Einatmen, ausatmen, Pause. Einatmen, ausatmen, Pause. Der Mensch macht in seinem Leben über 500 Millionen Atemzüge, etwa 20000 pro Tag. Atmet er falsch, wird er krank.

Das wusste bereits Buddha, der in seinen Schriften Tipps zum richtigen Atmen gibt. Und auch in den Pyramiden der Ägypter und im Alten Testament finden sich atemtherapeutische Ratschläge.

Heute ist die Atemtherapie ein etablierter Zweig der Komplementärmedizin. Viele Schulmediziner verschreiben ihren Patientinnen und Patienten eine Atemtherapie. Das Wiedererlernen einer richtigen Atmung bewährt sich vor allem bei psychosomatischen und funktionellen Leiden.

Mit jedem Atemzug strömt Sauerstoff in die Lunge. Dieser wird über die Lungenbläschen ins Blut abgegeben und durch verzweigte Adern zu allen Körperzellen geleitet.

Die Zellen benötigen Sauerstoff, um die Nährstoffe aus der Nahrung in Energie und Wärme umzuwandeln. Das Abfallprodukt dieses biochemischen Prozesses, das Kohlendioxid, gelangt auf dem Rückweg mit dem Blut in die Lunge und wird beim Ausatmen entsorgt. Das Atmen dient jedoch nicht nur der Sauerstoffversorgung, es beeinflusst den ganzen Lebensrhythmus des Körpers. Bei der Atmung bewegen sich die Rippen und das Zwerchfell, ein grosser Muskel, der den Brust- vom Bauchraum trennt.

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Atmen beeinflusst die Psyche

Beim Einatmen wölbt sich das Zwerchfell nach unten, beim Ausatmen nach oben. Diese Bewegung regt die Tätigkeit von Magen und Darm, Leber und Nieren an. Zudem wirkt die Atembewegung auf die Freisetzung mehrerer Hormone und somit auf Nerven, Gehirn und Psyche. «Umgekehrt beeinflussen seelische Vorgänge den Atemrhythmus», sagt die St. Galler Atempädagogin Claire Bischof Vetter.

In der Alltagshektik wird die Atmung mit dem Zwerchfell oft vernachlässigt. Viele Menschen atmen nur oberflächlich mit dem Brustkorb. Stoffwechsel-, Schlaf-, Stimm- und Sprechstörungen sowie Erschöpfungszustände können die Folgen eines gestörten Atemrhythmus sein.

Hier kann die Atemtherapie helfen. Aber auch viele organische Leiden wie etwa Asthma oder multiple Sklerose sprechen oft auf eine Atemtherapie an.

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«Individuelle Atembehandlungen eignen sich gut, um den Menschen von der seelischen und von der körperlichen Seite her anzusprechen», sagt Claire Bischof Vetter. Im Einzelunterricht erforscht und stimuliert die Atemtherapeutin mit ihren Händen die Atembewegungen des liegenden Klienten. Sie fordert ihn auf, seinen Atem zu erfahren, sich auf den Atem und sich selbst zu konzentrieren.

Dadurch verändert sich der Atem und mit ihm der ganze Mensch: Der Patient findet wieder zu seiner natürlichen Balance zurück. In jeder Einzeltherapie nimmt zudem das persönliche Gespräch einen festen Platz ein.

Den eigenen Atem «erleben»

Den Gruppenunterricht beschreibt Claire Bischof Vetter folgendermassen: «Die Atemtherapeutin gibt Anregungen für gezielte Körper- und Atemübungen, die jeder Teilnehmer für sich selbst umsetzen muss. Sitzend, stehend, gehend oder im Liegen wird der Atem erlebt.» Dabei geht es darum, zu erfahren, wie der Atem sich von selbst wandelt und welche Empfindungen mit diesen Veränderungen einhergehen. Nach einer gewissen Zeit kann jeder die Übungen auch zu Hause durchführen. Viele Patienten wechseln nach einer Serie von Einzelstunden in eine Gruppe über oder kombinieren beides.

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Gründe für eine Atemtherapie gibt es viele. Die Liste reicht von Atembeschwerden über Haltungsprobleme, Kopfschmerzen und Stress bis zur Schwangerschaftsbegleitung. Eine Atemtherapie ist auch für Kinder geeignet.

Die Dauer einer Behandlung richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen des Patienten. Meist genügen zwanzig Sitzungen oder Trainingsstunden; sie finden wöchentlich statt. Claire Bischof Vetter: «Die Behandlung kann aber auch viele Monate oder Jahre dauern.»

In der Regel verordnet ein Arzt die Atemtherapie. Doch das ist nicht unbedingt erforderlich, wenn der Patient bei seiner Krankenkasse eine Zusatzversicherung für komplementärmedizinische Verfahren abgeschlossen hat.

Krankheiten vorbeugen

In der Schweiz sind zwei grosse Atemtherapieschulen vertreten: der «Erfahrbare Atem» nach Ilse Middendorf, der auch Claire Bischof Vetter angehört, sowie die «integrale Atemschule» nach Klara Wolf. Die beiden Atemtherapie-Pionierinnen arbeiteten ursprünglich als Gymnastiklehrerinnen und erkannten dabei die zentrale Bedeutung des Atmens für das Wohlbefinden. Sie propagierten die Atemtherapie als ganzheitlichen, körperlich-seelischen Lernprozess, der selbstheilende und genesungsfördernde Kräfte weckt.

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«Doch Atemtherapie eignet sich nicht nur zur Behandlung von Erkrankungen», sagt Claire Bischof Vetter. «Von den Atemtrainings profitieren auch Personen, die ihre Gesundheit aktiv unterstützen und Krankheiten vorbeugen wollen.»

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