Dieter Schönenberger wird befördert. Seine Ehefrau fällt ihm begeistert um den Hals. Er selbst steht da wie ein begossener Pudel: «Mein Chef hat mich wahrscheinlich bloss befördert, damit mir Fehler unterlaufen und er mich rauswerfen kann.» Schönenberger hat Angst vor den steigenden Anforderungen. Nachts liegt er wach und grübelt, er fürchtet sich vor der anstehenden Rede vor seinen Mitarbeitern. Und er schenkt sich immer öfter einen Whisky ein. Die Situation eskaliert: Die Eheleute schreien sich nur noch an.

Zum Glück spielen sich diese Szenen bloss im Theater ab. Doch sie gehen unter die Haut – weil sie der Realität erschreckend nahe kommen. «Herzrasen», ein Stück über soziale Angststörungen und andere Ängste, hatte diesen Frühling Premiere und gastiert ab Frühherbst in verschiedenen Schweizer Städten. Die Theatergruppe Knotenpunkt, die auf sozial- und gesellschaftspolitisch tabuisierte Themen spezialisiert ist, richtet das Stück an Ärzte, Betroffene und Angehörige. Im interaktiven Teil können Zuschauer in die Handlung eingreifen: Was sie anders machen würden, spielen sie direkt auf der Bühne vor – und verhelfen so dem Drama vielleicht zu einem guten Ende.

Im Alltag bleibt das Happy End oft aus. Fachleute gehen davon aus, dass zwei Drittel aller Angststörungen nicht diagnostiziert werden. Dabei gehören sie zu den häufigsten psychischen Erkrankungen: Mehr als 15 Prozent der Bevölkerung sind irgendwann im Leben von einer Angsterkrankung betroffen; die soziale Angststörung tritt bei bis zu zehn Prozent der Bevölkerung auf. Viele leiden im Stillen – nicht zuletzt weil der Wissensstand vieler Allgemeinärzte in Bezug auf Angststörungen dürftig ist.

Aus Scham verheimlicht

Oft kann ein Arzt aber eine soziale Angststörung nicht erkennen, weil Betroffene aus Scham nicht darüber sprechen. Sie konsultieren den Mediziner wegen körperlicher Beschwerden wie Rücken- oder Kopfschmerzen, Herzklopfen und Durchfall. Oder wegen Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Eine häufige Folge: Der Arzt behandelt die Begleiterkrankungen – die zugrunde liegende Angststörung bleibt unerkannt.

Dazu kommt, dass die soziale Angststörung von vielen Betroffenen nicht als Krankheit, sondern einfach als Schüchternheit wahrgenommen wird, gegen die man vermeintlich nichts tun kann. Der Psychiater Josef Hättenschwiler spricht von einer sozialen Angststörung, «wenn die Angst vor bestimmten sozialen Situationen so gross wird, dass sie die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt». Er ist Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Angststörungen. Als Experte beriet er die Theatergruppe Knotenpunkt für das Stück «Herzrasen». «Eine Angststörung kann sich so äussern, dass sich Betroffene davor fürchten, mit Vorgesetzten zu sprechen, oder Angst haben, bei der Arbeit beobachtet zu werden», sagt er.

In der Wohnung verbarrikadiert

Die 37-jährige Manuela Fischer (Name geändert) wird seit der Kindheit von Ängsten geplagt. Die Schule war ihr zuwider, weil sie sich durch die vielen Kindern gestresst fühlte. Nur ihre engsten Freunde wissen, dass sie an einer Angststörung leidet. Sie hat gelernt, damit umzugehen: «So gut wie heute ging es mir noch nie.»

Ihren Tiefpunkt erlebte sie vor fünf Jahren. Die vielen Teamsitzungen in der Firma setzten ihr zu, sie fühlte sich in der Gruppe immer unwohler. Eines Tages konnte sie nicht mehr zur Arbeit gehen, aus Angst. Auch der normale Alltag überforderte Fischer. Sie hatte Horror davor, Menschen zu treffen. Ein halbes Jahr lang verbarrikadierte sie sich in ihrer Wohnung, eine Freundin erledigte die Einkäufe für sie. Der blosse Gedanke an eine Familienfeier versetzte sie in Panik. Die junge Frau nahm kaum noch am Leben teil. Nur hin und wieder versandte sie eine E-Mail: «Hallo, es gibt mich noch.»

Wie kommt es so weit, dass sich ein Mensch komplett abkapselt? «Bei den meisten Betroffenen macht sich schon in der Kindheit eine gewisse Ängstlichkeit bemerkbar», so Hättenschwiler. «Der Übergang von einer übertriebenen Ängstlichkeit zur sozialen Angststörung ist fliessend. Charakteristisch ist die Angst vor negativer Bewertung durch andere.» Problematisch wird es vor allem dann, wenn Betroffene die angstauslösenden Situationen vermeiden. Der persönliche Bewegungsradius wird dadurch kleiner – gleichzeitig weitet sich die Angst auf immer mehr Situationen aus. Nicht selten treten bei den Betroffenen auch Panikattacken auf.

Manuela Fischer hatte Glück: Nach monatelanger Isolation schaffte sie es, sich selber aufzuraffen. Sie fand eine 50-Prozent-Stelle und einen verständnisvollen Arbeitgeber, der weiss, wie schwierig es für sie ist, an Sitzungen teilzunehmen. Geholfen haben ihr die Psychotherapie und das Mitmachen in einer Selbsthilfegruppe.

Laut Psychiater Hättenschwiler bewährt sich bei Angststörungen die kognitive Verhaltenstherapie, in der versucht wird, problematische Denkweisen, Einstellungen und Verhaltensmuster im Alltag bewusst zu verändern. Oft ist es von Vorteil, zusätzlich Medikamente einzusetzen. Bei Angststörungen gelten moderne Antidepressiva als Mittel der ersten Wahl. Bei fachgerechter Behandlung erreichen die meisten Patienten eine Besserung.

Manuela Fischer hat heute den Mut, schwierige soziale Situationen auszuhalten, sie rennt nicht mehr davon. Dies verschafft ihr Erfolgserlebnisse, die sich wie kostbare Perlen aneinander reihen.

Weitere Infos

Theaterstück «Herzrasen»: Aufführungsdaten siehe unter www.knotenpunkt.ch


Anlaufstellen

  • Angst- und Panikhilfe Schweiz (APhS), Hotline 0848 801 109 (Montag bis Freitag 9 bis 12 Uhr, Donnerstag 14 bis 18 Uhr); www.aphs.ch

  • Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Telefon 044 384 21 11

  • Schweizerische Gesellschaft für Angststörungen (SGA); www.swissanxiety.ch


Buchtipp

Bandelow Borwin: «Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann»; Rowohlt-Verlag, 2004, 378 Seiten, Fr. 34.90

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Quelle: Kunterbunt