militär verändern ­würde, wenn mehr Frauen dabei wären. In Norwegen müssen sich Männer und Frauen sogar die Unterkünfte teilen; nur die Duschen sind getrennt. In der Schweiz haben die Frauen separate Schlafräume.

Schlechte Erfahrungen sind nicht auszuschliessen. In Israel, wo Männer und Frauen zum Militär müssen, beklagt sich eine von acht Frauen über sexuelle Belästigungen während des Dienstes. In der ­US-Armee erleben 22 Prozent der Frauen Ähnliches, fünf Prozent sogar sexuelle Gewalt. Die Dunkelziffer liegt vermutlich noch höher. In der deutschen Bundeswehr beschwert sich die Hälfte der Soldatinnen über Belästigungen.

«Man steht schon etwas im Schaufenster»

Für die Schweiz gibt es keine vergleich­baren Zahlen. «Ich habe bisher überhaupt keine negativen Erfahrungen gemacht», sagt Informationsoffizier Kirsten Hammerich. Sie glaubt, dass das Problem in einer Milizarmee wohl kleiner sei als in einer Berufsarmee.

Fragende Blicke gebe es eher, wenn sie sich als Frau in Uniform ausserhalb des Militärs bewege, sagt Hammerich. «In ­Berufen, in denen man als Frau in der Minderheit ist, steht man vermutlich schon noch etwas mehr im Schaufenster», findet auch Germaine Seewer, die als erste Frau in der Schweiz den Rang des Brigadiers erreichte und den Bereich «Personelles der Armee» leitet.

Dass nur Männer ins Militär müssen, ist rein rechtlich keine Diskriminierung. Das hat sogar das Bundesgericht fest­gehalten: Der Militärdienst sei eine zu­lässige Ausnahme von der Gleichbehandlung der Geschlechter.

Veröffentlicht am 17. Januar 2017

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10 Kommentare

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Jürg
"In der Schweiz ist die Gleichstellung im Alltag noch nicht vollständig umgesetzt», sagt Andrea Binder vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann. Rechtlich benachteiligt sind ja ausschliesslich die Männer: Stichwort Elternurlaub, Witwerrente, Militär etc. Diskriminierung bei der Obhutszuteilung kein Thema, Gymnasialquote kein Thema etc

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Anders Jönsson
Als das norwegische Gesetz eingeführt wurde, hat der Verteidigungsminister gesagt, dass damit eine der letzten Gesetze, die gegen FRAUEN diskriminieren, fallen würde. Das alleine sagt viel, ganz zu schweigen dass wir derartig offensichtlichen Diskriminierung brauchen, um überhaupt etwas anzusprechen, was hauptsächlich Männer betrifft.

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Matze
Warum checken die Leute das nicht? Gleichberechtigung und Gleichstellung sollen nur da erreicht werden wo es Frauen nützt. Die Diskriminierung von Männer durch konkrete Gesetze und nicht nur durch feministische Mythen, wo der Teil der noch nicht geklärt wurde immer sofort als Frauendiskriminierung gedeutet wird, ist einfach kein Problem was gelöst werden muss. Das einzige faire ist das norwegische Modell. Wenn da die gleichen Anforderungen für Frauen und Männer gelten, werden sowieso mehr Männer den Dienst leisten müssen. Man kann es natürlich auch so machen wie bei den Aufnahmetests der Polizei, wo die Frauen nicht ganz so hoch springen und nicht ganz so schnell laufen müssen wie die Männer um aufgenommen werden zu können. Weiß doch jeder das Verbrecher bei Frauen langsamer laufen.

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Rudi
Frauen erhalten ja nicht weniger Geld für die gleiche Leistung wie Männer. Sie erhalten weniger Geld (im Durchschnitt), weil sie (im Durchschnitt) weniger und weniger qualifiziert arbeiten. -Frauen arbeiten viel häufiger Teilzeit -Sie machen viel weniger Überstunden -Sie arbeiten viel seltener als Ingenieurin, Mathematikerin, Informatikerin oder ähnlich qualifiziert -Frauen machen deutlich weniger (patentierbare) Erfindungen als Männer Weniger zu arbeiten, also mehr Zeit für etwas anderes zu haben, ist ja ein geldwerter Vorteil. Das heißt aber auch, dass jemand, der/die weniger arbeitet, eben auch weniger verdient. Eigentlich ganz simpel. Frauen, die so viel verdienen möchten wie Männer, müssen also auch so viel arbeiten. ... und ruhig mal Informatik studieren statt Soziologie.
eline
Wiedermal so eine typische Antwort von Männern, die offensichtlich keine Ahnung haben! Mehr Frauen haben inzwischen einen Tertiärabschluss und dies nicht nur in "Esoterikfächern". Es geht hier darum, dass Frauen - insbesondere gut ausgebildete - vom System massiv diskriminiert werden. Oder wie erklärt es sich, dass die Anzahl Hausfrauen generell abnimmt, während die Zahl studierter Hausfrauen zunimmt? Weil Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht gegeben ist. Lies doch mal den Bericht im BBl 2016 S. 6385 f. Dank Drittbetreuungskosten und Steuerprogression sollte Frau nicht mehr wie 60% arbeiten, eine studierte Frau nicht mehr wie 40%. Wir reden hier nicht von ein paar Lohnprozenten, wir reden davon, dass eine studierte Frau ein hohes Risiko hat, ihren Job komplett zu verlieren. Ich kenne keinen Mann, der aufgrund Vaterschaft den Job verloren hat - ich kenne aber einige Frauen. Ich kenne auch keinen Mann, der zu seinen Familienplänen befragt wurde - ist mir schon mehrmals passiert. Insbesondere aufgrund des fehlenden Vaterschaftsurlaubes und der fehlenden Bereitschaft für Teilzeitstellen bei Männern bleibt die Familienarbeit an der Frau hängen. Und der lächerlich kurze Mutterschaftsurlaub tut seinen Rest. Die Geburtenzahlen lassen Grüssen.

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