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LeihmutterschaftKinder sind keine Bestellware!

Der Ruf nach einer Legalisierung der Leihmutterschaft wird lauter – auch in der Schweiz. Doch für das Verbot gibt es gute Gründe.

Leihmutter in Indien – bevor dieses Geschäft nach harter Kritik verboten wurde.
von aktualisiert am 20. Juni 2017

Vor drei Monaten lancierte «Die Zeit» die Debatte: «Kinderkriegenlassen ist okay. Wer ein Kind von jemand anderem gebären lässt, trägt ein Stigma. Damit muss Schluss sein!» Jetzt zog die Schweizer «Sonntags-Zeitung» nach (Artikel online nicht verfügbar). Auch sie fordert: «Leihmutterschaft ist eine Realität – ihr mit Verboten zu begegnen, ist falsch.» Tenor beider Artikel: Die Leihmutterschaft werde zu Unrecht dämonisiert. In Wahrheit sei sie bloss eine weitere Möglichkeit der Reproduktionsmedizin für Paare, die sich sehnlichst ein Kind wünschten und selber keines kriegen können. Das ist Schönschwätzerei.

Die Fakten: Weil Leihmutterschaften in der Schweiz und in Deutschland illegal sind, weichen Wunscheltern in Länder aus, in denen Babys auf Auftrag zum Geschäft geworden sind. Zum Teil mit bedenklichen Folgen. In Indien beispielsweise gabs bis vor kurzem 3000 Fertilitätskliniken. Erst als ein australisches Paar von Zwillingen nur das Gesunde mit nach Hause nahm und jenes mit Downsyndrom zurückliess, kam Kritik auf. Ende 2015 hat Indien die gewerbliche internationale Leihmutterschaft verunmöglicht, indem es die Einfuhr von Embryos, die Leihmüttern eingepflanzt werden, unter Verbot stellte.

Doch das Geschäft boomt weiter. Google spuckt auf die Eingabe «Leihmutter gesucht» seitenweise Angebote aus. Ab rund 40'000 Franken und nach oben ziemlich offen gibts Angebote, etwa in der Ukraine, in einigen US-Staaten, in Israel, Belgien, Russland, Spanien, um nur einige zu nennen. 

Kinder werden oft nicht anerkannt

Für die Befürworter der Leihmutterschaft liegen die Probleme dieser Angebote nur in zu wenig klaren Regelungen in vielen Ländern. Deshalb möchten sie die Leihmutterschaft auch hierzulande ermöglichen. Damit würde auch ein zweites Problem gelöst: Wunscheltern beklagen sich zunehmend darüber, dass sie ihr im Ausland bestelltes Kind aufgrund des geltenden Verbots in der Schweiz rechtlich oft nicht anerkennen lassen können. Fehlt eine genetische Verbindung, etwa weil der Leihmutter die Eizelle einer Drittperson eingepflanzt wurde, wird eine Anerkennung verweigert. 

Daher steigt der Druck, das Geschäft mit der Leihmutterschaft als irgendwie normale Entwicklung zu rechtfertigen, deren Eckpunkte bloss klar definiert werden müssten. Munition für die Befürworter einer Liberalisierung liefert ein Bericht der Nationalen Ethikkommission für Humanmedizin vom November 2013. Auf 64 Seiten präsentieren 14 Experten «ethische Überlegungen und Vorschläge für die Zukunft» der medizinisch unterstützten Fortpflanzung. Darin plädierte eine Mehrheit für eine Liberalisierung des Verbots der Leihmutterschaft. Zwar soll das Kindeswohl «zur obersten Maxime» erklärt werden, hielten die Experten fest. Sie argumentierten aber zugleich, dass es «das Kind, dessen Wohl im Voraus gewürdigt wird, schlicht nie geben» wird, wenn der Zugang zu einem Fortpflanzungsverfahren unter Berufung auf das Kindeswohl verboten würde.

Akrobatische Abwägung der Argumente

Die zahlreichen Argumente für ein Verbot der Leihmutterschaft verblassen vor diesem Killerargument. Doch sie sind gewichtig: gesundheitliche Risiken für die Leihmutter, Instrumentalisierung der Frau, «Herabwürdigung des Kindes zu einer Ware» und nicht zuletzt die biologischen Bindungen, die während der Schwangerschaft entstanden sind und die dann, nach der Geburt per Kaiserschnitt, gekappt werden. Eine «epigenetisch erhebliche Komponente», befanden die Fachleute.

Doch eine akrobatische Argumentenabwägung führte die Experten trotz all diesen Bedenken zum Schluss, das Kind werde ja «nicht wirklich seinem Schicksal überlassen, da es von den Wunscheltern übernommen wird, die dem Kind die Fürsorge und Aufmerksamkeit gewährleisten, die es benötigt». Auch der kritische Vorhalt einer Kommissionsminderheit, «es sei von der Natur vorgegeben, dass jedes Kind einen Vater und eine Mutter hat, die für die Entwicklung des Kindes ihre spezifische Bedeutung haben», wurde relativiert. Aus den Naturgesetzen könnten keine ethischen Grundsätze abgeleitet werden, die gegen Eingriffe in der Fortpflanzungsmedizin sprechen. Die Natur regle die Dinge schliesslich «auch nicht immer optimal».

Fazit: Wenn eine Kommerzialisierung der Leihmutterschaft verboten wird, könnten Leihmutterschaften ja auf altruistischer Basis gefördert werden.

Wer ein Kind von einer Mietmutter austragen lässt, denkt wohl weniger ans Wohl des Kindes als an sein eigenes.


Andres Büchi, Beobachter-Chefredaktor

Wohin bewegen wir uns da? Nur weil man argumentieren kann, dass Leihmütterverträge irgendwie gar nicht so schlimm seien und es einzig darum gehe, diese Mütter möglichst gut zu schützen, wird die Produktion von Babys auf Bestellung doch nicht besser. 

Es wird gesagt, viele Leihmütter bewerteten ihre Erfahrungen als positiv. Von den Hormonverabreichungen, denen sie sich unterziehen müssen, von den Risiken, denen sie sich damit aussetzen, liest man kaum ein Wort. Und was die Babys betrifft, hört man oft, letztlich sei ja auch ein Leihmutterkind kaum etwas anderes als ein adoptiertes Kind, das seine wahren Eltern oft auch nicht kenne. Alles halb so schlimm also.

Doch der Vergleich hinkt: Durch eine Adoption wird ein Kind aus einer schwierigen Situation gerettet, so mindestens die Idee dahinter. Durch einen Leihmuttervertrag aber wird ein Baby ohne Not aus seiner in den ersten neun Monaten gewachsenen Bindung zur Mutter herausgerissen, ohne Rücksicht auf mögliche spätere Folgen.

Kinderlosigkeit rechtfertigt nicht alles

Wie Gedanken in uns entstehen, hat die Forschung bis heute nicht entschlüsselt. Aber jeder Mensch kennt so etwas wie eine innere Stimme. Diese innere Stimme sagt uns, dass ein «Baby auf Auftrag», ausgetragen in einem fremden Bauch, irgendwie falsch ist. Deshalb müssen wir so kompliziert argumentieren, um Rechtfertigungsgründe dafür zu finden.

Wenn die Forschung Fortschritte macht, dann ist das wunderbar und spannend. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns dem Machbarkeitswahn auf jeder Ebene ausliefern und alles abnicken müssen, was heute möglich ist. 

Natürlich leiden Paare, die sich sehnlichst ein Kind wünschen und keines bekommen können. Aber ihr Leid rechtfertigt nicht jeden Eingriff, der auch andere in Mitleidenschaft zieht. Wer sich ein Kind wünscht zur Komplettierung seines eigenen Lebensentwurfs, sollte sich vielleicht die Frage stellen, warum ihm sein Leben, so wie es ist, nicht genügt und was für andere Chancen sich bieten könnten. 

Die Leihmutter trägt das Risiko, und das Kind wird zur Ware degradiert, aber dennoch finden Ethiker, eine Liberalisierung wäre angezeigt.


Andres Büchi, Beobachter-Chefredaktor

Glück stellt sich nicht ein, wenn so und so viele Kriterien erfüllt sind, sondern wenn man sich getragen fühlt vom Leben, weil man eine Aufgabe hat, anderen Menschen Liebe geben kann, das Leben selber schätzt und auch die damit verbundenen Herausforderungen.

Eltern, die sich zur Abrundung ihres Lebenstraums ein Kind wünschen, dieses von einer Mietmutter austragen lassen und es anschliessend bei jeder Gelegenheit in fremde Hände auslagern, denken wohl weniger ans Wohl ihres Kindes als vorab an ihr eigenes.

Aber Glück und Lebenssinn lassen sich nicht kaufen, genauso wenig wie die perfekte Welt. Dennoch können wir einiges beitragen zu einer besseren Welt, indem wir unser Handeln danach ausrichten, was möglichst vielen Menschen einen Nutzen bringt und möglichst wenigen schadet. Kurz: was der Schöpfung, was dem Leben dient. Das nennt man Moral. Leihmutterschaften gehören nicht dazu.

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13 Kommentare

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saudalax
Und ich bin sicher nicht mit meinem Kinderwunsch dafür zuständig, dass die Repromediziner forschen oder auch nicht. Ich muss damit klarkommen, und wenn ich höchstselbst an einer Stelle sage: Schluss jetzt! dann habe ich damit nicht mein Recht auf Lebensglück schuldhaft verwirkt. Dann liegt es in meiner Macht, damit umzugehen, so oder so (übrigens haben wir uns den ukrainischen Ärzten von der von Ihnen erwähnten Biotexcom-Klinik helfen lassen: erfolgreich!!). Ob ich nun ein behindertes Kind gebäre oder ein gesundes oder gar keins. Und ein aktives Annehmen dessen was man nicht ändern kann, ist meiner Meinung nach da der richtige Weg. Aber wenn der Patient, der zu Ihnen kommt, nachdem Sie Ihn ordnungsgemäß aufgeklärt haben, sagt: „Will ich nicht.“ aus welchen Gründen auch immer, können Sie ihn gehen lassen, ohne Ihm Schuldgefühle zu vermitteln? Ich kenne einfach Mediziner, die sind sehr gut darin, Ihren Patienten eine Art „Feigheit vor dem Feind“ zu unterstellen. Dazu müssen Sie nicht gehören, ich gebe das nur zu bedenken.

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jaque
Die Leihmutterschaft setzt das fort, was man für das Altertum als Sklaverei bezeichnet, besonders in solch armen Ländern wie Ukraine. Ja, richtig, die Sklavin war rechtlich nicht existent. Wenn sie ein Kind gebar, dann war das nicht ihr Kind, sondern als rechtliche Mutter galt ihre Besitzerin. Dass der linke Zeitgeist sogar eine Apologie der Sklaverei hervorbringt (bzw. nun auch "modernerer"Unfreiheitsverhältnisse), das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Literaturempfehlung: Egon Flaig, Geschichte der Sklaverei. Das Verschmelzen der "neuen Linken" mit dem Neoliberalismus ist es gerade, was das Wesen unserer spätwestlichen Gegenwart ausmacht. Egon Flaig beschreibt dies als einen Prozess, der wesentlich für die vergangenen ~20 Jahre ist. Sie finden dazu eine schöne einstündige Vorlesung von auf youtube. ....Das Land, dem wir unter Kohl beitraten, gibt es nicht mehr. Insofern find ich auch, dass das Einheitsdenkmal in Berlin, um das gerade diskutiert wird, quasi seinen Gegenstand verloren hat.

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mk84
Die Leihmutterschaft lehne ich ab. Egal ob für ein schwules Paar oder für Heterosexuelle Akademiker in Europa, die ihre Gebärfähigkeit auf dem Altar der Karriere geopfert haben, in Amerika oder in der Ukraine, von wo man letzter Zeit nur skandalöse Repromedizin-Nachrichten über die Biotexcom-Klinik zum Lesen bekommt. Ich glaube nämlich nicht, dass Frauen in Bangladesch so froh und glücklich über die Leihmutterschaft sind, wie die im Artikel erwähnten Frauen in Israel, die aus "religiösen" Motiven handeln. Im globalen Kontext dürften die wenigsten Leihmütter so religiös beglückt sein. Es ist kein Menschenrecht, sich ein Kind zu bestellen. Wenn der Kinderwunsch so groß ist, dann sollen die betreffenden Paare ein Kind adoptieren. Es gibt genügend Beispiele trauriger Schicksale von Kindern, die bereits auf der Welt sind und in Waisenhäusern, Kinderheimen etc. auf ein besseres Leben warten. Warum dieser pure Egoismus, ein Kind "in Auftrag" zu geben und es von einer Leihmutter austragen zu lassen?

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squeezie
"Der Körper als Handelsware." Nennt sich im Allgemeinen arbeiten..... "Wer gegen die Leihmutterschaft ist, der diskriminiert Schwule." Wie man das merken kann erschliesst sich mir nicht. Sicher das das nicht mehr über den Verfassers des Posting als über den Text aussagt? Wem die Biotexcom-Werbung in jedem deutschen Kiwu-Forum nicht gefällt, der hat Vorurteile gegen Osteuropa… Ich hatte jetzt alle Kommentare zum Artikel durchgelesen und mich etwas gewundert. Nirgends etwas zu den Arbeitsverhältnissen. Der Satz, "die ihre Gebärfähigkeit auf dem Altar der Karriere geopfert haben", trifft es auf den Punkt. Wir ersparen uns einfach die lästigen neun Monate Schwangerschaft und sourcen dieses Karrierehindernis mit etwas Geld einfach aus. Wir wollen alles haben, aber nichts geben, alles mitnehmen aber auf nichts verzichten. Und das am besten sofort. Wir sind so degeneriert.

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