Immer wieder rufen hässige Männer an beim Büro für Gleichstellung. Warum, fragen sie, müssen wir ins Militär, die Frauen aber nicht?

Über dieser Frage brüten im Moment auch die Politiker in Bern. Und in den Kantonen gibt es Vorstösse in diese Richtung. Die Meinungen sind geteilt.

Eine Studiengruppe hat im Auftrag des Bundesrats einen Bericht zum Thema verfasst. Sie untersuchte vier Modelle mit oder ohne Dienstpflicht für Frauen. Der 2016 vorgelegte Bericht empfiehlt als Fazit das «norwegische Modell».

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Bei dieser Variante wären Männer und Frauen dienstpflichtig. Armee und Zivilschutz könnten aus allen Dienstpflichtigen diejenigen Kandidatinnen und Kandidaten wählen, die für eine Aufgabe am ehesten geeignet erscheinen. Die übrigen müssten eine Ersatzabgabe entrichten.

So liessen sich «Rekrutierungsprobleme für Spezialistenfunktionen nachhaltig lösen», schreiben die Autoren des Berichts. Sie denken dabei zum Beispiel an medizinisches Personal. Ausländer und Ausländerinnen könnten freiwillig Zivilschutz leisten.

Die Jungen sind nicht mehr fit genug

In Norwegen ist dieses Modell seit zwei Jahren Realität. Männer und Frauen müssen zur Aushebung. Statt aus 30'000 jungen Männern wählt das Militär seither aus 60'000 Männern und Frauen; 10'000 von ihnen leisten schliesslich je nach speziellen Fähigkeiten Dienst. Frauen erfüllen dabei die gleichen Aufgaben wie Männer.

Im Jahr 2016 waren 32 Prozent der norwegischen Rekruten Frauen. Norwegen gilt mit diesem Ansatz als Vorreiter, wenn es um die Integration von Frauen in die Diensttruppen geht.

Neue Dienstpflicht: Vier Modelle

Der Bundesrat beschäftigt sich mit vier Varianten, wie die künftige Dienstpflicht in der Schweiz ­aussehen könnte:

  • Status quo plus: Alles bliebe beim Alten. Ausnahme: Niedergelassene Ausländer und Ausländerinnen könnten freiwillig Zivilschutz leisten.
  • Sicherheitsdienstpflicht: Neu gäbe es einen Katastrophenschutz, in dem Männer Dienst leisten könnten. Für Frauen und Niedergelassene wäre das freiwillig.
  • Norwegisches Modell: Schweizer Männer und Frauen wären dienstpflichtig. Die Armee würde diejenigen auswählen, die am besten passen.
  • Allgemeine Dienstpflicht: Männer, Frauen und Niedergelassene wären dienstpflichtig, Ausländer aber nur für Aufgaben ausserhalb der Armee.

In Norwegen spielte bei der Diskussion um Frauen in der Armee ein spezieller Punkt eine Rolle: Jugendliche sind heute im Durchschnitt körperlich nicht mehr so fit wie vor 20 Jahren. Es gibt eine immer grösser werdende Zahl, die den Anforderungen nicht mehr entspricht. Deshalb wollten die Verantwortlichen aus dem Pool der körperlich fitten Jugendlichen beider Geschlechter auswählen.

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Auch in der Schweiz hat die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugend­lichen seit den achtziger Jahren um rund 50 Prozent zugenommen.

Frauen verdienen 20 Prozent weniger

Auf dem Papier sind Frauen in der Schweiz tatsächlich gleichgestellt; seit 1981 steht es so in der Bundesverfassung, Art. 8 Abs. 3.

In der Praxis sieht allerdings manches anders aus. Frauen verdienen für die ­gleiche Arbeit durchschnittlich rund 20 Prozent weniger als Männer, in Kader­positionen gar 30 Prozent. Zugleich leisten Frauen einen wesentlich grös­seren Teil der Kinderbetreuung und der Hausarbeit, selbst wenn beide Partner berufstätig sind. Frauen wenden doppelt so viel Zeit für Hausarbeit und Familie auf wie Männer, zeigt eine Studie des Bundesamts für Statistik von 2013.

In Norwegen sind die Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen kleiner als im europäischen Durchschnitt, sie liegen bei rund acht Prozent. Unter diesen Vorzeichen findet auch eine gleichberechtigte Dienstpflicht mehr Akzeptanz.

«Frauen für die Armee sensibilisieren»

Die Behörden wollen sich momentan nicht zum Bericht der Studiengruppe äus­sern. Der Bundesrat habe ihn zur Kenntnis genommen, heisst es. Die zuständigen Departemente arbeiten nun an einem Massnahmenpaket, wie der Bericht umzusetzen sei. Es sei ein «Prozess mit langfristiger Perspektive».

Bei der Armee stösst der Vorschlag, das «norwegische Modell» umzusetzen, auf positives Echo. «Frauen sollten vermehrt für die Sicherheitspolitik und die Armee sensibilisiert werden», sagt Stefan Holenstein, Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft. «Da liegt noch ein gros­ses Potenzial, das wir im Moment zu wenig nutzen.» Die Verpflichtung nach norwe­gischem Vorbild hält Holenstein für einen «guten und interessanten Denk­ansatz». Denn freiwillig wollen heute nur wenige Frauen zum Militär.

Derzeit sind rund 1100 Schweizerinnen Armeeangehörige, das sind gerade mal 0,06 Prozent der weiblichen Bevölkerung im wehrfähigen Alter.

Im Militär mit dabei ist Kirsten Hammerich. Sie leistet Dienst als Infor­­ma­tions­offizier bei den Armeetier­einheiten. «Wir leben in der Schweiz sehr privilegiert. Mit dem freiwilligen Militärdienst möchte ich dem Land etwas zurück­geben.» Trotzdem findet sie es zu früh, in der Schweiz eine allgemeine Dienstpflicht für alle Frauen zu fordern. «Zuerst müssten Frauen für die gleiche Arbeit auch den gleichen Lohn wie Männer bekommen.» In der Armee sei das der Fall.

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In der Diskussion um eine Dienstpflicht für Frauen geht es immer auch um Gleichberechtigung. Wenn Frauen gleichberechtigt sind, fragen die erbosten Männer, die beim Büro für Gleichstellung ­anrufen, wieso müs­sen sie dann nicht auch ins Militär?

Kirsten Hammerich, Offizier.

Quelle: Ole-Sverre Haugli/Forsvaret

«Bevor alle dienstpflichtig werden, müssen Frauen für gleiche Arbeit gleichen Lohn bekommen wie Männer.»

Kirsten Hammerich, Informationsoffizier

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«In der Schweiz ist die Gleichstellung im Alltag noch nicht vollständig umgesetzt», sagt Andrea Binder vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann. Das müsse man berücksichtigen, wenn man die Dienstpflicht für Frauen einführen wolle. Geklärt werden müsse etwa die Frage der Kinderbetreuung, wenn beide Eltern dienstpflichtig wären oder wenn eine alleinerziehende Mutter ins Militär müsse.

Diskussionen gibt es auch um die ­Frage, wie sich das Militär verändern ­würde, wenn mehr Frauen dabei wären. In Norwegen müssen sich Männer und Frauen sogar die Unterkünfte teilen; nur die Duschen sind getrennt. In der Schweiz haben die Frauen separate Schlafräume.

Schlechte Erfahrungen sind nicht auszuschliessen. In Israel, wo Männer und Frauen zum Militär müssen, beklagt sich eine von acht Frauen über sexuelle Belästigungen während des Dienstes. In der ­US-Armee erleben 22 Prozent der Frauen Ähnliches, fünf Prozent sogar sexuelle Gewalt. Die Dunkelziffer liegt vermutlich noch höher. In der deutschen Bundeswehr beschwert sich die Hälfte der Soldatinnen über Belästigungen.

«Man steht schon etwas im Schaufenster»

Für die Schweiz gibt es keine vergleich­baren Zahlen. «Ich habe bisher überhaupt keine negativen Erfahrungen gemacht», sagt Informationsoffizier Kirsten Hammerich. Sie glaubt, dass das Problem in einer Milizarmee wohl kleiner sei als in einer Berufsarmee.

Fragende Blicke gebe es eher, wenn sie sich als Frau in Uniform ausserhalb des Militärs bewege, sagt Hammerich. «In ­Berufen, in denen man als Frau in der Minderheit ist, steht man vermutlich schon noch etwas mehr im Schaufenster», findet auch Germaine Seewer, die als erste Frau in der Schweiz den Rang des Brigadiers erreichte und den Bereich «Personelles der Armee» leitet.

Dass nur Männer ins Militär müssen, ist rein rechtlich keine Diskriminierung. Das hat sogar das Bundesgericht fest­gehalten: Der Militärdienst sei eine zu­lässige Ausnahme von der Gleichbehandlung der Geschlechter.