12_00_rg_blut.jpgAls mir der Arzt sagte, ich müsse lebenslang Blutverdünner nehmen, dachte ich: "Nein, das kommt nicht in Frage."» Stephan Müller ist 31 Jahre alt und Lastwagenchauffeur. Doch jetzt bangt er um seinen Beruf, denn im letzten Herbst passierte es in Spanien erneut: Notfallmässig musste er ins Spital. Diagnose: Beckenvenenthrombose. Einige Tage später kam noch eine Lungenembolie dazu. Seither ist Stephan Müller krankgeschrieben.

Thrombosen – also gefährliche Blutgerinnsel in den Blutgefässen – sind nichts Neues für Stephan Müller. «Vier oder fünf sind es schon gewesen», erinnert er sich. Die erste hatte er bereits als Jugendlicher. Obwohl die Ärzte keine behandelbare Ursache finden, ist für sie der Fall klar: Stephan Müller muss sein Blut lebenslang verdünnen. Sonst besteht die grosse Gefahr weiterer Thrombosen und Embolien, die auch einmal tödlich verlaufen können.

Stephan Müller schluckt deshalb jeden Abend eine Tablette. Das Medikament, im medizinischen Jargon «orales Antikoagulans» genannt, hemmt gewisse Eiweisse in der Leber, die als Gerinnungsfaktoren wirken: Thrombosen und Embolien sollten deshalb nicht mehr entstehen.

Schon Nasenbluten ist gefährlich

Die Behandlung ist aber nicht harmlos; sie wird nur bei zwingenden Gründen ein Leben lang durchgeführt. Wer blutverdünnende Medikamente einnimmt, der hat ein höheres Blutungsrisiko. Schon ein banales Nasenbluten kann gefährlich werden.

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Grosse Gefahr besteht nach Stürzen – besonders wenn Alkohol im Spiel ist. Denn Hochprozentiges führt nicht nur zu Unsicherheit beim Gehen; Alkohol stört auch die Funktion der Blutplättchen. Regelmässige Kontrollen beim Hausarzt gehören deshalb zum Alltag von Menschen, die mit einer Blutverdünnung leben müssen. Einige müssen zweimal pro Woche zum Arzt, andere nur einmal im Monat.

Aus einer Vene am Arm oder aus einem Finger wird Blut entnommen und daraus die Blutgerinnungszeit gemessen. Diese wird als so genannter «Quick»- oder INR-Wert angegeben. Je nach Resultat passt der Arzt dann die Dosis des Medikaments an.

Selber messen hat Zukunft

Seit zwei Jahren wird in der Schweiz eine neue Methode angeboten. Ausgewählte Patienten können die Blutgerinnungszeit selbst bestimmen und danach ihre Medikamentendosierung anpassen.

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Walter Wuillemin, Leiter der Abteilung für Hämatologie am Kantonsspital Luzern, ist einer der Schweizer Pioniere auf dem Gebiet der Selbstkontrolle. «Auch Menschen mit lebenslanger Blutverdünnung wollen unabhängig sein», sagt er. «Dafür sind sie bereit, mehr Selbstverantwortung zu übernehmen.» Ähnlich sieht es auch Stephan Müller: «Wenn ich zwei Monate quer durch Europa fahre, ist es schwierig, die Blutverdünnung regelmässig bei einem Arzt oder im Spital messen zu lassen.»

Untersuchungen in mehreren Ländern zeigen, dass die Blutwerte bei selbst kontrollierenden Patienten eher besser sind als bei jenen, die zur Kontrolle zum Arzt gehen. Deswegen erleiden die «Selbstmesser» auch weniger Komplikationen, wie etwa schwere Blutungen. «Die Selbstbestimmung hat langfristig auch einen kostensparenden Effekt», ist Wuillemin überzeugt. «Die Patienten gehen zwar nicht seltener zum Arzt, aber die einzelnen Konsultationen sind günstiger.»

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Deutschland nimmt in diesem Bereich eine Vorreiterrolle ein. Seit den achtziger Jahren sind dort bereits 50000 Menschen entsprechend geschult worden. In der Schweiz sind es erst hundert. Doch die Nachfrage steigt. «In zehn Jahren», schätzt Walter Wuillemin, «werden es wohl mehrere tausend sein.» Die Schulung der Patienten dauert einen Tag und findet an verschiedenen Orten in der ganzen Schweiz statt.

Die Teilnehmer müssen viel Theorie lernen: Warum gerinnt das Blut? Wie wirken blutverdünnende Medikamente? Welche anderen Dinge haben Einfluss? Daneben wird aber auch ganz Praktisches vermittelt. Die Patienten lernen, dem eigenen Finger Blut zu entnehmen und die Messung mit einem kleinen portablen Gerät durchzuführen.

«Das Gerinnungsmessgerät ist so einfach zu bedienen wie ein Videorecorder», sagt Wuillemin, «aber auch da können Fehler passieren.» Deshalb ist für ihn eine seriöse Schulung wichtig. Am Schluss erhalten die Patienten ein Zertifikat. Langfristig soll damit erreicht werden, dass die Krankenkassen – wie in Deutschland – die Kosten für das Gerinnungsmessgerät übernehmen. «Zurzeit ist das noch nicht geregelt», sagt Wuillemin. Drei Viertel der Kassen bezahlen aber schon heute mindestens einen Teil der Kosten.

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Seit Stephan Müller die Schulung in Luzern besucht hat und seine Blutverdünnung selber misst, ist er wieder zuversichtlich. Er hat inzwischen sogar mit Rauchen aufgehört. Sein Ziel: «Ich will möglichst schnell wieder auf Achse sein.»

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