Aufgezeichnet von Selim Jung:

Wenn man abtaucht, wird es ruhig. Gefühle spielen dann keine Rolle. Man denkt nur an den Auftrag. Es ist wichtig, entspannt zu sein, auch wenn das nicht immer einfach ist. Man muss seine Instrumente prüfen und die Orientierung behalten. Denn mit zunehmender Tiefe wird es immer dunkler. Bis man nur noch sieht, was das Licht der Taucherlampe trifft.

Ich bin Leiter der Polizeitaucher der Kapo St. Gallen und war auch bei der Bergung der Piper dabei, die am 18. Februar über dem Bodensee abgestürzt ist. Der 70-jährige Pilot konnte sich befreien und wurde gerettet.

Wenn die Zeit davonläuft

Wir brauchten für die Bergung zwei Anläufe. Beim ersten Versuch eine Woche nach dem Absturz hatten wir Mühe, die Fähre mit dem Kran auf einer stabilen Position zu halten. Die Boje, mit der wir das Flugzeug am Grund markieren wollten, trieb immer wieder davon. Dazu kamen technische Probleme. Uns lief die Zeit davon. Nach Sonnenuntergang wird es gefährlich. Wenn sich ein Taucher an einer Schiffsschraube verletzt oder mit einem anderen Problem an die Oberfläche kommt, kann man ihn kaum erkennen. Darum brachen wir die Bergung ab. 

Beim zweiten Anlauf waren wir besser vorbereitet. Zwei Wochen vor der Bergung konnten wir eine stabilere Boje setzen. Das erlaubte uns, die 84 Meter zum Wrack zu tauchen und Gurte an den Flügeln zu befestigen. Dieser Einsatz brauchte höchste Konzentration. Jeden Handgriff hatten wir zuvor im Trockenen einstudiert, damit es schneller ging.

Am Tag der Bergung waren zehn unserer 13 Polizeitaucher im Einsatz. Neun davon waren im Wasser. Ich war zwar für die Taucher verantwortlich, bin aber nie zum Wrack getaucht. Nach dem Einsatz war ich vor allem stolz. Wenn wir das Flugzeug nicht geborgen hätten, hätte es irgendwann Treibstoff verlieren können. Weil alle Einsatzkräfte gut zusammenarbeiteten, konnten wir das verhindern und der Natur einen wertvollen Dienst erweisen.

Die Bergung der Piper

Die Bergung der Piper aus dem Bodensee: Grosseinsatz mit insgesamt 60 Beteiligten, 12. Mai 2021

Grosseinsatz auf dem Bodensee mit insgesamt 60 Beteiligten (12. Mai 2021)

Quelle: Michel Canonica / Tagblatt

Ich habe einen Traumjob. Die Leitung der Polizeitaucher ist zwar nur eine Nebentätigkeit zu meiner Arbeit als Gruppenleiter der Mobilen Polizei in Thal SG, doch sie erlaubt mir, mein Hobby zum Beruf zu machen. Zudem haben wir ein super Team, es ist eine Freude, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Die Einsätze sind sehr abwechslungsreich. Wir erhalten auch häufig Aufträge von Amtsstellen – bei der Flugzeugbergung vom Amt für Umweltschutz. Es kommt auch vor, dass wir Fahrzeuge mit kritischer Ladung bergen müssen.

Unsere Arbeit ist auch sehr oft tragisch. Letztes Jahr war zum Beispiel jeder dritte Einsatz die Bergung einer Leiche.

«Die Angehörigen sind immer sehr dankbar für unseren Einsatz und schauen uns manchmal stundenlang zu. Diese Wertschätzung bedeutet mir viel.»

Christian Baumann, Polizeitaucher

Tragödien gehen einem natürlich nahe. Aber beim Einsatz selbst ist wenig Platz für Gefühle. Doch wenn es vorbei ist und die ganze Last abfällt, kämpft man schon mal mit den Tränen.

Wir kommen eigentlich fast immer zum Einsatz, wenn es schon zu spät ist. Vermisste können wir meistens nicht retten. Trotzdem ist es wichtig, sie zu finden. Die Angehörigen brauchen Gewissheit. Für sie ist es einfacher, wenn sie sich verabschieden können.

Die tragischen Einsätze sind aber oft die, die mir am meisten zurückgeben. Etwa die Suche nach vermissten Personen. Die Angehörigen sind immer sehr dankbar für unseren Einsatz und schauen uns manchmal stundenlang zu. Diese Wertschätzung bedeutet mir viel.

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