Das Problem:
«Es gibt Situationen, in denen ich mich total traurig fühle und die Tränen nur mit Mühe unterdrücken kann. Meine 18-jährige Tochter sagt, dass ich vor Selbstmitleid triefe und dies nicht zulassen dürfe. Liegt sie da richtig? Sie ist sensibel und erfasst die Gefühle von anderen Personen intuitiv. Was meinen Sie?»

Marlies G.

Koni Rohner, Psychologe FSP:
Ich habe eine andere Auffassung als Ihre Tochter: Ich spreche nicht von Selbstmitleid, weil das ein abwertender Begriff ist, sondern ich nenne es «Mitgefühl mit sich selber haben». Ich finde das eine gute Eigenschaft, und ich arbeite in der psychotherapeutischen Praxis mit meinen Klientinnen und Klienten oft sehr lange, bis sie über etwas Trauriges in ihrem Leben auch weinen können. Falsch wäre es, wenn jemand nur weint, um Mitleid zu erregen – wenn also im Zentrum nicht das Mitgefühl mit sich, sondern ein verhüllter Appell an die Unterstützung durch andere gemeint ist. Sagen Sie Ihrer Tochter deshalb deutlich, dass Ihr «Selbstmitleid» keine Aufforderung sei, etwas für Sie zu tun, sondern lediglich ein notwendiger Ausdruck Ihrer Gefühle.

Ich denke, dass sich Ihre Tochter mit der Abwertung Ihrer Traurigkeit selber schützen will. Für eine feinfühlige Person ist es viel schwieriger, einen geliebten Menschen leiden zu sehen, als für eine robuste, dickhäutige Person. Man kann aber lernen, mit anderen mitzufühlen, ohne mitzuleiden. Sensible Menschen wie Ihre Tochter kommen nicht darum herum.

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