Der Antagonismus der Olympischen Corona-Spiele von Tokio ist nicht aufzulösen. Es ist der Widerspruch zwischen jenen, die prächtige Bilder von diesen zuschauerfreien Wettbewerben verkaufen und Milliarden verdienen, und jenen, die in Japan eine gewisse Trostlosigkeit erlebt haben und sich nun die Covid-19-Statistiken anschauen und hoffen, dass es die Tokyo Metropolitan Area nicht noch härter trifft. Dass also die olympische Blase möglichst wenige negative Auswirkungen hinterlasse.

Die einen, das sind die Monopolisten der Spiele: Das in Lausanne domizilierte Internationale Olympische Komitee (IOK) produziert die TV-Bilder bei Olympia selbst, und zwar mit gewaltigem Aufwand und in einer bisher einzigartigen Qualität. Mit der Vermarktung von Emotionen verdient das IOK im aktuellen Olympiazyklus mehr als sieben Milliarden Dollar. Die Bilderproduktion und deren Vermarktung sind das Kerngeschäft der IOC Group, wie der Konzern intern bezeichnet wird. Es ist ein gigantisches Joint Venture mit Techfirmen, die auch zu den IOK-Sponsoren zählen: Alibaba, Intel, Panasonic, Samsung und Atos. Es gibt nichts Vergleichbares in diesem Metier. 

Vor und hinter der Fassade

Das IOK schwört auf seine Bilder und auf die Unmengen von Kontakten zur Kundschaft, vor allem online, auf allen möglichen Social-Media-Kanälen – aber auch im kaum noch wichtigen linearen Fernsehen. Das IOK verkauft die Corona-Games quasi als Rettung der Menschheit, als Licht am Ende des Tunnels. Präsident Thomas Bach predigte immerzu den Erfolg dieses irrwitzigen Unternehmens. «Die Olympischen Spiele kamen zur rechten Zeit, um der gesamten Welt Hoffnung und Vertrauen zu geben», hat er am Schlusstag gesagt. Und amen.

Die anderen, das sind berufsmässige Nörgler, Journalisten, die versuchen, hinter die Fassade zu blicken. Zu den anderen zähle ich mich. Ich habe in Tokio das 13. Mal von Olympischen Spielen berichtet und das 31. Mal vor Ort von einer Vollversammlung des IOK. Ich habe damit mehr olympische Erfahrung als die meisten IOK-Mitglieder und traue mir deshalb ein begründetes Urteil zu. Und ich kenne Tokio und Japan ein bisschen. Ich war allein seit 2017 ein halbes Dutzend Mal dort.

Am Ende dieser jüngsten vier Wochen in Japan steht in der Zuschauerfrage allerdings eher ein emotionales Urteil als ein rationales. Ich bin nicht so blöd wie viele Reporter, die uns seit eineinhalb Jahren im Fernsehen nerven und erzählen, dass beim Sport ohne Zuschauer so viel fehle. Und doch war das in Tokio oft befremdlich, vor allem wenn ich jeweils mit meinem Rollköfferchen an Hunderten Menschen vorbei ins leere Stadion marschierte.

Ohne Einheimische

Draussen standen vor allem Japaner Schlange, um sich 200 Meter vom Stadion entfernt vor den olympischen Ringen zu fotografieren. Wenige Meter weiter, hinter den Sicherheitsschleusen, war ich allein. Auf dem Oberrang des Nationalstadions, wo ich meist eine ganze Reihe besetzte, sah ich keinen Menschen, wenn ich mal rausging, um den Fudschijama zu fotografieren. Den kann man tatsächlich von dort sehen. Das waren Momente, in denen ich dachte: Hier stimmt etwas nicht. Das sollte nicht so sein. Du bist privilegiert. Hier sollten Einheimische sitzen, die mit ihren Steuergeldern den grössten Teil dieser gewaltigen Kosten finanzieren.

Ich muss das weiter für mich aufarbeiten. Ich weiss, dass viele Kollegen ähnlich fühlten, die nicht die Psalmen des IOK nachbeten. Dass ich wegen der vielfältigen Corona-Vorsichtsmassnahmen nicht in das IOK-Hotel konnte, wo ich sonst die meiste Zeit verbringe, um mit den Bossen der Spiele zu sprechen und meine Beobachtungen anzustellen, um zu recherchieren, um in der Nähe Informanten zu treffen, was man so treibt als sportpolitischer Reporter – das wusste ich alles vorher. Jetzt, kurz vor dem Rückflug, dominiert ein Gefühl der Leere, wie nie zuvor bei Olympischen Spielen. Nichts hat mich hier wirklich ergriffen.

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