Von peinlichen oder gar erschütternden Kusserlebnissen kann bestimmt jeder aus eigener qualvoller Erfahrung berichten. Etwa wenn anno dazumal beim allerersten Kuss ein hysterisch nervöser Partner sein Leckorgan dem Gegenüber so tief in den Hals rammt, dass dieses nicht umhinkann, mit Atemnot und Brechreiz zu reagieren. Ein weiterer Klassiker in der Geschichte der Kussunfälle ist die übermotivierte Zunge, die ihrem Opfer mit dem Feingefühl eines Helikopter-Rotors das Halszäpfli püriert.

Immer der Nase nach

Heutzutage kann sich allerdings niemand mehr damit herausreden, er habe es nicht besser wissen können. Wer bei einer namentlich nicht genannt sein wollenden Internetsuchmaschine den Begriff «Zungenkuss» eingibt, erhält in den ersten rund 10'000 Suchtreffern mehr oder weniger irritierend anschauliche Anleitungen für ein perfektes Gelingen dieses offensichtlich tückenreichen Unterfangens. Auch erfährt man von Pannen, von denen man nicht wusste (und auch nicht wissen wollte), dass sie Menschen während eines Zungenkusses schon widerfahren sein sollen.

Doch nicht nur die Frage nach dem Wie beschäftigt die Menschheit. Auch warum Menschen einander trotz offensichtlich hoher Verletzungsgefahr überhaupt küssen, wird seit über hundert Jahren in wissenschaftlichen Abhandlungen kontrovers diskutiert. Allerdings bislang ohne abschliessend einleuchtende Antwort.

Der österreichische Psychoanalytiker Sigmund Freud mutmasste etwa, Küssen sei schlicht ein menschlicher Instinkt, der zurückzuführen sei auf das Bedürfnis, als Säugling von der Mutter gestillt zu werden. Aber mal ehrlich: Welches Baby muss erst googeln, wie man erfolgreich an der Mutterbrust saugt? 

Einer anderen interessanten These zufolge wären die offenbar in allen Kulturkreisen verbreiteten Orientierungs- und Koordinationsschwierigkeiten küssender Menschen zu einem gewissen Grad evolutionär erklärbar. So haben sich gemäss der deutschen Sexualwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld die Vorfahren des Menschen bei Begegnungen ursprünglich gegenseitig inbrünstig am Hinterteil beschnüffelt und beleckt. Erst als sich die ehemaligen Vierbeiner zum aufrechten Gang entschlossen, verlagerte sich dieses Beschnüffelungsverhalten laut Ebberfeld sozusagen mit nach oben. Damit war – kurz gesagt – neben dem Handschlag auch der Kuss erfunden. Wer die heutige Frequenz menschlicher Begegnungen etwa in Ballungszentren vor Augen hat, kann diese Entwicklung in verschiedener Hinsicht nur begrüssen.

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Auch wenn kein Mensch genau weiss, warum wir einander die Zunge in den Hals stecken: Es lohnt sich, es kunstfertig zu tun. Denn wer besser küsst, küsst vermutlich häufiger und tut damit gemäss diversen Studien sogar seiner Gesundheit Gutes. Niederländische Wissenschaftler fanden unlängst heraus, dass bei einem Zungenkuss ungefähr 80 Millionen Bakterien unter den Küssenden ausgetauscht werden. Diese Erkenntnis mag auf den ersten Blick wenig appetitlich scheinen. Doch der Mikrobenaustausch stärkt gemäss den Forschern das Immunsystem in erheblichem Masse. Küssen könne somit tatsächlich lebensverlängernd wirken. Sofern man sich dabei nicht aus Ungeschicklichkeit das Genick bricht, versteht sich.



Autorin: Iwon Blum
Bild: Getty Images
Illustration: Thilo Rothacker

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