1. Home
  2. Der Fall: Der Räuber von Lützelflüh

Der FallDer Räuber von Lützelflüh

Enzo G. wollte ans Meer, nach Thailand zu seiner Freundin – und landete in einer Einzelzelle. Nun drohen ihm fast fünf Jahre Haft.

Die geschockte Angestellte stolperte und fiel hin. Dann stand sie auf und sagte: "Chömed!"

Von aktualisiert am 03. März 2015

Die Bernerland-Bank in Lützelflüh ist überfallen worden» – diese Meldung ging am 18. März 2013 um 7.40 Uhr bei der Polizei ein. Man schickte eine Streife hin und sperrte die Umgebung ab. Vergebens. Der Räuber war schon fort – unterwegs nach Bümpliz. Dort parkierte er das Auto vor der Polizeiwache und suchte den Schalter zum Begleichen von Verkehrsbussen.

Der Überfall

Schnee lag auf den Strassen, leichte Flocken verwischten die Sicht, da fiel der Blick einer Frau in der Bäckerei auf einen dunkel Gekleideten, der sich an der Überwachungskamera der Bank gegenüber zu schaffen machte. Offenbar versuchte er, das Auge der Kamera zu blenden. Das gelang ihm nicht; er hatte vergessen, den Ring zu entfernen, der die Spraydose blockierte. So schoss die Kamera fleissig Fotos von einem Mann, der verdutzt nach oben guckt.

Sekunden später bog eine Bankangestellte um die Ecke, sie wollte zur Arbeit, es war kurz vor halb acht. Sie begrüsste den Mann am Eingang, er grüsste zurück. Dass er eine Mütze trug, machte sie nicht stutzig: Es war Winter, und nasse Kälte kroch die Beine hoch. Die Frau sperrte die Tür auf und betrat den Bankraum, um den Alarm auszuschalten.

Als sie wahrnahm, dass der Mann ihr gefolgt war, schrie sie auf. Er fuchtelte mit einer Waffe herum, streckte ihr die Tasche hin und sagte: Hopp, drii! Die erschrockene Frau wich zurück, stolperte und fiel. Dann stand sie auf und sagte: Chömed! Im Tresorraum füllte sie ihm die Tasche mit Notenbündeln. Der Mann bekam Platzangst und fragte: Wo ist die Tür? Ich muss hier raus!

Im Büro nebenan sass der Filialleiter. Erst wunderte er sich, weshalb seine Angestellte sich so lange nicht zeigte. Dann rief er die ­Polizei an. Als dort niemand antwortete, floh er durch die Terrassentür und brachte sich in Sicherheit.

Der Räuber rannte mit der Tasche aus der Bank und stieg in ein Auto, in dem seine Helferin – eine Frau aus Zollikofen – wartete, und sie fuhren los.

Mit 30'000 Franken Beute in der Tasche setzte er sich in den Flieger nach Bangkok. Er wollte ein neues Leben beginnen.

Quelle: Kornel Stadler

Die Flucht

Der Polizist in Bümpliz stellte fest: Jawohl, ­eine Busse von 500 Franken, ausgestellt auf den Namen Enzo G., sei noch offen. Der Räuber zahlte sie mit seinen letzten 200 verdienten Franken – und legte 300 Franken aus der Beute obendrauf. Die hatte er extra aus der Tasche im Auto holen müssen.

Dann gings zum Flughafen. Während der Fahrt rief Enzo G. seine Freundin an und ­sagte, er werde bald bei ihr sein, er buche gleich den Flug nach Bangkok. Doch der Flieger war voll, zumindest in der Eco-Klasse.

Vier Stunden nach dem Überfall stand der Räuber mit 30'000 Franken in den Hosen­taschen vor der Passkontrolle in Kloten, da bat ihn ein Polizist in den Nebenraum: Er habe eine Verkehrsbusse nicht gezahlt. Enzo G. zeigte ihm die Quittung aus Bümpliz – und sass kurz darauf in der Business-Klasse der Thai Airways nach Bangkok. Von dort flog er zu seiner Freundin in Hua Hin, einer Küstenstadt im Süden, wo der König von Thailand seine Sommerresidenz unterhält.

Die Verhaftung

Enzo G. war seit 2003 immer wieder nach Thailand gereist und hatte sich in das Land und in eine Einheimische verliebt. Nach 14 Tagen Trautheit überliess er der Frau den gesamten Betrag, den er für zwei Monate Ferien gespart hatte, um ihr ein besseres Leben zu ermöglichen. Und flog zurück, um Geld zu verdienen.

2008 heirateten die zwei und zogen in die Schweiz. Enzo G., Lastwagenchauffeur, nahm die Ehefrau mit, wenn er internationale Strecken fuhr. Die Verbindung ging dennoch schief, alles habe sich ständig um Geld, Geld, Geld gedreht, sagt er. Am Ende zog er aus der gemeinsamen Wohnung aus und lebte in der Koje des Lastwagens.

Nach der Trennung blieb Thailand der Ort, wo sich Enzo G. wohlfühlte, wohin er immer wieder reiste, weil er das Meer, den Strand und die Palmen liebt. Mit einem thailändischen Partner eröffnete er auf der Insel Koh Chang ein Tattoostudio und liess sich florale Muster in Wangen und Schläfen stechen sowie Skelettknochen auf den Handrücken und die Finger. Die auffälligen Zeichnungen würde sich Enzo G. wegen der Überwachungs­kamera der Bank in Lützelflüh mit einem Abdeckstift wegmalen.

Ein paar Monate vor dem Raub – kurz vor dem Jahreswechsel 2012/2013 – hatte er eine weitere Thai kennen­gelernt, ebenfalls aus Hua Hin, und sich in sie verliebt. Ihre Familie habe ihn aufgenommen wie einen Sohn. Zu ihr reiste Enzo G. und gab vor, er habe eine Erbschaft gemacht.

In den Wochen nach der Tat flog die Frau aus Zollikofen, die ihn von Lützelflüh nach Bümpliz und zum Flughafen gefahren hatte, nach Thailand. Einmal mit 140'000 und einmal mit 220'000 Franken. Dann wurde sie in der Schweiz verhaftet.

Von der Beute kaufte Enzo G. der Mutter seiner Freundin einen Rollstuhl und ihr selber einen Bungalow, ein gebrauchtes Auto, ein gebrauchtes Motorrad und Goldketten. Den Rest deponierte er auf den Namen der Freundin bei der Bank.

Er träumte von einer Familie, wollte einen Neffen aufnehmen und ihm eine Zukunft ermöglichen. Und sprach mit einem Bauunternehmer, der den Bretterverschlag der Schwester seiner Freundin plattwalzen sollte und ihrer Familie ein würdiges Häuschen aufstellen.

Doch am Tag des Baubeginns, knapp zwei Monate nach dem Überfall, wurde er jäh aus seinen Träumen gerissen: Die thailändische Polizei und ein Schweizer Polizist verhafteten Enzo G. in Hua Hin, durchsuchten das Haus und fanden 60'000 Franken.

Die Jugend

Wenn der erwachsene Mann sich zurückerinnert, sieht er Striemen eines Gürtels auf dem Rücken des kleinen Enzo, geschwollene Wangen von den Ohrfeigen seines Stiefvaters und blau unterlaufene Augen. Als seine Halb­geschwister zur Welt kamen, wurde der Bub mehr und mehr zur Unperson und schliesslich ins Berner Kinderheim Elfenau abgeschoben.

Den Kindergarten und die erste Klasse verbrachte er wieder bei der Mutter, bis sie seiner erneut überdrüssig war und ihn den Pflegeeltern weiterreichte. In der Folge wurde ihr das Besuchsrecht entzogen, der Bub warf die Karten der Mutter zum Geburtstag und zu Weihnachten in den Abfall und nahm den Namen der Pflegeeltern an.

Die Beute

Im Flieger hatte Enzo G. 30'000 Franken dabei, der Rest war in der Tasche im Auto verblieben. Wie viel Geld war das denn?

Der Bankräuber sagt, er habe das Geld nicht gezählt, aber seine Chauffeuse. Sie sei auf 448'000 Franken, inklusive seiner 30'000, gekommen und habe angegkündigt, sie würde 48'000 davon behalten. Der Pflichtverteidiger von Enzo G. sagte ein halbes Jahr nach dem Überfall, die Bank habe 461'000 Franken geltend gemacht. Wo die restlichen 13'000 Franken versickert sind, weiss der Räuber nicht. Der Grossteil der Beute fand sich in Thailand.

Wenn Geld aus einem Raub wieder auftaucht, überweist die Versicherung das der Bank oder behält es, wenn sie den Schaden bezahlt hat. Das ist bei der Bernerland-Bank der Fall. Der Schaden sei gedeckt, schrieb der Direk­tor dem Beobachter, und man werde von der Täterschaft kein Geld zurückfordern. Wohl aber nimmt die Versicherung der Bank Regress: Enzo G. und seine thailändische Freundin schlossen 2014 mit ihr einen Vertrag, sie würden ihr jeden Rappen zurückzahlen.

Die Bankangestellte

Der Wunsch des Beobachters, mit der Bankangestellten zu sprechen, lehnte der Direktor ab – dieses ausserordentliche beziehungsweise traumatische Erlebnis solle nicht unendlich weiterbearbeitet werden.

Enzo G. sagt, er habe sich mehrfach schriftlich bei ihr entschuldigt, sie sei so eine nette Frau, und es tue ihm sehr leid. Die Frau arbeitet weiterhin in der Bank.

Die Haft

Nach der Überführung fand sich Enzo G. ab Ende Mai 2013 in einer Dreierzelle im Regionalgefängnis Burgdorf wieder. Vom weiten Strand in Thailand in einen kleinen Raum ohne direkte Sonne. Man gehe in U-Haft körperlich und seelisch kaputt, erzählt ein Mithäftling. Er teilte die Zelle 25 Tage lang mit dem Räuber und einem weiteren Häftling. Letzteren hätten die Aufseher eines Morgens in die Zelle geschoben. Der Neue sei Chef einer eigenen Firma gewesen, er habe sich auf die Pritsche gesetzt und eine halbe Stunde lang geheult.

Nach elf Monaten Burgdorf willigte Enzo G. in den vorzeitigen Strafantritt ein. Wer ihn in Thorberg besucht, muss das Handy abgeben und die Schlüssel, Papier und Schreibzeug. Das Schuhwerk wird geröntgt, der Körper durchleuchtet. Der Besucher wird in ein Zimmer mit ein paar Tischen und Holzstühlen geführt. Bequem müssen sie nicht sein; kein Gespräch dauert länger als zwei Stunden.

Enzo G. dürfte einssiebzig messen oder einsfünfundsiebzig, schwer zu sagen wegen der derben Schuhe, die ihn am Boden halten, und wegen der Wollmütze, die er ins Gesicht gezogen hat. Er nimmt sie ab und begrüsst den Besucher freundlich, aber leicht fahrig, der Druck ist schwächer, als seine grosse Hand es erwarten lies­se. Und der Mann ist schma­ler, als ihn die Fleece-Jacke erscheinen lässt.

Die Tatwaffe sei weder geladen gewesen noch echt, sagt er in den ersten Minuten, sondern eine Airsoftwaffe, die er sich ausgeliehen habe. Die ist aus Plastik und wird im Gehölz zum Chriegerle eingesetzt.

Am Wochenende vor dem Überfall habe er zwei Gramm Kokain konsumiert. Nein, er sei nicht drogenabhängig, es sei ein Ausrutscher gewesen.

Die Anklage

Der Bankräuber von Lützelflüh hatte vor der Tat keinen Eintrag im Strafregister. Die Staatsanwältin klagt ihn wegen «nicht qualifizierten Raubs» an, da er die Tat allein, mit ungeladener Airsoftwaffe verübt hat. Dafür sind höchstens zehn Jahre Haft vorgesehen. Die Strafe dürfte deutlich geringer sein, weil der heute 44-Jährige Ersttäter ist.

In einem seiner Briefe an den Beobachter schrieb Enzo G., im psychiatrischen Gutachten stehe, er habe seinen Platz im Leben bisher nicht gefunden. «Das mag sein», sagt er. Bis er seine neue Freundin kennengelernt habe. Als er die Bank überfiel, habe er gedacht, 1000 Franken würden genügen, und er wäre bald bei ihr.

Update: Lange Haftstrafe – Berufung eingelegt

Das Regionalgericht Burgdorf hat den Bank­räuber Enzo G. zu 56 Monaten Gefängnis ver­urteilt. Es folgte damit dem Antrag der Staatsanwältin. «Wären wir in einem Holzhaus, die Balken hätten sich gebogen», kommentierte der Richter das Aussageverhalten des Täters. Die 48-jährige Helferin des «Bankräubers von Lützelflüh» kam mit 24 Monaten bedingt und einer Probezeit von drei Jahren davon.

Der Anwalt des Täters, Oliver Krüger, legte im Namen von Enzo G. umgehend Berufung gegen das «sehr harte Urteil» ein. Sein Mandant und er seien «zuversichtlich, dass seitens des Ober­gerichts eine Korrektur des Strafmasses erfolgen wird», schrieb er dem Beobachter.