Claudia F.: «Meine 13-jährige Tochter fühlt sich viel zu dick. Dabei sieht sie normal aus – wie viele andere Teenager auch. Sie möchte aber unbedingt eine Diät machen. Wie soll ich mit dem Wunsch umgehen?»

Was Sie erleben, ist nicht selten: Laut Umfragen fühlt sich jedes zweite Mädchen im Jugendalter zu dick – obwohl es Normalgewicht hat. Und jedes fünfte Mädchen hat mit 15 Jahren schon mindestens eine Diät gemacht.

Das Aussehen wird bei Jugendlichen immer wichtiger. Und der Trend geht dahin, dass das Gewicht für das persönliche «Schönheitsgefühl» zentraler wird – es hängt nicht mehr primär mit dem Aussehen von Gesicht oder Haaren zusammen.

Im Jugendalter verändern sich die Menschen radikal. Es beschäftigen sie Fragen wie: Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Es ist eine Zeit grosser Verunsicherung, in der sich die Persönlichkeit entwickelt und im Laufe der Zeit verfestigt. Erik Erikson beschreibt das in seinem Modell der psychosozialen Identitätsentwicklung treffend: «Ich bin nicht, was ich sein sollte, ich bin nicht, was ich sein werde, aber ich bin nicht mehr, was ich war.»

Das gängige Bild, wie man sein sollte

Die sichtbarste Veränderung im Jugend­alter ist die Entwicklung des Körpers. Und diesen neuen, fremden Körper gilt es als Teil seines Selbst annehmen zu lernen. Das geschieht durch Erfahrungen – einerseits mit unserem Körper, indem wir uns durch Bewegung, Sport, Aktivitäten und Körperpflege spüren und so lernen, Freude am Körper zu haben. Anderseits durch Erfahrungen, wie der Körper durch andere – Kollegen, Eltern und auch die Gesellschaft – beurteilt und bewertet wird. Dieser zweite Punkt spielt im Jugendalter eine wichtige Rolle: Anerkennung, Status und Attraktivität, und damit das Selbstwertgefühl, werden oft in Zusammenhang gebracht mit der Anzahl Freunde, die man hat. Freunde findet man, wenn man dem gängigen Bild entspricht, wie man sein sollte. Und wie man sein soll, das zeigen anerkannte Modelle.

Warum schlank sein als gut empfunden wird

Schlank sein ist das Ideal, das Jugendlichen permanent über Medien und auch durch unser Verhalten als Erwachsene als die Eigenschaft vermittelt wird, die garantiert, dass man beliebt, schön, attraktiv und erfolgreich ist. Darin enthalten ist das irrige Denken, das Aussehen sei direkter Ausdruck einer definierten Persönlichkeit und den damit verbundenen Chancen im Berufs- und Privatleben: «Wenn ich nicht schlank bin, wird mich niemand mögen!» Übergewicht gilt als Versagen. Schlank sein heisst, sich kontrollieren zu können und leistungsfähig zu sein. In einer Mädchengruppe wird jenen nachgeeifert, die besonders schlank sind. Schafft jemand eine Diät, ist dieser Person Bewunderung sicher.

Doch: Bei der Entwicklung des Körpers vom Mädchen zur Frau nimmt vor allem die Fettmasse zu. Damit wird das Ideal eines perfekten, schlanken Körpers unerreichbar. Es dauert mehrere Jahre, bis sich der weibliche Körper entwickelt hat.

Eltern können viel helfen

Es braucht ein gutes Selbstbewusstsein, um diese Veränderungen in sein Körperbild aufnehmen zu können. Sich abzugrenzen und für sich einzustehen muss gelernt werden. Das können viele Jugendliche erst in der mittleren oder späten Adoleszenz. Eltern können aber helfen, indem sie ihnen vorleben und aufzeigen, dass wir weit mehr sind als unser Gewicht.

Verbote haben oft zur Folge, dass Jugend­liche trotzdem tun, was sie wollen. Nehmen Sie die Tochter mit ihrem Wunsch ernst. Sprechen Sie über Ihre eigenen Erfahrungen und Unsicherheiten in der Jugend und was Sie daraus gelernt haben. Zeigen Sie, was passieren kann, wenn sie sich nur noch mit ihrem Gewicht befasst, und was sie dabei alles vernachlässigt. Wie viel Kraft, Energie und Lebensfreude soll dem Schlanksein geopfert werden?

Bestärken Sie sie stets darin, dass sie sich so mögen darf, wie sie ist. Zeigen Sie ihr immer wieder, was sie gern an ihr haben und worauf sie stolz sein kann.

Motivieren Sie sie, sich zu bewegen, sich mit dem Körper auseinanderzusetzen, ihn zu pflegen, zu geniessen. Irgendwas finden alle an sich schön.

Machen Sie selber jetzt keine Diät. Achten Sie darauf, wie Sie in der Familie das eigene Aussehen und das anderer bewerten. Denn Sie sind ein Modell.

Buchtipp

Joachim Braun, Kirsten Khaschei: «Mädchen in der Pubertät. Wie Töchter erwachsen werden»; Verlag Rowohlt, 2012, 288 Seiten, CHF 15.90