Bissiger Wind zerzaust fluffige Pudelschöpfe. Regen macht aus seidigen Hundeschweifen tropfende Ruten, aus Satinschleifchen nasse Lappen. Es ist eine bunte, lange Karawane aus Menschen, Hunden und Handwagen, die sich auf dem Trottoir Richtung Messehalle bewegt.

Ein Event der Superlative. Das National Exhibition Centre in Birmingham ist das grösste Kongresszentrum im Vereinigten Königreich. Jeweils im März findet hier die grösste Hundeshow der Welt statt: die Crufts. Neben Rugby und Fussball die grösste Attraktion in der sonst weitgehend von Charme befreiten Metropole auf halber Strecke zwischen London und Liverpool.

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132'000 Besucher fluten in den drei Tagen die Hallen. Mit dabei: die Schweizerin Karin Baumann und ihr Chihuahua Joya. Sie sind mit dem Auto aus Belp BE in die britischen Midlands angereist. 13 Stunden Fahrt, am Steuer sass Karins Mann, Thomas. Zur moralischen Unterstützung sind zwei Freundinnen eingeflogen. Denn am nächsten Tag wird es für Baumann und ihr Hündli um die Wurst gehen: Die amtierende Schweizer Meisterin im Hundetanz – Kenner reden von «freestyle heelwork to music» – wird sich hier der internationalen Konkurrenz stellen.

Stelldichein in der Lobby

Wer es sich leisten kann, residiert im «Moxy» gleich neben den Messehallen. Mit rund 300 Franken pro Nacht eine eher teure Drei-Sterne-Unterkunft. Dafür sind während der hundenärrischen Tage Vierbeiner aller Art erlaubt. Auch wenn die Tiere kläffen und das eine oder andere Häufchen auf der Treppe hinterlassen.

In der Lobby jault und bellt es, kreuz und quer stehen Handwagen mit Requisiten. Babypuder fürs Fell, Hundenäpfe, Futtersäcke, Leinen, Striegel, Bürsten und Transportboxen, in denen kleinere Fellnasen angereist sind. Überall sind Hunde. Vom Irischen Wolfshund mit einem Meter Schulterhöhe bis zum Mexikanischen Nackthund. Auch welche, die aussehen, als wären sie gerade einem Gemälde von Goya entsprungen, oder einem altägyptischen Wandrelief. 16'296 Tiere. Kein Ort für Hundephobiker und Hundehasserinnen.

Crufts Dog Exhibitions 2022, NEC Birmingham, UK

Herausgeputzt: Kandidatin im Schönheitswettbewerb.

Quelle: Andrea Artz

Karin Baumann ist am Vorabend aufgeregt, will nur etwas Kleines zu sich nehmen. Aus Nervosität und ein bisschen auch wegen der Figur – sie wird am nächsten Tag im Tutu mit Joya «Schwanensee» tanzen. Sie mag auch nicht viel reden. Die Kommandos für den achtjährigen Chihuahua gibt sie in höchsten Tönen. Heiserkeit wäre eine Katastrophe.

Zu Hause arbeitet die 47-jährige Bernerin als Hundetrainerin. In der Dogdance-Szene ist sie seit acht Jahren aktiv, nimmt regelmässig an Wettbewerben im In- und Ausland teil. «We love … Dogdance» steht auf ihrem roten, mit einem Schweizer Kreuz verzierten Canvastäschli, Typ Swissair-Tasche aus den Siebzigern. Als Kind und Jugendliche galt ihre Liebe dem Ballett. Das passt.

Nur wenige teilen ihr Hobby. Gerade mal 70 Mitglieder zählt der Verein Gemeinschaft Dogdance Schweiz, den es seit 2015 gibt. Männer sind keine darunter – was in der Szene durchaus bedauert wird.

Üben, üben, üben

Einem Hund den Ablauf einer Choreografie beizubringen, ist keine Kleinigkeit. Es braucht Zeit, manchmal Jahre. «Aber es ist eine wunderschöne Arbeit, diese Symbiose zwischen mir und meinem Hund», schwärmt Baumann.

Jedes Element einer Choreografie, zum Beispiel auf dem Hintern sitzen und beide Vorderpfoten anheben, muss einzeln eingeübt werden. Die Kommandos sind Wortsignale. «Je nach Hundetyp und Trick gibts zur Belohnung ein Leckerli oder Spielzeit», sagt Sandra Schneider, Dogdance-Richterin und Beirätin des Muttervereins Dogdance International. Später werden die Elemente in Abfolge geübt, die Musik kommt erst zum Schluss dazu. «Natürlich hören die Hunde die Musik», sagt sie. Dass aber einer von sich aus ohne Kommando zu «seinem» Song anfangen würde zu tanzen, das habe sie noch nie erlebt.

2016 hatte Karin Baumann bei der Castingshow «Die grössten Schweizer Talente» mitgemacht. Von Fussballtrainer Gilbert Gress und Komiker Jonny Fischer gab es ein Ja, von Moderatorin Susanne Kunz und Rapper Bligg ein Nein. Zwei Jahre später versuchte sie es im deutschen Format «Das Supertalent» und begeisterte in der ersten Runde die Jury samt Lästermaul Dieter Bohlen. Dann war Ende der Fahnenstange.

«Es ist eine wunderschöne Arbeit, diese Symbiose zwischen mir und meinem Hund.»

Karin Baumann, Hundetrainerin

An der Crufts ist sie zum ersten Mal. «Die Weltmeisterschaften sind wettbewerbstechnisch gesehen wichtig, aber die Crufts ist der renommiertere Anlass. Wer hier mitmachen darf, ist jemand in der Szene», sagt sie. Nur wer in seinem Land den Meistertitel hält, darf sich anmelden. Und lediglich die ersten zwölf Bewerbungen erhalten die Starterlaubnis für die Kategorie «Heelwork to Music International Freestyle».

Dieses Jahr haben sich, wohl wegen Corona, bloss elf Teams angemeldet. Nur zehn sind hier. Die brasilianische Teilnehmerin, auf die alle gespannt waren – Stichwort Samba –, hat abgesagt.

Am nächsten Morgen kann ein letztes Mal trainiert werden, von sieben bis acht Uhr auf dem Kunstrasen in der grossen Arena. Die Teilnehmerinnen üben ihre Schritte, mit und ohne Hund, markieren Abläufe, stellen Requisiten auf. Männer sind keine dabei.

Training, Presse, Auftritt

Karin Baumann platziert drei fast lebensgrosse Kunststoffschwäne, zwei weisse und einen schwarzen; fragt nach, wo genau die drei Richtertische zu stehen kommen, damit die Sicht für die Richterinnen – auch hier ausschliesslich Frauen – optimal ist. Die Schwäne werden beim Auftritt unten neonblau leuchten.

Danach geht es zurück aufs Zimmer. Ausruhen, die Aufregung im Zaum halten. Und dann wieder in den Backstage-Bereich, wo ein paar Journalisten, sogar ein Team von ABC TV aus den USA, die Frauen interviewen. Auch Karin Baumann steht vor der Kamera. Sie erklärt auf Deutsch, woher sie kommt, worum es bei ihrem Auftritt geht, wie lange sie schon dabei ist. Und rühmt ihr Hündchen, das «bei der Arbeit nicht rechts und nicht links schaut, sich nicht ablenken lässt».

Die Ränge füllen sich. Gegen 6000 Personen werden zusehen, wie Joya und ihre Halterin zu Tschaikowskis Gassenhauer ihre Trickli aufführen. Filmen darf nur der englische TV-Sender Channel 4. Der hat das Monopol.

Happige Konkurrenz

Den ersten Platz ertanzt sich Very Vega, ein schwarzweisser Border Collie, zu einem Song aus dem Disney-Trickfilm «Aladdin». Seine norwegische Partnerin will mit blau geschminktem Gesicht, blau-rotem Kostüm aus Kunstseide und einem Turban einen Dschinni darstellen. Storytelling nennt sich das unter Hundetänzerinnen.

Aussenstehenden erschliesst sich die Rangfolge nicht wirklich. Ginge es nach dem Applaus, hätte eine Aussenseiterin aus Kanada gewonnen. Jennifer Fraser interpretierte das Lied «Cracker Jack» von Dolly Parton, in dem es sinnigerweise um ein Mädchen und ihren besten Freund, einen Hund, geht. Sie wird immerhin Zweite.

An einem Dogdance-Wettbewerb habe sie noch nie teilgenommen, sagt Fraser. Jedoch spielte ihr Hund Daiquiri bis vor kurzem in einem Musical in Montreal. Und er hält mit seinen Tricks zwölf «Guinness-Buch»-Rekorde, etwa dafür, innert einer Minute am meisten Münzen in ein Sparschwein zu legen. Eine Idee, die man erst einmal haben muss.

«Diese einmalige Erfahrung mit meinem Hund ist schon der Gewinn für uns.»

Karin Baumann, Hundetrainerin

Auch Joya und Karin kommen bei den Zuschauern gut an. «So cute», entwischt es jemandem deutlich hörbar zwei Ränge weiter hinten. Ein paarmal gibt es Szenenapplaus. Klein und herzig zieht beim Publikum.

Die Jury hat sich davon nicht beeinflussen lassen. Das Schweizer Team schafft es schliesslich auf Platz sechs. «Das ist gerechtfertigt, und ich bin sehr stolz auf meine kleine Maus», sagt Karin Baumann. Joya, die sonst immer total bei der Sache sei, habe sich kurz von irgendetwas ablenken lassen. Deshalb habe eine wichtige Figur nicht wirklich funktioniert. «Aber sie war mit voller Begeisterung dabei, und das ist die Hauptsache.»

Crufts Dog Exhibitions, NEC Birmingham, Karin Baumann, Swisse Champion with Joya, interview with ABC TV, Heelwork to Music - International Freestyle

Stolz, auch wenn es nur für Platz 6 gereicht hat.

Quelle: Andrea Artz

Die tapfer weggesteckte Enttäuschung ist trotzdem spürbar. Tröstlich: Ausser Ruhm gibt es in Birmingham nichts zu gewinnen, kein Preisgeld, nicht einmal einen Hundekuchen. «Das macht aber nichts, diese tolle einmalige Erfahrung mit meinem Hund ist schon der Gewinn für uns», sagt Baumann. Immerhin wird sie nach diesem Wochenende Anfragen von den Castingshows «America’s Got Talent» und «Britain’s Got Talent» erhalten.

Der Concours dauert eine knappe halbe Stunde. Danach zeigt die Hundestaffel eines Polizeikorps, was sie kann. Wem nicht danach ist, der tigert zurück in die Ausstellungshallen.

Näpfe, Spangen, Strass

Dort ist der Lärm ohrenbetäubend. Conférenciers kommentieren Wettbewerbe, Hunde geben laut. Publikum und Aussteller parlieren über den Krach hinweg. An Aberdutzenden Ständen wird vom goldenen Fressnapf bis zu veganem Hundefutter und strassverzierten Haarspangen alles verkauft, was Hunde nicht brauchen, ihre Halter aber kaufen.

Daneben machen Hundezüchter ihre Showtiere fein. Es wird gestriegelt, geschoren und je nach Rasse gepudert, bis rundum der Boden weiss wie Kunstschnee ist. An den Wänden stehen vergitterte Gevierte mit Sägemehl am Boden. Hundetoiletten. Und über allem wabert der Geruch von Fettgebackenem, der hauptsächlichen Menschennahrung in englischen Messehallen.

Crufts Dog Exhibitions, NEC Birmingham, Groupphotograph Competition Heelwork to Music - International Freestyle

Nach der Show: Die ganze Kategorie im Gruppenbild.

Quelle: Andrea Artz

Für die Hundetänzerinnen gibts derweil noch eine Fotosession hinter der Bühne. Einzeln, zu mehreren und alle zusammen, natürlich immer mit Hund. Auch Karin Baumann posiert mit einem Lächeln im Gesicht und Joya auf dem Arm. Nur drei Stunden später fahren sie los. Von den britischen Midlands zurück ins Berner Mittelland.

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Quelle: Beobachter Bewegtbild

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