Wenn Jugendliche Volker Schmidt begegnen, haben sie bereits gehörig Spuren hinterlassen. Blaue Flecken, Verletzungen, verzweifelte Eltern und Lehrer, geplünderte Kioskkassen und Portemonnaies, unzählige leere Wodka- und Bierflaschen. Und irgendwann kracht es richtig. Sie sind zwischen 12 und 18 Jahre alt, oft aus schwierigen Familienverhältnissen, manchmal abgestumpft, fast immer renitent. Sie sind sein Alltag.

Dennoch: Volker Schmidt liebt seinen Job. Weil er manchmal etwas bewirken kann. Dafür nimmt er Drohungen und Anfeindungen in Kauf. Die haben ihren Grund: Der Kinder- und Jugend­psychiater beurteilt im Auftrag von Jugendstaats­anwaltschaften, wie schlimm es um die kriminellen Jugendlichen steht – und damit, ob sie die nächsten Jahre in einem geschlossenen Heim verbringen werden.

Den 16-jährigen Patrick traf Schmidt mehrmals in einem Untersuchungsgefängnis im Mittelland.

Patrick*, 16: Der gelangweilte, charmante Schläger

Er schlägt sich schon als Zehnjähriger mit den Jungs vom Nachbardorf. Auch später sucht Patrick Ärger, wo er kann, und findet Gleichgesinnte. Mit 16 macht er Kampfsport – Mixed Martial Arts –, was ihm in seiner Clique Respekt einbringt. Gemeinsam stehlen sie, prügeln sich. Als sie an Polizisten geraten und eine Zeitung darüber berichtet, ist Patrick mächtig stolz. Aber irgendwann ist Schluss: Der Teenager kommt in ein offen geführtes Jugendheim. Er bleibt eine Nacht. Dann reisst er mit zwei anderen aus. Er will Party machen, doch er hat kein Geld. Die Lösung ist einfach – und endet brutal: Die Jugendlichen attackieren an einem Bahnhof einen 21-Jährigen, Patrick schreit den Mann an, schubst. Er will Geld. Sein Gegenüber wehrt sich. Doch Patrick ist stärker. Die Jugendlichen dreschen auf ihr Opfer ein, bis es blutend am Boden liegt und sie anfleht aufzuhören.

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Patrick stammt aus einer Familie der Mittelschicht, wie etwa jeder Dritte, den Volker Schmidt sieht. Von aussen eine heile Familienwelt, doch die Eltern streiten sich. Die Mutter setzt kaum Grenzen, der Vater findet, der Junge solle sich nur prügeln. So lerne er, sich durchzusetzen.

Volker Schmidt erinnert sich gut an Patrick: «Er war humorvoll, gesellig, charmant.» Er erzählte, er habe aus Langeweile zugeschlagen. Das hört der Gutachter häufig und glaubt es auch. «Als Teenager will man etwas erleben, seine Grenzen testen, das ist normal.» Das Frontalhirn verändert sich in diesem Alter, das erschwert den Jugendlichen die Kon­trolle über ihr Tun.

Schmidt ist überzeugt, dass sich Gewalt an Bahnhöfen, vor Clubs und auf der Stras­se eindämmen liessen, wenn die jungen Leute attraktive Alternativen hätten. Eltern sollten früh mit den Kindern etwas unternehmen, sie in die Pfadi oder einen Sportverein schicken, in die Musikstunde. Nicht erst mit 12, sondern früher, «dann sind sie später an solche Strukturen gewöhnt», sagt der Vater zweier Kinder. Auch gratis Freizeitangebote seien Gewaltprävention. Selbst Kampfsport könne eine Alternative zum Herumlungern sein – allerdings eigne sich nicht alles, differenziert Schmidt. Patrick erzählte ihm stolz, er wisse durch sein Mixed-Martial-Arts-Training genau, wie er einen Gegner töten könnte. «Das dürfen wir unseren Kindern nicht beibringen.»

Volker Schmidt, 40, ist leitender Arzt des Fach­bereichs Forensik im Kinder- und Jugend­psychiatrischen Dienst Solothurn. Als medizinischer Gutachter und Therapeut hat er täglich mit jungen Tätern zu tun.

Quelle: Benjamin Güdel
Quelle: Benjamin Güdel

Dreinschlagen ist das eine. Aber Volker Schmidt stellt bei seinen Begutachtungen fest, dass Mehrfachtäter brutaler geworden sind in den letzten Jahren. Die Mehrfach­täter, auch Intensivtäter genannt: jene fünf bis zehn Prozent der geschnappten Jugendlichen, die jedes Jahr für bis zu 60 Prozent der Delikte verantwortlich sind. Rund 500 sind es in der Schweiz, so Schmidt. «Sie schlagen häufig weiter zu, wenn das Opfer schon am Boden liegt.»

Wie Patrick. Irgendwann ging es damals am Bahnhof nicht mehr um Geld, sondern nur noch ums Schlagen.

Patrick kam in ein geschlossenes Zen­trum, prügelte noch zwei-, dreimal, riss erneut aus – und machte im Heim schliesslich eine Lehre als Schlosser. Sie sollte sein Türchen in die Freiheit werden. «In der Ausbildung fand er die Herausforderung, die er vorher in Schlägereien gesucht hatte», sagt Psychiater Schmidt. Der Fokus im Leben des Jugendlichen verschob sich. Inzwischen ist Patrick draussen und zu Schmidts Freude seit längerem deliktfrei.

Bei Kevin war die Sache schwieriger.

Kevin*, 17: Der Drogenabhängige mit dem Messer

Kevin ist aus der Entzugsklinik abgehauen. Als sein Sozialarbeiter ihn besucht, um ihn zu einer Rückkehr zu überreden, kommt es zum Streit. Kevin greift zum Küchenmesser und rammt es seinem Gegenüber zweimal in die Brust. Der Mann überlebt nur knapp. Kevin ist 17.

Gewalt spielt in Kevins Leben früh eine Rolle. Im Kindergarten drischt er auf andere ein. Sie hänseln ihn wegen seines Übergewichts. In der Primarschule wird ADHS diagnostiziert und eine Störung des Sozialverhaltens. Er ist schulisch schwach und Legastheniker. Das verschriebene Ritalin gibt ihm die Mutter – selbst alkohol- und medikamentenabhängig – nur kurz. Mit elf Jahren landet Kevin im Kinderheim. Mit 13 raucht und trinkt er, es folgen Strafanzeigen wegen Cannabiskonsums, Sachbeschädigungen, Hausfriedensbruchs. Das Heim wirft ihn raus. Er soll in ein geschlossenes Zentrum. Kevin taucht unter und wird später in ein Sozialprojekt integriert. Dort erscheint er – wenn überhaupt – vollgepumpt mit Drogen. Sein Sozialarbeiter überzeugt ihn, dass ein stationärer Drogenentzug das Richtige sei.

Dissoziales Verhalten, ADHS, Depres­sionen, durch Drogenkonsum verursachte Störungen, verschiedene Typen von Per­sönlichkeitsstörungen, vereinzelt psychopathisches Verhalten: Die Mehrheit der Jugendlichen, die wiederholt straffällig werden, ist psychisch krank. «Zwischen 60 und 90 Prozent – je nach Studie», sagt Volker Schmidt. Das relativiere oder entschuldige ihre Taten nicht, aber man müsse andere Massnahmen treffen als bei gesunden Jugendlichen.

Der ADHS-Jugendliche Kevin war laut Schmidt nicht nur drogenabhängig, sondern auch depressiv. Nachdem er den So­zial­arbeiter niedergestochen hatte, weinte er, wollte sich das Leben nehmen. Für den Gutachter war klar: Der Junge muss in ein Heim «in die Pampa». Dort ist Kevin nun und kommt ohne Drogen aus. Er nimmt Antidepressiva, Medikamente stabilisieren seine Stimmung – und er arbeitet an einem geschützten Arbeitsplatz der IV.

Quelle: Benjamin Güdel

Psychische Störungen zeigen sich laut Schmidt manchmal im Kindesalter. Darum sitzen ihm in seinem Büro des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes in Solothurn bereits Primarschüler gegenüber. Sie zu beurteilen und falls nötig auch mit Medikamenten zu behandeln gehöre mit zur Kriminalprävention, sagt der Psychiater.

Bei Myriam half alles nichts. Volker Schmidt war zu optimistisch gewesen.

Myriam*, 15: Der hoffnungslose Fall

Das Mädchen lernt daheim, was Gewalt heisst. In der Primarschule schüchtert sie andere Kinder ein, bedroht und schlägt sie. Sie geniesst die Überlegenheit. Mit 15 Jahren kommt sie in eine Pflege­familie und bedroht bald ihre Pflege­mutter. Nächste Station ist ein Jugendheim. Sie droht, das Heim anzuzünden, terrorisiert Mitarbeitende. Sie trinkt Alkohol und kokst, fügt sich Schnittverletzungen zu. In keinem Heim ist sie tragbar, regelmässig landet sie in der psychiatrischen Klinik, wird immer wieder gewalttätig. Als sie 18 Jahre alt ist, gibt es keine jugendstrafrechtlichen Massnahmen mehr. Myriam sitzt seither in der Straf­anstalt Hindelbank.

Volker Schmidt begutachtete Myriam und platzierte sie in der Pflegefamilie. Daheim war sie von klein auf angeschrien und geschlagen worden. «Ich glaubte, ihr Bild von Familienleben und Beziehung sei noch korrigierbar», sagt Schmidt. «Leider irrte ich mich.» Myriam rastete aus, sagte, sie werde sich das Leben nehmen – und drohte der Pflegemutter, sie umzubringen.

Mädchen bilden in der Kriminalstatistik eine Randgruppe. Doch jene, die dreinschlagen und das immer und immer wieder tun, stehen den Jungs in nichts nach, sagt Schmidt. Bei ihnen sind psychische Störungen noch häufiger als bei männlichen jungen Intensivtätern. Bei Myriam kam alles zusammen, was Gewalt bei Jugendlichen fördert. Neben einer psychischen Störung waren da: statt Liebe Schläge im Elternhaus, schlechte schulische Leistung, mangelnde Intelligenz, Drogen, falsche Freunde, keine sinnvolle Freizeitbeschäftigung. «Ihr war nicht zu helfen, weil sie sich auf nichts einlassen wollte oder konnte», so Schmidt.

Bei Mansur irrt sich Schmidt erneut – aber anders.

Mansur*, 17: Der, der kein «Opfer» sein wollte

Mansur geniesst das Gefühl. Endlich hat er Kollegen, und niemand macht ihn mehr blöd an. Dragan ist jetzt sein Chef, und Mansur will seinen Respekt. Das hat seinen Preis: Mansur soll bei Raubüberfällen mitmachen. Sonst ist er eine «Pussy», ein «Opfer». Mansur raubt mit seinen Freunden ein junges Paar aus, das in einem Restaurant seine Verlobung feiern will. Auch den Verlobungsring der Frau nehmen die Jugendlichen mit. 30 Raubüberfälle, viele Faustschläge und Drohungen später nimmt die Polizei Mansur fest. Der junge Mann weigert sich, gegen seine Freunde auszusagen. Bis Dragan ihn schwer belastet.

«Kinder lernen üblicherweise früh gewalthemmende Verhaltensformen wie fair zu sein oder Reue zu zeigen. Mansur lerne das nicht. Er wuchs in einem Kriegsgebiet auf», sagt Volker Schmidt. Im Teenager­alter dann ist es zu spät, der Einfluss der Eltern schwindet, die Freunde – die Peers – stehen über allem. Laut Schmidt suchen sich Jugend­liche, die zu Gewalt neigen, ­ihresgleichen und legitimieren ihre Taten gegenseitig. Der Gutachter schätzte Man­surs Zukunft düster ein: «Der Junge war jeweils sehr geplant vorgegangen, hatte oft ein Messer dabei» – ein Zeichen für erhöhte Gewalt­bereitschaft. Hinzu kam: Mansur versuchte, Schmidt zu manipulieren. «Er wollte verhindern, dass ich empfehle, ihn in ein geschlossenes Heim einzuweisen.» Der Jugendliche flehte, drohte, versuchte es mit Charme. Ohne Erfolg.

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Quelle: Benjamin Güdel

«Ich war mir sicher», sagt Volker Schmidt, «er würde weiter für Ärger sorgen.» Doch Mansur verhielt sich ruhig. Er macht im Heim eine Ausbildung zum Schreiner. Das hat Schmidt einmal mehr bewiesen, «dass es bei Jugendlichen enorm schwierig ist, das Rückfallrisiko einzuschätzen, weil sogenannte Turning Points häufiger sind als bei Erwachsenen». Manchmal sei es eine Freundin aus «normalem Hause», bei Mansur war es der Lehrmeister, der ihn «zu nehmen weiss». Plötzlich kriegten die Jugendlichen doch die Kurve. Da freut es Schmidt jeweils sehr, wenn er sich geirrt hat.

Andere Fälle aber schockieren selbst ihn.

Francis*, 12: Der «minder-intelligente» Vergewaltiger

Francis bekommt die wechselnden Männerbekanntschaften seiner Mutter daheim lautstark mit. Im Internet schaut er sich Pornos an. In der Schule macht er sexuelle Andeutungen und sucht die körperliche Nähe anderer Kinder und auch einer Lehrerin. Die Mitschüler grenzen ihn aus, nachts nässt er häufig das Bett. Die Lehrerin informiert die Kindesschutzbehörde. Francis ist 12 Jahre alt und kommt in ein Heim. Dort vergeht er sich während dreier Monate mehrmals an einem jüngeren Mädchen. Er ist körperlich überlegen, probiert mit ihr in Pornos gesehene Stellungen aus und bedroht sie, damit sie nichts verrät.

Die sexuellen Übergriffe fliegen erst auf, als er in flagranti im Zimmer des Mädchens erwischt wird. Francis landet in ­einem geschlossenen Heim für Jungen.

Die Sexualstraftäter werden jünger. Pubertät und sexuelle Reife beginnen viel früher – nicht aber die emotionale Reife. Mögliche Gründe dafür: reichhaltigere Ernährung, die Sexualisierung der Gesellschaft und Schadstoffe wie Weichmacher und hormonhaltige Pflegemittel. Pornos tragen das ihrige bei. Schmidt: «Es ist verrückt: 12- oder 13-Jährige kennen einschlägige Pornoseiten im Internet. Sie sehen Praktiken, die sie ausprobieren möchten, können sich aber nicht vorstellen, was die Handlungen für Opfer bedeuten.» Sexuelle Aufklärung sowie Medienerziehung sollten laut dem Psychiater viel früher beginnen. Die Kinder müssten lernen, dass Sexualität etwas mit Beziehung zu tun habe «und nicht nur mit Stellungen und Praktiken».

Viele junge Sexualstraftäter sind Mehrfachtäter, begehen auch andere Delikte, sind «minder-intelligent», wie Schmidt es nennt. Auch Francis. Im Jungenheim hört er mit sexuellen Übergriffen auf, an ihre Stelle treten Drohungen, Schlägereien und Regelübertritte. Aber die klaren Strukturen und die Kontrolle wirken mässigend, sagt Schmidt. Ebenso Psychotherapie und Medikamente. Francis ist depressiv. «Sex war sein Antidepressivum, jetzt nicht mehr.»

Abends lässt Volker Schmidt die Heime, Massnahmenzentren und Untersuchungsgefängnisse hinter sich und geht nach Hause. Manchmal erschöpft, manchmal hoffnungsvoll.

*Name geändert

Buchtipp

Josef Sachs, Volker Schmidt: «Faszination Gewalt. Was Kinder zu Schlägern macht»; 2014, Verlag Orell Füssli, 224 Seiten, CHF 31.90