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IntegrationWie ticken die Albaner?

Die albanischstämmige Bevölkerung in der Schweiz hat einen besonders schlechten Ruf. Wie lebt sie damit?

Oft wird über die Albaner in der Schweiz geredet – wir haben mit ihnen gesprochen.
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Raser, Balkan-Machos, Drogendealer, Parkplatzmörder, Sozialschmarotzer: Seit über zwei Jahrzehnten sind die ­Albaner die Buhmänner der Nation. Kaum ein Ver­brechen mit albanischer Beteiligung, das nicht genüsslich durch die Boulevardmedien geschleppt wird. In diesem Schwarz­peterspiel mischt auch die ­Politik immer wieder mit, ­etwa als die SVP mit dem Slogan ­«Kosovaren schlitzen Schweizer auf» 2011 für ihre Masseneinwanderungs­ini­tia­tive Unterschriften sammelte.

Inmitten der Schimpftiraden ernten Albaner ab und zu auch etwas Liebe. Vor allem wenn sie im Fussball He­raus­ragendes für die Schweiz leisten. Die nächste Chance dazu haben sie an der Europameisterschaft, am 11. Juni, im Duell gegen Albanien. Gleich mehrere Nationalspieler hätten da auch im gegnerischen Dress auflaufen können. Aber sie haben sich für die Schweiz entschieden – ihre Heimat.

Zwischen Fussballhelden und Park­platzmördern gibt es rund eine Viertelmillion Frauen und Männer in der Schweiz, die der albanischen Volksgruppe angehören. Sie bemängeln, dass man zwar oft über sie redet, aber nur selten mit ihnen.

Infografik: Wo in der Schweiz leben Kosovo-Albaner?

Fehmi Fetahi, 54, Unternehmer, Altbüron LU

«Diese Hände?», sagt Fehmi Fetahi und streckt mit vieldeutigem Grinsen seine Pranken in die Höhe. «Diese Hände sind zum Zupacken da.» Damit erklärt der gebürtige Kosovare, der in seiner Heimat Medizin studiert hat, weshalb er zu Beginn in der Schweiz nicht glücklich wurde mit der «Nifelibüez» eines Zahntechnikers. Und sich für den Bau entschied.

Das war 1988. Seitdem hat es der 54-Jährige nach oben geschafft. Aus seinem Einmannbetrieb im Luzerner Hinterland ist eine Firma für «Schweizer Qualitätsbodenbeläge» mit landesweiter Abdeckung geworden. Und der Immigrant, der einst dankbar war, dass ihm ein Schweizer in seinem Baugeschäft eine Chance gab, beschäftigt 70 Leute. Darunter viele Schweizer.

Unter den Kunden sind grosse Namen wie Coop und Nestlé. Darauf ist Fetahi stolz: «Die vertrauen mir. Das kommt nicht von allein: Vertrauen muss man sich schaffen.»

Seine erste Begegnung mit der Schweizer Realität bringt Fetahi heute zum Lachen – damals wars ihm peinlich. Frisch im Land, ohne ein Wort Deutsch zu können, bestellte er im ­Restaurant einen Kaffee. Es kam eine dünne Brühe samt Rähmli, doch ­damit konnte der Mann vom Balkan nichts anfangen. Er sah, wie die anderen Gäste die Milch in die Tasse schütteten. Also öffnete er das Plastikdöschen – versteckt unter dem Tisch, weil er nicht wusste, wie das ging – und tat es ihnen gleich. Eine kleine Episode, aber symbolhaft für Fetahis Verständnis von Integration: schauen, wie die Regeln sind, und sich anpassen. «Als Fremder liegt es an dir, offen zu sein und auf die anderen zuzugehen.»

Das schlechte Image der Albaner spürt er persönlich nicht. Höchstens indirekt, wenn die Medien Straftaten von Landsleuten ausschlachten. Unangenehm sei es, «mit denen» in einen Topf geworfen zu werden. «Ehrlich ­gesagt: Immer wenn etwas passiert, hoffe ich, dass es kein Albaner war.»

«Ehrlich gseit» ist eine auffallend häufige Wendung, wenn Fehmi Fetahi spricht. Mit hörbarem Luzerner Einschlag. Zu 80 Prozent rede und denke er deutsch, sagt er. Nicht nur weil ­seine Frau Sara Schweizerin ist. «Ich bin doch längst einer von hier.»

Eine Mehrheit der Albaner identifiziert sich wie Fetahi stark mit der ­neuen Heimat. Mittlerweile ist die Hälfte der Albaner in der Schweiz eingebürgert, über ein Viertel der Kosovaren wurde hier geboren. Die grosse Masse lebt im Schatten der delinquenten Minderheit – unauffällig, friedlich und gut integriert.

Keshtjella Pepshi, 28, Miss Kosovo 2010, Heimberg BE

Keshtjella Pepshi schiebt graziös die langen Haare aus dem Gesicht, beugt den schmalen Oberkörper vor und sagt in breitestem Berndeutsch: «Mein Zuhause ist Heimberg, hier bin ich daheim, hier bin ich verwurzelt.» Pepshi ist in der Schweiz geboren, ihre Eltern wanderten als junge Arbeitskräfte aus dem Kosovo ein. Dennoch ist ihre Liebes­erklärung an die Schweiz nicht ganz selbstverständlich.

Entdeckt wurde die 28-Jährige vor sechs Jahren, nach der Ausbildung zur medizinischen Kosmetikerin, bei einem Aufenthalt in der Heimat ihrer Eltern. «Auf der Strasse in Priština sprachen mich Scouts an und fragten, ob ich an der Miss-Wahl teilnehmen wolle.» Im Mai 2010 wurde sie zur Miss Kosovo gekürt. Mit riesigem Medien­echo. Es habe niemanden gestört, dass eine Schweizerin Miss Kosovo geworden war. Im Gegenteil, die Leute im Kosovo hätten es toll gefunden, dass sie in zwei Kulturen daheim ist.

Sie lebte dann zwei Jahre als Model in New York. Das Heimweh zog sie aber zurück ins bernische Heimberg, wo sie ihr eigenes Kosmetikstudio eröffnete. Allerdings wird sie in der Schweiz immer noch auf ihre Model-Rolle reduziert. Als sie sich im Herbst für die CVP als Nationalratskandidatin versuchte, wurde sie von den Me­dien verspottet. Dabei ist es Pepshi mit ihrem politischen Engagement ernst: «Ich möchte, dass sich Secondos mehr einsetzen, ihre Rechte wahrnehmen, abstimmen gehen. Nur so kann sich etwas in der Gesellschaft verändern.»

Die 28-Jährige wurde hier geboren und gehört damit nur vom Alter her zu ­einer Generation, die den schlechten Ruf der Albaner zementiert hat. Es ist die Generation der Flüchtlinge, die in den Neunzigern als Teenager in die Schweiz kamen (siehe ­«So kamen die Albaner in die Schweiz»). ­Tausende kriegs­geprägte junge Männer ohne Deutschkenntnisse, ohne viel Schulbildung, ohne Arbeitsaussichten rutschten in die Krimina­lität ab. Gewalt­taten, Diebestouren, Drogenhandel. Bis zu 90 Prozent des Schweizer ­He­roins gelangten über die Balkanroute hierher. Junge Albaner prägten das Bild des Strassenhandels.

«Wenn in der Pubertät die Hormone verrücktspielen, ist die Integration schon mal schwierig. Wenn Jugend­liche zudem keine Zukunftschancen sehen, wird es fast unmöglich», sagt Barbara Burri, die für das Staatssekretariat für Migration eine Studie über die kosovarische Bevölkerungsgruppe in der Schweiz mitverfasst hat.

Erschwerend wirkte die prekäre Situ­a­tion vieler albanischer Familien. Sie lebten zusammengepfercht in engen Wohnungen, in ganz anderer Konstellation als gewohnt. Die Kinder hatten in der alten Heimat den Vater nur vom Winter gekannt, da er das restliche Jahr über in der Schweiz auf dem Bau geschuftet hatte. Und die väterlich-strenge Erziehung war nur schwer vereinbar mit den lockeren Werten, von denen sie nun umgeben waren.

«Es gab ein sehr unglückliches Zusammentreffen vieler negativer Faktoren», resümiert Hamit Zeqiri, Leiter der Luzerner Fachstelle für Beratung und Integration von Ausländerinnen und Ausländern (Fabia). «Aber das war damals ein Problem, nicht heute.» Seit Ende der 1990er Jahre ist die Kriminalitätsrate stetig zurückgegangen, bleibt aber höher als bei Schweizern (siehe Interview). ­Diese Kriminalfälle bestreitet Zeqiri nicht. «Aber sie werden aufgrund der Vergangenheit überbewertet. Sie erhalten ein Gewicht, das nicht verhältnismässig ist.»

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Blerim Tatari, 26, Rapper, Winterthur

Er hat die Kurve gekriegt. Der Rapper Blerim Tatari alias «The B» arbeitet im Detailhandel, hat eben ein neues Mixtape aufgenommen und fühlt sich sichtlich wohl in seiner Haut. «Ich ­trage zwei Nationen in mir», sagt der 26-Jährige. Schweizerisch sei sein Hang zur Pünktlichkeit, die Liebe zur Ordnung. Das sieht man in seinem Zimmer: Abgesehen vom überfüllten Aschenbecher ist alles piekfein auf­geräumt. Albanisch an ihm ist die Gastfreundschaft. Kaum setzt man sich, fragt er: «Willst du Wasser? Tee? Etwas essen?»

Seine zwei Seiten hat Tatari, der als Kleinkind mit der Familie aus dem ­Kosovo in die Schweiz geflohen ist, in Einklang gebracht. Auch wenn ihn manchmal Schweizer Kollegen im Witz «Scheiss-Albaner» nennen, albanische Kollegen aber «Scheiss-Schweizer». Diese Gelassenheit war ihm in der Pubertät fremd. ­Damals plagten den Sekschüler Identitätsprobleme, da er sich in keiner Kultur richtig zu Hause fühlte. Die ­innere Krise verschärfte sich, als sein Vater an Krebs starb.

Während dieser Zeit der Zerrissenheit bot ihm vor allem seine Mutter Halt. Das gute Verhältnis zu ihr nennt Tatari als wichtigsten Grund, weshalb er nicht auf die schiefe Bahn geriet. «Als ich mit 15 im Ausgang war und es eine Schlägerei gab, dachte ich: Ich kann das nicht mitmachen. Ich habe eine Mutter, die durchdreht, wenn ich jetzt kaputt nach Hause komme.»

Er zieht an seiner Zigarette und sagt: «Ich hätte schon in die Szene abdriften können. Sagen wir so: Ich habe an der Oberfläche gekratzt.» Tiefer ­gegangen ist sein älterer Bruder. Über mehrere Jahre hat er kleinere Delikte wie Diebstähle verübt, bis er in den Kosovo flog, um für die dortige Be­freiungsarmee zu kämpfen. Nachdem er in die Schweiz zurückgereist war, schafften ihn die hiesigen Behörden aus. «Sein Schicksal hat mich geprägt», sagt Tatari.

Bei der Arbeit bekommt ­Tatari manchmal noch das negative Image der Albaner zu spüren. Eine Kundin habe ihn etwa gefragt, ob er wirklich Albaner sei – er könne sich so gut ausdrücken. Er schüttelt amüsiert den Kopf: «Ich glaube, nach einer weiteren Generation sind die letzten Vorurteile dann endlich gegessen.» Und man werde sich nicht mehr entscheiden müssen, ob man mehr Albaner oder mehr Schweizer sei. «Dann ist man einfach hier aufgewachsen und fertig.»

Es ist nicht nur das Kriminellen-Image der Albaner, das den Schweizern durch den Kopf geistert. Mindestens so fest ist das Bild des stolzen Balkan-Machos verankert, der protzige Autos fährt und schnell aggressiv wird. Die Folgen: Laut einer Umfrage des Bundes will nur jeder vierte Schweizer bei der Arbeit mit Albanern zu tun haben, Jugendliche wählen sie regelmässig als unbeliebteste Ausländergruppe. Und während einige Albaner die Phäno­mene als reine Vorurteile abtun, gibt es andere, die sich gedanklich mehr damit auseinandersetzen.

Shemsi Beqiri, 29, zwölffacher Thaibox-Weltmeister, Basel

Aggressiv, gewalttätig und machoid – Shemsi Beqiri lacht, als er auf gängige Albaner-Klischees angesprochen wird. «Völlig übertrieben», sagt er. Der zwölffache Thaibox-Weltmeister ist in der Schweiz bekannt seit der Aufregung um seinen Schützling «Carlos», der im Rahmen eines Sondersettings bei ihm trainierte. Beqiris Name wird aber auch mit zwei Schlägereien in Verbindung gebracht. Einmal auf der Strasse in Basel. Und einmal, als ­Beqiris ehemaliger Trainer mit einer ganzen Gang seinen Trainingsraum in Reinach BL überfiel, um ihn zu verprügeln. Der 29-Jährige schüttelt den Kopf. «Beide Male wurde ich von derselben Person angegriffen», sagt er. «Ich habe mich nur gewehrt.» Das sieht man auch in einem erschreckenden Video, das die Schlägertruppe beim Angriff gedreht hat.

Beqiri glaubt, dass Albaner ein anderes Temperament haben als Schweizer. Impulsiver, aktiver, unruhiger. «Schau mal, wie viele Spitzensportler Albaner sind. Das ist kein Zufall.» Der Bewegungsdrang sei unter anderem auf die Kindheit in der Heimat zurückzuführen, die viele Albaner draussen in der Natur verbracht haben. Auch Beqiri wuchs auf einem Bauernhof im Kosovo auf. «Wir waren die ganze Zeit auf den Feldern, bei den Kühen und Hühnern», erinnert er sich. «Am Abend fielen wir todmüde ins Bett.» So sehr liebte er das Leben auf dem Hof, dass er sich vor dem Bus versteckte, der ihn und seine drei Brüder 1991 in die Schweiz hätte bringen sollen. Ein Jahr noch konnte er bei den Grosseltern bleiben, bis er als Fünfjähriger doch zu den Eltern in die Schweiz reiste.

Wie bei vielen albanischen Kindern galten zu Hause strenge Regeln: brav sein, anständig sein. Wenn er draus­sen frei spielen konnte, wurde er vor lauter Freude schnell mal etwas laut. Beqiri lernte aber bereits als Teenager, seine überschüssige Energie zu kanalisieren: mit Sport. Ohne ein solches Ventil, glaubt er, gebe es bei gewissen Jugendlichen Probleme. «Weil sie sonst überborden.»

In seinem Trainingszentrum Superpro in Reinach hat der Basler schon mit Dutzenden Jugendlichen zusammengearbeitet, die auf die schiefe Bahn geraten waren. Auch mit jungen Albanern. Das Wichtigste, was sie bei ihm lernen, sei Zielstrebigkeit.

«Am Sonntagmorgen um fünf Uhr aufstehen und joggen gehen, obwohl man weiterschlafen könnte. Keinen Burger essen, obwohl man vor Hunger fast stirbt, weil man bald einen wichtigen Kampf hat.» Diese Disziplin sei für Jugendliche enorm wichtig, weil sie sie im Leben vorwärtsbringe. «Aber es ist nicht immer einfach.»

Über viele Jahre kämpften die Albaner damit, sich in der Schweiz zu inte­grieren. Emotional stand während der Balkankrise die alte Heimat im Zen­trum. Sie schickten Geld für Widerstand und Wiederaufbau, finanzierten das Gesundheits- und Bildungssystem. Die Lage besserte sich, nachdem der Kosovo 1999 zu einem UN-Protektorat geworden war – ein erster Schritt in Richtung Unabhängigkeit, die dann 2008 folgte. «Damals fiel eine grosse Last ab von den Albanern», erklärt Studienautorin Barbara Burri. «Sie hatten das Gefühl, dass sie sich jetzt endlich auf ihr Leben in der Schweiz konzentrieren, Wohnungen kaufen und Geschäfte gründen konnten.»

Auch wenn die überwiegende Mehrheit gut integriert ist: Der Vorwurf an die Albaner, sie schotteten sich von der Gesellschaft ab, ist nicht gänzlich falsch. Immer noch wählen albanische Migranten ihre Partner häufig ­innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe, immer noch ist es keine ­Seltenheit, dass man neue Partner im ­Kosovo sucht und dann in die Schweiz holt. «Eine Frage der Zeit, bis auch das verschwindet», schätzt Integrationsfachmann Hamit Zeqiri.

Arsim Hyseni, 49, Präsident des FC Kosova Zürich, Wollerau SZ

Wenn Migrantengruppen sich in einem Verein zusammentun, klingt das erst mal nach Abschottung. Arsim Hyseni widerspricht. «Fussball verbindet», sagt der Präsident des FC Kosova Zürich, «und unser Klub ermöglicht genau das.» In den Statuten wurde bei der Gründung 1994 explizit festgelegt, dass der Verein die Integration der Albaner in die Schweizer Gesellschaft fördern soll. Heute ist der FC Kosova auf sämtlichen Stufen in den Meisterschafts­betrieb des Zürcher Regionalverbands eingebunden. Die Spieler stammen aus verschiedenen Nationen. Einige Funktionen, etwa diejenige des Junioren­obmanns, nehmen Schweizer ein. Die Heimspiele vor oft über 1000 Zuschauern sind regelrechte Volksfeste.

Und doch: Wenn der FC Kosova antritt, spielt kein gewöhnlicher Klub. «Ich sage meinen Leuten immer: Die Öffentlichkeit schaut euch nicht nur als Fussballer an, sondern auch als ­Albaner», sagt Hyseni. Auf und neben dem Feld einen guten Eindruck zu ­machen sei das oberste Gebot. «Wir müssen immer etwas mehr machen als die anderen.» Diese Einstellung ­erklärt die hervorragende Fairplay-Wertung, die dem Klub zum Aufstieg in die erste Liga verholfen hat.

Selber zeigt der Präsident bei den Spielen seines Klubs Flagge. Eine dreigeteilte, das Nebeneinander der Wappen von Albanien, der Schweiz und des Kosovo, ist sein Markenzeichen. Mehr noch: «Das bin ich!» Am 11. Juni wird Hyseni diese Fahne auch im ­Stadion von Lens dabeihaben, wenn es an der Europameisterschaft zum ­Bruderduell zwischen der Schweiz und Albanien kommt. Der 49-Jährige wird das Spiel gelassen verfolgen. «Ich gewinne ja ohnehin», schmunzelt der Kosovare, der seit 1986 in der Schweiz lebt und es hier durch Weiterbildung vom Bodenleger auf dem Bau zum Versicherungsbroker mit eigener Firma gebracht hat.

Die Chance von Albanern, in der Schweiz eine gute Bildung zu erhalten, ist gewachsen. Die Anzahl albanischer Gymischüler nimmt stetig zu, und mittlerweile sind Hunderte Albaner an einer Universität eingeschrieben. Entwarnung zu geben wäre aber verfrüht. Noch ist die Gymiquote deutlich niedriger als bei Schweizern. Und bis heute berichten Jugendliche über Schwierigkeiten, eine Arbeits- oder Lehrstelle zu finden. Jugendliche mit albanischem Namen werden gemäss Studien bis zu fünfmal weniger oft zu einem Bewerbungsgespräch ein­ge­laden als Schweizer – auch wenn beide Dossiers sonst identisch sind.

Der Inte­grationsfachmann Hamit Zeqiri fordert von beiden Seiten mehr Inte­gration. Einerseits müssen sich die ­Migranten persönlich engagieren und sich der Schweiz anpassen. Anderseits sei aber auch die aufnehmende Gesellschaft ­gefordert, Albanern vorurteilsfreier zu begegnen. «Das schlechte Image hallt nach», sagt Zeqiri. «Noch ist es nicht so weit, dass man sagen könnte: Es ist selbstverständlich, dass sie da sind.»

Miranda Ademaj, 32, Inhaberin einer Investmentfirma, Zürich

Diese Hürden hat Miranda Ademaj überwunden. «Es gibt kaum Frauen in einer ähnlichen Position», sagt sie stolz. Die selbstbewusste 32-Jährige ist Ökonomin und hat vor zwei Jahren in Zürich ihre eigene Firma Skenderbeg Alternative Investments gegründet, benannt nach dem albanischen Freiheitskämpfer und Nationalhelden. «Ich bin stolz, Albanerin aus dem ­Kosovo zu sein», sagt sie. «Das wollte ich auch zeigen.» Sie hat es als Frau in der Wirtschaft zu etwas gebracht, da­rüber hinaus in der Männerdomäne der Hedgefonds. Eine grosse Leistung. Für Ademaj, aufgewachsen in einer patriarchalischen Familie, vielleicht eine noch etwas grössere.

Als Zehnjährige flüchtete sie aus dem Kosovo nach Deutschland, wo ihr ­Vater bereits als Kriegsflüchtling lebte. Auf dem Schulweg im Kosovo wäre sie fast von serbischen Polizisten erschossen worden. «Nur weil ich blond und blauäugig bin, liessen sie mich gehen», sagt Ademaj. Es habe eine «wahnsinnige Brutalität» geherrscht, sie erschaudert noch heute, wenn sie daran denkt. Immer wieder verschwanden Freunde, wurden gefoltert oder um­gebracht. «Diese Erfahrungen haben mich stark gemacht», sagt sie. Und ­ihren Gerechtigkeitssinn geschärft.

In kürzester Zeit lernte sie Deutsch, machte acht Jahre später Abitur an ­einem Wirtschaftsgymnasium. Fürs Studium zog sie in die Schweiz, wo sie seither lebt und arbeitet. «In der albanischen Kultur werden Frauen stärker eingeschränkt als in anderen Kulturen Europas», sagt Ademaj. Auch ihr Grossvater sei ein Patriarch gewesen. Ihre Mutter habe nur acht Jahre lang die Schule besuchen können, obwohl sie sehr intelligent sei. «Meine Mutter hat mich immer sehr unterstützt. Bildung war für sie das Wichtigste.» Heute ist Miranda Ademaj Vorbild und Unterstützerin ihrer kleinen Schwester, die zwölf Jahre jünger ist und Wirtschaftswissenschaften studiert.

Jetzt steht Miranda Ademaj ganz oben, ­verwaltet Millionen von Dollars, ist Chef ihrer eigenen Firma in ihrer Wahlheimat. «Ich bin angekommen», sagt sie.

So kamen die Albaner in die Schweiz

Bereits in den sechziger Jahren reisten zahlreiche Albaner in die Schweiz ein, um hier als Saisonniers Geld zu verdienen. Und sie waren willkommen – als billige Arbeitskräfte, die ihren Lebensmittelpunkt weiterhin im Balkan sahen. Ihre Aufenthaltsbewilligungen waren jeweils auf neun Monate beschränkt. Es kamen mehrheitlich junge, wenig gebildete Männer aus ländlichen Gebieten, die mit ihrem Einkommen ihren Familien in der Heimat ein besseres Leben ermöglichten. Die albanischen Gebiete in Ex-Jugoslawien –vor allem der heutige Kosovo und Teile von Mazedonien –waren von Armut und Arbeitslosigkeit geprägt. Um 1975 lebten bereits rund 25'000 jugoslawische Gastarbeiter in der Schweiz.

Albaner, die bereits mehrere Saisons in der Schweiz verbracht hatten, erhielten Ende der Achtziger eine Jahresaufenthaltsbewilligung –und damit das Recht auf Familiennachzug. Weil die Albaner in Jugoslawien zunehmend unterdrückt und verfolgt wurden, machten mehr und mehr Gastarbeiter davon Gebrauch. Als die Schweiz wegen des Freizügigkeitsabkommens mit der EU ab 1992 gar keine Bewilligungen mehr an unqualifizierte Arbeitskräfte aus Jugoslawien erteilte, wurden noch mehr Frauen, Kinder und Jugendliche in die Schweiz geholt. Dieser Familiennachzug wurde zur grössten albanischen Einwanderungswelle in die Schweiz.

Ende der neunziger Jahre brach im Kosovo der Krieg aus. Zehntausende Albaner flüchteten in die Schweiz. Allein 1998/99 stellten fast 50'000 Flüchtlinge einen Asylantrag. Doch selbst in diesen Krisenjahren machten die Asylsuchenden nur einen Fünftel der albanischen Bevölkerung in der Schweiz aus. Die meisten von ihnen wurden nur vorläufig aufgenommen und kehrten nach dem Krieg in ihre Heimat zurück.

2009 stufte der Bundesrat den nunmehr selbständigen Staat Kosovo als verfolgungssicher ein. Die wirtschaftliche Situation ist bis heute allerdings desolat: 70 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos, und über ein Drittel der Bevölkerung verdient pro Tag weniger als zwei Euro.

Informationen über die albanisch-stämmige Bevölkerung in der Schweiz finden Sie auf: www.albinfo.ch

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Veröffentlicht am 26. April 2016

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7 Kommentare

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Arian Hoti
Antwort an CCCC Der Kosovo war lange Zwit unter Herrschaft Jugoslawiens und wurde von Belgrad aus gesteuert. Und das Land entwickelt sich weiter und weiter. Ich wette du warst noch nie im Kosovo und hast alles nur von den serbischen Propaganda-Medien. Die UCK war keine terroristische Organisation. Viel mehr wart ihr die Terroristen, die gerne mal Kriegsverbrechen begehen. (Siehe Srebrenica und Angriff auf Familie Jashari in Prekaz) Und zu Baschkim: Was soll das richtige Shqipëtaren. Albaner sind Albaner, egal woher sie kommen ;) ihr müsst nicht versuchen uns zu differenzieren. Wir sind ein Volk, seit über 3000 Jahren und werden es immer bleiben.

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Baschkim
Schön kommt im Quiz ( auf dieser Seite vorhanden ), der Unterschied zwischen richtigen Shqiptaren ( welche die Hoch - Albanische Sprache sprechen ) , Gjergj Kastrioti Skënderbeu als christlichen Freiheitskämpfer sowie den Doppeladler ( schwarz auf rotem Hintergrund ) als Fahne sehen und den Kosovaren, welche einen Dialekt sprechen ( so wie Appenzeller Dialekt im Vergleich zu Hochdeutsch ) , Skënderbeu auch gerne als ihr Nationalhelder herzeigen sowie die auch die Fahne der Shqiptaren gerne mit in die Hand nehmen. Etwa so hat es ein Aussenminister von Albanien in der NZZ geschrieben.

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Samal
Die porträtierten Personen mögen ja integriert sein und sich in der Schweiz zu Hause fühlen. Ebenso wie die Spieler der Schweizer Nati. Doch was ist mit all den sogenannten Albanern, die ebenso lange hier sind, kaum Deutsch sprechen und uns Schweizer spüren lassen, dass sie sich überlegen fühlen? Vor allem wenn sie unter sich sind. Da hat man doch als Schweizerin gar keine Chance, man fühlt fremd im eigenen Land. Ich rede aus Erfahrung. Nicht alle Albaner, die sich einbürgern lassen, tun das aus Integrationswille. Sie haben immer noch ihren muslimischen Glauben und dürfen nun in Bundesbern über unser Land bestimmen. Warum wohl mussten Kreuze aus den Schul- und Spitalzimmern entfernt werden? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Kreuz aus der Schweizer Flagge verschwinden muss.

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CCCC
Intelligente Menschen wird dieser Bericht eh nicht überzeugen. Die Mentalität ist leider mittelarterlich. Deswegen sind Albanien und der Kosovo auch wirtschaftlich am Boden, bzw. entwickeln sich nur sehr langsam. Nicht mal einen McDonalds gibts (nicht das dies nötig wäre, die Firma ist aber in jedem halbwegs gescheitem Land anwesend). (In Belgrad übrigens seit den 80er Jahren, für die Albaner die lustigerweise behaupten Serbien sei rückständig) Auch sieht man nun, etliche Jahre nach der "Unabhängigkeit", dass die bösen Serben nicht das Problem waren. Ihre "Befreiungsarmee" waren übrigens Terroristen, die Anschläge auf das jugoslwawisch/serbische Militär verübt haben. Dies führte dann auch zur Eskalation.

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