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KrebstherapieTeure Vitamine fruchten nichts

Die Vitaminpräparate von Matthias Rath sollen angeblich Krebs, Aids und andere Krankheiten heilen. Fachleute raten allerdings dringend von diesen Pillen ab.

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Doktor Matthias Rath weiss sich zu vermarkten. «Durchbruch in der Krebsforschung», steht in fetten Lettern auf seiner Website: «Jetzt steht eine vollkommen natürliche, wissenschaftlich fundierte Krebstherapie zur Verfügung!»

Das Rezept könnte simpler nicht sein: Der deutsche Mediziner will Krebs mit Vitaminen bekämpfen. «Zellular-Medizin» nennt er seinen Therapieansatz. Selbst schwerste Krankheiten, so Raths These, liessen sich auf Vitaminmangel zurückführen: Krebszellen etwa könnten das geschwächte Bindegewebe angreifen, die Wände der Blutgefässe durchdringen und sich dann unkontrolliert vermehren.

Dieser Gefahr könne vorgebeugt werden, verspricht Rath, wenn das von ihm entwickelte Vitaminpräparat geschluckt werde – ein Gemisch aus hohen Dosen Vitamin C und den Aminosäuren Lysin, Prolin und Polyphenol. Das Vitamin C zerstöre die Krebszellen im Anfangsstadium, und die Aminosäuren verhinderten, dass sich Metastasen bilden.

«Damit ist Krebs heilbar», verkündete Rath unlängst an einem Vortrag vor 1300 Zuhörern im Zürcher Volkshaus. Auch Aids, Herzinfarkte, Schlaganfälle, Bluthochdruck oder Altersdiabetes sollen seine Präparate verhindern oder heilen.

Wissenschaftler schütteln über derlei Versprechen den Kopf. Die hoch dosierte Vitamin-C-Behandlung sei ein Klassiker vieler Gesundheitsapostel, heisst es in Fachkreisen. Von den Kuren profitierten vor allem die Verkäufer der Präparate.

Ein Fall für die Gerichte

«Wer fünf Portionen Gemüse, Salat und Obst am Tag zu sich nimmt und sich ausgewogen ernährt, kann auf Vitaminpillen verzichten», sagt die Berner Ernährungswissenschaftlerin Marianne Botta. Es sei auch nicht bewiesen, «dass die Aminosäuren Lysin und Prolin gegen Krebs helfen», so Botta. «Zudem dürfte ein Fleisch essender Mitteleuropäer kaum unter einem Mangel an Vitamin C leiden.» Die Lebensmittelingenieurin rät daher von Raths Tabletten ab. «Genug Vitamin C senkt zwar das Risiko für gewisse Krebsarten. Daraus darf man aber nicht schliessen, dass es bei Krebs heilend wirkt.»

Solche Einwände lassen Matthias Rath kalt. «Jahrzehntelang hat die Pharmaindustrie den Durchbruch der Zellularmedizin totgeschwiegen, weil sie ein milliardenschweres Interesse am Fortbestand dieser Krankheiten hat», behauptet er auf seiner Homepage. Er sieht sich als Märtyrer im Kampf gegen die Pharmaindustrie. Und er hat eine grosse Anhängerschaft: Im März attackierten seine Fans die Europa-Parlamentarier mit Protest-E-Mails, bis das Kommunikationsnetz zusammenbrach. Ein ähnlicher Angriff wurde auch auf den Schweizer Nationalrat gestartet.

In Deutschland befassen sich bereits die Gerichte mit dem Doktor. Die Gesundheitsbehörden raten von seinen Präparaten ab, da eine Tablette Pro Lysin C den Tagesbedarf von rund 100 Milligramm Vitamin C um ein Dreifaches übersteige.

Doch selbst das Verbot des Berliner Landgerichts, das in einer einstweiligen Verfügung den Verkauf der Vitaminpräparate untersagte, kann Matthias Rath nicht stoppen: Heute vertreibt er seine Produkte aus Holland. Sie können telefonisch oder übers Internet bestellt werden. 180 Tabletten Epican Forte, das «zur Hemmung unkontrollierten Zellwachstums» dienen soll, kosten umgerechnet rund 70 Franken. Damit die Tabletten wirkten, müssten sie lebenslang bis zu neunmal täglich eingenommen werden, trichtert Rath seinen Patienten ein. Ein gutes Geschäft für den Doktor: Die Kur kostet einen Patienten monatlich zirka 300 Franken.

Dass solch hohe Vitamin-C-Dosen schaden können, erwähnt Rath mit keinem Wort. «Das Nierensteinrisiko wird erhöht, zudem kann eine Überdosis zu Durchfall, Hautausschlag und Zahnerosionen führen», warnt Marianne Botta. Auch Laborergebnisse und Blutuntersuchungen können durch die Vitaminschocks verfälscht werden, so dass Krankheiten wie Darmkrebs nicht sofort erkannt werden. Für Marianne Botta ist der Fall klar: «Rath ist ein Schwarzweissmaler, der es versteht, Kasse zu machen.»

Weitere Infos

Wertvolle Informationen zum Thema Essen und Gesundheit können bei der Schweizerischen Vereinigung für Ernährung abgerufen werden: www.sge-ssn.ch

Veröffentlicht am 09. Dezember 2002