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Hans-Rudolf Stadelmann «Der Geist schuf sich das Gehirn»

Beobachter: Warum haben Sie als Physiker die Suche nach Gott aufgenommen?
Hans-Rudolf Stadelmann: Ich habe schon vor Jahrzehnten ein Fragezeichen hinter die von antiken Mythen und Dogmen bestimmte christliche Theologie gesetzt, insbesondere auch hinter das leider bis heute noch geglaubte traditionelle Gottesbild. Ich bin aber überzeugt, dass im Kern des christlichen Gottesglaubens eine zeitlose Wahrheit zu finden ist, die auch für ein Leben in der heutigen Welt sinngebend sein kann. In einem Zweitstudium als Theologe habe ich mich daher damit befasst, dieses traditionelle Gottesbild in unsere heutige Weltsicht zu übertragen. Denn ich meine, dass ein zeitgemässes Gottesbild einen ­wesentlichen Beitrag zur Überwindung der Glaubwürdigkeitskrise der christlichen Kirchen und der damit verbundenen Sinnkrise unserer Gesellschaft leisten kann.

Beobachter: Die meisten Naturwissenschaftler finden es eher unwahrscheinlich, dass Gott existiert.
Stadelmann: Den Atheisten, die sich naturwissenschaftlicher Argumente bedienen, werfe ich vor, das Kind mit dem Bade auszuschütten; denn sie weigern sich, auch die philosophischen Schlüsse zu ziehen, die sich aus dem heutigen wissenschaftlichen Weltbild aufdrängen. Und da wäre nicht bloss etwas Platz für Göttliches, sondern es drängt sich eine Gottesvorstellung geradezu auf. Doch leider ist das heute noch tief verwurzelte Gottesbild anthropomorph, das heisst, man stellt sich so eine Art Übermenschen vor mit menschlichen Gefühlen. Meist ist dieser Übermensch ein Mann. Er befindet sich gänzlich ausserhalb unserer Welt, kann aber jederzeit willkürlich in die Geschicke dieser Welt eingreifen und dabei auch Naturgesetze umgehen. Dieser jen­seitige, zeitlose, allmächtige Gott hat sich bis heute halten können. Und so geistert er nach wie vor in den Köpfen der meisten Christen herum.

Beobachter: Wie könnte denn ein neueres Gottesbild aussehen?
Stadelmann: Für dieses «evolutionäre Weltbild» gehe ich vom naturwissenschaftlichen Wissensstand aus. Denn heute ist unbestritten, dass die ganze für uns einsehbare Welt durch einen kosmischen Evolutionsprozess entstanden ist, der vom Urknall über Energie zu Materie mit zunehmend komplexeren Strukturen, zu einfachen Lebensformen und schliesslich zu geistbegabtem und selbstbewusstem Leben mit kulturel­len Ausdrucksformen geführt hat. Alles, was ist – Galaxien, Sterne, Planeten, Pflanzen, Tiere, Menschen –, hat denselben Ursprung und bedingt sich gegenseitig. Zudem kann von Geist und Materie nicht mehr wie in den früheren Weltbildern getrennt die Rede sein. Heute ist der Geist als das Primäre anzusehen, da ja im Zeitpunkt des Urknalls noch keine Materie existierte.

Beobachter: Wie erklären Sie «den Geist» ­wissenschaftlich?
Stadelmann: Erkenntnisse der Elementarteilchenphysik bestätigen, dass Materie «geronnene Energie» ist, dass die Elementarteilchen also gar nicht wirklich als Teilchen existieren, sondern als Energieschwingungen sogar Erscheinungsformen von letztlich nur ­mathematisch erfassbaren, also eigentlich geistigen Strukturen sind. Die Quantentheorie bestätigt diese Sichtweise: Am ­Anfang stand ein Wahrscheinlichkeitsfeld, also eine rein geistige Grösse, die in der Evolution zunehmend komplexere geistig-materielle Strukturen hervorbringt, letztlich auch das Leben und den menschlichen Geist. Dieser eine universelle, sowohl trans­zendente wie immanente schöpferische Geist, Ursprung, Weg und Ziel der Evolution, der sich in seiner Schöpfung zunehmend manifestiert, ist für mich Gott. Und ich meine: Dieses Gottesbild ist im Rahmen unserer heutigen Weltsicht plausibel, im Gegensatz zum traditionellen antik-mythologischen Gottesbild.

Beobachter: Die Gehirnforschung kann immer mehr auch mystische Erfahrungen durch Vorgänge im Gehirn erklären. Relativiert diese Erkenntnis die Bedeutung der subjektiven mystischen Erfahrungen als Argument für die Existenz Gottes?
Stadelmann: Etliche Gehirnforscher blenden die fundamentale geistige Dimension der Welt aus und erklären den menschlichen Geist als Pro­dukt von Gehirnstrukturen, die im Verlauf der Evolution allein durch Anpassung an die Erfordernisse des Überlebens entstanden sind. Die Evolution ging aber vom Geist aus; Materie ist also se­kundär. Deswegen ist meines Erachtens auch der mensch­liche Geist eine gewordene und weiterhin werdende Manifestation des Welt­geistes, also Gottes. Der Geist hat sich in der Evolution das Gehirn geschaffen und nicht umgekehrt. Somit hat unser menschlicher Geist auch Anteil an Gottes Geist.

Beobachter: Kann Gott gütig sein, wenn immer ­wieder ­Katastrophen über die Menschheit ­hereinbrechen?
Stadelmann: Die Aussage, Gott sei gütig, ist ja gerade eine dieser typischen Behauptungen des traditionellen vermenschlichenden Gottesbilds. «Gütig» oder «gut» ist eine menschliche Kategorie, ein Bild, bei dem man sich fragen muss, was es auf Gott bezogen ­eigentlich heissen könnte. Für das evolu­tionäre Gottesbild würde ich «gütig» als «lebensfreundlich» deuten. Die heute bekannte Geschichte der kosmischen Evolution lässt einen klaren Trend von Energie über Materie zu Leben erkennen. Und: Die Grössen einer Vielzahl von dem Urknall zugrundeliegenden Naturkonstanten müssen mit unglaublicher Genauigkeit ein­gehalten werden, damit Leben überhaupt entstehen konnte. Wir müssen also Gottes Güte als Lebensfreundlichkeit deuten, Gott «will» das Leben. Und die Natur­katastrophen gehören zur Evolution, die ja stets über die Anpassung an neue Verhältnisse funktioniert. Ohne Naturkatastrophen stünde die Menschheit nicht da, wo sie heute ist.

Hans-Rudolf Stadelmann, 65, war reformierter Pfarrer in einer Berner Gemeinde. Sein Gottesbild beschreibt er im Buch «Im Herzen der ­Materie» (WBG, Darmstadt 2008).

Veröffentlicht am 21. Dezember 2008