Mitte September 2004. Unter meinem Brustkorb spüre ich einen pochenden Schmerz. Ich kann ihn nicht einordnen. Obs eine Magenverstimmung ist? Nachts, im Bett, dasselbe Stechen.

Nach drei Wochen lässt sich ein Arztbesuch nicht mehr umgehen: Ich huste, habe Fieber, fühle mich schwach. Die Antibiotika bringen kaum Besserung. Fünf Konsultationen habe ich hinter mir, dann entnimmt mir mein Hausarzt Blut. Als die Werte vorliegen, glaubt er, sein Messgerät spinne. Wir wiederholen die Prozedur.

Was spinnt, sind meine Blutkörperchen. Sogleich werde ich zur Abklärung ins Spital geschickt. Mit dem Etikett «Notfall» bin ich auf alles gefasst. Als mir die Ärztin aber ruhig erklärt: «Sie haben wahrscheinlich Krebs», bin ich wie erstarrt. Immerhin hat das Problem jetzt einen Namen.

Am Abend erledige ich einige Pendenzen, bezahle Steuer- und Telefonrechnung. Den Angehörigen kann ich keine Details zur Lage vermitteln: Ich weiss nicht, was mich erwartet. In den Koffer packe ich einen Krimi, die Zahnbürste, das Pyjama. Als Chefredaktor einer Tageszeitung organisiere ich einen Stellvertreter.

Der Rest der Welt bleibt unberührt
13. Oktober 2004, 9 Uhr. Mit meiner Partnerin stehe ich in Aarau vor dem Kantonsspital. Ich muss ein Ticket ziehen. Es hat die Nummer acht. Die Acht leuchtet am Schalter vier. Die Dame am Schalter tippt meinen Jahrgang in den Computer. Sie meldet meine Ankunft. «Heidi, hör mal, ich werde meinen Peugeot verkaufen», plaudert sie am Telefon. Schlagartig wird mir bewusst: Die restliche Welt bleibt von meiner Krankheit unberührt.

Während ich untersucht werde, bricht meine Partnerin im Wartezimmer zusammen. Einer Broschüre hat sie entnommen, dass die Überlebenschancen bei Leukämie viel geringer seien, als sie dachte. Die Schwestern beruhigen sie. Ich leide unter akuter Leukämie.

Eine Chemotherapie soll nun in drei Schritten die Krebszellen in meinem Knochenmark zerstören; zusätzlich könnte sich eine Knochenmarktransplantation aufdrängen. Meine Haare sind jetzt mittellang. Bald wird mein Schädel kahl sein. Ich kann das letzte Mal duschen. Bald werde ich in einem keimfreien Zimmer nur mit präpariertem Wasser in Kontakt kommen.

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«Es ist nicht, wie wir es gerne hätten»
Das Isolationszimmer misst 30 Quadratmeter. Ein Filter reinigt die Luft: Die beiden Fenster sind nicht zu öffnen. Wer mich hier besucht, darf dies nur mit Mundschutz und Schürze tun. Wie lange werde ich hier liegen? Sieben Wochen? Fünfzehn? In meinem Körper lauert mein Feind. Ich weiss nicht, wohin er mich zieht. Wie werde ich auf die Chemie reagieren?

Mehrere Lösungen träufeln in meinen Kreislauf. Die Nebenwirkungen sind erträglich. Der neue Alltag pendelt sich ein, die Atmosphäre entspannt sich.

Die Wende folgt auf dem Fuss. Es ist der 2. November. Morgens werde ich mit Zahnschmerzen zur Untersuchung in die Röhre gesteckt. Ich gerate in Panik. Erst starke Beruhigungsmittel geben mir etwas Gelassenheit. Die Zähne sind in Ordnung. Nicht aber die Bilanz der ersten Therapie. «Es ist nicht, wie wir es gerne hätten», teilt mir der Oberarzt am Nachmittag mit. Frei von Diplomatie heisst das: Alle Krebszellen sind noch da.

Die zweite Chemo beginnt. Apathie nimmt überhand. Die Dosen sind jetzt viel stärker. Nach und nach verliere ich die Geschmacksempfindung. Der Geruch des Desinfektionsmittels ist allgegenwärtig. Immer wieder muss ich erbrechen. Mit der Exfrau regle ich die Situation unserer Kinder im Fall meines Todes. Angst? Weniger vor dem Tod. Aber vor dem Sterben.

Für eine Transplantation des Knochenmarks wird jetzt ein Spender gesucht. Manchmal schlafe ich bis zu 20 Stunden pro Tag. Die restliche Zeit starre ich aus dem Fenster. Ich denke an nichts. Zum Musikhören habe ich keine Lust. Aufs Essen auch nicht. Am Horizont, vor dem Hügelzug, sehe ich den Kamin der Kehrichtverbrennungsanlage.

Auf die zweite Therapie reagiert mein Körper wie gewünscht: Die kranken Zellen sind vorerst eliminiert. Jetzt ist eine Pause angesagt. Ärzte und Schwestern betreten mein Zimmer zum ersten Mal ohne Maske. Ich staune. Die Menschen, die mich während Wochen umgaben, hätte ich auf der Strasse nicht wiedererkannt. Es ist Ende November. Ich kann für eine Woche nach Hause.

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Banges Warten auf einen Spender
Chemotherapie Nummer drei verläuft, abgesehen von einem Fieberschub, mustergültig. Mein Blut ist jetzt rein, bereit für die Transplantation. Fragt sich nur: Gibt es auch einen Spender?

Sechs Monate dauert das Hoffen und Bangen. Dann aber geht alles schnell. Am 16. Juni 2005, wenige Stunden nach der Entnahme beim anonymen Spender aus Italien, wird mir das neue Mark per Infusion in Basel eingepflanzt. Wieder Isolationszimmer, wieder starke Nebenwirkungen. Aber das Bewusstsein, mich zu erneuern, macht es erträglich.

Jetzt plane ich den Schritt zurück ins Berufsleben. Ich bin eher ein nüchterner Typ. Die Hoffnung ist gross, dass ich krebsfrei bleiben werde. Ob mich die Krankheit verändert hat? Ich halte den Krebs für fürchterlich sinnlos, weigere mich, ihm einen Sinn zuzubilligen. Nein, ich weiss nicht, wie sich das vergangene Jahr auf mein künftiges Leben auswirken wird.