Die Frage spaltet die Gesellschaft: impfen oder nicht? Derzeit sind rund 55 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz vollständig geimpft. Bei den noch nicht Geimpften überwiegt die Skepsis.

In der Juli-Umfrage der Forschungsstelle Sotomo zu Corona im Auftrag der SRG gaben 25 Prozent der Befragten an, sich gar nicht impfen zu lassen, 12 Prozent wollten abwarten.

Diese Skepsis torpediert das vom Bundesrat formulierte Impfziel von 75 Prozent. In den Medien mehren sich Stimmen, die mehr Druck auf jene fordern, die sich nicht impfen lassen wollen. Sotomo-Forschungsleiter Michael Hermann erwartet, dass die Debatte härter wird, wenn die Fallzahlen weiter steigen.

Die Zahl der positiven Testergebnisse verdoppelte sich zuletzt alle sieben Tage. Die übrigen Kennzahlen verharrten Mitte Juli gemäss Patrick Mathys vom Bundesamt für Gesundheit auf tiefem Niveau. Im Schnitt mussten täglich drei Personen wegen Covid-19 ins Spital, bis zu drei Personen starben. Ob sich die steigenden Fallzahlen direkt auf die Hospitalisierungs- und Todesfallraten auswirken werden, sei noch unklar, so Mathys.

Eberhard Wolff, Medizinhistoriker an den Universitäten Zürich und Basel, hat die Impfdebatten der letzten 200 Jahre analysiert. Die Diskussionen seien immer stark emotionalisiert geführt worden. Dabei habe stets die Gefahr bestanden, in Freund-Feind-Kategorien zu denken und den Fokus zu stark auf die medizinische Prävention zu legen. Die Impffrage sei viel komplexer, als es den Anschein habe. «Sie ist auch ein Streit um Weltbilder, um den Umgang mit Risiken und um die Frage, ob Medizin vertrauenswürdig oder eher gefährlich ist. Wenn wir das berücksichtigen, können wir zur Beruhigung der Debatte beitragen», so Wolff.

Um die Motivationen der Menschen, die sich nicht oder noch nicht impfen lassen wollen, besser zu verstehen, hat der Beobachter fünf von ihnen nach ihren Motiven gefragt. Weshalb zögern sie? Und was meinen sie zum Vorwurf, unsolidarisch zu sein?

«Das ist allein meine Entscheidung» – Jan-Uwe Reiss (50)

Einige Impfungen haben sicherlich auch Gutes bewirkt, und ich verurteile die schulische Medizin nicht. Für mich persönlich und für meine Kinder halte ich Impfungen allerdings nicht für notwendig. Ich bevorzuge alternativmedizinische Heilmethoden.

Die Impfung gegen Corona wurde sehr schnell entwickelt. Zudem handelt es sich dabei um mRNA-Impfstoffe, eine neue und noch wenig erprobte Technologie. Da bin ich misstrauisch. Ich vertraue darauf, dass meine positive Lebenseinstellung, mentale Stärke, viel Bewegung und gute Ernährung mein Immunsystem stark machen. Ich hatte oft die Grippe, als ich noch die Grippeimpfung bekommen habe. Seit zehn Jahren lasse ich mich nicht mehr gegen Grippe impfen, und seitdem hatte ich auch keine schwere Grippe mehr.

In meiner Familie musste jemand vor ein paar Jahren eine Chemotherapie machen. Ihm war sehr bewusst, dass er besonders vorsichtig sein musste. Auch aufgrund dieser Erfahrung respektiere ich alle, die sich mit einer Impfung schützen möchten. Ich nehme ihre Angst ernst und halte Abstand. Und ich versuche, alle andersdenkenden Menschen zu verstehen und mit ihnen zu diskutieren. Das ist meine Solidarität. Mir wegen meiner Impfverweigerung mangelnde Solidarität vorzuwerfen, erachte ich als nicht zulässig. Diesen Vorwurf weise ich vehement zurück.

Bei der Impfentscheidung hat der Begriff Solidarität nichts zu suchen. Es ist allein meine Entscheidung, welche Risiken ich eingehen will. Genauso, wie ich den Entscheid der anderen akzeptiere, erwarte ich auch, dass mein Entscheid akzeptiert wird.

Jan-Uwe Reiss, 50, Gastronom, Bächelsrüti ZH

Jan-Uwe Reiss, 50, Gastronom, Bächelsrüti ZH. 

Quelle: Herbert Zimmermann

«Zu wenig erforscht» – Viola Rossi (23)

Als sechs Monate altes Baby erhielt ich die Routineimpfungen – und hatte starke Nebenwirkungen. Ich erkrankte innert 24 Stunden an einer Lungenentzündung und asthmaartigen Atemnotanfällen. Der Kreislauf kollabierte, ich wurde bewusstlos. Ich habe seither auf alle Impfungen verzichtet.

Als gesunde 23-Jährige gehöre ich nicht zur Risikogruppe. In meinem Umfeld sind alle zurückhaltend und warten ab, wie sich die Situation entwickelt. Selbst mein Vater, der als Krebspatient eigentlich zur Risikogruppe gehört, will sich noch nicht impfen lassen. Die Impfstoffe sind einfach zu wenig erforscht. Es ist unklar, ob es nach Jahren Nebenwirkungen geben kann.

Zudem störe ich mich an der Impfkampagne, denn die Plakate sind eher selten auf die Gesundheit ausgerichtet. In meinen Augen sollte eine Impfung allein der Gesundheit dienen und nicht dazu, zu reisen oder Veranstaltungen zu besuchen.

Viola Rossi, 23, angehende Studentin, Zürich

Viola Rossi, 23, angehende Studentin, Zürich, engagiert sich bei der massnahmenkritischen Gruppe Mass-Voll.

Quelle: Herbert Zimmermann

«Angst ist ein schlechter Ratgeber» – Heinrich Pfenninger (72)

Ich bin in meinem Leben immer meinen eigenen Weg gegangen und war nie ein Fan von Gruppendynamiken. Ich habe ein gutes Immunsystem und habe auch nie eine Grippeimpfung gemacht.

Vor dem Coronavirus habe ich Respekt. Ich meide Massenveranstaltungen und die öffentlichen Verkehrsmittel. Vom Alter her gehöre ich zur Risikogruppe. In meinem Umfeld sind zwei Personen an Corona gestorben. Das ist tragisch, aber in meinem Alter steigt halt das Sterberisiko. So ist das Leben. Wenn die Parkuhr abgelaufen ist, dann ist fertig.

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Manche werfen mir vor, ich sei verantwortungslos. Aber der eine Bekannte, der gestorben ist, war geimpft. Den Vorwurf, ich sei unsolidarisch, kann ich nicht gelten lassen. Wenn eine Überlastung des Gesundheitssystems drohen würde, sähe die Sache anders aus. Aber eine solche Überlastung droht ja in der aktuellen Situation nicht.

Impfen muss eine persönliche Entscheidung bleiben. Ich nehme für mich in Anspruch, selber entscheiden zu dürfen, welchen Risiken ich mich aussetzen will.

Heinrich Pfenninger, 72, pensionierter Garagist, Zumikon ZH

Heinrich Pfenninger, 72, pensionierter Garagist, Zumikon ZH. 

Quelle: Herbert Zimmermann

«Die Impfung ist für mich gefährlicher» – Tatiana Chamina (35)

Nach einer langen Recherche bin ich zum Schluss gekommen, dass für mich die Gefahr, die von nicht ausreichend geprüften Impfstoffen ausgeht, grösser ist als die Gefahr einer Ansteckung durch das Coronavirus.

Ich habe eine Vorgeschichte mit Impfnebenwirkungen. Nach der Schweinegrippeimpfung 2009 bekam ich Neurodermitis. Damals war ich schwanger. Auch mein neugeborenes Kind hatte die Krankheit. Ich habe meinen Arzt gefragt, ob das von der Impfung kommen könne. Er hat das nicht ausgeschlossen. Vor der Impfung hatte ich nie Hautprobleme.

Über die neuartigen Impfstoffe weiss man einfach viel zu wenig. Ich möchte keine Experimente eingehen. Ich stärke mein natürliches Immunsystem, ernähre mich gesund und treibe viel Sport. Ich hatte in den vergangenen Jahren nie eine Erkältung oder eine Grippe.

Tatiana Chamina, 35, Hausfrau, Villnachern AG

Tatiana Chamina, 35, Hausfrau, Villnachern AG. 

Quelle: Herbert Zimmermann

«Ich bin topfit und treibe viel Sport» – Michel Bronner (51)

Lange hat es von offizieller Seite geheissen, man müsse die Risikogruppen schützen. Diese Personen sind jetzt geimpft. Wenn doch die Impfung so gut wirkt, wie behauptet wird, warum muss sich nun der ganze Rest auch impfen?

Wer sich durch eine Impfung schützen will, der kann das tun. Wer es nicht tut, gefährdet höchstens sich selbst. Die Menschen können sehr wohl selber entscheiden, was für sie gut ist.

Und was mich enorm stört: Wenn sich ein Mediziner auf Youtube kritisch zur Impfung äussert, wird das Video sofort gelöscht. Hat es in der Geschichte schon je einmal den Fall gegeben, wo die Guten zum Mittel der Zensur gegriffen haben?

Ich habe als Chef eines grösseren KMU meinen Mitarbeitenden ganz klar gesagt, dass ich die Impfung als eine höchst persönliche Entscheidung ansehe. Für mich ist klar: Ich bin topfit und treibe viel Sport. Wenn mir beim Crossfit der Puls bis auf 180 geht, möchte ich nicht einen Stoff in meinem Körper haben, von dem ich weder genau weiss, was er ist, noch was er macht.

Michel Bronner, 51, Geschäftsführer und -inhaber, Hinwil ZH

Michel Bronner, 51, Geschäftsführer und -inhaber, Hinwil ZH, Mitinitiant des Forums Corona-Dialog.

Quelle: Herbert Zimmermann

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