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JustizMissbrauchter Missbrauch

Die Zahl der Anzeigen wegen sexueller Übergriffe gegen Kinder nimmt zu, doch nicht immer entsprechen die Vorwürfe der Wahrheit. Auch wenn das Verfahren eingestellt wird, leiden die zu Unrecht Verdächtigten oft noch jahrelang unter den Anschuldigungen.

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Tränen tropfen auf die Aktenstösse auf dem Tisch. «Ich mache nicht mehr weiter, ich kann nicht mehr», schluchzt Antoinette M. «Ich hatte den Kindern einen Ort geboten, wo sie ohne Streit leben konnten, eine Insel des Friedens – und dann das.» Mit voller Wucht kommen die Erinnerungen an jene Zeit hoch, als sie mit dem Vorwurf konfrontiert war, ihren damals 13-jährigen Enkel sexuell belästigt zu haben.

Wie eine Schwerverbrecherin sei sie abgeführt worden, erzählt die 64-jährige pensionierte Sozialarbeiterin. «Ich bin fast zusammengebrochen. Ich dachte daran, mich umzubringen.» Ein Notfallpsychiater musste sich während der Vernehmung um sie kümmern, und sie litt unter schweren Migräneanfällen. Nach einer DNA-Analyse und einer Hausdurchsuchung kam sie nach über 24 Stunden endlich vor den Haftrichter, der sie nach Hause entliess.

Die Vorwürfe des Jungen, die auch von seiner 14-jährigen Schwester bestätigt worden waren, konnten entkräftet werden. Der Junge «anerkannte, bisher hinsichtlich der von ihm erhobenen Vorwürfe die Unwahrheit gesagt zu haben, und machte Angaben, die einerseits nachvollziehen lassen, weshalb es zu den falschen Belastungen kam, und andererseits einen Einblick in die Entstehungsweise überzeugender Falschaussagen ermöglichen», heisst es in der Einstellungsverfügung. Antoinette M. wurden die Anwaltskosten vergütet, und sie erhielt eine Genugtuungssumme von 1000 Franken zugesprochen.

Fatale Folgen für Betroffene
Wie Antoinette M. ergeht es vielen, die zu Unrecht eines sexuellen Übergriffs beschuldigt wurden: Oftmals verläuft das Untersuchungsverfahren wegen mangelnder Indizien im Sand. «Auch eine Einstellungsverfügung ist letztlich kein unumstösslicher Beweis dafür, dass wirklich nichts passiert ist», bringt Markus Oertle von der Zürcher Bezirksanwaltschaft das Dilemma auf den Punkt.

Die Folgen für die Betroffenen sind brutal: Obwohl die Verdachtsmomente in vielen Fällen rasch aus dem Weg geräumt werden können, bleibt an den Beschuldigten ein Makel hängen.

Nach langjähriger Tabuisierung ist Kindsmissbrauch seit Anfang der neunziger Jahre auch in der Schweiz zum gesellschaftlichen Thema geworden. Parallel dazu nehmen die Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu. «Gegenüber den neunziger Jahren, als eine Flut von Anzeigen die Behörden überschüttete, hat sich die Zunahme heute zwar abgeschwächt», sagt Markus Oertle. Doch der Trend zeigt nach wie vor nach oben: Allein im Kanton Zürich stieg die Anzahl der polizeilich registrierten Anzeigen wegen Unzucht mit Kindern von 229 im Jahr 1990 auf 356 im letzten Jahr.

Detaillierte Zahlen über missbräuchliche Anklagen vor Gericht, Verfahrenseinstellungen und Verurteilungen fehlen hingegen gänzlich. «Mir ist kein Entscheid bekannt, warum diese Zahlen nicht erhoben werden», sagt Markus Oertle. Sicher ist: Bei den oft heiklen Abklärungen stochern die Gerichte, Sozialbehörden und psychiatrischen Gutachter oft im Nebel.

Fehlende statistische Daten und mediale Aufbauschung führten zu einem «ungesunden Klima des Misstrauens», das den Opfern mehr schade als nütze, warnt Ines Bodmer, therapeutische Mitarbeiterin bei der Beratungsstelle Offene Tür in Zürich.

Die Psychologin hat sich im Rahmen ihrer Dissertation mit dem Phänomen der «recovered memories» befasst – den so genannten «wieder gefundenen Erinnerungen» an sexuellen Missbrauch in der Kindheit. «Immer wieder gibt es Fälle, in denen Frauen regelrecht suggeriert wird, sie seien sexuell missbraucht worden, hätten dieses Erlebnis aber vergessen oder verdrängt», sagt sie und warnt: «Das ist allenfalls ein Missbrauch des psychoanalytischen Konzepts der Verdrängung.» Denn Missbrauch vergesse man meist ebenso wenig wie andere traumatische Erfahrungen.

Der Missbrauch des Missbrauchsvorwurfs hat für die zu Unrecht Verdächtigten fatale Konsequenzen. Viele kämpfen noch Jahre später mit psychischen Problemen. Antoinette M. litt unter schlaflosen Nächten. Wenn der Fernseher lief, realisierte sie nicht, worum es in der Sendung ging. Nach Ausflügen in die Stadt fand sie den Heimweg nicht. Schliesslich brach sie zusammen und musste in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Noch heute ist sie in einer Therapie. Was sie am meisten quält: «Ich werde wohl nie erfahren, weshalb meine Enkel das gemacht haben; damit muss ich leben.»

Auch der heute 49-jährige Lehrer Markus L. versteht nicht, weshalb er von einem Schüler der sexuellen Übergriffe beschuldigt worden war. Das Verfahren gegen ihn wurde ebenfalls eingestellt. «Ich hatte sechs Zusammenbrüche und war monatelang arbeitsunfähig.»

Tiefe Verunsicherung
Im Rahmen der Untersuchung erfuhr Markus L. von anderen Lehrern, die ähnlichen Verdächtigungen ausgesetzt waren. Ein Kollege erzählte, er habe sich vom Turnunterricht dispensieren lassen, aus Furcht, versehentlich ein Kind an einer heiklen Stelle zu berühren. Wieder andere lassen eher ein Schulkind im strömenden Regen stehen, als es allein im Auto mitzunehmen. «Ich habe bemerkt, dass dieses Problem alle Lehrer beschäftigt, obschon sich kaum jemand getraut, das Thema aufs Tapet zu bringen.» Das Ganze hatte für Markus L. auch berufliche Konsequenzen: Ihm wurde gekündigt – kurz nach dem Entscheid der Behörden, das Verfahren einzustellen.

«Man muss sorgfältiger mit Verdächtigungen umgehen», betont Ines Bodmer. Mit Sorge beobachtet sie die Zunahme von voreilig erhobenen Missbrauchsvorwürfen in Scheidungsprozessen: «Es gibt Anwälte, die ihren Klientinnen geradezu nahe legen, den Vätern sexuelle Übergriffe gegen die Kinder vorzuwerfen.»

Die Instrumentalisierung der Kinder als Waffe könne auch gesellschaftlich unangenehme Konsequenzen haben, so Bodmer: «Wenn die Männer leichtfertig verdächtigt werden, ziehen sie sich aus der Kinderbetreuung zurück und überlassen die Familienarbeit wieder vermehrt den Frauen.» Sie kenne Väter, die Angst hätten, ihre Kinder in der Öffentlichkeit auf den Schoss zu nehmen oder auf Spielplätzen mit ihnen herumzubalgen. «Es ist problematisch, wenn Kindern der von ihnen gesuchte Körperkontakt entzogen wird.»

Weitere Infos
Die Beratungsstelle Offene Tür Zürich gründet eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs verdächtigt wurden: www.offenetuer-zh.ch

Veröffentlicht am 11. April 2003