Pascal Voggenhuber, 36, ist eines der bekanntesten Medien Europas. Einzel­sitzungen bietet er heute keine mehr an. Er leitet in ganz Europa Seminare zum Thema. Voggenhuber schrieb mehrere Bestseller zu seiner Arbeitsweise und dem Phänomen von angeblichen Jenseitskontakten.

Die Autorin dieses Textes, Carmen Roshard, ist Journalistin beim «Tages-Anzeiger». Sie hat ihre private Kontaktsitzung mit Pascal Voggenhuber auf Tonband aufgezeichnet. Für unsere Titelgeschichte «Reden mit Toten» schildert sie ihre Begegnung mit dem Medium und bringt Auszüge aus dem sehr persönlichen Gespräch, das vor rund einem Jahr geführt wurde.

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Reden mit Toten – was ist da dran?

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Quelle: Bildmontage Beobachter
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Vorsorglich habe ich das Bild meiner vor drei Jahren verstorbenen Freundin Sophie von der Wand genommen. Nichts soll auf sie hinweisen. Medium Pascal Voggen­huber weiss zwar, dass er eine Verstorbene kontaktieren soll, er kannte vor unserer Begegnung aber weder mich und meinen Namen noch den Namen meiner Freundin.

Zuerst werde er die Verstorbene ­beschreiben, damit man sicher sei, dass es sich um die gewünschte ­Person handelt, sagt er. Das sei der ­Beweisteil. Danach könne ich Fragen an die Verstorbene richten.

Da Voggenhuber von den Verstorbenen nur Gedankenbilder und Gefühle vermittelt bekommt, also keine Worte, frage er ab und zu nach, ob seine Angaben Sinn ergeben. Er sei nur der Übersetzer. Dann fragt er nach ­Sophies ungefährem Alter, damit er sie finden könne. Ich sage, sie wäre bald 56 geworden. Dann kommen seine Sätze schnell – und fast ohne Pause.

 


 

«Sie wohnte auf dem Land. Viel Grün, Wald, am Hang. Von ihrem Fenster aus konnte sie einen See sehen. Da war sie längere Zeit. Es war eine wichtige Zeit für sie. Sie zeigt mir Blumen. Für sie hatten Blumen eine spezielle Bedeutung.»

 

Sophie wohnte am rechten Zürichseeufer am Hang. Mit ihrer letzten gros­sen Liebe. Auf ihrer Terrasse blühten die buntesten Blumen, und man konnte von dort ein Stück See sehen.

 


 

«Ich nehme eine Frau wahr, die viel jünger aussieht als 56. Beweglich im Geist und auch im Körper ist. Immer auf der Suche nach etwas Neuem. Sie wollte nie stehen bleiben, immer weitergehen. Sie war oft unterwegs.»

 

Sophie wirkte viel jünger, als sie war. Sie interessierte sich für alles und ­jeden. Viele Jahre ihres Lebens waren von Reisen, privaten und geschäftlichen, geprägt.

 


«Sie war sehr kommunikativ, aber keine Smalltalkerin. Sie hatte im Beruf mit vielen Menschen zu tun, Austausch war ihr wichtig. Sie zeigt mir immer die Farbe Blau, was auf ein Interesse an Psychologie und Philosophie hinweist.»

Sophie kannte so viele Leute wie kaum jemand sonst. Sie arbeitete in der Kultur- und Kommunikationsbranche. Sie war eine Menschenkennerin, wusste stets, wer vor ihr stand.

 


«Es fühlt sich an, als wäre Sophie mehr Schwester als Freundin gewesen. Die Verbindung war eng. Man sah sich oft, und wenn nicht, war die Verbindung trotzdem da. Der Austausch unter euch war sehr wichtig. Jede wusste immer, wie es der anderen geht. Wenn du an sie dachtest, rief sie an.»

Sophie und ich hatten eine sehr enge Beziehung, waren wie Schwestern. Hatten Geheimnisse, waren im Geist Verbundene, auch wenn wir geografisch zeitweise weit auseinander lebten.

 


«Am Lebensende zeigt sie mir einen enormen Druck auf der Brust. Sie war krank, hatte Mühe beim Atmen. Es war jedoch nichts mit der Lunge oder den Atmungsorganen. Die Krankheit dauerte über eine längere Zeit. Aber am Schluss ging es schnell. Alle waren überrascht, dass es so schnell gegangen ist. Ich spüre bei Sophie Erinnerungslücken. Wahrscheinlich wegen der starken Medikamente.»

Sophie wurde ein fussballgrosser Tumor aus dem Leib geschnitten, der ihr das ­Atmen erschwert hatte. Als sie ein Jahr später erneut ins Krankenhaus musste, hat man sie mehrmals operiert. Es gab lange Hoffnung, doch dann ging es plötzlich schnell.

 


«Was sie genau gehabt hat, kann ich nicht sicher sagen. Ich spüre nicht wirklich eine Hauptstelle. Etwas in ihrem Bauch war nicht in Ordnung. Hatte sie Krebs?»

Sophie hatte einen Borderline-Tumor, der herausoperiert worden war. Danach ­erkrankte sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Das erkannte man aber erst ganz am Schluss.

 


«Der Ort, an dem sie gestorben ist und die letzte Zeit verbrachte, war kein typisches Spital. Sie war aber auch nicht zu Hause. In einer sehr privaten Klinik. Warm eingerichtet, freundlich. Sophie ist sehr dankbar dafür, dass es am Schluss sehr schnell gegangen ist. Nicht jahrelang ans Bett gefesselt zu sein, war ihr wichtig.»

Im Sterbehospiz, wo Sophie die letzten Wochen verbrachte, verlor sie schnell an Gewicht. Sie wollte keine Nahrung mehr zu sich nehmen, das Sterben nicht künstlich verlängern. Das Zimmer war sehr wohnlich eingerichtet.

 


«Sie will sich bei dir bedanken. Du hättest sie auf eine Art gepflegt, nicht unmittelbar, aber in Gedanken. Sie hatte Mühe, Hilfe anzunehmen. Sie hatte Phasen, da machte sie zu. Manchmal war sie zum Krankenhauspersonal frech. Dafür will sie sich entschuldigen.»

Sophie, die Zeit ihres Lebens immer eine weiche, freundliche, alle liebende Person war, konnte am Schluss sehr unfreundlich sein mit dem Krankenhauspersonal. Sie hatte deshalb schon zu Lebzeiten ein schlechtes Gewissen.

 


«Sie will jetzt nicht mehr über den Tod reden, das sei nicht spannend. Sie wolle übers Leben reden. Sie zeigt mir Rosen. Sagt dir der Name Rosa etwas?»

Ja, Rosa ist eine ihrer langjährigen Freundinnen.

 


«Sie will sich bei Rosa entschuldigen, dass sie sie am Schluss ausgeschlossen hatte, weil sie keine Kraft mehr hatte, alle ihre Freundinnen zu empfangen. Sophie zeigt mir Blumen. Die seien für deinen runden Geburtstag. Die Geburtstage hättet ihr ja immer zusammen gefeiert. Ich war da, sagt sie, an deinem Geburtstag. Sie sagt, du habest gespürt, dass sie da war.»

Ich bin vor kurzem sechzig geworden und habe mit meiner Familie und Freunden gefeiert. An diesem Abend malte ich mir oft aus, was Sophie wohl jetzt gesagt hätte. Ich habe gespürt, dass sie irgendwie ­präsent war.

 


«Sie zeigt mir eine Harfe.»  (Voggenhuber kann damit nichts anfangen.)

Sophie arbeitete über dreissig Jahre lang für einen bekannten Harfenisten. Er hatte für sie noch im Sterbehospiz gespielt. Zum Schluss will ich noch Sophies Rat in einer heiklen Familienangelegenheit.

 


«Du musst nur ein bisschen loslassen, Dich zurückziehen, dein Leben leben. Gewisse Leute kannst du nicht mehr ändern. Ihre Probleme sind nicht deine Probleme. Mach da nicht mit, bleib bei dir.»

Während der ganzen Stunde habe ich meistens geschwiegen und zugehört, manchmal gelacht und oft geweint. Das Medium Pascal Voggenhuber führte praktisch einen Monolog. Die Bilder kamen, als hätte Sophie nur darauf gewartet, sich mitzuteilen. Schnelle, viele Bilder, und ­alle zeigten mir, dass Pascal Voggenhuber eine besondere Gabe haben muss. Er ­beschrieb Sophie, als hätte er sie selbst gut gekannt.

Und er wusste Dinge, die er einfach nicht wissen konnte.