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Der FallDer Wegmeister auf Abwegen

Lügen, Sex und Drogen: wie aus einem mustergültigen Gemeindearbeiter ein Tresorknacker wurde.

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Der Gemeindepräsident starrt ins Loch. Ein Viereck genau bei der Banknotenschublade. Schwarzes Pulver klebt ­neben der Öffnung, auf dem Parkett liegt weis­ser Staub. Das Pulver ist von der Spurensicherung, der Staub von der Tresorwand. «Jetzt müssen wir hier putzen», sagt der Präsident. Hanspeter Bieri* steckt den Staubsauger ein. In der Gemeindeverwaltung zu putzen gehört eigentlich nicht zu den Aufgaben des Wegmeisters. Aber Hanspeter, «dr Pesche», der ist immer da, wo man ihn braucht.

Auch als die Polizei einmal das Asyl­zentrum überwachte. Hanspeter kontrollierte jeden Tag, ob die Abhörgeräte noch laufen. «Macht der Bieri, das fällt am wenigsten auf», sagte der Polizist. Oder als im Dorf eine Hanfplantage aufflog. Jemand musste den Drogenfahnder in den Keller bringen – unter dem Vorwand, den Stromzähler zu kontrollieren. Macht der Bieri.

Heimliche Schäferstündchen bei Sabine

Juli 2005. «Kaffee und Dessert bei mir?» Pesche schreibt nicht zurück, parkiert den Rasenmäher und fährt zum Haus der Familie Beyeler. Pesche läutet nicht. Die Vorhänge sind zugezogen. In der Küche packt er Sabine Beyeler und setzt sie auf den Tisch. Sie lehnt sich zurück, stützt sich mit einer Hand auf dem Tisch ab. Mit der anderen greift sie ­seinen braungebrannten Nacken und zieht ihn zu sich.

Zehn Minuten später liegt die orange­farbene Arbeitshose neben dem Küchentisch, ihre Trainerhose auf dem Sessel und sie beide auf dem Sofa. «Weisst du noch, als du das ­erste Mal hier warst?» – «Du hast bei der Bauver­waltung angerufen, weil der Grün­abfall nicht abgeholt worden ist. Ich holte das Grünzeug und bekam einen Kaffee.» Sabine steht auf, schlüpft in die Trainerhose und schaltet die Kaffeemaschine ein.

Was Sabine nicht weiss: Sie ist nicht die Einzige im Dorf, bei der Hanspeter Bieri ­Kaffee trinkt. Es gibt auch noch Bettina und Fränzi. Nach der Trennung von seiner Frau geniesst es Pesche, wieder begehrt zu werden. Sabine, Bettina und Fränzi besucht er während der Arbeitszeit, wenn deren Kinder und Männer weg sind. Geht es zu Hause nicht, vergnügen sie sich im Auto am Waldrand oder im Hotel.

Er wundert sich, dass keiner etwas merkt

Das alles passiert in einem Dorf im Kanton Bern. 1800 Einwohner, drei Beizen, zwei ­Bauernbetriebe. Heute arbeitet Hanspeter, mittlerweile 43, als Abteilungsleiter beim Bund. Heute hat er eine Juristin als Lebens­partnerin.

Erst heute ist er bereit, seine Geschichte zu erzählen.

Er muss sich überwinden, an diese Zeit zurückzudenken. Kneift die Augen zu, bis das Blau fast verschwindet. Er spricht leise, ­zögert, schüttelt immer wieder langsam den Lockenkopf. Den Frauenhelden sieht man ihm nicht an. Stämmiger Oberkörper, breite Handwerkerpranken. Wie ein athletischer Schwinger, der seine besten Schwünge hinter sich hat. Am Nachmittag mit Sabine auf dem Sofa, am Abend auswärts essen mit Fränzi, übernachten bei Bettina.

Hanspeter lügt sich durch und fragt sich oft: Merkt denn das auf der Gemeinde keiner? Er verschwindet fast jeden Tag für ein, zwei Stunden. Dann wieder eine SMS an Fränzi, die eigentlich für Bettina gedacht gewesen wäre. Noch mehr Lügen. Bis an einem Mittwoch der Mann von Sabine früher nach Hause kommt. Hanspeter macht den Gurt zu, in dem Moment schallt ein langgezogenes «Hallo» durch das Haus. «Du kennst ja Pesche Bieri, den Wegmeister», sagt Sabine mit voller Kaffeetasse in der Hand. Hanspeter streckt ihm die Hand entgegen: «Ich habe in der Strasse das Laub zusammengenommen.» – «Und da habe ich ihm Kaffee angeboten.»

Im Dorf ein beliebter Streitschlichter

Auf der Gemeindeverwaltung spielt Bieri den Saubermann. Er kandidiert bei den Grossratswahlen für die strenggläubige EDU. Im Dorf gilt er als unkompliziert, offen und fröhlich. Als es in der Weihnachtszeit nicht schneit, karrt er grosse Schnee­haufen auf den Dorfplatz. Die Kinder lieben ihn dafür. Der Gemeindepräsident nimmt Hanspeter manchmal mit, wenn es einen Nachbarschaftsstreit zu schlichten gibt. Zu hohe Hecken oder Äste, die über die Grenze ragen. Pesche spricht alle mit Vornamen an, macht ein paar Sprüche, alle lachen, geben sich die Hand, der Zwist ist vorbei.

Bei seinen eigenen Problemen reicht ein lockerer Spruch längst nicht mehr. Die Angst, er könnte auffliegen, wird mit jeder Lüge grösser. Die Affären beenden kann er nicht. Damals sieht er nicht, was er heute weiss: «Die Frauen waren wie eine Sucht.»

* alle Namen geändert

Mit Fränzi hat er das erste Mal Sex auf Ecstasy. Später zieht er die erste ­Linie Speed rein. Der Stoff kommt ­gerade recht. Hanspeter knallt sich auf, damit er im Job und auf den drei Sofas die Leistung bringt. Dass es so einfach ist, hätte er nicht gedacht. Bald hat er diverse Adressen, wo er die Drogen holen kann. Er muss sich überwinden, diese Wohnungen zu betreten: Verwahrlosung, Leid, Dreck. Sieben Gramm Speed, 500 Franken. Die Drogen und die drei Damen sind teuer, die Mahnungen stapeln sich. Wenn der Betreibungsweibel bei Hanspeter klopft, bleibt die Tür zu. Den Betreibungszettel an der Tür sehen auch ­seine Eltern. Nur noch selten geht er auf ihre Seite im Generationenhaus.

Die Idee kommt ihm während einer Kaffeepause im Gemeindehaus. «Wir müssen zur Bank, so viel war noch selten im Tresor», sagt jemand von der Finanzverwaltung. Bieri weiss genau, wie viel Geld jeweils im Safe liegt. Der Finanzverwalter fühlt sich nicht wohl, mit viel Geld unterwegs zu sein. Wenn grössere Barbe­träge zwischen Bank und Gemeinde verschoben werden müssen, springt Pesche regelmässig als Geldkurier ein.

Heute kann Hanspeter selber kaum mehr glauben, was dann passierte. Beim Erzählen sitzt er gekrümmt im Plastikstuhl einer Gartenbeiz, die Ellbogen auf die Knie gestützt. «Das fragen mich alle: ‹Warum?› Ich kann es nicht sagen. Die Idee war plötzlich da. Ich war mir sicher, dass das nie auskommt. Dass ich damit alle bitter enttäusche, verdrängte ich.»

Ein Klimmzug, und schon ist er drin

19. Juli 2006, 18.35 Uhr. Das Gemeindehaus steht mitten im Dorf. Es wurde vor 140 Jahren erbaut und war damals ein Schulhaus. Auf der Rückseite gibt es eine Laube. Hanspeter steigt auf ­einen der Bistrotische, erreicht den Balken unterhalb der Laube, schwingt sich hoch. Das Fenster des Treppenhauses ist schräg gestellt und lässt sich aushängen.

Der Finanzverwalter war der Letzte, er ist vor vier Minuten raus. Hanspeter hastet die Treppe hinunter: In 20 Minuten kommt der Gemeindepräsident für die Sitzung des Gemeinderats. Seine Schlüssel hat der Wegmeister auf Abwegen nicht dabei, dafür eine Hydraulikpresse. Normalerweise werden damit Autos angehoben, jetzt drückt er damit die Tür zur Finanz-verwaltung auf. Die Rollos sind unten. Hanspeter steckt die Trennscheibe ein: Diamantblatt, Durchmesser 25 Zentimeter.

Der Werkzeughersteller Würth lädt jedes Jahr Kunden zur Produktprä­sentation ein. Hanspeter ist jedes Mal hingegangen. Beim letzten Mal wurde die neuste Generation der Diamantscheiben vorgestellt, mit bestechenden Argumenten: «Tresorknacker müssen heute nicht mehr mit dem Schweissbrenner ans Werk. Mit einer Trennscheibe und einem Diamantblatt von Würth schneiden Sie jedes Material.»

Pesche Bieri setzt die Trennscheibe an der Seitenwand des Tresors an. Der Würth-Vertreter hat nicht gelogen. Nach einer Stahlschicht kommt eine Feuerschutzplatte, danach wieder Stahl. Vier Schnitte, dann knallt ein Viereck aus Tresorwand aufs Parkett. Es riecht nach Baustelle. Hanspeter greift in das Loch. 6500 Franken. Er wickelt die Noten in einen Plastiksack. 18.45 Uhr. Erst jetzt sieht er den weis-sen Staub auf dem Parkett. Hanspeter lässt das Werkzeug liegen, nur das Brecheisen braucht er noch. Damit ­hebelt er die Tür beim Hintereingang auf und rennt in den Werkhof. Handschuhe, Kleider und Schuhe stopft er in einen Abfallsack und wirft alles in den Container.

«Eine Riesensauerei»

Er hat mit einer Bekannten und deren Kindern zum Essen abgemacht. Gemeinsam fahren sie zum Restaurant. 19.05 Uhr. «Perfektes Alibi», denkt er sich während des Essens. Die Rechnung wird mit einer Hunderternote aus dem Tresor bezahlt.

«Eine Riesensauerei», sagt Hans­peter. Er hat den Staubsauger schon einmal geleert. Parkett, Pulte, Büro­stühle, alles ist von diesem weissen Staub bedeckt. Der Gemeindepräsident kommt rein: «Der Tresor muss raus. Pesche, kannst du ihn vorläufig zu dir in den Werkhof stellen?»

Der Einbruch in der Gemeindeverwaltung ist das Gesprächsthema im Dorf. Insiderwissen? Aber wer? Hanspeter Bieri rätselt munter mit. Seit dem Einbruch geht der Finanzverwalter definitiv nicht mehr mit viel Geld zur Bank. Das erledigt Pesche.

Die Polizei nimmt bei den Ermittlungen Speichelproben von poten­ziellen Tätern. Hanspeter und auch der Gemeindeschreiber müssen eine ­Probe abgeben. Reine Routine.

Speed. Fränzi. Sabine. Ecstasy. ­Bettina. Arbeiten. Lügen. Mittlerweile ist jedes Lächeln eine Lüge, und der Pesche lacht viel. Seit dem Einbruch sind fast anderthalb Jahre vergangen. Der alte Tresor ist längst weg, das schlechte Gewissen ist geblieben. Dann kommt das Mitarbeitergespräch mit dem Gemeindepräsidenten. Hanspeter hat den Satz geübt: «Du, ich muss dir etwas sagen. Das wegen des Tresors.» Er sagt den Satz nicht.

Trotz dem schlechten Gewissen ist sich Pesche sicher, dass er jetzt nicht mehr auffliegt. Was er nicht weiss: ­Seine Speichelprobe stimmte mit einem Schweisstropfen vom Tatort überein. Er wird seit drei Monaten überwacht. Beschattung, Telefon, Handy, SMS. Die Fahnder rapportieren: Affären während der Arbeit, Drogen.

Die Lohnerhöhung kommt zu spät

Auf der Gemeindeverwaltung funktioniert die Rolle des mustergültigen Saubermanns weiterhin. Im Dezember erhält Hanspeter eine Lohnerhöhung von zwei Gehaltsstufen per Januar 2008. Er wird den höheren Lohn nie erhalten.

Denn kurz vor Weihnachten kommen die Fahnder auf die Verwaltung. Sie informieren Gemeindepräsident und Gemeindeschreiber: «Wir haben Beweise. Es war der Wegmeister.» ­Präsi und Schreiber winken ab: «Unmöglich! Fehler. Doch nicht der Bieri.» Man einigt sich darauf, die Feiertage verstreichen zu lassen.

14. Januar 2008, nach der Mittagspause. «Hallo Pesche, hier sind drei Herren von der Polizei, die wollen dich sprechen. Kannst du schnell ins Gemeindehaus kommen?» Er weiss sofort, was los ist, und geht rüber. Der Gemeindepräsident kommt in den Raum. Hanspeter haucht: «Es stimmt, ich war es.» Handschellen, Untersuchungshaft.

Am Tag der Verhaftung wird im Nachbardorf der Postenchef der Po­li­zei bis auf weiteres freigestellt. Ein ­bekanntes Gesicht. Er war während acht Jahren Gemeindepräsident und ist ein guter Freund von Hanspeter. Die ­Handyüberwachung zeigte: Hanspeter und er hatten täglich Kontakt.

Der Gemeindepräsident will keine Presse. Kein Tamtam. Aber im Dorf wird geredet. Eine Woche nach dem Geständnis im Gemeindehaus sagt der Präsi zum «Bieler Tagblatt»: «Ich fiel aus allen Wolken. Ich hätte nie einen Verdacht gehegt. Er arbeitete seit acht Jahren bei uns, und wir waren immer zufrieden mit ihm. Er war äusserst kompetent und sehr flexibel.»

Pesches Familie steht unter Schock

In der U-Haft muss Hanspeter Bieri ­jeden Tag die Fäuste von sich strecken. Handschellen rasten ein. Er wird zum Verhör ins Polizeigebäude nebenan geführt. Tresore in Bern, Tresore in ­Solothurn, Tresore in Thun. Die Fahnder hoffen, einen Serientäter gefasst zu haben. Auch auf der Gemeindeverwaltung gab es vor und nach dem Tresorbruch Einbrüche. Bei der Feuerwehr verschwanden ein Beamer und eine Tankkarte. Hanspeter nimmt sich ­einen Anwalt: Gerber. Mit ihm hat er schon seine Scheidung überstanden. Der Haken: Gerber ist auch der Hausjurist der Gemeinde. Der Anwalt fragt zuerst den Gemeinderat, ob er Hanspeter vertreten dürfe. Er darf.

Die Familie der Bieris ist noch immer mit dem ersten Schock beschäftigt. Hanspeter hat fünf Geschwister. Er ist der Jüngste, der Einzige, der ­geschieden ist. Alle hätten sie ihm Geld gegeben. Warum hat er nie etwas ­gesagt?

In der Untersuchungshaft gehen die Verhöre weiter: «Sie waren nicht allein, Herr Bieri. Sie bleiben nur länger hier drin, wenn Sie Ihren Kom­p­li­zen decken.» Hanspeter bleibt dabei: «Ich hätte keinen gefunden, der mir geholfen hätte.»

«Lieber Pesche. Wir haben das mit dem Tresor gehört. Schade, bist du nicht mehr hier. Du warst der beste Wegmeister, den wir hatten. Pass auf dich auf.»

Hanspeter erhält mehr als 30 Briefe aus dem Dorf. Das Hunderternötli einer älteren Frau wird beschlagnahmt.

Unterdessen realisiert der Gemeindepräsident, dass es für den Wegmeister gar kein Pflichtenheft gibt. Hanspeter notiert in der Untersuchungshaft, was er in den letzten acht Jahren alles erledigt hat. Für dieses hand­geschriebene Pflichtenheft wird ihm die Gemeinde später rund 3000 Franken erlassen.

Nach 20 Tagen ist Pesche wieder draussen. Und der Polizeichef vom Nachbardorf ist wieder im Dienst.

Hanspeter findet eine Stelle auf dem Bau. Auf Akkord schafft er es auf fast 8000 Franken im Monat. 500 davon gehen direkt als Rückzahlung an die Gemeinde.

15. Juni 2011, Regionalgericht, 1792 Tage nach dem Loch im Tresor. Hanspeter, vertreten durch den Hausjuristen der Gemeinde. Die Gemeinde, vertreten durch den Gemeindeschreiber. «Warum?», fragt die junge Richterin. Tränen tropfen auf das Pult vor Hanspeter: «Es tut mir leid.» Sein Anwalt liest mehrere Briefe von der U-Haft vor: «Lieber Pesche. Hoffentlich kommst du wieder zurück.»

Am Schluss muss Hanspeter Bieri eine Busse zahlen und die Verfahrenskosten tragen. Ins Gefängnis muss er nicht, die Freiheitsstrafe ist nur ­bedingt.

Der Gemeindeschreiber stellt ihm schliesslich zwei Arbeitszeugnisse aus. Im ersten steht: «Aufgrund eines Strafverfahrens wegen vermögensrechtlicher Delikte und des damit verbundenen Vertrauensbruchs wurde das Arbeitsverhältnis im gegen­seitigen Einvernehmen per sofort aufgelöst.» Im zweiten fehlt dieser Satz. Für seinen jetzigen Job beim Bund hatte er sich mit dem ersten beworben.

Veröffentlicht am 14. April 2015