Der Hammer kam zwei Wochen nachdem sie das Medikament abgesetzt hatte. Bea Roth* konnte nicht mehr richtig schlafen, ihr Kopf dröhnte, sie zitterte am ganzen Körper, ihr war speiübel. «Ich ging durch die Hölle», sagt die Zürcherin.

Was Roth durchmachte, erleben viele, die Antidepressiva Depressionen Wem helfen Pillen? absetzen. Fachleute sprechen hier von Absetzsymptomen. Antidepressiva sind die am meisten verschriebenen Psychopharmaka der Schweiz. Knapp zehn Prozent der Bevölkerung beziehen sie, um Depressionen Evolutionspsychologie «Die Depression ist kein Defekt» , Angststörungen oder Phobien zu lindern. Ungefähr drei Millionen Packungen verkauften die Hersteller den rund 730'000 Betroffenen 2016, zeigen Zahlen der Krankenkasse Helsana. Doch wie die Patienten von den Medikamenten wieder loskommen, ist kaum erforscht.

Absetzen der Medikamente bisher kaum erforscht

Bea Roth hat in 20 Jahren sieben verschiedene Wirkstoffe verschrieben erhalten. Immer wieder versuchte sie von sich aus, die Antidepressiva Gewichtszunahme Machen Antidepressiva dick? abzusetzen. Erst seit letztem Juli ist die 51-Jährige clean. «Beim Entzug habe ich die Dosis über sieben Monate stufenweise reduziert», sagt sie. Am Schluss nahm sie jeden Tag ein Tröpfchen weniger. Diese Absetzmethode nennt man Ausschleichen.

Zum Thema Ausschleichen leitet jetzt Quentin Huys eine Studie der ETH und der Uni Zürich. Der Assistenzarzt der Psychiatrischen Uniklinik Zürich will wissen, wann und wie man Antidepressiva sicher absetzen kann. Ohne dass es zu einem Rückfall kommt, zu einer neuen Depression. Dazu gebe es kaum Forschung. Warum, kann Huys nicht sagen. «Das Augenmerk lag bisher auf der Wirksamkeit der Medikamente und der richtigen Dosierung.» Absetzstudien seien schwierig. Und: «Für die Hersteller gibt es keinen Mehrwert, wenn sie genauer wissen, wann man ihre Antidepressiva absetzen kann.»
 

«Eine zu grosszügige Antidepressiva-Abgabe ist nicht gefahrlos.»

Daniel Hell, ehemaliger Direktor Psychiatrische Uniklinik Zürich
 

Ähnlich sieht das Daniel Hell, der während Jahren Direktor der Psychiatrischen Uniklinik Zürich war. «Man hat die Häufigkeit und die Schwere von Absetzsymptomen unterschätzt.» Es sei nicht auszuschliessen, dass Patienten bei langem Gebrauch eine schwache körperliche Abhängigkeit entwickelten. «Das wurde lange vom Tisch gewischt. Pharmaindustrie und Psychiatrie hatten kein grosses Interesse, das genauer anzuschauen.» Man habe das Wort Abhängigkeit im Zusammenhang mit Antidepressiva unbedingt vermeiden wollen. Die Psychiatrie befürchtete, dass stark Depressive die Medikamente vermehrt ablehnen, obwohl sie sie dringend brauchen würden.

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Doch laut Hell hat sich das ins Gegenteil verkehrt. Inzwischen wollten viele Patienten unbedingt ein Medikament. Die Folge: «Ärzte verschreiben heute bei leichten Depressionen zu oft Antidepressiva.» Der emeritierte Professor hofft deshalb, dass die Zürcher Studie die Ärzte sensibilisiert. «Eine zu grosszügige Antidepressiva-Abgabe Psychiatrie «Abgabe von Psychopharmaka ist noch heute teils kriminell» ist unter anderem wegen der Absetzsymptome nicht gefahrlos.»

Die Suche nach dem sicheren Zeitpunkt

Das grösste Problem beim Ausschleichen ist die Gefahr eines Rückfalls. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Depression nach dem Absetzen zurückkehrt, liegt laut Forscher Huys bei 30 bis 60 Prozent in den ersten sechs bis neun Monaten. Sein Team sucht zum Beispiel im Immunsystem von Patienten nach Hinweisen auf den richtigen Absetzzeitpunkt, um das Risiko zu minimieren.

Dazu begleiten die Forscher 85 Personen mit Tests beim Ausschleichen von Antidepressiva. Mindestens gleich viele gesunde Studienteilnehmer durchlaufen bis Ende April ähnliche Untersuchungen, um als Kontrollgruppe den Normalfall abzubilden. Aus den gesammelten Daten will Huys ein Absetzmodell errechnen. «Das ultimative Ziel ist es, ein Tool zu haben, das den Ärzten sagt, unter welchen Bedingungen ein bestimmter Patient ein Medikament sicher absetzen kann.» 
 

«Dieser Befund ist brisant.»

Quentin Huys, Assistenzarzt Psychiatrische Uniklinik Zürich
 

Die Zürcher Forscher haben zudem einen bösen Verdacht. Dass starke Antidepressiva genau die Symptome hervorrufen können, die sie eigentlich heilen sollten. Dass also ein Patient allein durch das Absetzen des Medikaments erneut an einer Depression erkranken könnte. Eine ältere Metastudie besage das, erklärt Huys, die Datenlage sei allerdings unklar. «Dieser Befund ist brisant.» Denn Antidepressiva wirken nicht bei allen Betroffenen. «Im schlechtesten Fall nehmen Patienten Medikamente ein, obwohl sie ihnen schaden.»

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Nur rund zwei Drittel der Behandelten sprächen auf Antidepressiva an, sagt Professor Erich Seifritz. Der Chefarzt der Zürcher Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie geht davon aus, dass es sich beim restlichen Drittel der Patienten um sogenannte schwer behandelbare Depressionen handelt, die komplexere Therapien benötigen. Seifritz glaubt im Gegensatz zu seinem Vorgänger Hell nicht, dass Schweizer Ärzte bei leichten Depressionen zu oft Medikamente abgeben. Die Behandlungsrichtlinien sähen das klar anders vor.

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Hoffen auf ein neues Werkzeug

Allerdings weiss niemand genau, in welchen Fällen und für welche Dauer Schweizer Ärzte ein Antidepressiva-Rezept ausstellen. Eine Datenanalyse, die «erstmals die Versorgungsrealität» abbildet, soll diesen Herbst vorgestellt werden – in Auftrag gegeben von der Krankenkasse Helsana.

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Chefarzt Seifritz setzt in diesem Zusammenhang aber vor allem auf die Absetzstudie der Zürcher Forscher um Huys. Er erhofft sich rationale Entscheidungsgrundlagen davon, die das Absetzen erleichtern. Messbare Marker bei Blutwerten zum Beispiel könnten voraussagen, ob ein Patient das Antidepressivum weiter braucht oder nicht. 

Bea Roth hätte so etwas geholfen. Beim Ausschleichen fühlte sie sich alleingelassen und schlecht beraten. «Die Hausärztin liess mich machen. Der Psychiater sagte, ich müsse bis ans Lebensende Antidepressiva nehmen.» Es sei zwar schwer ohne Medikamente. Doch auch mit ihnen seien die Symptome nie verschwunden. Trotzdem: «Eine Rückkehr zu Antidepressiva steht für mich momentan nicht zur Diskussion.»

«Die Fake News der Pharmabranche»

Einzelne Ärzte oder Psychiater geben Patienten oder Angehörigen noch immer falsche Infos: Depressive hätten zu wenig Serotonin im Gehirn – wenn man Antidepressiva schlucke, erhöhe sich die Serotoninkonzentration, und die Depression klinge ab. «Das sind Fake News der Pharmaindustrie. Vor Jahrzehnten in Umlauf gesetzt, um die Angst vor Antidepressiva zu senken», sagt der emeritierte Psychiatrieprofessor Daniel Hell.

Tatsächlich ist der präzise biochemische Wirkmechanismus von Antidepressiva unbekannt. Der Serotoningehalt im Gehirn spielt bei Depressionen aber neben zahlreichen anderen Faktoren eine Rolle. Belegt ist, dass Antidepressiva bei mittelschweren und schweren Depressionen wirken können. Bei leichten Depressionen raten die ärztlichen Richtlinien zu grosser Vorsicht bei der Verschreibung von Antidepressiva.

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Quelle: Beobachter Edition
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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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