Beobachter: Sarah El Bulbeisi, Sie behaupten, das Schicksal der Palästinenser werde in Schweizer und deutschen Medien totgeschwiegen. Wie kommen Sie darauf?
Sarah El Bulbeisi:
Wer sich mit den historischen Fakten auseinandergesetzt hat, erkennt in der Berichterstattung ein sehr selektives Spiel von Schweigen und Betonen, Fokussieren und Ausblenden.


Ist das Ihre Wahrnehmung oder stützen Sie sich dazu auf Analysen?
Nicht im Sinne einer quantitativen Analyse des gesamten öffentlichen Diskurses – das ist gar nicht möglich. Aber die waltenden Mechanismen kann man zum Beispiel anhand des Konzepts der symbolischen Gewalt beschreiben, auf das Forscher häufig zurückgreifen, um verdeckte Machtverhältnisse zu analysieren. 

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Bitte erklären Sie.
Es ist eine ähnliche Form von Gewalt, die zum Beispiel über Jahrhunderte die traditionelle Geschlechterordnung zementierte. Diese Gewalt geht von gesellschaftlichen Normen aus, die sich wiederum in Sprache, Bildern und Vorstellungen niederschlagen. Und weil sie gesellschaftlich anerkannt ist, bleibt sie im Verborgenen.


Aber wie äussert sich dies im Bezug auf Palästinenserinnen und Palästinenser?
Sie werden als bedrohliche, unmoralische Wesen markiert: als Verkörperung des gewalttätigen Terroristen und Antisemiten. Diese Stigmatisierung verunmöglicht, sie als Menschen zu sehen, die systematischer Gewalt ausgesetzt sind. 

«Die Verbindung zwischen dem Holocaust und der Gewalt des israelischen Staates gegenüber Palästinensern ist tabu.»

Sarah El Bulbeisi, Kulturwissenschaftlerin

Und diese Muster erkennen Sie in der alltäglichen Berichterstattung über den Palästinakonflikt? 
Die mediale Berichterstattung konzentriert sich meist auf Eskalationen zwischen der israelischen Armee und der sogenannt militanten islamistischen Hamas. Die Vertreibungen, der Entzug der Lebensgrundlagen und die Entrechtung werden kaum thematisiert. Der Mainstream-Diskurs in europäischen oder westlichen Medien ist teilweise so einseitig, dass er als rassistisch bezeichnet werden kann. Anfang Mai führte zum Beispiel die Deutsche Welle ein Live-Interview mit dem palästinensischen Aktivisten Ali Abunimah. Gleich danach entschuldigte sich der Sender und entfernte den Beitrag, weil Abunimah mit antisemitischen Äusserungen terroristische Akte gerechtfertigt habe.


Hat er?
Nein. Aber er hat Deutschland für seine militärische und moralische Unterstützung Israels kritisiert und diese auf das deutsche Schuldbewusstsein wegen des Holocaust zurückgeführt. Die Palästinenser würden mit ihrem Leid den Preis für diese Schuld bezahlen. Indem er die aktuelle europäische Israelpolitik mit dem Holocaust in Verbindung brachte, ging er gegen die gängige «Meistererzählung» an.

Was ist die «Meistererzählung»?
Das vorherrschende Narrativ. Historisch gesehen sind die systematische Vertreibung der Palästinenser und das Nichteingreifen der internationalen Staatengemeinschaft eine direkte Folge des Holocaust. Im öffentlichen Diskurs wird das aber nur sehr selten so dargestellt. Die Verbindung zwischen dem Holocaust und der Gewalt des israelischen Staates gegenüber Palästinenserinnen und Palästinensern ist tabu. Entsprechend wird ihre Enteignung und Vertreibung nicht als Auswirkung der europäischen Geschichte erinnert oder betrauert.
        

Weshalb?
Weil sich Europa nach den Verbrechen des Holocaust nach Unschuld sehnt – dabei stört die Vertreibung der Palästinenser. Deswegen wird sie geleugnet oder die Schuld den Betroffenen selbst zugeschoben: «Ihr wolltet nicht teilen, wart nicht verhandlungsbereit, habt selbst das Land verkauft» – alles historisch nachweislich unwahr, falsch. Und weil Europa und Israel die Guten sind, müssen die anderen die Bösen sein. So wurde der Palästinenser zum Prototyp des arabischen Terroristen.


Lag das nicht eher an Terrorakten wie der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972 in München oder den Flugzeugentführungen?
Das Bild des gewalttätigen, primitiven, moralisch abweichenden Palästinensers zirkulierte bereits vor diesen Aktionen. Schon die Massenvertreibungen von Palästinensern 1947/48 wurden dadurch gerechtfertigt.


Sie sagen, auch der Diskurs hierzulande sei proisraelisch geprägt. Warum soll auch die Schweiz ein schlechtes Gewissen haben, wegen ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg?
Es ist vielschichtiger. Die Schweizer konnten sich nach dem Krieg gut mit dem jungen Staat Israel identifizieren: eine kleine Demokratie mit einer wehrhaften Armee, von Feinden umzingelt. Es gab Spendenaufrufe zur Unterstützung Israels unter dem Motto «Ein kleines Land für ein kleines Land».


Sie sind selbst als Tochter eines Palästinensers in der Schweiz aufgewachsen. Sind Sie als direkt Betroffene überhaupt glaubwürdig als Wissenschaftlerin?
Das ist eine Beleidigung.

«Dass harte Kritik an Israel erst glaubwürdig und salonfähig ist, wenn sie von jüdischen Exponenten kommt, ist diskriminierend.»

Sarah El Bulbeisi, Kulturwissenschaftlerin

Sie sind nicht befangen?
Niemand würde einer deutschen Wissenschaftlerin, die sich mit wichtigen Themen deutscher Zeitgeschichte – sagen wir mal, mit dem Nationalsozialismus – auseinandersetzt, Unglaubwürdigkeit unterstellen, nur weil sie Deutsche ist. Der Bias liegt also in dieser Unterstellung.


Sie verwenden in Ihrem Buch Wörter wie «ethnische Säuberung» und bezeichnen Israel als «Apartheid»-Staat. Was wollen Sie damit erreichen?
Ich verwende diese Begriffe, weil sie Vorgänge und Zustände treffend beschreiben. Sie werden auch von renommierten jüdischen Historikern wie Ilan Pappe verwendet. Dass ich das überhaupt anführen muss, zeigt das Problem.


Welches Problem?
Dass harte Kritik an Israel erst glaubwürdig und salonfähig ist, wenn sie von jüdischen Exponenten kommt. Auch das ist diskriminierend.


Inwiefern ist Israel für Sie ein Apartheidstaat?
Nehmen wir schon nur das Nationalstaatsgesetz von 2018: Es definiert Israel als Nationalstaat des jüdischen Volkes, schreibt die rechtliche Ungleichheit von jüdischen und nicht jüdischen Staatsbürgern Israels fest und schafft Arabisch als offizielle Staatssprache ab. Hinzu kommen die ethnische Segregation durch Mauern, separate Strassen und Checkpoints sowie Genehmigungs- und Identitätskartensysteme, die sicherstellen, dass Palästinenserinnen und Palästinenser in ihren Enklaven bleiben. Das ist institutionalisierte Diskriminierung. Oder eben Apartheid.
                

Erleben Sie als Palästinenserin auch persönlich Diskriminierung?
Regelmässig. Es beginnt damit, dass Leute verblüfft reagieren, wenn ich ein Buch eines jüdischen Autors lese. Ich wurde im Ausgang schon als Terroristenbraut angemacht. Ein andermal drohte ein Wissenschaftler, der in der Hierarchie über mir stand, ein Podium zu boykottieren, wenn ich dort meine Arbeit präsentierte. 


Haben Sie das Referat trotzdem gehalten?
Natürlich. Aber bezeichnend war, dass der Kollege nicht zurechtgewiesen wurde – und ich nicht verteidigt.

«Viele Betroffene schämten sich für die erfahrene Gewalt und verleugneten sich selbst oder ihr Palästinensischsein.»

Sarah El Bulbeisi, Kulturwissenschaftlerin

Warum bekommen Palästinenserinnen und Palästinenser so wenig Unterstützung?
Das ist ebenfalls Teil der symbolischen Gewalt, die ich angesprochen habe: Empathie für die palästinensische Geschichte wird nicht als humane Haltung anerkannt, sondern immer mit verdächtigen Positionen der Gesellschaft verknüpft: dem Antisemiten, dem linken Aktivisten, dem Radikalen, dem Parteilichen, dem Irrationalen oder dem Ideologischen. Das macht es schwierig, sich mit Palästinensern zu solidarisieren.


Nochmal zurück zur Terminologie: Wenn Begriffe wie «ethnischen Säuberungen» und «Apartheid» Ihrer Ansicht nach zutreffend sind – warum sind sie für so viele Beobachter ein rotes Tuch?
Weil diese Begriffe das Konfliktnarrativ in Frage stellen.


Warum soll es kein Konflikt sein?
Statt der Konstellation «Unterdrücker vs. Unterdrückte» impliziert der Konflikt zwei Kontrahenten, die sich auf Augenhöhe einen Schlagabtausch liefern, nach dem Schema Aktion-Reaktion. In dieser Logik muss sich Europa auch nicht nach seiner Verantwortung für die Vertreibung der Palästinenser fragen.


Die Palästinenser bezeichnen ihre Vertreibung als «Nakba». Das bedeutet «Katastrophe» oder «Zerstörung», genau wie der Begriff der «Schoa». Wieso wählen sie diese Begriffe? 
Mit dem Begriff wurde einerseits versucht, dem moralischen Gewicht des Holocaust zu begegnen, in dessen Schatten die Nakba von Anfang an stand. Andererseits verleiht er der Erfahrung der Zerstörung einer ganzen Gesellschaft Ausdruck. Die Nakba steht nicht nur für die Massenvertreibungen von 1947/48, im Zusammenhang mit der Staatsgründung Israels, sondern auch für die seither anhaltende tagtägliche Vertreibung, mehr noch die kollektive traumatische Existenz der Palästinenser.

«Viele Kinder nehmen die Geschichte der Eltern verzerrt durch die Brille der medialen Berichterstattung wahr. Sie spüren deren Not, können sie aber nicht einordnen.»

Sarah El Bulbeisi, Kulturwissenschaftlerin

Viele Flüchtlinge leiden an Traumata – wie unterscheidet sich das Schicksal der Palästinenserinnen und Palästinenser von deren Leid?
Ein grosser Teil dieser anhaltenden Traumatisierung ist eben die Nichtanerkennung ihrer Gewalterfahrung, mehr noch: Sie wurde missachtet, und zwar im Wesentlichen über ihre Negativstigmatisierung als Terrorist.


Wie äussert sich das konkret?
Viele schämten sich für die erfahrene Gewalt und verleugneten sich selbst oder ihr Palästinensischsein – mit allen Konsequenzen, von emotionaler Abwesenheit über Betäubungsmittelmissbrauch bis hin zu Depressionen. Ihre Scham wird von ihren Kindern auch als Schwäche verachtet.


Wieso das?
Viele Kinder sind von den Eltern entfremdet. Diese erzählen kaum. Die Geschichte der Eltern nehmen sie verzerrt durch die Brille der medialen Berichterstattung wahr. Sie spüren deren Not, können sie aber nicht einordnen. Verachtung ist eine Möglichkeit, mit Verlust umzugehen. Aus der Geschichte von Holocaust-Überlebenden gibt es ähnliche Beobachtungen.


Inwiefern?
Direkt nach dem Krieg galten die Opfer des Holocaust als Symbol absoluter Unterwürfigkeit und somit als mitschuldig an ihrer Tragödie: als Lämmer, die sich zur Schlachtbank hatten führen lassen. Holocaust-Überlebenden wurde deshalb selbst in Israel nicht nur Empathie entgegengebracht, sondern oft auch Misstrauen und Verachtung. Erst mit dem Eichmann-Prozess in den 1960ern griffen israelische Politiker wie Ben Gurion die Erinnerung an die Schoa auf.

«Junge Palästinenserinnen und Palästinenser stellen ihre Erfahrungen in den Kontext von Bewegungen wie ‹Black Lives Matter›.»

Sarah El Bulbeisi, Kulturwissenschaftlerin

Wo steht die Aufarbeitung der palästinensischen Geschichte?
Erst am Anfang. Im Zuge ihrer Selbstverleugnung hielten Eltern oft ihre Kinder davon ab, sich mit der palästinensischen Identität zu befassen. Zudem gibt es Berührungsängste in Disziplinen, die sich traditionell mit Fragen des kollektiven Gedächtnisses oder kollektiver Traumata auseinandersetzen. Da viele Methoden in der Aufarbeitung und Erforschung des Holocaust entwickelt wurden, gibt es Spannungen zwischen Methode und Gegenstand.


Warum sprechen Sie in Ihrem Buch eigentlich nur von den Vätern?
Ich habe vor allem mit Palästinensern gesprochen, die in den 60er-Jahren nach Deutschland und in die Schweiz gekommen sind, und mit ihren hier geborenen Kindern. Die meisten in dieser Generation sind nach Europa gekommen, um zu studieren oder zu arbeiten. Das waren vorwiegend Männer.


Wieso gilt jemand als Vertriebener, wenn er zum Studieren hierherkam?
Nach der Besatzung von Gaza, Westbank und Ostjerusalem 1967 setzte Israel ein Bürgerrechtsgesetz in Kraft, das Absentee Property Law. Es machte sie als Abwesende zu Fremden ohne Recht auf Land und Eigentum und verweigerte ihnen die Rückkehr, trotz erheblichem internationalem Druck.
    

Während der vergangenen Kämpfe exponierten sich Prominente wie Gigi und Bella Hadid für die Sache der Palästinenser. Das ist doch das Gegenteil von Selbstverleugnung?
Die Selbstverleugnung ist vor allem ein Phänomen der ersten Migrationsgeneration. Die zweite Generation, die in der USA und in Europa aufgewachsen ist, ersetzte die passive Ohnmacht der Eltern durch aktiven Widerstand. Tatsächlich gelingt es jüngeren Palästinensern heute zunehmend, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln. Sie scheuen sich immer weniger, diese Identität nach aussen zu tragen. Während die Eltern- und Grosselterngeneration auf der Anklagebank sass und sich bestenfalls zu verteidigen versuchte, klagen junge Palästinenserinnen und Palästinenser die Gesellschaft an und sagen: «Ihr seid rassistisch!» Damit stellen sie ihre Erfahrungen in den Kontext von Bewegungen wie «Black Lives Matter».


Ist das mehr als eine kurzfristige Entwicklung?
Das ist schwierig zu sagen. Was mich zuversichtlich stimmt, ist, dass sie es zumindest versuchen und handlungsmächtig werden, anstatt in der Opferposition zu verharren.

Zur Person

Sarah El Bulbeisi ist seit November 2019 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Orient-Institut Beirut tätig. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und leitete den Hochschuldialog «Gewalt, Flucht und Exil: Trauma in der arabischen Welt und in Deutschland». Sie promovierte an der LMU München und erhielt ihr Lizenziat an der Universität Zürich.

Ihre Dissertation «Tabu, Trauma und Identität: Subjektkonstruktionen von PalästinenserInnen in Deutschland und der Schweiz, 1960 bis 2015» stützt sich auf Gespräche, Lebensgeschichten und teilnehmende Beobachtung und untersucht das Spannungsverhältnis zwischen den (Familien-)Geschichten von PalästinenserInnen der ersten und zweiten Generation, die von der Erfahrung der Vertreibung und Enteignung geprägt sind, und der Umformung dieser Erfahrung in der westeuropäischen Darstellung des sogenannten Nahostkonflikts.

Sarah El Bulbeisi in ihrem Büro am Orient-Institut in Beirut
Quelle: Wald Sader

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