Der Kuhbraten dampft. Die Köpfe senken sich zum Gebet. Alle sprechen mit. Dann macht Ruedi Beeler mit dem Messer das Kreuzzeichen über dem Brotlaib, bevor er ihn anschneidet. An der Wand ein gekreuzigter Jesus und ein Palmstrauss, geflochten aus Salweide und Wacholder. Jeden Tag beginnt die sechsköpfige Familie Beeler so ihr Mittagessen. Ihr Alltag ist durchsetzt mit kleinen Ritualen, und man merkt es an der Haltung der Hände, an den fliessenden Bewegungen, den monotonen Gebetsstimmen, dass da jahrelange Übung drinsteckt.

Doch wenn Beelers ihren Glauben in Worte fassen sollen, stocken verunsichert die Stimmen und Bewegungen.

Zögernd beginnen sie zu reden, und dann vermischt sich manchmal alles. Gott, die Schutzengel Michael, Gabriel und Rafael, all die Heiligen, Jesus, die Verstorbenen, die Muttergottes. Und was rauskommt, wenn sich alles vermischt, ist eine endlose Masse, die irgendwie lebt und doch nicht, voller Wohlwollen, voller Liebe. Masse ist vielleicht das falsche Wort. Vielleicht ist es eher etwas wie Wasser oder Nebel, jedenfalls etwas, in das man eintauchen kann, das einen umgibt wie eine schützende Hülle. Familie Beeler schwimmt in Liebe, fühlt sich nie allein. «Für Beelers ist der Glaube eine Heimat», wird der Dorfpfarrer später sagen.

Dienen – ein total schönes Gefühl

Gläubig katholisch – was heisst das eigentlich? Wie beeinflusst der Glaube den Alltag? Unterscheidet sich das äussere Leben überzeugter Katholiken überhaupt vom Leben anderer? Als es darum ging, eine gläubige katholische Familie zu finden für diesen Artikel, hagelte es Absagen. Die meisten scheuten davor zurück, sich öffentlich als gläubig zu erkennen zu geben, weil sie schiefe Blicke, blöde Sprüche, Spott und Häme fürchteten.

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Die Missbrauchsskandale und Vertuschungsstrategien haben der katholischen Kirche in den letzten Monaten einen gravierenden Imageschaden beschert. Und einen massiven Mitgliederschwund. An die Stelle des Respekts für die Kirche als moralische Institution ist bei vielen Menschen Misstrauen getreten. Ein Luzerner Pastoralassistent sagte es so: «Ich bin es leid, ein mitleidvolles Lächeln zu kassieren, wenn ich mich als Seelsorger der katholischen Kirche oute.»

Beelers haben als Einzige für den Artikel zugesagt. Ruedi Beeler, 47, Bauer, wie seine Eltern und seine Grosseltern, seit 22 Jahren verheiratet mit Doris Beeler, 46. Zusammen haben sie vier Kinder im Alter von 10 bis 19, alles Mädchen. Etwas abseits von Goldau SZ, an einem Hang, steht ihr Haus. Daneben der kleine Stall, in den zehn Kühe passen, einige Kälber und Hühner.

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Nie hätten sie an der Kirche, am Glauben gezweifelt, so reden Beelers, und ihre erstaunten Gesichter zeigen, wie absurd sie diesen Gedanken finden.

Die Mädchen: offene, wache Gesichter. Keine Schminke, kein Schmuck, nur Andrea, 17, trägt eine goldene Kette mit Kreuzanhänger. Nach dem Mittagessen räumen sie den Tisch ab, füllen die Reste in Tupperware, reinigen den Ofen, spülen und trocknen das Geschirr, ohne dass die Eltern etwas sagen müssen. Alle vier ministrieren in der Kirche. «Ich diene gerne», sagt Sonja, die Älteste. Es sei ein total schönes Gefühl.

«Diese Hingabe nichts ist faszinierender»

Die Eltern: Im Schlafzimmer an der Wand hängt ein kleines Weihwasserbecken mit einem eingeschnitzten Jesus, der die Arme ausbreitet. Morgens, bevor die Töchter und der Mann das Haus verlassen, macht Doris Beeler jedem mit Weihwasser ein Kreuzzeichen auf Stirn, Kinn und Brustbein. «Zum Schutz», sagt sie. Sie spricht langsam, mit tiefer, alter Stimme, die so gar nicht zu ihren strahlenden, wissbegierigen Augen passt. Ruedi Beeler liest am Abend gerne Heiligengeschichten, manchmal liest er sie den anderen auch laut vor. «Diese Hingabe der Heiligen an ihren Glauben – es gibt nichts Faszinierenderes.» Er hat einen weichen Mund und eine tiefe senkrechte Falte zwischen den dichten Brauen; streng wirkt das und zugleich immer ein wenig selbstironisch.

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Die Familie strahlt eine merkwürdige Harmonie aus. Zuerst begreift man nicht, woran das liegt, und wenn die Mutter sagt, sie hätten den Kindern den Glauben nicht mit dem Hammer einmeisseln müssen, der sei von allein gewachsen, glaubt man ihr das sofort. Weil ja die Mädchen zu allem nicken, was die Eltern sagen, und umgekehrt. Jeden Satz könnte man auch in den Mund der anderen legen. Und wenn der Vater lachend sagt, niemals würde eine seiner Töchter sich von der Kirche distanzieren, das könne er sich nicht vorstellen, «würden sie die Kirche aufgeben, würden sie auch ihre Identität aufgeben», glaubt man auch das sofort. Weil ja auch die Mädchen einstimmen in sein selbstbewusstes Lachen. Merkwürdig ist, das merkt man erst mit der Zeit, dass es in der Glaubenswelt der Beelers keine Fragen und keine Antworten gibt und damit keine Entwicklung, keine pubertäre Auflehnung, keine Distanz. Der Glaube, er ist einfach.

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«Seit unserer Heirat hat sich unser Glaube nicht verändert», sagt der Vater. «Nur die Welt hat sich verändert.» Heute kritisiere jeder die Kirche, jeder gebe seinen Senf dazu, Pfarrer, Bischof, Papst seien keine Respektspersonen mehr, kaum jemand höre noch auf sie. Von mehr Mitsprache hält Ruedi Beeler wenig. «In einer demokratischen Kirche würde der Glaube verlieren.» An ihm würde so sehr rumgehobelt und rumgeschliffen, bis nichts mehr übrig wäre.

Vorbehaltlos und rein, so könnte man den Glauben der Beelers umschreiben. Unerschütterlich wie die Liebe eines Kindes zu den Eltern, wo der Vater immer der Held ist, der Vater es richten wird, egal, was passiert. Hat eine Kuh Fieber, macht ihr Ruedi Beeler das Kreuzzeichen auf die Stirn. Amina, die zwölfjährige Tochter, spricht vor schwierigen Schultests ein Stossgebet. Doris Beeler bestellt einen Schutzengel, wenn die Älteste allein auf Reisen ist. «Kritiker machen es sich zu einfach», sagt sie. «Statt sich hinzugeben, zu vertrauen, treten sie aus der Kirche aus.» Der Austritt ist für sie eine bequeme Ausrede.

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Warum der Glaube an die Kirche schwindet

Momentan erwägt jeder dritte Schweizer Katholik den Austritt. Das sagt eine Umfrage des Forschungsinstituts GfS Zürich vom letzten Mai. Und das hängt nicht nur am Säkularismus der modernen Zeit. Im Gegenteil: «Glauben hat Hochkonjunktur», lautete das Fazit einer Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts aus dem Jahr 2008. «Gerade Menschen, denen es gut geht, stellen sich heute wieder die grossen Fragen nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Identität.» Viele wünschen sich eine Welt wie jene der Beelers, in der es Trost und Halt und Orientierung gibt, eine Heimat. Aber immer weniger Menschen finden das, was sie suchen, in der katholischen Kirche. Das ist neu. Fast die Hälfte aller bereits ausgetretenen Katholiken kehrte der Kirche erst in den vergangenen fünf Jahren den Rücken, so die GfS-Umfrage, davon die meisten im letzten Jahr.

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«Das eigentliche Problem der Kirche ist, dass das Fass bereits für viele so voll ist, dass es für den Austritt oft nur noch einen Tropfen braucht», kommentierte Felix Gmür im Mai die Zahlen, damals noch Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz. Der Tropfen: die Missbrauchsfälle. Das eigentliche Problem: die Doppelmoral; keine Mitsprache für Laien; das konservative System; der Ausschluss der Frau; die unangreifbare Wahrheit, die Rom für sich reklamiert und über die Menschen stellt.

«Der Papst wird seine Gründe haben»

Die vier Mädchen, die Eltern am Tisch in der Küche, in die jetzt die Sonne scheint, sind Lobredner der Kirche und irgendwie doch nicht, weil sie ohne Eifer sprechen. Weil sie keine selbstzufriedenen Gesichter kriegen, wenn sie den Papst schönreden. Lobredner würden sich angegriffen fühlen vom Missmut, der da draussen der katholischen Kirche entgegenschlägt, sich verteidigen. Das tun Beelers schon auch, aber so, als würde all das sie nicht betreffen. «Der Papst sieht mehr als wir und wird seine Gründe haben, warum er tut, was er tut», sagt Doris Beeler bloss und zuckt mit den Schultern.

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«Unser Glaube kommt von innen»

Eigentlich ist der Papst nämlich gar nie angekommen auf diesem abgeschiedenen Hof. Andrea, die Zweitälteste, sagt, sie mache sich keine Gedanken über den. Und der Vater: «Unser Glaube kommt von innen.» Bezeichnend ist, dass die sechs nie von Gut und Böse, von Richtig und Falsch sprechen, für sie gibt es nur das Gute und das Richtige. Gott stellt sich Doris Beeler als «gewaltiges Licht» vor, das sie umgibt, in dem sie sich wärmen kann. Gott sei um einen herum, sagt Sonja, die Älteste, ganz nah, grosszügig, er helfe allen. Gott als strafender Richter existiert nicht in ihrer Glaubenswelt.

Beelers lassen einfach nicht zu, dass da ein paar Kirchenobere kommen und sich zwischen sie und Gott stellen. Beelers, wenn man das so sagen darf, gehorchen in Glaubensfragen ihrem Instinkt, sie nehmen sich, was gut tut, was Hoffnung und Halt gibt. Und was verunsichert, Angst macht, lassen sie einfach liegen.

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Sie haben sich alle Mühe gegeben, Worte zu finden für etwas, was bisher nie in Worte gefasst wurde, weil es so selbstverständlich ist. Jetzt sitzen sie da, am Tisch, und trinken Kaffee und haben das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen, weil ihnen die Worte so unpräzis vorkommen. Aber man quält sie noch ein letztes Mal, fragt, was denn das Grundsätzliche an ihrem Glauben sei. Und die Antwort kommt so leicht. «Dass man gut gesinnt ist gegenüber allen Kreaturen», sagt der Vater. Die anderen nicken schweigend.

Wenn ein Kalb auf die Welt kommt, macht ihm Ruedi Beeler ein Kreuzzeichen auf die Stirn. Er will dem Tier damit zeigen, dass es willkommen sei. Darum geht es. Das ist eine der Abertausenden Antworten auf die Frage, was denn gläubig katholisch heute überhaupt heisst.

Nachmittag. Es taut, schwimmende Strassen mit letzten Eisflächen. Sie spazieren durchs Dorf, möchten einem die Kirche noch von nahem zeigen. Sonja sagt, es gebe fast nichts Schöneres, als in der Gemeinschaft zu beten. «Egal, wie man in die Kirche reingeht, man kommt immer ruhig und andächtig heraus.»

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Am Kirchentor treffen sie zufällig auf den Pfarrer, er schüttelt ihnen wie alten Bekannten die Hand. In der Kirche, während sie vorne am Altar einige Kerzen anzünden, sagt der Pfarrer: «Sie kommen nicht einfach, weil sie müssen. Sie leben das.» Woran merkt er das? Der Pfarrer lacht, weil er es nicht genau sagen kann. «An ihren Gesichtern», sagt er dann, und es klingt wie eine Frage.