«I think it can be done» (Ich denke, es kann gelingen), sagte der amerikanische Neurochirurg Ben Carson am Vorabend der Operation, und das bestärkte das 27-köpfige Ärzteteam aus fünf Ländern in seiner positiven Einstellung. Carson hatte bereits Erfahrungen in der Trennung siamesischer Zwillinge sammeln können. Natürlich glaubten alle Beteiligten an die erfolgreiche Separation der 29-jährigen, am Kopf zusammengewachsenen Iranerinnen Ladan und Laleh Bijani – sonst wäre das Vorhaben nicht gerechtfertigt gewesen.

Zusammen mit meinem Kollegen Dennis Rohner – auch er ist als Gesichts- und Kieferchirurg in der Klinik im Schachen in Aarau tätig – war ich vom chinesischen Arzt Keith Goh und Walter Tan, den beiden leitenden Chirurgen, gebeten worden, beim Eingriff mitzuwirken. Dennis Rohner und ich haben dem Rekonstruktionsteam angehört. Gemeinsam mit Kollegen der plastischen Chirurgie hätte unsere Aufgabe darin bestanden, die nach der Trennung der Schädel entstandenen Defekte zu beheben. Bei einem erfolgreichen Operationsverlauf war die Klinik im Schachen auch als möglicher Ort für Nachbehandlungen in Diskussion.

Operation im Prinzip machbar
Der Tod der beiden Schwestern während der rund 50-stündigen Operation im Raffles Hospital in Singapur war für mich ein Schock. Mittlerweile habe ich etwas Distanz dazu gewonnen. Nicht zuletzt auch, weil ich ausführlich und oft über den Eingriff gesprochen habe.

Das Ereignis hat jetzt für mich seinen Platz bekommen: In beruflicher Hinsicht ist es sicher eines der dramatischsten und erschütterndsten Erlebnisse in einem Operationssaal. Wenn jemand während einer Notfalloperation stirbt, ist das auch tragisch. Aber die zwei jungen Frauen waren ja so weit gesund. Jede Wahloperation, die tödlich verläuft, ist eine Katastrophe.

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Sicher ist vieles falsch gelaufen, sonst würden die Patientinnen ja noch leben. Ich kann aber nicht abschliessend beurteilen, ob die Operation rein technisch möglich gewesen wäre oder nicht. Sie setzte sich aus verschiedenen Schritten zusammen. Davon waren nur wenige problematisch. Für die Trennung bin ich nicht Spezialist – meine Aufgabe lag allein im Bereich der Rekonstruktion. Nach meiner ganz persönlichen Auffassung wäre die Operation im Prinzip machbar gewesen.

Aber diese Frage muss man offen lassen, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind. Dazu ist jetzt ein Prozess im Gang. Gleich nach der Operation sass das Ärzteteam zusammen. Jeder gab seine persönlichen Beobachtungen während des Eingriffs zu Protokoll und wies auf Faktoren hin, die möglicherweise zur Katastrophe geführt haben und die man hätte vermeiden können. Die Ergebnisse werden voraussichtlich nächstes Jahr in der Fachzeitschrift «Archives of Surgery» publiziert.

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Jedenfalls hat man das Vorhaben mit äusserster Sorgfalt vorbereitet. Der ganze Evaluationsprozess dauerte mehr als acht Monate. Keith Goh, einer der weltweit führenden Neurochirurgen, hatte im Juli 2002 erstmals Kontakt mit den beiden Frauen. Aufgrund der Unterlagen aus Deutschland aus dem Jahr 1996 schätzte auch er die Trennung der Erwachsenen als zu riskant ein. Das deutsche Team hatte damals den Eingriff abgelehnt, weil es den Ersatz der gemeinsamen Hirnvene als unlösbares Problem erachtete.

Ladan und Laleh liessen nicht locker und baten Goh erneut um Hilfe. Daraufhin wiederholte er alle Untersuchungen und präsentierte die Ergebnisse an einem eigens einberufenen Ärztemeeting in Hongkong. Für das Problem mit der Hirnvene hatte man eine Lösung gefunden.

So waren sich die Fachleute einig, die Operation sei technisch machbar. Parallel dazu wurden die Patientinnen von drei Psychiatern psychologisch betreut. Auch Goh besuchte die jungen Frauen fast jeden Tag und fragte immer wieder nach, ob sie nicht doch versuchen möchten, ihr Leben wie bisher weiterzuführen. Kein Chirurg entschliesst sich gern zu einer Operation mit einem hohen Risiko.

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Doch das Zusammengekettetsein muss für die beiden Schwestern so unerträglich gewesen sein, dass sie den Tod in Kauf nahmen. Damit legten sie ihr Schicksal in Menschenhand. Ich kann das nachvollziehen und sehe darin nichts Schlechtes. Vor der Operation bekam das gesamte Ärzteteam die Gelegenheit, die beiden kennen zu lernen. Sie wirkten sehr aufgeräumt und suchten den Kontakt zur Umwelt. Immer wieder betonten sie, den Erfolg und nicht den Misserfolg vor Augen zu haben. Das ist die einzige Möglichkeit, ein solches Vorhaben anzugehen.

Wie in einem Baseballteam
Vor dem Eingriff kam auch eine eigens eingesetzte Ethikkommission aus Ärzten und Nichtärzten zu Wort. Und das Einverständnis der Zwillinge dokumentierte man mit Videoaufnahmen. Man hat auch alle möglichen Szenarien durchgespielt – zum Beispiel die Situation, wenn nur eine der beiden Patientinnen überlebt hätte. So schrecklich der Ausgang jetzt war, es hätte noch weit schlimmer enden können – beispielsweise wenn die zwei jetzt ohne Bewusstsein dahinvegetieren müssten.

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Innerlich habe ich mich wie auf jede andere Operation vorbereitet. Die Spannung ist sicher grösser, wenn man vor den Augen der Weltöffentlichkeit zum Einsatz kommt. Die Ausgangslage war anders als in meinem Berufsalltag. Normalerweise trage ich für die Durchführung die alleinige Verantwortung. Ich berate die Patienten und bespreche mit ihnen den Verlauf der Operation. In Singapur hingegen war ich wie in einer Baseballmannschaft Teil eines Teams. Mir war eine genau definierte Einzelaufgabe zugewiesen, die ich gemäss den Anleitungen des Teamleiters hätte ausführen müssen.

Trauriger Vorbildcharakter
Schockiert war ich zuerst auch vom weltweiten Medienrummel. Im Nachhinein muss ich sagen, Gott sei Dank wurde die Operation in allen Einzelheiten so öffentlich und transparent gemacht. Für mich ist der Gedanke unerträglich, die Trennung wäre klammheimlich durchgeführt worden und die Öffentlichkeit hätte danach vom Scheitern erfahren. Insofern hat das ganze Vorhaben Vorbildcharakter.

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Es ist ein heikles Thema, ich weiss. Aber die Nachwelt lernt aus den Fehlern der Vorgänger. Leider auf Kosten der Patienten. Der Vorwurf, wir hätten Gott ins Handwerk gepfuscht, ist für mich eine philosophische Frage. Meiner Weltanschauung am nächsten kommt die Vorstellung, dass es für jeden Menschen dann Zeit ist zu gehen, wenn sein Leben erfüllt ist.