Die Zeit drängt. Rund 1000 überzählige Embryonen lagern in den Kühlboxen der Fortpflanzungskliniken. Bis Ende Jahr müssen sie vernichtet werden, so will es das Fortpflanzungsmedizingesetz.

Forscher gehen gegen diese Vernichtung auf die Barrikaden. Denn die Embryonen enthalten wertvolle Stammzellen, mit deren Hilfe in ferner Zukunft vielleicht Krankheiten wie Alzheimer oder Diabetes therapiert werden könnten.

In der Schweiz ist die Gewinnung von Stammzellen aus Embryonen verboten: Das einzige Forschungsteam, das hierzulande mit solchen Zellen arbeitet, musste diese aus dem Ausland importieren. Dies soll sich nun rasch ändern. Unter dem Druck der Forscherlobby hat der Bundesrat in Rekordzeit das Embryonenforschungsgesetz (EFG) kreiert. Darin soll die medizinische Verwendung überzähliger Embryonen legalisiert werden: Der Gesetzesentwurf regelt sowohl die Gewinnung von embryonalen Stammzellen wie auch die Forschung mit ganzen Embryonen.

Die CVP-Nationalrätin Rosmarie Dormann hält das Vorgehen für überstürzt und unseriös: «Das EFG ist eine reine Alibiübung. Zu viele Fragen sind ungeklärt.» Zum einen fehle die Verfassungsgrundlage, zum anderen sei nach wie vor offen, wie viele Embryonen für die Forschung überhaupt zur Verfügung stünden. Dormann möchte dem Drängen der Forscher nicht nachgeben und plädiert für mehr Zeit für grundlegende Überlegungen. «Eile ist nicht angebracht, kein Gesuch ist hängig. Erst einmal muss das Volk mit einer Abstimmung Stellung nehmen können, ob es die Embryonenforschung will oder nicht.»

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«Am Rand des Zulässigen»

Auch für Thomas Zeltner müsste die Debatte tiefer greifen. «Man muss über weitere Schritte wie etwa das therapeutische Klonen sprechen», sagt der Leiter des Bundesamts für Gesundheit, «denn ohne das kommt die Forschung an Stammzellen kaum zur Anwendung.» Ähnlich tönt es in Forscherkreisen. «Das Gesetz schaut nicht vorwärts», sagt der Stammzellenforscher Alois Gratwohl. «Der vorliegende Entwurf muss in Kürze wieder revidiert werden, weil es laufend neue Erkenntnisse gibt.»

Rechtsprofessor Rainer Schweizer hat das EFG mitgestaltet. Er bestätigt zwar, dass in den nächsten fünf Jahren nur mit etwa fünf Gesuchen im Bereich der embryonalen Stammzellenforschung zu rechnen sei. Trotzdem findet er das EFG zum heutigen Zeitpunkt notwendig. «Die Forscher bewegen sich am Rand des Zulässigen. Ein Übergangsgesetz ist mir da lieber als eine Grauzone.» So sieht es auch FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller: «Die Embryonenforschung kommt auf uns zu, ob wir wollen oder nicht. Es ist gut, sich frühzeitig damit zu befassen.»

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Für CVP-Vertreterin Dormann ist das Verhältnisblödsinn. Viel wichtiger sei das Gesetz über die Forschung am Menschen, das seit sieben Jahren pendent sei. «Rund 7000 Leute forschen da ohne gesetzlichen Rahmen.»

In diesen Tagen ringt die CVP-Politikerin in der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur um die Details des EFG. Befürworter Felix Gutzwiller ist mit von der Partie. Er bangt um die tiefgefrorenen Embryonen, die in sieben Monaten vernichtet werden müssen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass das EFG noch im Jahr 2003 in Kraft tritt, schwindet. Gutzwiller strebt einen dringlichen Gesetzesbeschluss an, um das Vernichtungsdatum zu verschieben: «So bekommen wir Zeit für eine Denkpause.»

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