Chemiker mit Doktortitel, Experte für Brandsicherheit, Leutnant einer Milizfeuerwehr, römisch-katholisch, Cellist in einem Orchester, verheiratet, Vater eines Kindes – das war Thomas Baumgartner (Name geändert) vor fünf Jahren.

Heute ist Thomas* Baumgartner 43 Jahre alt, Chemiker*in mit Doktortitel, Fachspezialist*in für Brandsicherheit, Vize-Kommandant*in einer Feuerwehr, christkatholisch und Mitglied im Kirchenrat, Cellist*in, verheiratet, Elternperson zweier Kinder.

Dazwischen liegt ein * – und ein neues Leben.

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Im Beobachter bedeutet das Sternchen hinter einem Namen normalerweise, dass dieser geändert wurde. Aber in diesem Fall ist es ein Gendersternchen, das zeigt, dass Thomas* Baumgartner weder nur Mann noch nur Frau ist.

«Ein bisschen ausserhalb des Mainstreams war ich vielleicht immer. An der ETH spielte das keine Rolle, da waren viele anders. Meine Zugehörigkeit zu den Männern habe ich nicht hinterfragt, auch wenn ich mich nie besonders ‹männlich› gefühlt habe. Erst als unser erstes Kind geboren wurde, beschäftigte es mich, dass wir so klar in ‹Vater› und ‹Mutter›, ‹Mann› und ‹Frau› eingeteilt wurden.

Ich begann, mich davon zu lösen, erst unbewusst und langsam. Schon früher mochte ich es, für meine Partnerinnen Kleider einzukaufen. Doch in den Damenabteilungen fühlte es sich leider auch immer etwas verboten an. Ich fand es ungerecht, dass mir diese vielen Farben und Stile in der Herrenabteilung vorenthalten wurden.

Ich fing an, zu experimentieren: lange Strickpullis, die fast schon Kleider waren. Bunte T-Shirts, bei denen ich gefragt wurde, ob sie meiner Frau gehören. Irgendwann waren praktisch alle meine Kleider aus der Damenabteilung – und das ist wohl gar nicht so gross aufgefallen.

Nichts davon habe ich vor meiner Frau verborgen, zwischen uns gab es keine Heimlichkeit. ‹Auffällig, aber sieht super aus›, sagte sie etwa, wenn ich ihr ein neues Kleidungsstück vorführte. Irgendwann aber habe ich erkannt, dass die Sache mit den Kleidern – die eigentlich nur Äusserlichkeiten sind – noch nicht alles ist, dass es dabei um mich als gesamten Menschen ging. Beim Experimentieren fiel es mir dann plötzlich wie Schuppen von den Augen: dass ich eben beides bin, Frau und Mann.

Mit dieser Erkenntnis wurden viele Dinge viel klarer. Ich wusste einfach, jetzt passt es zum ersten Mal so richtig-richtig. Ich zögerte keinen Moment, meine Erkenntnis mit meiner Frau zu teilen – die das nicht erstaunt hat. Ihr Vertrauen machte mir Mut. Ich getraute mich immer mehr, auch anderen Menschen zu zeigen, wie es um mich steht. Selbstverständlich ist das nicht. Ich weiss von Beziehungen, die an einem solchen Prozess zerbrochen sind. Es stellt ja auch die Sexualität des Gegenübers in Frage. Ich weiss nicht, ob mein Coming-out so positiv verlaufen wäre, wenn sie mich nicht von Anfang an unterstützt hätte.»

«Unbewusst macht es uns nervös, wenn wir jemanden nicht eindeutig Frau oder Mann zuordnen können.»

Anelis Kaiser Trujillo, Hirn- und Geschlechterforscherin

Das dritte Geschlecht, oder etwas zwischen Mann und Frau, habe es eigentlich immer gegeben, sagt Anelis Kaiser Trujillo von der Universität Freiburg im Breisgau. «Schon in der Antike war das ein Thema. Gottheiten, die beides in sich vereinen, wurden in vielen Kulturen verehrt. Aber dass sich nun bereits kleine Kinder so eindeutig äussern, wenn das Geschlecht für sie nicht stimmt, das ist neu», sagt die Hirn- und Geschlechterforscherin.

«Das Coming-out zu Hause war geschafft. Als Nächstes versuchte ich es im Orchester. Also ging ich nicht im weissen Hemd mit schwarzer Hose zu einem Auftritt, sondern in einem eleganten schwarzen Kleid. Kurz vor der Ankunft war mir ganz schlecht vor Angst. Zum Glück traf ich auf eine Kollegin, die mir Mut machte. Am Konzert dann: Komplimente, Umarmungen, Zuspruch ... Wahnsinn, was die Unterstützung eines Einzelnen manchmal bewirken kann.

Also habe ich mich immer weiter gewagt. Mich bei Freunden geoutet, im Dorf, in der Feuerwehr. Jedes Mal musste ich all meinen Mut zusammennehmen. Aber hinterher war ich jeweils ungemein erleichtert, einfach Thomas* zu sein zu dürfen und mich nicht verstecken zu müssen. Die meisten Menschen haben dabei den Begriff trans*non-binär noch nie gehört – aber auf einer ganz praktischen Ebene verstanden, dass es für mich in meiner neuen, deutlich weiblicheren Erscheinung unendlich viel besser passt.

Nur bei der Arbeit habe ich mich noch über ein Jahr weiterhin versteckt – auch wenn das langsam unpraktisch wurde und mich belastet hat. Regelmässig habe ich mich auf dem Weg von der Arbeit im Zug noch umgezogen. Vor dem Coming-out bei der Arbeit fürchtete ich mich am meisten – es ging um meine berufliche Existenz in einem stark männlich geprägten Umfeld.

Ich legte mir einen Plan zurecht. Zuerst weihte ich eine Vertrauensperson im HR ein, dann meine Vorgesetzten. Sie bestärkten mich und sicherten mir ihre Unterstützung zu. Dann informierte ich unser Team, das ganze Büro und danach alle externen Kontakte und Geschäftspartner, rund 200 Personen. Da ich mich nicht gleichzeitig bei allen outen konnte, haben viele Menschen eine E-Mail erhalten.

Ich war unglaublich nervös und gespannt. Doch schon 30 Sekunden später trudelten Glückwünsche und andere schöne persönliche Reaktionen ein. Dass es so gut lief, hätte ich nie erwartet. Viele sagten, ich hätte sie inspiriert. Es klingt wie ein Märchen, aber ich habe bis heute tatsächlich keine negativen Erfahrungen gemacht. Vielen queeren Menschen ergeht es leider anders.

Einzig: Mein Leben lang war ich Katholik gewesen. Es verletzte mich sehr, als der Papst erklärte, es gebe keine Transmenschen. Da trat ich aus der römisch-katholischen Kirche aus. Bei den Christkatholischen fand ich dann, was ich vermisst hatte: Ich will nicht nur am Rand toleriert, geduldet werden. Ich will genauso Teil der Mitte sein dürfen wie alle anderen Menschen auch.

Manchmal frustriert es mich, dass ich mich auf Formularen noch immer entscheiden muss: Mann oder Frau? Männlich oder weiblich? Dabei spielt es in den meisten Fällen gar keine Rolle. Heute kreuze ich an, worauf ich gerade Lust habe. Ebenfalls spannend: Wenn ich allein mit meinen Kindern unterwegs bin, begegnen mir die Menschen anders, als wenn meine Frau dabei ist. Sobald wir zu viert sind, scheinen sie sich zu fragen: Wer ist denn nun die Mutter? Die mit den Jeans und den Sneakers, oder die mit dem Strickkleid und den blonden langen Haaren?»

 

«Unbewusst macht es uns nervös, wenn wir jemanden nicht identifizieren können», sagt Anelis Kaiser Trujillo. «Wir wollen Personen eindeutig zuordnen: Mann, Frau.» Das sei normal und an sich kein Problem. Kaiser Trujillo befasst sich seit Jahren mit den Unterschieden in den Gehirnen von Männern und Frauen. Ihr Fazit: «Die Frage nach dem Unterschied ist die falsche Frage.»

Man fixiere sich derart auf den Unterschied, dass viele andere Variablen unbeachtet blieben: Alter, Herkunft, Bildung, Weiterentwicklung. «Ergebnisse könnten andere sein, wenn man von Anfang an andere Fragen stellen würde. Aus wissenschaftlicher Perspektive muss ich sagen: Frau, Mann – objektiv gesehen ist es viel komplexer als das.»

Die Kinder von Thomas* Baumgartner haben eine einfache Lösung gefunden. Sie nennen Thomas* einfach «Mamipapi».

Über diese Artikelserie

Einleitung

Vor sieben Jahren gewann Conchita Wurst als Dragqueen mit Vollbart den European Song Contest. Ein Jahr später outete sich Caitlyn Jenner als Transfrau – rund 40 Jahre nachdem sie als Mann für die USA Olympiagold im Zehnkampf gewonnen hatte. In der Mode, im Film, in der Musik verändert sich gerade vieles, sogar im Gesetz wird die Kategorie Geschlecht durchlässiger.

Ab dem 1. Januar 2022 braucht es nur noch eine Erklärung vor dem Zivilstandsamt, um das Geschlecht anzupassen. Bisher hatte ein Gericht darüber zu entscheiden, ob eine Person dafür Frau oder Manns genug war. Es hat den Anschein, als seien Transmenschen in der Gesellschaft angekommen.

Zugleich füllen sich die Kommentarspalten der Onlinemedien mit Hass und Ablehnung, sobald über Themen wie «Genderneutrale Sprache» oder «Das dritte Geschlecht» berichtet wird. «Müssen die sich so wichtig nehmen?», «Genug mit Gender-Wahnsinn!» und Ähnliches. Transmenschen werden aussergewöhnlich oft Opfer von Gewalt, Mobbing, Spott und Ausgrenzung. Allein in der Stadt Zürich wurden dieses Jahr bisher 22 «Hatecrimes» gegen Trans- und Queermenschen registriert.

Verlässliche Zahlen darüber, bei wie vielen Menschen das psychische und das körperliche Geschlecht nicht übereinstimmen, fehlen noch. Erst seit kurzem interessiert sich die Forschung überhaupt für das Phänomen. Der Verein Transgender Network Switzerland gibt an, dass ausländische Studien von 0,5 bis 3 Prozent der Bevölkerung ausgehen – das wären in der Schweiz zwischen 43'000 und 260'000 Betroffene. Rund 36 Prozent von ihnen ordnen sich dem non-binären Spektrum zu, stehen also zwischen den Polen «männlich» und «weiblich».

Immer mehr junge Menschen bezeichnen sich als non-binär oder trans, wollen weder Mann noch Frau sein – oder beides. Sie schreiben sich mit Genderstern, suchen neue Bezeichnungen und variieren ihr Aussehen.

Aber warum? Ist das bloss eine Phase, ein Trend? Oder steckt doch mehr dahinter? Und weshalb tun wir uns so schwer mit dem Gedanken, dass es nicht nur Mann und Frau gibt?

Wir haben mit Betroffenen und ihren Familien gesprochen. Ihre Geschichten und die Hintergründe dazu finden Sie in unserer vierteiligen Artikelserie mit den Themenbereichen «Medizin» (Be+), «Gesellschaft» (Be+), «Recht» (Be+) und «Umfeld» (Be+).

Begriffe
  • Trans sind Personen, die sich nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren können. Transmänner wurden bei der Geburt als Mädchen registriert, Transfrauen als Knaben. Menschen, die nicht trans sind, werden als cis bezeichnet.
     
  • Non-binär sind Personen, die sich weder ausschliesslich als Mann noch ausschliesslich als Frau fühlen. Sie befinden sich ausserhalb der zweigeteilten (binären) Geschlechterordnung.
     
  • Genderfluid sind Personen, die sich zwischen den Geschlechtern männlich und weiblich (oder keinem) bewegen. Welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen, kann wechseln.
Weitere Informationen und Unterstützung
  • Transgender Network Switzerland (TGNS): Organisation von und für Transmenschen. Vernetzt und informiert.
     
  • Trans Welcome: Ein Projekt vom TGNS und dem Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann, das Transmenschen  Mut macht, sich am Arbeitsplatz zu outen. 
     
  • Checkpoint: Medizinische, psychologische und soziale Dienste für Männer, die Sex mit Männern haben, Trans- und andere queere Menschen. 
     
  • Nonbinary.ch: Informationen für non-binäre Menschen sowie Personen und Organisationen, die mit ihnen zu tun haben. 
     
  • Du-bist-du.ch: Eine Plattform für junge Menschen und Fachpersonen. Du-bist-du informiert, sensibilisiert und veranstaltet Workshops zu Themen rund um sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität. 
     
  • Milchjugend: Grösste Jugendorganisation für lesbische, schwule, bi-, trans-, inter- und asexuelle Jugendliche. 
     
  • InterAction: Ein Verein für intergeschlechtliche Menschen, ihre Familien, Freundinnen und Freunde.
Ausstellungstipps
  • Queer – Vielfalt ist unsere Natur: Sonderausstellung des Naturhistorischen Museums Bern zur Vielfalt der Geschlechter sowie zur sexuellen Ausrichtung bei Tieren und Menschen. Bis März 2023.
     
  • Geschlecht: Eine Ausstellung im Stapferhaus Lenzburg zu den Fragen: Wie entsteht eigentlich Geschlecht? Wie lieben und leben wir zusammen? Was macht uns zur Frau, was zum Mann – und was führt darüber hinaus? Bis Mai 2022.