Priester ist in der Schweiz schon lange kein Traumberuf mehr. Gerade noch zehn Priester wurden dieses Jahr geweiht. Die Zahl der katholischen Priester hat sich seit 1950 insgesamt halbiert. Längst nicht mehr alle frei werdenden Stellen können besetzt werden.

Das überrascht nicht wirklich, denn die Zeiten, als der Priester ein Dorfhäuptling mit grossem Ansehen war, sind vorbei. «In einer individualisierten Gesellschaft kann man glauben, was man will, und braucht dazu keinen Priester mehr», sagt Arnd Bünker, Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts. Missbrauchsfälle haben den Beruf in Verruf gebracht, Zwangszölibat und Ausschluss der Frauen vom Priesteramt passen nicht mehr in die heutige Zeit.

Ganz anders die Situation in vielen afrikanischen, asiatischen und osteuropäischen Ländern: Dort ermöglicht der Priesterberuf Jungs aus einfachen Familien nach wie vor Zugang zu einer höheren Schulbildung. Das Amt ist mit einem hohen sozialen Status verbunden, die ganze Familie profitiert davon.

Es ist deshalb naheliegend, dass die Kirche versucht, ihr Personalproblem mit ausländischen Mitarbeitern zu lösen. In der Schweiz ist, je nach Region, bereits jeder vierte Priester ein Ausländer. Die einen integrieren sich mühelos, wie Michael D’Almeida, der in Indien aufwuchs und heute im Kanton Uri arbeitet (siehe Box weiter unten).

Andere jedoch bekunden Mühe mit der Priesterrolle, die hier ganz anders ist als in ihrer Heimat. Und nicht wenige werden mit Klischees und Rassismus konfrontiert. In der Deutschschweiz müssen die meisten ausländischen Priester zuerst Deutsch lernen. In der Romandie und im Tessin ist die Sprachbarriere kleiner, weil die Priester oft aus afrikanischen Ländern kommen, wo man auch Französisch spricht. Oder sie haben in Rom studiert und dort Italienisch gelernt.

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Flexibel und offen

Ausländische Geistliche können eine Gemeinde bereichern. «Wir sind auch von den Gläubigen her eine multinationale Kirche», sagt Bünker. Fast 40 Prozent der Gläubigen haben einen Migrationshintergrund. «Da ergibt es Sinn, dass Priester das auch abbilden.» Viele Geistliche aus einem anderen Kulturkreis seien flexibel und offen, es gelinge ihnen gut, Ausländer und Schweizer zusammenzubringen.

«Importieren wir aber ausländische Priester, um einen Apparat am Leben zu erhalten, der aus eigener Kraft nicht mehr überlebensfähig ist», sagt Bünker, «dann haben wir langfristig ein Problem.» Wenn in der Schweiz kaum jemand mehr Interesse hat, in der katholischen Kirche zu arbeiten, zeigt das auch, wie sehr sich diese von der Kultur und den Bedürfnissen entfernt hat. «Da wäre es klüger, sich als Kirche weiterzuentwickeln und Lösungsansätze zu finden, die von den Gläubigen mit Leben gefüllt werden können.»

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«Am meisten vermisse ich Goa in der Weihnachtszeit»

Pfarrer Michael D'Almeida
Quelle: Nik Hunger

Der Inder Michael D’Almeida predigt seit 2014 im Kanton Uri. Und ist voll integriert – Jassrunden inklusive.

Mit 15 Jahren wollte ich zum Militär, das war mein Bubentraum. Doch der Priester der Gemeinde hatte andere Pläne. Er schenkte mir ein Buch, das mich für die Religion begeistern sollte. Ich las es und wollte noch immer zum Militär. Da schickte er mich in ein Lager für angehende Priester. Dort hiess es, ich sei auserwählt. Als Bub macht man sich nicht viele Gedanken, das Militär war schnell vergessen.

Meine Eltern waren stolz. In Goa ist es eine grosse Ehre, einen Priester in der Familie zu haben. Im indischen Bundesstaat ist ein Viertel der Bevölkerung katholisch. Ein Priester dient nicht nur Gott, sondern auch den Bürgern: als Ratgeber, Arzt, Richter und Lehrer. Kein Wunder, dass man dafür 13 Jahre studieren muss. Also erlernte ich Bräuche, meditierte und philosophierte, studierte Psychologie und Theologie. Es war eine strenge Zeit – aber auch die schönste meines Lebens. Ich dachte kein einziges Mal daran, aufzugeben.

Und dann, mit fast 30, war ich Priester. Ich kannte jeden, und jeder kannte mich. Sogar reisen durfte ich – nach Südafrika, Taiwan, Deutschland und Italien. Nach neun Jahren fragte mein Vorgesetzter, ob ich Lust auf eine Stelle in der Schweiz hätte. Da gebe es zu wenig Priester. Ich hatte nie über Arbeit im Ausland nachgedacht. Aber ich bin auch niemand, der Nein sagt. Also nickte ich, wie ich es als Bub getan hatte. Ich googelte die Schweiz – und sah nichts als Berge. Erfuhr, dass es vier Landessprachen und eine Menge Käse gibt. Von dem Ort, an dem ich arbeiten sollte, hatte ich nie gehört: Gossau im Kanton St. Gallen.

«So funktioniert Integration»

Mein Flugzeug landete am 17. November 2011, die Luft war eisig. Ich war müde und wollte nur noch schlafen. Doch am Abend war ein Essen mit den Priestern geplant. Sie beteten auf Schweizerdeutsch, und ich verstand kein Wort. Bis auf «En Guete mitenand!». Das habe ich mir gemerkt, mein erster Dialekt. Nach eineinhalb Jahren konnte ich fliessend Deutsch in Wort und Schrift.

Bei meiner ersten Predigt waren acht Frauen in der Kirche. Als ich den Gottesdienst mit den Worten «Grüezi mitenand» eröffnete, blickte ich in erstaunte Gesichter. Ich hätte am liebsten laut gelacht, das Eis war gebrochen. Danach tranken wir zusammen Kaffee. Die Frauen stellten viele Fragen, und bald wusste ganz Gossau über mich Bescheid. Dann lernte ich auch noch jassen, und schon war ich willkommen. So funktioniert Integration.

Immer einfach war es nicht

Seit August 2014 arbeite ich im Kanton Uri, in den Gemeinden Seedorf, Bauen und Isenthal. «Wo ist unser Pfarrer?», fragten ein paar Frauen und Männer, als ich einmal freihatte. «Unser Pfarrer» – als hätten sie mich gekauft! Das gefiel mir. Ich war jetzt einer von ihnen.

Immer einfach war es in der Schweiz aber nicht. So musste ich Fahrstunden nehmen, obwohl ich in Goa ständig gefahren bin. Auch vermisste ich die verschiedenen Aufgaben, die ich in Indien hatte. Hier hatte ich plötzlich so viel Zeit. Dann fehlte mir meine Familie, vor allem meine Mutter. Noch heute fragt sie am Telefon, wieso ich so weit weggehen musste. Ich besuche sie alle zwei Jahre und bringe Alpkäse mit. Öfter geht nicht, ich bin umweltbewusst.

Am meisten vermisse ich Goa in der Weihnachtszeit. In Indien feiert man vom 22. Dezember bis zum Neujahr. Am 24. Dezember tauschen Nachbarn Süssigkeiten aus und besuchen zusammen die Mitternachtsmesse. Es wird durchgefeiert. Am 25. gibt es einen Gottesdienst, der den ganzen Tag dauert. Jede Familie baut eine Krippe, die der Priester auf einem grossen Spaziergang besucht. Am 26. Dezember ist Familientag. Jedes Quartier kocht etwas und bringt es am Abend in die Messe. Dann gibt es auch noch einen Kindertag. Gefeiert wird nicht nur in der Familie, sondern mit der ganzen Gemeinschaft.

Erster Schnee bei minus 15 Grad

Dafür gibt es in der Schweiz weisse Weihnachten – zumindest in den Bergen. Meinen ersten Schnee vergesse ich nie. Wir ausländischen Priester haben uns hineingeworfen und sind herumgerollt. Bei minus 15 Grad! Die Schweizer Pfarrer haben gelacht und die Köpfe geschüttelt.

Die Schweiz ist mein zweites Zuhause. Hier möchte ich bleiben, mein Beruf erfüllt mich. Leider ist er nicht mehr so beliebt. Es werden zu viele Streitereien und Kriege im Namen des Glaubens geführt. Und die Missbrauchsfälle – das ist einfach nur schlimm. Ich hoffe, dass die Menschen trotz allem noch Trost im Glauben finden. Vielleicht können gute Pfarrer dazu beitragen. Ich gebe mein Bestes. Ob in der Kirche nur eine Person sitzt oder ob es Hunderte sind, bedeutet für mich keinen Unterschied. Wenn ich jemanden durch meine Predigt glücklich machen kann, dann lohnt es sich. Immer.

Text aufgezeichnet von: Jasmine Helbling

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Julia Hofer, Redaktorin

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