Gleissendes Scheinwerferlicht – ich bin froh um die dicke Schminke. Auf den Studiobildschirmen im Hintergrund läuft der «So nicht!»-Beitrag. Wie in Trance stehe ich da und versuche krampfhaft, wenigstens am kleinen Bartisch eine festen Halt zu finden. Ich befinde mich im direkten Fadenkreuz der Kameras. Die drei auf mich gerichteten Objektive erscheinen mir plötzlich wie gigantische Tunnels, durch die ich in einem endlosen Marsch in die Stuben der über eine halbe Million Zuschauerinnen und Zuschauer gelangen könnte. Röbi Koller lächelt. Schnell putzt er letzte Schminkspuren von meinem Hemdkragen und macht eine Geste, die mich ermahnen soll, langsam zu sprechen. Gnadenlos zählt die Aufnahmeleiterin den Countdown: «Noch zehn Sekunden». Ein Zurück gibt es schon lange nicht mehr. Der Livesendungs-Schnellzug rauscht heran und ich konzentriere mich voll auf den Aufsprung. Jetzt erscheint auf dem Studiomonitor das Logo begleitet von der Erkennungsmelodie und schon stellt Röbi Koller die erste Frage.

Innert Sekundenbruchteilen geht es von Null auf Zweihundert. Mein inneres Ich spielt weiterhin verrückt und versucht das Portal zum gefürchteten «Black Out» weit aufzustossen, während mein rationales Ich erstaunlich gelassen bleibt und zuverlässig seine Arbeit verrichtet. Völlig abgehoben sehe ich meine leibliche Hülle quasi neben mir stehend, die Fragen beantworten. Und bevor das innere Ich es geschafft hat, mich in den Abgrund zu stossen, spricht mein rationales Ich auch schon das Schlusswort. Wieder lächelt Röbi Koller. «Gut gemacht», flüstert er. Mit einem warmen Applaus werde ich aus dem Studio verabschiedet.

Völlig benommen tauche ich aus dem Scheinwerferlicht in die dunkle Kulissenlandschaft des Studios. «Jetzt ein Bier», schlägt die «Quer»-Redaktorin vor. Es ist das Erste, was ich wieder bewusst wahrnehme. Es dauert seine Zeit, bis ich völlig angekommen bin. Auch die «Quer»-Redaktorin ist mit meinem Auftritt zufrieden. Als wir später im Foyer sitzen und uns mit den Gästen unterhalten, weicht die Anspannung und eine angenehme Erleichterung macht sich breit.

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An Schlaf ist vorderhand nicht zu denken. Zu gross war die Adrenalinausschüttung. Erst gegen Mitternacht mache ich mich auf den Heimweg. Zu meiner Ueberraschung hat mein Bruder noch Gäste und niemand hat etwas dagegen, dass ich mich dazusetze. Jetzt wollen sie natürlich die Videoaufzeichnung meines Auftritts sehen und auch ich selbst bin gespannt auf den Beitrag.

Sinnigerweise findet der «Quer»-Fall in den Gästen meines Bruders die ideale Zielgruppe. Vornehmlich Ärzte und Juristen sind zu später Stunde versammelt, und es entbrennt eine hitzige Diskussion über die Relevanz des Beitrages, ärztliche Ethik und fairen Journalismus. Die Juristen ergreifen Partei für den Arzt, der sich geweigert hat, eine Patientin weiterzubehandeln. «Klarer Fall: Auftragsrecht. Der Arzt kann jederzeit zurücktreten.» Dieser Ansicht können sich die Ärzte nicht anschliessen. «Auch wenn es juristisch sauber ist, als Arzt verhält man sich nicht so. Punkt.»

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Wenn der Beitrag alle Zuschauerinnen und Zuschauer in diesem Mass zum Nachdenken angeregt hat, dann haben wir unsere journalistischen Pflichten ja voll erfüllt. Von diesem Gedanken beseelt verlasse ich die Runde, lege mich zu meiner Frau ins Bett, schliesse die Augen und bin unglaublich erleichtert, dass es vorbei ist.