Den Spruch «Wörter schneiden tiefer als Klingen» verstehe ich so: Eine Klinge kann man wieder rausziehen, Wörter brennen sich in die Seele ein.

aus Leanders Notizbuch


Leander, der eigentlich anders heisst*, ist 16. Ein stiller, blonder Teenager mit Rossschwanz, der in einer Kleinstadt mitten in der Schweiz lebt. Er hat schon zwei Suizidversuche Suizidgedanken «Ich habe aus dem Loch gefunden» hinter sich. Beim ersten, da war er acht. Seine Mutter fand ihn gerade noch rechtzeitig. Der zweite Versuch war vor ein paar Monaten. Die Narben an seinen Armen werden bleiben.

Leander ist nie gekrabbelt. Mit eins stand er plötzlich auf und lief los. Mit vier Jahren konnte er rechnen. Ein Jahr später wurde er eingeschult. Die Lehrerin beschwerte sich, er rede so hochgestochen. Er brauchte Wörter wie «akkurat» oder «komplex». «Ich musste diese Wörter erst einmal googeln, bevor ich sie verstand», sagt seine Mutter.

Blaue Flecken

Leanders Vater ist Förster, seine Mutter Pflegerin. Ihr heutiger Job ist aber ihr Sohn, der sehr viel Hilfe im Alltag braucht. Kleinste Unregelmässigkeiten bringen ihn aus dem Konzept.

Einmal löst Leander in dreissig Minuten vier Seiten des Rechnungshefts, als Erstklässler. ­Allein. Alles richtig. Die Lehrerin glaubt ihm nicht, dass er das ohne Hilfe geschafft hat. Er muss vor allen anderen an die Wandtafel kommen und vorrechnen. Er kann schon bruch- und potenzrechnen. Die Lehrerin macht ihn lächerlich, das habe er abgeschaut, das könne doch nicht sein. «Leander ist blöd», schreien die Kinder.

Oft kommt er mit blauen Flecken heim. Die Mitschüler Mobbing Wenn Kinder einander fertigmachen haben ihn in den Abfallkübel gestossen oder über einen Tisch geschleift. Mit Schneebällen und Eisklumpen bombardiert. Die Pausenaufsicht sagt, es sei nichts gewesen. Leander leidet still.
 

Ich habe viele Jahre lang geglaubt, ich sei psychisch schwer krank. Ich habe viele Jahre lang gelitten. Unter dem Gefühl, nicht «richtig» zu sein, nicht so akzeptiert zu werden, wie ich bin, niemals zu genügen. Ich hatte unglaublich Angst, jemanden zu enttäuschen. Die Angst ­davor beeinflusst mein Leben so sehr, dass es mir schwerfällt, «Nein» zu sagen, auch wenn mein Verstand «Nein» schreit.

Anzeige

aus Leanders Notizbuch


Er hält die andere Backe hin, wenn er geschlagen wird. Er wehrt sich nie. «Das macht man nicht, man prügelt sich nicht.» Er will doch Gewalt vermeiden. «Wenn alle Menschen so denken würden wie mein Sohn, wäre die Welt friedlicher», sagt die Mutter. «Leander ist blöd, Leander ist blöd.» Die Worte brennen sich bei ihm ein. ­Irgendwann glaubt er selber, er könne nichts.

Als Drittklässler will er sich das Leben nehmen. Die Mutter findet ihn. Er wolle nicht mehr leben, schreit er. Er sei blöd, er gehöre nicht zu dieser Welt.

Ein Psychiater diagnostiziert ADHS und einen sehr hohen Intelligenzquotienten, «wie bei ­einem Erwachsenen». Leander ist acht.

Ein wenig Hoffnung

Die Mutter beantragt einen Schulwechsel, sie fürchtet um Leanders Gesundheit. Die Erziehungsberatungsstelle hat ihr zu diesem Schritt geraten. Die Schulleitung sagt, Leander werde nicht schikaniert, man habe nichts bemerkt. Die Schulkommission entscheidet, dass eine Angestellte der Erziehungsberatung heimlich auf dem Pausenplatz recherchieren soll. Die Frau ist entsetzt von dem, was sie beobachtet. Es sei grauenhaft, Leander werde kaputt gemacht. Er darf die Schule wechseln.

Leander ist Fan des Physikgenies Albert Einstein. Er liest die Biografien von Bill Gates und von Astrophysiker Stephen Hawking.

In der vierten Klasse hat er zum ersten Mal in seinem Leben einen Lehrer, der ihn versteht und fördert. Ihn so nehmen kann, wie er ist. Wenn er schreit, weil ihm alles zu viel wird, zum Beispiel. Und ihn beruhigt, wenn ihm jemand zu nah kommt. Leander blüht auf, findet sogar einen Freund.
 

Ich litt darunter, dass mich niemand verstand. Ich litt darunter, nicht ernst genommen zu werden. Ich litt darunter, dass ich mich nicht wehren konnte.

Anzeige

aus Leanders Notizbuch


Doch die Freude währt nur kurz. In der fünften Klasse bekommt er eine neue Lehrerin. Wieder glaubt man ihm nicht, dass er die Rechnungen selber gelöst hat. Leander sieht viele Wege, eine Rechenaufgabe zu lösen. Da er sich nicht entscheiden kann, welchen Weg er aufschreiben soll, schreibt er nur die Lösung hin.

Das gehe nicht, das entspreche nicht den Vorschriften, sagt die Lehrerin. «Bschiss!», schreit sie vor der ganzen Klasse. Sie verdonnert ihn zu einem Wettrechnen: Leander gegen sie. Der Bub gewinnt, deutlich. Er sagt der Lehrerin, sie sei halt zu blöd zum Rechnen. Im Zeugnis bekommt er in Mathematik die Note 4,5.

Kaum zu glauben, dass in einer Kleinstadt mitten in der Schweiz keine Lehrperson auf die Idee kam, den Buben abzuklären. Sein Verhalten deutet klar auf eine Autismus-Störung Autismus In seiner eigenen Welt hin.
 

Ich litt darunter, dass mich alle als «verrückt» abstempelten und hinter meinem Rücken über mich redeten. Mein ganzes «Ich» habe ich verleugnet.

aus Leanders Notizbuch


Mit dem Übertritt in die Sekundarschule wird Leander von seinem einzigen Freund getrennt. Wieder wird er zum Opfer. Seine Klassenkameraden schreiben zwar die Hausaufgaben bei ihm ab, er wird aber nie zu Partys eingeladen, darf nie mit in die Badi.

Auch in der Sek legt er sich mit dem Mathematiklehrer an, der ihm wieder nicht glaubt. Das hat Leander schon so oft erlebt, dass er ausrastet, schreit und sich verweigert. Mit der Zeit spielt er den Trottel, weil er glaubt, so besser davon­zukommen.

Leanders Mutter wendet sich in ihrer Ver­zweiflung an den Kinder- und Jugendpsychologischen Dienst (KJPD) Schulpsychologie Wenn es in der Schule brennt . Sie sieht, dass ihr Sohn den Boden unter den Füssen verliert.

Anzeige

Die Diagnose

Leander wird getestet. Man stellt fest, dass er Asperger-Autist ist, eine Form der Autismus-Spektrum-Störung. Aufgrund dieser Diagnose hat der Teenager heilpädagogische Unterstützung zugute. Weil seine sozialen Fähigkeiten beschränkt sind, er Hilfe braucht im Umgang mit anderen Menschen. Autismus ist ein Geburtsgebrechen, anerkannt von der IV. Betroffene nehmen ihre Umwelt anders wahr, können sich nur mit Mühe in andere Menschen einfühlen und angemessen kommunizieren. Sie befassen sich gern mit einem Spezialgebiet und können sich nur schwer auf neue Situationen einlassen.

Die Psychiaterin vom KJPD klärt Leander über die Diagnose auf und sagt ihm, dass er viele gute Fähigkeiten habe. Dass er nichts dafür könne, Asperger zu sein Asperger Der «unsichtbare» Autismus . Sie bedauert, dass die Schule nicht früher einbezogen wurde. «Sie hat die richtigen Worte gefunden und sein Selbstvertrauen Erziehung So stärken Sie das Selbstbewusstsein des Kindes gestärkt», sagt seine Mutter.

Endlich ist die Schulzeit zu Ende. Leander beginnt eine Lehre als Informatiker. Er hofft, dass nun ein neues Leben anfängt. Ein besseres. Er schneidet sich die Haare ab, ist bereit für den Neustart. Im Betrieb läuft es gut, er macht die Arbeit gern. Doch zwei Tage pro Woche muss er in die Berufsschule. Dort läuft es so wie immer: Er bekommt wenig Unterstützung, verzweifelt, legt sich mit den Lehrern an, fühlt sich unverstanden.
 

Leidet man an Autismus? Manche Autisten sehen Autismus als Chance, andere als Behinderung. Manche Autisten führen augenscheinlich ein normales Leben, andere müssen rund um die Uhr betreut werden. Aber leiden diese Menschen?

aus Leanders Notizbuch


Kurz vor den Sommerferien wird Leander und seinen Eltern mitgeteilt, dass er nicht weiter an die Berufsschule gehen könne. Es sei zu schwierig für ihn und mit ihm.

Anzeige

Für Leander bricht eine Welt zusammen. Wieder fühlt er sich ausgestossen, wieder will ihn niemand. Er ist blöd, nichts wert. «Man schmeisst mich lieber raus, als mir zu helfen», sagt er.

Als er auf dem Heimweg sein Portemonnaie verliert, wirft ihn das vollkommen aus der Bahn. Er verschanzt sich in seinem Zimmer. Am nächsten Morgen findet ihn die Mutter blutüberströmt. Seine Psychiaterin vom KJPD schreibt ihn krank, in die Schule muss er nicht mehr.
 

Und wer sagt, dass die, die angepasst leben und kaum auffallen, nicht leiden? Und: Leidet man unter Autismus oder unter der Umwelt, dem Unverständnis der Mitmenschen, den Anforderungen der Gesellschaft oder unter eigenen unerfüllten Erwartungen?

aus Leanders Notizbuch

Die Haare wachsen wieder

Zum Glück finden seine Eltern ein Integrationsprojekt für Autisten. Dort kann Leander sich ein Jahr lang auf das zweite Lehrjahr vorbereiten. Wenn er seine Informatiklehre beenden will, muss er aber nächstes Jahr wieder in die Berufsschule. Wie das gehen soll? Leander zuckt mit den Schultern. Seine Psychiaterin sagt, es brauche ein gutes Coaching für alle Beteiligten. Dann könne es funktionieren. Sie habe schon gute Erfahrungen gemacht.

Leanders grösster Wunsch ist ein Rolls-Royce. Aber ein altes Modell, einer dieser Wagen, die sich nach hinten öffnen. In diesem Moment wirkt Leander wie ein ganz gewöhnlicher Jugend­licher. Er fährt sich durch die blonden Locken, die längst wieder nachgewachsen sind. Lange Haare gehören zu ihm.
 

«Das Leben der Menschen endet nicht, wenn sie sterben. Sie sterben, wenn sie ihre Hoffnung verlieren und niemand mehr an sie glaubt.»

Anzeige

aus Leanders Notizbuch

 

* Name und persönlichkeitsrelevante Angaben wurden zum Schutz der Person geändert.

Buchtipp
Wenn Kinder aus der Reihe tanzen
Wenn Kinder aus der Reihe tanzen
Mehr Infos

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Birthe Homann, Redaktorin

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter

Anzeige