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Mafia in der SchweizDie Paten sind unter uns

Die ’Ndrangheta arbeitet sich in die Schweiz vor. Doch die hiesige Justiz tut sich schwer im Kampf gegen die mächtigste ­Mafiaorganisation der Welt.

Aus einem Überwachungsvideo der Polizei: Mutmassliche Mafia-Mitglieder treffen sich im Gasthof Schäfli im Thurgau.

Giuseppe Larosas Stimme klingt an diesem Abend ­bösartig heiser. «Von jetzt an richtet ihr euch selber, entweder mit Giftkapsel oder Pistole», sagt er in die Runde. Larosa, genannt «Peppe la mucca» (die Kuh), ist Kadermitglied der ’Ndran­gheta, der kalabrischen Version der Mafia. Seit Jahren waren ihm die Fahnder aus ­Kalabrien auf den Fersen, filmten ihn heimlich bei einem Aufnahmeritual in der Lombardei. Im ­November 2014 klickten in Reggio ­Calabria die Handschellen, Anfang Mai dieses Jahres wurde er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Das 1000-Seelen-Dorf, in dem der ’Ndrangheta-Boss bis vor seiner Verhaftung lebte, liegt etwas abseits der grossen Zentren in einem Seitental. Einzige touristische Attraktion ist ein Heilbad, das vor mehr als 150 Jahren abbrannte. Der Name des Schweizer Orts: Pragg-Jenaz im bündnerischen Prättigau.

Bei einem einheimischen Bau­unternehmer hat Larosa mehrmals nach Jobs gefragt. Der Unternehmer hatte keine Ahnung, wen er vor sich hatte. Darüber reden möchte er nicht. Auch die Gemeindebehörden hüllen sich in Schweigen. Die Sache sei nicht ungefährlich. Diese Leute, heisst es vielsagend, seien «sehr gut vernetzt».

Mit geschätzten 53 Milliarden Euro Jahresumsatz gilt die ’Ndrangheta als mächtigste Mafiaorganisation. Haupteinnahmequellen sind Drogenhandel, Geldwäscherei und Erpressung. Ihr Aktionsradius umfasst ganz Europa, Nord- und Südamerika sowie Russland und Australien. 

Die Schweiz gehört zum Einzugsgebiet. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde das schlagartig im Sommer 2014 bewusst. Die italienische Polizei hatte ein weiteres Überwachungs­video veröffentlicht.

Aufgenommen dieses Mal nicht in der Lombardei, sondern in Wängi TG in einem Nebensaal des Landgasthofs Schäfli. «Ideal für eine Verschnaufpause für fleissige Wandergruppen oder einen Kafi-und-Gipfeli-Halt für alle Reisecars», preist sich die Beiz im Internet an. Das Video machte international Schlagzeilen, die britische «Daily Mail» sprach von einer Szene wie aus dem Mafiafilm «Der Pate».

Im Video zu sehen ist ein Dutzend Männer an einem Tisch, allesamt wohnhaft im Thurgau, die meisten in Frauenfeld. Manche sind hier geboren, die andern stammen aus Italien, leben aber schon lange in der Schweiz. Alle haben verwandtschaftliche Beziehungen ins kalabrische Dorf Fabrizia.

Rico C.* eröffnet die Sitzung mit der «Taufe» des Saals. So hätten es schon die drei spanischen Ritter Osso, Mas­trosso und Carcagnosso getan, mit «Eisen und Ketten». Basile N.* erinnert an die Regeln des «locale», angeordnet vom «crimine». In der Sprache der ’Ndrangheta bezeichnet es die jähr­liche Versammlung der obersten ­Bosse in der Nähe des kalabrischen Wallfahrtsorts Santa Maria di Polsi. Antonio Nesci bekundet seine Absicht zu «arbeiten». Arbeit sei ­genug da: «Erpressung, ­Kokain, He­roin. Es ist ­alles da. 10 Kilo, 20 Kilo am Tag kann ich euch persönlich beschaffen.»

Brisante Aufnahmen

Der Fall ist gut doku­mentiert. In der 730 Seiten umfassenden Anklageschrift der italienischen Behörden finden sich seitenweise abgehörte Sitzungen und Telefongespräche. Manches ist belanglos, an­deres brisant. Etwa wenn Nesci sagt: «Wenn wir über Morde sprechen müssen, über Erpressungen […], ich schrecke nicht davor zurück.» Ein anderes Mal ärgert er sich, dass eine Busgesellschaft die Preise erhöhen will, ohne vorab seine Einwilligung eingeholt zu haben: ­«Deve bussare» – er muss bei uns ­anklopfen. Die Thurgauer Busgesellschaft organisiert Reisen aus der Schweiz nach Kalabrien. Für die ita­lienischen Behörden ein Hinweis, dass die ­«Frauenfelder Zelle» in krimineller Weise Einfluss auf die Wirtschaftsfreiheit nimmt.

Die mutmasslichen Mitglieder der Frauenfelder Zelle entsprechen überhaupt nicht dem Klischee des Mafioso. Sie leben in bescheidenen Verhältnissen, viele haben normale Jobs. Giorgio N.* war Kundenberater bei der Zürich-Versicherung, Marcello C.* arbeitet bei der Stadt Winterthur. An einer Zusammenkunft im Landgasthof Schäfli sagte er: «Ich bin seit 18 Jahren in der ­‹società› und habe mich immer gut und sauber verhalten.» Reicht das, um die Männer zu Verbrechern zu stempeln? Die Beschuldigten wollten sich nicht zu den Vorwürfen äus­sern. Für sie gilt die Unschuldsvermutung.

Die Rechtslage ist unklar

Die italienischen Behörden verlangen die Auslieferung der Beschuldigten. Derzeit befindet das Bundesamt für Justiz über das Gesuch. Entscheidend dabei wird sein, ob sie auch nach schweizerischem Recht ­eine strafbare Tat begangen haben. Die Schweiz kennt zwar den Straftatbestand der Beteiligung an einer kriminellen Organisa­tion. Die genaue Auslegung des Artikels sorgt aber ­immer wieder für Verwirrung.

Die Verschärfung des Schweizer Gesetzes

In Italien steht die reine Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation unter Strafe. Das Schweizer Recht kennt einen sehr ähnlich formulierten Straftatbestand; die Beteiligung an einer kriminellen Organisation ist verboten. Das Bundesgericht hat präzisiert, was unter Beteiligung zu verstehen ist: Der Beschuldigte muss in die Organisation eingegliedert sein und im Hinblick auf deren verbrecherische Zweckverfolgung Aktivitäten entfalten.

Wichtig dabei: Diese Aktivitäten müssen nicht notwendigerweise illegal sein. Es genügen logistische Vorkehren wie das Auskundschaften eines Orts oder das Beschaffen von Fahrzeugen, Handys oder Finanzdienstleistungen.

Bundesanwalt Michael Lauber findet diese Anforderungen für eine Verurteilung sehr hoch und hält den entsprechenden Gesetzesartikel für sehr schwer anwendbar. Er hat dem Parlament eine Gesetzesänderung vorgeschlagen, damit kriminelle Organisationen wirksamer bekämpft werden können. Neu soll auch die passive Mitgliedschaft unter Strafe gestellt werden. Ein solcher «Schläfer» könne jederzeit für Unterstützungshandlungen abgerufen werden und stelle darum eine abstrakte Gefährdung dar. Leitende Mitglieder sollen neu bestraft werden können, auch wenn man ihnen weder eine konkrete Handlung noch einen expliziten Auftrag nachweisen kann.

Die Vorschläge des Bundesanwalts sind in eine Motion der Rechtskommission des Ständerats eingeflossen, die von Ständerat und Nationalrat angenommen wurde. Der Bundesrat ist jetzt aufgerufen, dem Parlament einen Erlassentwurf vorzulegen.

Im Fall einer Auslieferung müssen die Beschuldigten mit harten Strafen rechnen. Das zeigen die Fälle von Antonio Nesci und Raffaele Albanese. Sie reisten im August 2014 auf Einladung von Giuseppe «Peppe la mucca» La­rosa zur Hochzeit von dessen Tochter nach Kalabrien. Im Badeort Marina di Gioiosa Ionica wurden sie von den ­Anti-Mafia-Fahndern geschnappt. Das Gericht in Reggio Calabria verurteilte die beiden erstinstanzlich zu 14 beziehungsweise 12 Jahren Gefängnis. An der Via Sant’Anna in Reggio ­Calabria liefen auch die Fäden der Ermittlungen zusammen, die zu den Verhaftungen der Frauenfelder Zelle führten.

Von Mafiaromantik keine Spur

Das Gebäude der Staatsanwaltschaft mit der Grundfläche eines Fussballfelds sieht wie eine mittelalterliche Trutzburg aus. Die Eingänge sind mit Schleusen gesichert, im schmucklosen Innern eine schier ­endlose Zahl von Korridoren.

Zum sechsten Stock führt ein unwillig ruckelnder Lift. Hier liegt das Büro des Mannes, der für die Opera­tion «Helvetia» verantwortlich war: Staatsanwalt Antonio De Bernardo. Er ist erst 34, wirkt aber zehn Jahre älter.

Von Ganovenromantik, wie sie Hollywood in den Mafiafilmen inszeniert, ist nichts zu spüren. In den von fahlem Neonlicht beleuchteten Gängen kommen und gehen wortkarge Carabinieri, die Sekretärin spricht gedämpft, in den Gesichtern hat sich eine bleierne Müdigkeit festgesetzt.

«Ermittlungen gegen die Mafia brauchen Durchhaltevermögen und psychische Standfestigkeit», sagt De Bernardo. Die Hindernisse seien enorm, man müsse manch bittere Pille schlucken und schwierige Gerichtsurteile verdauen. 2006 begann die Anti-Mafia-Abteilung der Staatsanwaltschaft von Reggio Calabria und Mailand die Operation «Crimine», eine grossangelegte Aktion gegen die ’Ndrangheta. Bislang hat sie zur Verurteilung von mehr als 200 Personen geführt. Organisation und Struktur der kriminellen Vereinigung konnten in einer noch nie dagewesenen Detailliertheit aufgeklärt werden.

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Familienbande sind bei der ’Ndrangheta noch wichtiger als bei der Mafia in Sizilien oder Neapel, so eine der Erkenntnisse aus «Crimine». Typisch sind eine strenge Hierarchie mit je nach Grad genau zugewiesenen Funktionen, rituelle Aufnahmen und Beförderungen und der Gebrauch bestimmter Wortformeln.

Alle diese Elemente erkennt man im Überwachungsvideo und in den Lauschprotokollen aus Wängi. Für De Bernardo ist deshalb klar: Diese Männer sind Mitglieder einer ’Ndrangheta-Zelle, die seit 40 Jahren im Thurgau aktiv ist.

Leidige Verfahrensfehler

Die Schweiz ist ein gebranntes Kind, wenn es um die Überführung angeblicher Mafiosi geht. Das zeigt ein anderes ’Ndrangheta-Verfahren. Unter dem Namen «Quatur» ermittelten die Schweiz und Italien seit 2002 gegen bis zu 30 Verdächtige, die in den Neunzigern als Ko­kain-, Waffenhändler und Geldwäscher aktiv gewesen sein sollen. Viele stammen aus der Umgebung des kalabrischen Dorfs Mesoraca. Neun Jahre dauerte es, bis die Bundesanwaltschaft Anklage gegen 13 Beschuldigte des sogenannten Ferrazzo-Clans erhob, auch wegen Beteiligung oder Unterstützung ­einer kriminellen Organisation. Doch aufgrund von Verfahrensfehlern blitzte die Anklagebehörde zweimal beim Bundesstrafgericht ab. Verteidigerrechte waren missachtet worden, 30'000 abgehörte Telefonate mussten neu übersetzt werden.

Es hagelte Kritik wegen der unprofes­sionellen Arbeit der Strafverfolger und der langen Dauer der Verfahren. Im Juni 2014 liess die Bundesanwaltschaft den Vorwurf der Beteiligung an einer kriminellen Organisation gegen acht Beschuldigte ­fallen, ein halbes Jahr später auch gegen die restlichen fünf. Was war geschehen? Der heute 59-jährige Fortunato A. galt als Kopf des Schweizer Ferrazzo-Clans. Drei Jahre sass der schweizerisch-italienische Doppelbürger in Untersuchungshaft. Nach der Entlassung beteuerte er seine Unschuld. Ein unbeschriebenes Blatt ist er trotzdem nicht. Ende der neunziger Jahre sass er im Tessin eine Gefängnisstrafe wegen Kokainhandels ab. Er und weitere Einwanderer aus Mesoraca hatten die Drogen in der Schweiz verkauft. «Ich habe dafür fünf Jahre gesessen. Das war mir eine Lehre. Ich habe ja Familie», relativiert Fortunato A. den Drogenhandel seither als Jugendsünde.

Kaum war er auf freiem Fuss, startete das Verfahren in Italien. Reumütige Ma­fiosi – sogenannte Pentiti – beschuldigten ihn, Schweizer Kopf des Ferrazzo-Clans zu sein, der neben Drogen auch mit Waffen handle und schmutziges Geld wasche.

V-Männer köderten mit Kokain

Bei den folgenden Ermittlungen liessen sich die Schweizer Behörden zu einer fragwürdigen Aktion hinreissen. In einem Spielsalon im Zürcher Oberland boten ­V-Männer Fortunato A. und seinen Bekannten ein Kilo Kokain an. Aber er ­kaufte nicht, einige Bekannte wurden schwach. In Italien wehrte sich Fortunato A. während Jahren gegen den Vorwurf, ein Mafioso zu sein. Mit Erfolg: Die Aussagen der Pentiti wurden wegen suggestiver Befragungen für nicht verwertbar erklärt.

Damit brach ein wesentlicher Pfeiler für das Schweizer Verfahren zusammen. A. als Mitglied einer kriminellen Organisation anklagen, wenn er in ­Italien des­wegen gerade freigesprochen worden war? Hoffnungslos. Diese Woche müssen sich er und vier weitere Angeklagte darum «nur» wegen bandenmässig begangener Delikte verantworten. Wegen Handels mit mehreren Kilo Kokain und Geldwäscherei stehen sie vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona.

Weitere Beschuldigte aus den «Quatur»-Verfahren sind schon verurteilt. Allerdings nur zu bedingten Haftstrafen, wegen Handels mit einigen hundert Gramm Kokain oder Schmuggels von 150 Pistolen nach Italien.

«Wenn man die organisierte Kriminalität in der Schweiz wirklich bekämpfen will, sollte man den Fokus eher auf Investitionen im Immobilienmarkt und Auftragsvergaben legen, zum Beispiel in der Baubranche.»

Tuto Rossi, Anwalt von Fortunato A.

Für Tuto Rossi, den schillernden Anwalt von Fortunato A., eine entlarvende Bilanz. «Italienische Strafverfolger schreiben Beschuldigten schnell mal zu, geschäftliche Verbindungen zu ­angeblichen Mafiavertretern in der Schweiz zu haben, ohne dies auch plausibel belegen zu können», sagt er. Er kritisiert, dass überforderte Staatsanwälte ihre Ressourcen für Unschuldige oder Kleinkriminelle verschwendeten. «Wenn man die organisierte Kriminalität in der Schweiz wirklich bekämpfen will, sollte man den Fokus eher auf Investitionen im Immobilienmarkt und Auftragsvergaben legen, zum Beispiel in der Baubranche. Aber solche Untersuchungen brauchen erfahrene und geduldige Staatsanwälte, die nicht mit spektakulären Verhaftungen Karriere machen wollen.»

Ob organisiert oder nicht: Jahrelange Untersuchungen in Italien und der Schweiz zeigen, dass ’Ndrangheta-nahe Netzwerke in der Schweiz schmutziges Geld waschen und mit Drogen und Waffen handeln. So sind über die Finanzunternehmen World Financial Services AG und PP Finanz Service GmbH nach der Jahrtausendwende nicht nur 1700 Anleger um Dutzende Millionen Franken geprellt worden, die ’Ndrangheta soll gemäss Ermittlungen auch Drogengelder über die Firmen gewaschen haben. Ein Mitverantwortlicher der Unternehmen war Alfonso Z., ein im Kanton Zürich aufgewachsener Italiener. Fortunato A. lernte ihn im Tessiner Gefängnis «La Stampa» kennen. Dass er ihn danach bei Geldwaschaktionen unterstützt haben soll, wie es ihm die Bundesanwaltschaft vorwirft, streitet er ab.

Wie die ’Ndrangheta den Geld- und Drogenverkehr organisiert, zeigt ein weiterer Fall mit Spuren in die Schweiz. Vor sechs Monaten verurteilten italienische und brasilianische Gerichte mehrere international tätige Kokainhändler und Geldtranspor­teure. Es ging um mehrere hundert ­Kilo, die sie aus Brasilien, Peru, Ecuador und Kolumbien nach Europa verschifft hatten. Ein Grossteil hatte den kalabrischen Hafen Gioia Tauro passiert, den die ’Ndrangheta kontrolliert.

Aber wie wurden die Drogenverkäufer in Südamerika bezahlt? Fatima Stocker-da Silva, eine 44-jährige schweizerisch-brasilianische Doppelbürgerin, organisierte den Zahlungsverkehr von Allschwil BL aus. Ihre Firma UTI GmbH – vordergründig im Import und Export aktiv – schickte als Touristen getarnte Moneypacker nach Südamerika. Stocker-da Silva buchte für die Geldschmuggler Flüge und Hotels. Millionen flossen so an die Drogen­barone. Die Frau wird von Interpol ­gesucht. Ein Gericht in Kalabrien hat sie im vergangenen Oktober bereits verurteilt: zu 20 Jahren Gefängnis.

Um Drogengelder zu waschen, ­setzen Mafiaorganisationen auf möglichst komplexe Firmenkonstrukte. Bevor das schmutzige Geld in den normalen Kreislauf einfliesst, muss eine legale Herkunft vorgetäuscht werden. Einfachstes Mittel sind fingierte Rechnungen für nie erbrachte Leistungen. Dafür sind die Geldwäscher auf ein Netzwerk von kooperativen Drittfirmen und Treuhändern angewiesen.

Die italienischsprachigen Dörfer Roveredo und Grono liegen nahe Ita­lien und der Grenze zum Tessin im bündnerischen Misox. Mit gerade mal 2500 Einwohnern beherbergt Rove­redo 475 Firmen, in Grono, mit nur 1000 Einwohnern, sind es 340. Doch das blühende Wirtschaftsleben existiert nur auf dem Papier. Bei den allermeisten Unternehmen handelt es sich um Treuhandfirmen mit einer ­reinen Briefkastenadresse. Für den ehema­ligen Tessiner Staatsanwalt Paolo Bernasconi, in der Deutschschweiz als «Mafiajäger» bekannt, ist klar: «Dieses Briefkastenparadies bietet den nötigen Nährboden auch für die Geschäfte des organisierten Verbrechens und der Wirtschaftskriminalität.»

In den Misoxer Dörfern sorgen die Treuhandgesellschaften bereits für Probleme: «Wir haben im letzten Jahr 3600 Zahlungsbefehle ausgestellt. Oft können wir sie aber gar nicht zustellen, weil wir die Leute nicht kennen. Nicht selten sind es Ausländer, deren Schweizer Adresse sich als fiktiv erweist», sagt Ulisse Pizzetti, Leiter des Betreibungsamts.

Im Unterschied zum Tessin, wo ­eine entsprechende Ausbildung verlangt wird, kann sich in Graubünden jeder Treuhänder nennen. «Die Gemeindepolizei überprüft routinemäs­sig bei jeder neuen Firma, ob es sich dabei um reale Wirtschafts­tätigkeit handelt oder um eine blosse Briefkastenadresse», sagt Misha ­Maggi vom Ufficio Contabilità.

Schmutziges Geld lässt sich auch ohne komplexe Firmenstrukturen waschen, in Restaurants oder Klubs. Wo Bargeld direkt vom Kunden zum Unternehmen fliesst, kann relativ einfach schmutziges Geld nachgeschoben werden. (siehe Infografik «Die Geldwaschmaschine»)

Der Gewinn wird zum Beispiel in Immobilien investiert, wo Barzah­lungen noch verbreitet und Verkäufer gesetzlich nicht verpflichtet sind, verdächtige Zahlungen zu melden. ­Solange keiner Strafanzeige erstattet, werden die Behörden kaum aktiv. ­Hinzu kommt ein weiteres Hindernis für Verurteilungen: Die Strafverfolger müssen beweisen können, dass Gelder eindeutig aus kriminellen Machenschaften stammen.

«Diese Art der Geldwäscherei wird in unseren Breitengraden kaum als Bedrohung wahrgenommen. Eine Pizzeria, die nicht schliesst, obwohl sie kaum Kunden hat, ist ja kein grosses Ärgernis», sagt Jürgen Roth, der seit Jahrzehnten über kriminelle Organisationen recherchiert. «Wir haben hier ein ganz anderes Problembewusstsein als in Italien. Dort infiltriert die Mafia den Staat, eignet sich legale Unternehmen an und tötet, wenn es sein muss. Der Kampf gegen die Mafia erhält so eine ganz andere Dringlichkeit.»

«Die ’Ndrangheta liegt wie ein Schatten über der Gesellschaft, es ist eine unheimliche Parallelwelt. Du weisst, dass diese Leute gefährlich sind, und willst mit ihnen nichts zu tun haben», sagt die kalabrische Pressefotografin Adriana Sapone, die den Kampf gegen die Mafia seit Jahren verfolgt.

Staatsanwalt Antonio De Bernardo spürt die Bedrohung jeden Tag. Durch seinen Kampf ist er selber zum Gefangenen geworden. Ohne Personenschutz kann er sich nicht bewegen, ein Feierabendbier am Strand, wo der Blick nach Sizilien rübergeht, ist unmöglich. In seiner ganzen Wohn­strasse herrscht striktes Parkverbot – als Sicherheitsmassnahme. «Es gilt, dort Opfer zu bringen, wo das Opfer zu etwas dient», sagt er lakonisch.

Interaktive Karte: 'Ndrangheta-Clans weltweit

* Name geändert

Autor: Gian Signorell und Peter Johannes Meier
Infografiken: Anne Seeger und Andrea Klaiber
Bild: Carabinieri di Reggio Calabria / Keystone

Veröffentlicht am 24. Mai 2016

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3 Kommentare

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Dörflinger André
Die Schweizer Justiz ist personell wie fachlich hoffnungslos überfordert, hinken doch unsere zu anständigen STRAF-Gesetze stets der Wirklichkeit hinten nach. Dazu kommt aber noch der schwerwiegendste Umstand, dass die finanzklammen Kantone der Justiz die benötigten Arbeitsmittel wie genügend Staatsanwälte, Richter verweigert !! // Dass "normale" Privatpersonen wegen der horrend hohen Anwalts- und Justizkosten > dem Urteils-Kostenrisiko kaum mehr Klage einreichen können, hat ja der "Beobachter" erst kürzlich in einem Artikel löblicherweise beschrieben. Hab' ich alles schon 2 mal erlebt. Die Behandlung meiner letzten Straf-Klage dauerte im Kanton Luzern 5 Jahre.(2009-13). Und,was z.B. in Deutschland als Betrug anerkannt ist, muss noch lange nicht inder libertären Schweiz so anerkannt sein

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Gerhard Müller
Die Legalisierung von Drogen würde dem ganzen organisierten Verbrechen die Grundlage entziehen, wie die Infografik schön zeigt. Zudem hätte die Polizei dann auch wieder Ressourcen, um sich um "andere" Verbrecher zu kümmern und die Bevölkerung zu schützen. Leider tun sich mit dieser Idee immer noch viele schwer.

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Michael Meienhofer
Unsere Justitz tut sich schwer? So vehalten sich vermutlich alle Personen, wenn sie mit diesem Virus infiziert sind - ist es nicht so, dann bitte Klartext von den verabntwortlichen Behörden an ihre Untergebenen - Die Mafia ist keine italienische Erfindung !

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