«Endlich Ferien!», freute sich Annemarie K. Sie war gerade am Zügeln und wollte sich beruflich verändern. Dann kam die Diagnose: Brustkrebs. Annemarie K. geriet in eine tiefe emotionale Krise. Warum gerade sie, die doch immer so gut zu sich geschaut hatte? Ihre Hoffnung, die rechte Brust behalten zu können, zerschlug sich. Doch zum Glück war da Julian, ein Psychologe, den sie schon früher mal konsultiert hatte.

Annemarie K. lebt allein. «Viele Beziehungen hielten trotz der Krankheit, andere gingen auseinander, neue kamen hinzu», sagt die 49-Jährige. Annemarie K. macht aus ihrer Krankheit kein Geheimnis. Auch am Arbeitsplatz sprach sie offen über ihre Diagnose. Und ihre Kollegen und Kolleginnen nahmen Anteil an ihrer Krankheit.

«Die grösste Herausforderung bestand darin, meinen veränderten Körper zu akzeptieren und Hilfe von anderen anzunehmen», sagt Annemarie K. Heute, ein Jahr nach der Operation, nimmt sie endgültig Abschied von ihrem Beruf und ist daran, ihr Leben völlig neu zu gestalten.

Optimismus gibt Kraft

Rund die Hälfte aller Patientinnen und Patienten in der Schweiz leiden unter chronischen Beschwerden. Zirka 700000 haben Dauerschmerzen, 60000 leiden sehr stark was trotz neusten Diagnosetechniken oft nicht «beweisbar» ist. Verschiedene Universitätskliniken bieten interdisziplinäre Schmerzsprechstunden an, und immer mehr Patienten lassen sich komplementärmedizinisch behandeln.

Anzeige

Die einen kommen mit einer schweren Erkrankung besser zurecht als die andern. Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky führte diese Fähigkeit auf das so genannte Kohärenzgefühl zurück eine optimistische Grundhaltung gegenüber belastenden Ereignissen sowie die Zuversicht, dass man selber etwas tun kann, um die Situation zu bewältigen.

Jeder Patient ist anders betroffen. «Wichtig ist, dass man sich einen Arzt oder eine Ärztin aussucht, die nicht nur medizinisch kompetent ist, sondern auch zuhört und bereit ist, die Betroffenen durch schwierige Phasen zu begleiten», sagt Pierre Loeb, Präsident der Akademie für psychosomatische und psychosoziale Medizin. Der Patient müsse dem Arzt seine Geschichte und seine individuelle Deutung erzählen können. «Irgendwann kommt dann der Moment, wo der Patient sich nicht mehr gegen die Beeinträchtigung stemmt, sondern erkennt, dass sie ein Teil seiner Lebensgeschichte ist.»

Anzeige

Diese Einsicht ermögliche den Betroffenen, konstruktiv mit ihrer Einschränkung umzugehen, so Loeb. Dabei sind konkrete Erfolge wichtig: Der Patient sollte erleben können, dass sein Schmerz gelindert und der Funktionsverlust gemildert werden kann. Und er muss darauf vertrauen können, dass der Arzt mit ihm zusammen an seinem Leiden arbeitet.

So lassen sich auch familiäre Konflikte leichter angehen, denn jede chronische Erkrankung verändert auch das Leben der andern Familienmitglieder. Partnerinnen und Partner übernehmen oft die ganze Verantwortung für den Patienten. Damit überfordern sie nicht nur sich selbst, sondern nehmen auch den Betroffenen die Autonomie und die Motivation, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen.

Hilfreich können auch Physio- und Ergotherapie sein. Und es kann auch gut tun, die eigenen vier Wände für ein paar Tage zu verlassen und in einer psychosomatischen Klinik neue Kräfte zu sammeln.

Anzeige

Mit andern Betroffenen sprechen

Viele Betroffene nehmen jedoch nicht gern Ratschläge von Profis an. In einer Selbsthilfegruppe aus den Erfahrungen anderer zu lernen stärkt das Selbstvertrauen. Oft ist die Gruppe auch der einzige Ort, wo man sich getraut, über Aggressionen gegenüber Angehörigen, Sexualität oder Tod zu sprechen. «Für den Erfolg einer Selbsthilfegruppe sind zwei Faktoren entscheidend», sagt Franz Eidenbenz, Psychologe bei der Offenen Tür Zürich, «eine günstige Gruppenzusammensetzung sowie die Bereitschaft, Erfahrungen auszutauschen und nicht nur Ratschläge zu erteilen.»

Stefan Büchi, Oberarzt an der Abteilung für psychosoziale Medizin des Unispitals Zürich, trifft immer wieder auf Patienten, die von einer Diagnose völlig blockiert sind. Weil Informationen bei solchen Patienten oft verzerrt oder gar nicht ankommen, bietet ihnen Büchi ein paar Tage Zeit, um mit Angehörigen zu sprechen, sich Fragen zu überlegen und dann ein neues Gespräch zu vereinbaren.

Anzeige

Und wenn jemand auch nach Wochen nur noch an die Krankheit denken kann und in eine Depression abzusinken droht? Solchen Patienten rät Büchi, sich jeden Tag eine Stunde Zeit zu nehmen, um sich ganz ihren Ohnmachtsgefühlen zu stellen. «Vielen hilft es, ein Tagebuch zu führen. So können sie die wild kreisenden Gedanken bündeln und eine neue Ordnung schaffen. Bis ein Mensch jedoch wieder seine innere Balance findet und die Krankheit in sein Leben integrieren kann, braucht es viel Zeit», sagt Büchi.

Schwachpunkte freilegen Gregor F. ist unterwegs auf diesem Weg. Er ist 44 Jahre alt und leidet seit rund 20 Jahren an Schizophrenie. Seine Schübe beschreibt er als «Durchbrechen einer andern Realität: eine Rakete, die durchstartet ins All». Er fühlt sich dann als Monster, das Angst verursacht.

Gregor F. hat mit seiner Krankheit leben gelernt. Er hat viel gelesen und wirkt sehr ruhig. «Innere Arbeit hilft mir, aus der Not eine Tugend zu machen, meinen Gedankenketten nachzugehen, den schwachen Punkt freizulegen und dann wieder loszulassen.»

Anzeige

Inzwischen gewinnt Gregor F. seiner Krankheit auch Positives ab. «Es ist eine Art metaphysische Ebene, die in jedem Menschen steckt, mit der wir aber nicht umgehen können.» Gregor F. hat Architektur studiert, arbeitet jetzt in einem Hilfsjob und bezieht eine halbe IV-Rente. Er musste lernen, dass er nicht mehr so belastbar ist wie früher, dass er langsamer und ruhebedürftiger geworden ist.

Die Natur unterstützt ihn auf seinem Weg. Er liebt lange Spaziergänge im Wald und am See. Gregor F. lebt allein in einer gesichtslosen Siedlung. Isolation ist ein Thema. Jeden ersten Samstag im Monat trifft er sich zum Stamm mit andern Psychiatriepatientinnen und -patienten. «Vor Rückfällen bin ich nicht gefeit», sagt er beim Abschied. «Aber ich habe gelernt, mit meinem Schatten zu leben.»