Aufgezeichnet von Manuela Enggist:


Neben meiner Familie und mir sprechen auf der ganzen Welt nur noch 140 Menschen Gurinerdeutsch. Das ist ein alter Walserdialekt, der bei uns im Bergdorf Bosco Gurin gesprochen wird, der einzigen deutschsprachigen Gemeinde im Tessin.

Bosco Gurin wurde 1253 von den Walsern gegründet. Sie wanderten über die Alpenpässe auf die Alpensüdseite, unter anderem in dieses abgelegene Seitental des Maggiatals. Die isolierte Lage führte dazu, dass sich eigenständige Neuerungen durchgesetzt haben und unser Dialekt einen ganz eigenen Sprachcharakter besitzt. Wir klingen sehr archaisch, wenn wir sprechen.

Ich bin stolz darauf, dass unser Dorf sich das «Ggurijnartitsch» als jahrhundertealte Sprachinsel bewahrt hat. Schon von klein auf hat mich das fasziniert. Ich schaute oft in verblüffte Gesichter, wenn ich mich in Cevio, in der Primarschule, mit «Güat Tågg, ech heissa Chiara Tomamichel un ech chu vå Ggurin» vorstellte.

Wort für Wort

Für mich war klar, dass ich später etwas mit Sprachen Sprachen lernen im Schlaf Klüger über Nacht machen will. Also entschied ich mich, an der Universität Zürich Germanistik zu studieren. Danach möchte ich als Lehrerin arbeiten und weiter in Bosco Gurin leben. Meine Bachelorarbeit schrieb ich über die schwachen Verben des Gurinerdeutsch. So kam ich auch zu meinem Nebenjob: Ich arbeite an einem Wörterbuch mit, in dem alle Guriner Verben gesammelt und ins Deutsche und ins Italienische übersetzt werden.

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Mit diesem Projekt unterstütze ich meine Tante Cristina Lessmann-Della Pietra. Sie ist Kuratorin des Museums Walserhaus Gurin und hat mit einem Team bereits das Wörterbuch «Aus der Mundart von Gurin – Wörterbuch der Substantive von Bosco Gurin» herausgegeben. Sie haben die Arbeit der verstorbenen Basler Sprachwissenschaftlerin Emily Gerstner-Hirzel fortgesetzt, die über Jahrzehnte hinweg eine Wörtersammlung angelegt hatte. Bisher haben meine Tante und ich rund 900 Verben bearbeitet, das ist gerade mal ein Viertel.

Es kommt immer mal wieder vor, dass ich ein Wort schon nicht mehr kenne. Dann ziehe ich jeweils im Dorf umher. Ich gehe zu meinen Grosseltern oder anderen älteren Leuten und frage, ob sie den Begriff kennen und nutzen. Das Verb «beitu» war so ein Fall. Das bedeutet «warten». Ich kenne dafür nur noch den Ausdruck «wåårta». Falls ein Wort nicht mehr im alltäglichen Sprachgebrauch ist, machen wir ein Kreuz dahinter. Damit halte ich mich aber zurück. Ich will nicht diejenige sein, die einem Verb den Todesstoss versetzt.

«Wenn ein Wort niemand mehr kennt, kann es nie mehr zurückgeholt werden.»

Chiara Tomamichel, 23, schreibt an einem Wörterbuch.

Das Gurinerdeutsch ist dem Aussterben geweiht, das ist mir bewusst. Hier im Dorf leben noch 50 Menschen. Ungefähr 35 sind zweisprachig Bilinguale Erziehung Sollen Kinder mehrsprachig aufwachsen? und sprechen neben Italienisch auch Gurinerdeutsch, davon sind nur 10 Leute unter 30. Deswegen hat die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Walsermuseum auch die «Charta für die Förderung der deutschen Sprache» ins Leben gerufen. Sie soll Bosco Gurin bei einer möglichen Gemeindefusion helfen, die eigene Sprache zu bewahren.

Das ist mit ein Grund, warum ich diese Arbeit mache und als so wertvoll empfinde. Wenn ein Wort verloren ist und es niemand mehr kennt, kann es nie mehr zurückgeholt werden. Ausdrücke wie «Wattarhüat» für «Regenschirm» und «Chlaptüachtschi» für «Eidechse» dürfen nicht verlorengehen. Ich bin froh, dass ich jetzt dazu beitragen kann, dass wir bewahren, was noch zu bewahren ist.

«Jedes Wort hat einen eigenen Charakter»

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Carli Tomaschett archiviert den rätoromanischen Wortschatz.

Quelle: Beobachter Bewegtbild

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