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RegenbogenfamilienHomo-Paare mit Kindern

Laura und Jeroen sind mit zwei Müttern und vielen Geschwistern aufgewachsen – in einer sogenannten Regenbogenfamilie. Die bunten Gemeinschaften kämpfen um ihre Rechte.

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Wenn die anderen Fussball spielten, musste Jeroen zuschauen – die Kinder wollten ihn nicht ­dabeihaben. In der Pause blieb er häufig ­allein. Auch auf dem Heimweg. Die Schüler fanden den Neuen in der Klasse merkwürdig. Das hatte in Jeroens Augen vor ­allem einen Grund: seine Mamis.

Nach geltendem Recht existieren Familien wie die seine gar nicht. Jedes Kind darf höchstens einen Vater und eine Mutter haben. Gleichgeschlechtliche oder mehr als zwei Elternteile: Das gibts nicht. Die Realität sieht anders aus. Je nach Statistik wachsen zwischen 6000 und 30'000 Kinder in der Schweiz in Regenbogenfamilien auf – Familien mit nicht heterosexuellen Eltern. Manchmal stammen die Kinder wie in Jeroens Fall aus vorhergehenden heterosexuellen Beziehungen, manchmal wurden sie in eine lesbische oder schwule Beziehung ­hineingeboren, adoptiert oder als Pflegekinder aufgenommen: Familienkonstrukte, so bunt wie die Farben des Regenbogens.

Aktuell: Ein Kind darf nicht zwei Väter haben

Das Bundesgericht hat das Leihmutterschaftsverbot in der Schweiz bestätigt: In eingetragenen Partnerschaften lebende Männer, die in den USA ein Kind von einer Leihmutter austragen liessen, werden nicht beide als Elternteil im Schweizer Personenstandsregister eingetragen. Nur derjenige Mann, dessen Samen für die Befruchtung der Eizelle einer anonymen Spenderin verwendet wurde, wird auch rechtlich Vater. Damit wird die kalifornische Geburtsurkunde nur teilweise anerkannt. Darin sind beide Männer als Väter aufgeführt.

Das Urteil fiel mit einem Stimmenverhältnis von drei zu zwei Stimmen knapp aus. Die Mehrheit der Richter erachtete die Umgehung des Leihmutterverbots als Verstoss gegen den «Ordre public» der Schweiz.

  • Weitere Informationen gibt es bei SRF unter diesem Link.

Damit das Geschwätz im Dorf aufhört

Bei Jeroen sind das seine Mutter Marianne van Vulpen und seine Geschwister Benjamin und Gea. Und da sind noch Marianne Schneider und deren Kinder Laura und ­Nicola. Beide Frauen waren mit den Vätern ihrer Kinder verheiratet und liessen sich vor rund 15 Jahren scheiden. Die beiden Pflegefachfrauen hatten sich bei der Arbeit kennengelernt, wurden ein Paar und beschlossen, mit ihren Kindern in ein grosses Einfamilienhaus in Lupsingen BL, einem 1300-Seelen-Dorf, zu ziehen.

Die beiden Frauen begriffen bald, dass sie die Karten offenlegen mussten, damit das Geschwätz im Dorf aufhört. Deshalb gingen sie in die Schule und erklärten der Klasse, dass sich nicht nur ein Mann und eine Frau sehr gernhaben können, sondern auch eine Frau sich in eine Frau verlieben kann. Das sei ganz normal, nichts Schlimmes und habe mit Jeroen überhaupt nichts zu tun. Die beiden erklärten den Viertklässlern auch, dass ein Kind von zwei Lesben nicht automatisch homosexuell werde. Danach wurde alles anders, erinnert sich der heute 21-jährige Jeroen. Nicht nur die Klassenkameraden lernten, damit umzugehen, auch die Eltern: «Meine Klassenlehrerin hatte das Mobbing zwar mit­bekommen, es aber erst angefangen zu thematisieren, nachdem Mami und Ma­rianne in die Schule gekommen waren.»

Jeroen ist heute trotzdem sauer. Nicht auf seine Mutter, nicht auf die Kameraden, die ihn anfänglich ausgrenzten, sondern auf die Politik und die Stigmatisierung durch das Gesetz: «Solange Eltern in die Kategorien homo- und heterosexuell eingeteilt werden, so lange wird es Menschen geben, die Familien wie unsere in eine Schublade stecken.» Er selbst habe es nie als ausser­gewöhnlich empfunden, bei zwei Frauen aufzuwachsen. «Marianne war immer ein Teil meines Lebens. Dass mein Mami plötzlich mit einer Frau zusammenlebt, darüber habe ich mir lange Zeit überhaupt keine Gedanken gemacht», erzählt Jeroen. Erst in der Pubertät habe er mit seiner Mutter ab und an über ihr Coming-out gesprochen, sie gefragt, wie es gewesen sei, als sie gemerkt habe, dass sie lesbisch ist.

Der Nationalrat setzt Schranken

Dass homosexuelle Paare eine eingetragene Partnerschaft eingehen können, war ein wichtiger Schritt hin zur Gleichberechtigung. Ihnen aber dieselben Familienrechte einzuräumen wie Heterosexuellen, dagegen sträuben sich vor allem konservative Politiker. Im Dezember kam es im Nationalrat zum Eklat. In einer Mo­tion forderte der Ständerat, dass homosexuelle Paare nicht nur das Kind des Partners adoptieren können (Stiefkindadoption), sondern auch gemeinsam ein fremdes Kind adoptieren dürfen (Volladoption). SVP-Nationalrat Oskar Freysinger wollte homosexuellen Paaren jeg­liches Adoptionsrecht verweigern. Begründung: Die Kinder würden für sexuell-soziale Experimente missbraucht. Man müsse sie vor Entwicklungen schützen, bei denen ihr Wohl oder ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden könne. Auch FDP-Nationalrat Christian Lüscher beharrte ­darauf, dass die Natur vorsehe, dass ein Kind einen Vater und eine Mutter habe und nicht zwei Väter oder zwei Mütter.

Solche Voten stimmen Maria von Känel, Vizepräsidentin des Dachverbands Regenbogenfamilien, nach­denklich. «Es macht mich traurig, dass gewisse Politiker noch immer glauben, dass eine konstante Beziehung zwischen zwei liebenden Menschen, die alle Bedürfnisse des Kindes abdeckt, nicht reichen soll.» Dennoch könne sie die Vorbehalte nachvollziehen, denn das Thema «Homosexualität und Familienvielfalt» werde noch immer kaum behandelt. Umso wichtiger sei die Aufklärungsarbeit. «Je häufiger Kinder und ihre Eltern mit dem Thema in Berührung kommen und sehen, dass es eine Vielfalt an Fami­lienformen gibt, desto mehr können Vorurteile abgebaut werden», ist sie sich sicher.

Das Wichtigste ist das Wohl der Kinder

Letztlich – und da sind sich Befürworter wie Gegner einig – geht es um den Schutz der Kinder. «Das geltende Recht benachteiligt Kinder, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen», weiss von Känel aus eigener Erfahrung. Sie und ihre Partnerin sind seit 15 Jahren ein Paar, seit sechs Jahren leben sie in einer eingetragenen Partnerschaft. Seit 2009 engagiert sich von Känel dafür, dass auch sie als rechtmässige Mutter der Tochter ihrer Partnerin anerkannt wird. Dafür ging sie bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Denn etwa bei einer Trennung hat ein Kind aus einer Regenbogenfamilie keinen Anspruch auf Unterhaltszahlungen und die Expartnerin keine Besuchsrechte. Im Todesfall besteht weder Anspruch auf ein Erbe, noch gibt es Waisenrente. Noch viel prekärer: Stirbt ­eine Partnerin, bekäme die andere nicht automatisch das Sorgerecht, sondern müsste sich einer Prüfung durch die Behörden unterziehen. Schlimmstenfalls würden Kind und nichtleibliche Mutter getrennt. Nur mit einer Adoption erhalten Kinder aus diesen Familien vollen Schutz.

Regenbogenfamilien seien Realität, ob es einem gefalle oder nicht, sagte SP-Nationalrat Carlo Sommaruga in der Parlamentsdebatte. Mit der Ablehnung der Stiefkindadoption werde keine einzige Regenbogenfamilie verhindert, fügte Andrea Caroni von der FDP hinzu. Es gehe lediglich darum, jenen Kindern, die da sind, rechtlich einen zweiten Elternteil zu ermöglichen. Das sah letztlich auch eine Mehrheit im Nationalrat so und stimmte der Stiefkindadop­tion zu. Der Beschluss wird nun im Rahmen der Revision des ­Adoptionsrechts umgesetzt. Für von Känel ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Schweiz im Hintertreffen

Trotz der Revision hinkt die Schweiz aber auch in Zukunft vielen anderen europäischen Ländern hinterher. In den meisten west­europäischen Ländern können Lesben und Schwule nicht nur die Kinder des Partners, sondern auch ­fremde Kinder adoptieren.

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Quelle: Christian Flierl

Hier will der Bundesrat Grenzen setzen. «Eine vollständige Öffnung der Adoption könnte ­vielen Menschen zu weit gehen. Nach ­unserer aktuellen Einschätzung verdankt die ein­getragene Partnerschaft ihre breite ­Akzeptanz auch dem Umstand, dass das Partnerschaftsgesetz keinen Anspruch auf Adop­tion oder medizinisch unterstützte Fortpflanzung vermittelt», betonte Justizministerin Simonetta Sommaruga in der Nationalratsdebatte.

Jeroens Stiefschwester Laura kann ­solche Diskussionen nicht nachvollziehen. «Wenn Politiker behaupten, Kindern von schwulen oder lesbischen Eltern fehle irgendetwas, überlege ich mir, was aus mir und meinen Geschwistern geworden ist, und frage mich: Was soll mit uns nicht stimmen?» Seit Lauras viertem Altersjahr ­leben sie, ihre Mutter und ihr Bruder gemeinsam mit Jeroen, seinen Geschwistern und ihrer Mutter in Lupsingen.

Seit November wohnen die beiden Nesthäkchen zusammen in einer WG in Basel. Laura hat kürzlich die Fachmittelschule abgeschlossen und macht gerade ein Zwischenjahr in einem Kinderhort. ­Jeroen holt die Erwachsenenmatura nach, er will später Soziologie studieren. Auch ihn beschäftigen die ewigen Diskussionen um Kinder aus Regenbogenfamilien. Deshalb habe er schon früh damit angefangen, sich intensiv mit Literatur und Studien zum Thema zu befassen. Er nutzte jede ­Gelegenheit, um in der Schule darüber zu ­schreiben und zu referieren. «Am Schluss sagte ich dann jeweils: ‹Und ich bin auch in einer solchen Familie aufgewachsen.› Das half mir, zu begreifen, dass mit mir nichts verkehrt ist.»

Blick ins Familienalbum (von links): Benjamin, Nicola, Mama Marianne Schneider,...

Anderes Familienklima, zufriedene Kinder

Die erste repräsentative Studie über die ­Lebenssituation von Kindern in gleich­geschlechtlichen Lebensgemeinschaften kommt zum gleichen Schluss. Danach ­stehen lesbische Mütter und schwule Väter Heterosexuellen in ihren elterlichen Kompetenzen in nichts nach. Im Erziehungsverhalten und Fami­lienklima gibt es zwar Unterschiede, diese gefährden das Wohl der Kinder allerdings nicht. Beruf und Hausarbeit würden deutlich flexibler und demokratischer aufgeteilt als in hetero­sexuellen Partnerschaften. Die deutsche Soziologin Marina Rupp fand bei ihren ­Interviews mit rund 1000 Eltern und knapp 700 Kindern zudem heraus, dass über die Hälfte der betroffenen Kinder aufgrund ­ihrer Familiensituation nie diskriminiert worden sind. Die Soziologin Eveline Y. Nay kommt in der ersten Studie zu Regen­bogenfamilien in der Schweiz zu ähnlichen Schlüssen (siehe Interview).

Während Lauras Schulzeit gab die Beziehung ihrer Mutter zu einer Frau zwar immer wieder zu reden, gehänselt wurde sie deswegen aber nie. «Die meisten fanden es spannend und wollten mehr erfahren. Mittlerweile ist es aber kaum mehr ein Thema. Wir sind eine ganz normale Familie. Da gibt es nicht viel zu erzählen», findet Laura. Zu schaffen machte ihr dagegen die Scheidung ihrer Eltern. Anfangs sei es merkwürdig gewesen, dass da plötzlich statt des Vaters eine andere Frau war: «Ich war eifersüchtig und klammerte mich an meine Mama.» Erst in der Pubertät habe sie realisiert, wie sehr die Partnerin ihrer Mutter sie immer zu unterstützen versuchte. Heute sei ihr Verhältnis sehr eng: «Natürlich bleibt meine Mama immer meine Mama, aber irgendwie habe ich neben meinem Vater nun zwei Mamas.»

Und Jeroen? «Ich habe anderthalb Mamis», meint er und lacht. Marianne sei Teil seiner Familie, trotzdem seien seine Mutter und sein Vater seine Eltern. Er verbrachte regelmässig Zeit mit dem Vater, der auch heute eine wichtige Rolle spiele. «Nicht weil ich eine männliche Bezugsperson brauche», betont Jeroen. «Es ist ja nicht so, dass es klassische Mutter- und Vater­themen gibt. Das halte ich für überholt. Ich spreche mit beiden über alles.»

Die Hochzeit ihrer Mütter vor gut einem Jahr war ein wichtiger Tag. «Es war ein Moment, in dem nicht nur unsere Mütter, sondern auch wir Kinder bewusst sagten: ‹Wir gehören zusammen›», sagt Jeroen. Laura resümiert: «Das Wichtigste für mich war und ist, dass meine Mutter glücklich und zufrieden ist. Wäre sie das nicht gewesen, hätte ich keine so gute Kindheit gehabt.» ­Jeroen geht noch einen Schritt weiter. Er sei richtig stolz auf seine Mutter, wie sie sich für ihre Beziehung eingesetzt habe. «Mami und Marianne haben mich gelehrt, mich für meine Ansichten und mein Glück starkzumachen. Egal, ob die Gesellschaft das gut findet oder nicht.»

«Unser Verständnis von Natur hat sich stark gewandelt»

In vielen Debatten wird der Begriff Familie beschränkt auf ein ­heterosexuelles Paar mit Kindern. Soziologin Eveline Y. Nay forscht über Familien, die anders sind.

Eveline Y. Nay ist Sozialwissenschaftlerin an der Universität Basel. Sie arbeitet aktuell an der ersten wissenschaftlichen Studie zu Konstellationen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern mit Kindern in der Schweiz. Das Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert.

Beobachter: Wachsen Kinder mit ­homosexuellen Eltern anders auf als Kinder mit heterosexuellen Eltern?
Eveline Y. Nay: Ja und nein. Verschiedene Langzeitstudien belegen, dass sich diese Kinder nicht anders entwickeln als andere. Doch ähnlich wie Kinder mit allein­erziehendem Elternteil oder Kinder von Eltern mit Migrationshintergrund müssen sie erklären, warum und inwiefern ihre Familie anders ist. Mit dieser von aussen zugeschriebenen Andersartigkeit müssen sie einen Umgang finden.

Beobachter: Gelingt ihnen das?
Nay: Ja. Unzählige Studien belegen, dass es den Kindern in Regenbogenfamilien gutgeht. Es hat sich gezeigt, dass nicht die sexuelle Orientierung der Eltern für Wohlergehen und Entwicklung der Kinder entscheidend ist, sondern die Beziehungsqualität und das Klima in der Familie.

Beobachter: Die Kinder leiden also nicht darunter, dass sie sich immer wieder erklären müssen?
Nay: Diese Ergebnisse stimmen nicht mit der allgemeinen Auffassung überein, dass es schwierig sein muss, in einer Familie zu leben, die nicht dem klassischen Bild entspricht. Diskriminierungen finden zwar statt, doch die Kinder entwickeln Strategien, um damit umzugehen. Zudem beinhaltet die Tatsache, nicht der Norm zu entsprechen, für einige gerade auch befreiende und glückliche Momente.

Beobachter: Die Diskussion um das Adoptionsrecht für ­homosexuelle Paare hat aber verdeutlicht, dass gegenüber gleichgeschlechtlichen ­Eltern noch immer viele Vorurteile bestehen.
Nay: Das stimmt. Die Debatte hat gezeigt, wie eingeschränkt die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, aber auch von Bisexuellen und viel mehr noch von Transgendern ist. ­Familien ausserhalb der Norm müssen sich noch immer rechtfertigen.

Beobachter: Hat die Anzahl Regenbogenfamilien in den letzten Jahren zugenommen?
Nay: Ja, sogar stark.

Beobachter: Weshalb?
Nay: Weil Kinder für homosexuelle Paare in den Bereich des Denkbaren gerückt sind. Dabei gibt es einen regelrechten «Lesby-Boom», weil viele Familien von Lesben initiiert werden.

Beobachter: Welche Möglichkeiten nutzen die Paare, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen?
Nay: Häufig tun sich ein Lesben- und ein Schwulenpaar zusammen und gründen eine Familie mit vier Elternteilen, die ­gemeinsam Kinder planen, auf die Welt bringen und sie durchs Leben begleiten. Andere Lesbenpaare organisieren eine Spermaspende von einem Freund, ohne dass dieser als Teil der Familie gilt. Einige Lesben gebären Kinder durch eine selbst organisierte, anonyme Spermaspende oder nutzen Samenbanken und Fruchtbarkeitskliniken ausserhalb der Schweiz. Transgeschlechtliche Personen, die keinen sterilisierenden Eingriff hinter sich haben, setzen ihre Hormoneinnahme für die Zeugung und Schwangerschaft ab. Einige wenige Schwule realisieren die Familiengründung mit Hilfe einer Leihmutter, die von Agenturen im Ausland vermittelt wird.

Beobachter: Die Natur gäbe vor, dass ein Kind einen Vater und eine Mutter hat, argumentieren viele.
Nay: Diese Idealisierung von Familie als Vereinigung eines heterosexuellen Paars, das Kinder zeugt, wird gerade in der politischen und rechtlichen Diskussion um Regen­bogenfamilien deutlich. Die Realität ist sehr viel vielfältiger. Viele vergessen dabei, dass auch heterosexuelle Eltern oft in diese sogenannte Natur eingreifen: von der Anti­babypille über In-vitro-Fertilisation bis hin zum Kaiserschnitt im Geburtssaal. Was wir unter Natur verstehen, hat sich über die Jahrhunderte hinweg stark gewandelt.

Beobachter: Ebenfalls ein häufiges Argument gegen ­Regenbogenfamilien ist die fehlende Vater- oder ­Mutterfigur. Leuchtet Ihnen das ein?
Nay: Ich frage mich, was hinter dieser Befürchtung steckt. Wohl die Angst, dass diese Kinder nicht zu Männern und Frauen heranwachsen oder sie öfter schwul oder lesbisch würden. Weder das eine noch das andere ist der Fall, wie Langzeitstudien bereits gezeigt haben. In der gesamten Diskussion um fehlende Vater- oder Mutter­figuren lässt sich auch eine Abwertung von Alleinerziehenden erkennen, auf die dieses Argument ja ebenso zutreffen würde.

Beobachter: Glauben Sie, dass homo- und heterosexuelle ­Eltern irgendwann die gleichen Rechte haben werden?
Nay: Unser Rechtssystem setzt auf Gleichberechtigung und Demokratie. Doch Gleichberechtigung ist mit Diskussionen verbunden, wer als gleich gilt und damit die gleichen Rechte erhalten soll. Trotz dem Ja zur Stiefkindadoption ist die Schweiz noch weit davon entfernt, das demokratische Prinzip der Gleichberechtigung zu erreichen. Ich erachte das Recht auf Stiefkindadoption als sehr wichtig, doch es folgt dem Ideal einer Familie, bestehend aus ­einem Elternpaar mit Kindern, und kommt den vielfältigen Bedürfnissen von Regenbogenfamilien nicht nach.

Adoptionsrecht: Stimmen aus der Politik

«Ich möchte, dass die Gesetze die realen Lebensverhältnisse abbilden. Deshalb setze ich mich für ein zeitgemässes und zukunftsfähiges Familienrecht ein. Dass gleichgeschlechtliche Paare ihre Stiefkinder adoptieren können, ist ein wichtiger Schritt. Er dient dem Wohl des Kindes.»

«Entscheidend ist, ob ein Paar einem Kind gute Eltern sein kann. Es geht um das Kindeswohl, um nichts anderes. Es gibt keinen Grund, eine ­ganze Bevölkerungsgruppe zur ­Elternschaft pauschal unfähig zu erklären. Mit dieser Diskriminierung schaden wir den Kindern, denen wir liebende Adoptiveltern verwehren.»

«Ich bin dafür, dass Kinder in geschlechtlich ausgeglichenen ­Beziehungen aufwachsen, und dazu gehören nun mal ein Vater und eine Mutter. Soweit ich ­informiert bin, haben zwei ­Männer oder zwei Frauen noch nie ein Kind gezeugt.»

«Was einer alleinstehenden Person, ungeachtet ihrer sexuellen Ausrichtung, möglich ist, muss auch eingetragenen Partnern möglich sein. Die Möglichkeit der Stiefkindadoption verschafft den betroffenen Kindern einen deutlich besseren Rechtsschutz in für sie wesentlichen Bereichen wie dem Erb- oder Sozialversicherungsrecht.»

«Kindern geht es dort gut, wo sie geliebt werden, ihnen Schutz und Fürsorge sicher sind und sie ein förderliches Umfeld finden. Gleichgeschlechtliche Paare sind dazu genauso in der Lage wie heterosexuelle Paare oder andere Formen von Familien. Deshalb sollen sie die gleichen Rechte wie alle anderen haben. Und damit ihre Kinder auch.»

«Es gibt kein Recht auf Adoption. Nur acht Jahre nach der Volksabstimmung zum Partnerschaftsgesetz wird das abgegebene Versprechen des Verbots einer Adoption gebrochen. Mit dem Adoptionsrecht homo­sexueller Paare wird das Institut Ehe weiter ausgehöhlt und die Elternschaft von Mutter und ­Vater abgekoppelt

«Ich bin klar für die Volladop­tion als Menschenrecht! Die Volladoption für Regenbogenfamilien wurde vom Ständerat im März 2012 angenommen. Im Nationalrat hats dann leider nur für die Stiefkindadoption gereicht. Andere Länder sind der Schweiz weit voraus.»

«Im Rahmen der Diskussion zum Partnerschaftsgesetz ­wurde dem Volk versprochen, dass die Möglichkeit der Adoption auch weiterhin traditionellen ­Familien vorbehalten werden soll. Daran hat man sich zu ­halten. Ein Kind hat biologisch einen Vater und eine Mutter. Der Gesetzgeber sollte sich nicht über die Natur stellen.»

Fotos: Pressedienst admin.ch

Die Kinder von Marianne und Marianne: Die Mütter von Laura und Jeroen sind ein...
Veröffentlicht am 29. April 2013