Bis zu meinem sechzehnten Geburtstag war ich immer gesund. Doch dann hatte ich einmal einen Sonnenstich - mein Herz begann zu rasen, 280 Schläge pro Minute. Ein Freund brachte mich sofort ins Spital nach Biel, um die Ursache für den erhöhten Puls abklären zu lassen. Bei einer späteren Untersuchung im Inselspital Bern stellten die Ärzte die gleiche Krankheit fest, an der schon mein Vater gestorben war. Diese unspezifische Krankheit ist teilweise vererbt, teilweise durch ein Virus verursacht. Dieses dringt ins Herz ein und hinterlässt dort Vernarbungen, was dann zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führt. Wenn die Pulsfrequenz öfter auf 280 steigt, kann das ein paar Mal gut gehen, aber irgendwann führt es zum Herzstillstand.

Meine Krankheit ist selten, deshalb war es sehr schwierig herauszufinden, was genau die Rhythmusstörungen verursachte. Denn das ist bei jedem Patienten anders. Man setzte mir im Inselspital Bern einen Defibrillator ein, der dem Herzen mit leichten Stromstössen den Takt vorgeben sollte. Doch kaum kam ich nach der Operation nach Hause, erhielt ich einen unglaublich starken und schmerzhaften Stoss. Ich hatte danach grosse Angst, getraute mich kaum noch, zu atmen oder mich zu bewegen. Es ging mir zusehends schlechter; ich konnte meine grosse Leidenschaft, das Dressurreiten, nicht mehr ausüben. Ich schaffte es gerade noch, mich ein paar Minuten neben mein Pferd zu setzen, dann musste ich wieder einige Stunden schlafen. Sogar das Essen machte mir Mühe, ich vegetierte nur noch so dahin, manchmal fiel ich in Ohnmacht.

Keine Angst vor der Operation
Die Ärzte wussten nicht mehr weiter und empfahlen im Dezember 2004 eine Herztransplantation. Der Vorschlag war ein Schock für mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, mein Herz herzugeben. Ein Herz ist eben mehr als nur ein Muskel. Als ich jedoch drei weitere Herzstillstände hatte und es mir danach immer schlechter ging, willigte ich schliesslich ein. Es braucht eine gewisse Zeit, sich emotional auf eine Herztransplantation vorzubereiten. Nach zwei Monaten erhielt ich Bescheid, dass ein passendes Organ eingetroffen sei. Ich war vor der Narkose ganz ruhig, hatte keine Angst und war voller Zuversicht. Ich fühlte mich beim 25-köpfigen Behandlungsteam sehr gut aufgehoben.

Die Operation dauerte acht Stunden. Ich sah es später meinem alten Herzen an, dass es müde war von den vielen Herzrhythmusstörungen und vom erschwerten Schlagen. Es war viel grösser als ein normales Herz. So war diese Operation ein Geschenk für mich. Vier Tage nach der Operation bin ich aus dem künstlichen Koma aufgewacht. Mein erster Gedanke war: «Habe ich jetzt das neue Herz?» Als ich merkte, dass mein Herz anders schlägt als früher, hatte ich eine Riesenfreude und war voller Dankbarkeit gegenüber dem Spender. Nach drei Wochen durfte ich das Spital verlassen. Ich erlebte die Welt völlig neu: Ich konnte sie auf eine andere Art entdecken als früher.

Weil die Resultate bei den verschiedenen Nachkontrollen immer besser wurden, konnte ich bereits nach sechs Monaten wieder auf mein Pferd steigen. Das war wie Weihnachten und Ostern zusammen! Nächstes Jahr werde ich an einem Dressurturnier teilnehmen. Zwar muss ich mein Leben lang Medikamente gegen eine mögliche Abstossung des Herzens nehmen, doch ich habe zum Glück überhaupt keine Nebenwirkungen. Auch den Kampfsport Aikido kann ich wieder betreiben - überhaupt muss ich mich nicht einschränken, ich kann auch fast alles essen.

Ich arbeite in einem 50-Prozent-Pensum und werde das auch weiterhin tun müssen, weil ich heute mehr Erholung und Schlaf brauche als früher. Einem Kinderwunsch stünde nichts im Wege, sagten die Ärzte, doch muss ich das zusammen mit ihnen planen. Vorerst ist allerdings mein Pferd mein einziger Freund.

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Ein Gefühl der Vertrautheit
Ich habe meine Entscheidung nie bereut - mit dem neuen Herzen stehen mir wieder Türen offen. Und man erlebt so vieles auf andere Art. Zwar ist ein Herz medizinisch gesehen eine Pumpe, doch es ist mehr als das. Das ist sehr schwer zu beschreiben, wenn man es nicht selber fühlt.

Sie glauben das nicht? Als ich nach ein paar Monaten mit meiner Familie nach Österreich fuhr, sagte ich gleich nach der Grenze: «Hier fühle ich mich zu Hause.» Und auch der Dialekt kam mir sehr vertraut vor. Mittlerweile gehen meine Familie und ich oft nach Österreich, und dieses Gefühl der Vertrautheit kommt jedes Mal. Zwar wird streng auf die Anonymität der Spenderfamilie geachtet, doch bin ich überzeugt, dass der Spender Österreicher war. Das ist doch witzig. Wenn ich mit anderen Herztransplantierten zusammen bin, etwa an den jährlichen Treffen, erzählen sie von ähnlichen Erfahrungen. Für mich ist das eine Bereicherung.

Mein neues Herz ist für mich ein sehr guter Freund geworden. Jeden Tag erinnert es mich, wie schön dieses Geschenk ist. Ich geniesse dadurch auch die kleinen Dinge, die mir im Alltag begegnen. Ich habe das Gefühl, dass sich für mich eine neue, erlebnisreiche, blühende und spannende Welt aufgetan hat, in der ich meine Träume verwirklichen kann.

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