Tamara Sedioli* war positiv auf Covid-19 getestet worden – sie teilte das per Whatsapp ihrem Umfeld mit. Die Symptome waren erträglich, das Mitgefühl war gross: Umgehend stellte eine Freundin eine kleine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit vor ihre Tür. Dazu erhielt sie übers Handy die Anweisung: Zweimal täglich zehn Tropfen, so werde sie rasch gesund.

Die Flasche enthielt Chlordioxidlösung Covid-19 St. Galler Arzt gibt gefährliches Chlordioxid ab , eine verdünnte ätzende Chemikalie. Tamara Sedioli nahm das Wässerchen, das unangenehm nach Chlor roch, ein paarmal ein, dazu zur Entgiftung Zeolith, zerriebenes Vulkangestein – und lag trotzdem eine gute Woche krank im Bett.

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Solche Pseudomedikationen kursieren derzeit in sozialen Netzwerken. Sie stammen häufig aus Kreisen um den umtriebigen Andreas Kalcker Chlordioxid Das Wunderwasser der Gläubigen . Vom St. Galler Rheintal aus propagiert Kalcker Chlordioxid unter dem Kürzel CDL (Chlordioxidlösung) oder CDS (Chlorine Dioxide Solution).

Er behauptet, das Bleich- und Desinfektionsmittel wirke gegen alle erdenklichen Krankheiten, von Malaria, Demenz und Krebs bis hin zu Covid. Die Pandemie gab ihm aber erst richtig Schub, wie Mitschnitte von Videokonferenzen und unzählige Nachrichten im Messengerdienst Telegram zeigen.

Chlordioxid-Pastillen verkaufen sich gut

Neuerdings wird Chlordioxid auch in Pastillenform verkauft. Etwa von der Firma Carlson GmbH aus Zug. Sie bewirbt Lutschtabletten unter dem Namen David19 – nicht als Medikament, sondern als Mundhygiene-Produkt. Auf der Website heisst es trotzdem, dass die Pastillen diverse Atemwegserkrankungen heilen, etwa die unheilbare Lungenkrankheit COPD. Und: «Hilft gegen alle Bakterien und Viren im Rachenraum.» Illustriert ist der Slogan mit einer Coronavirus-Darstellung – dazu das Prädikat «entzündungshemmend».

«Der Verkauf läuft gut», sagt Vicente Garcia Lübke, Inhaber der Firma Carlson, der hauptberuflich E-Trottinetts verkauft. Eine Dose mit 60 Pastillen kostet 99 Franken. In der akuten Phase müsse man vier bis fünf Pastillen gleichzeitig im Mund auflösen und das alle zwei Stunden wiederholen, zwei Tage lang. Damit reicht eine Dose für gut einen Tag.

Die Beschaffungskosten für die Inhaltsstoffe Natriumchlorit, Zitronensäure, Kurkuma und den Pflanzenextrakt Artemisia annua betragen für eine Dose Pastillen 30 Rappen.

Wiederverkäufer Garcia Lübke stieg letzten Frühling ins Geschäft mit den Lutschtabletten ein. Ein anderer ist Armin Schmid, unter Corona- Skeptikern und Impfzweiflern kein Unbekannter. Schmid tritt als selbst ernannter Rechtsberater auf, verfasst Mustereinsprachen und liefert eine eigene Gesetzesinterpretation. «Masken, Quarantäne, Impfen, Abstand und alle Neuerfindungen sind gesetzlich ungültig», schreibt er in seinem Telegram-Kanal.

Dort bietet er die Pastillen an: bisher unter dem Namen Vibasin19, neu unter QMix19. «Diese Pastillen enthalten Natriumchlorit und Zitronensäure, damit entsteht Chlordioxid, frisch auf der Zunge», sagt Schmid. Es sei schon lange bekannt, dass Chlordioxid «Viren, Bakterien et cetera» im Körper abbaue.

Machen die Händler illegale Heilsversprechen?

Garcia Lübke und Schmid bewegen sich rechtlich auf dünnem Eis. Gemäss Heilmittelgesetz sind Heilsversprechen ohne wissenschaftliche Belege und vor allem ohne Zulassung der Arzneibehörde Swissmedic verboten. «Ich mache keine Heilsversprechen», sagt Schmid. «Die Hinweise basieren auf Erfahrungen von Anwendern.» Der Vorteil der Pastillen: Anders als das flüssige Chlordioxid röchen sie nicht nach Chlor, «sondern eher nach Zitrone».

Aber auch der Begriff Mundhygiene, der rechtlich in den Bereich der Kosmetika fällt, ist problematisch. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) sagt klar: «Bei Kosmetika sind Hinweise irgendwelcher Art auf eine krankheitsheilende, -lindernde oder -verhütende Wirkung verboten.»

Juristisch gesehen sind die Pastillen gemäss BLV auch kein Nahrungsergänzungsmittel. Zudem: Lebensmitteln darf man ohnehin keine vorbeugende oder heilende Wirkung gegen Krankheiten zuschreiben. Das BLV hat den Fall inzwischen dem zuständigen Kantonschemiker gemeldet. Dieser bestätigt, dass er Abklärungen aufgenommen hat.

«Es ist schon lange bekannt, dass Chlordioxid Viren, Bakterien et cetera im Körper abbaut.»

Armin Schmid, Pastillen-Verkäufer
Pastillen-Hersteller ist ein Bekannter von Andreas Kalcker

Entwickelt wurden die Lutschtabletten vom Unternehmer Walter Schaub. Der Sitz seiner Firma Naturasana AG ist in Herisau AR. An der angegebenen Adresse findet sich nur ein Briefkasten, auf dem rund hundert weitere Firmennamen stehen. Schaub verkauft die Tabletten nicht selbst, sondern über Vertriebspartner. Das hat wohl Gründe. Wer nicht zugelassene Produkte nur an Vertriebspartner verkauft, selbst aber Endkunden kein Heilsversprechen macht, kann juristisch nicht belangt werden.

Aufgeschreckt durch die Recherchen, sprach Schaub ausführlich mit dem Beobachter über die Pastillen, Chlordioxid und seinen Bekannten Andreas Kalcker. Hinterher wollte er seine ihm vorgelegten Aussagen nicht bestätigen. Er verwies auf eine Stellungnahme – die bis Redaktionsschluss nicht eintraf. Seine beiden Vertriebspartner Garcia Lübke und Schmid erklärten, man sei mit der Zulassungsbehörde in Kontakt.

«Wir verfügen über mehrere wissenschaftliche Berichte über die Wirkung», sagt Schmid. Und Garcia Lübke verweist auf klinische Tests der Universität Kiew. Dem Beobachter vorlegen wollten sie ihre Erkenntnisse aber nicht.

«Wenn man Produkte verkauft, die gesundheitsschädigend sind, dann ist das keine alternative Heilmethode.»

Michel ­Romanens, Leiter Verein Ethik und Medizin Schweiz
Falsche Heilsversprechen sollten strafbar sein

Ob ein solches Produkt je eine Zulassung von Swissmedic erhält, ist sehr fraglich. Der Internist und Kardiologe Michel Romanens sagt: «Chlordioxid ist ein Desinfektionsmittel; es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass es wirkt. Die Heilsversprechen dazu sind alle falsch.» Das Vergiftungspotenzial dieses Stoffs sei «relativ gross», sagt Romanens, der auch Leiter des Vereins Ethik und Medizin ist.

Die Behörden müssten härter durchgreifen. «Wenn jemand ein Heilsversprechen macht für eine Chemikalie, die kein Medikament ist, dann muss das die Behörden interessieren – egal, ob er das Produkt verkauft oder nicht», sagt Romanens weiter. Solche Anbieter gefährdeten die Gesundheit der Bevölkerung, und das sollte unter Strafe gestellt werden. «Wenn man Produkte verkauft, die gesundheitsschädigend sind, dann ist das keine alternative Heilmethode.»

Das hält Anhänger abenteuerlicher Covid-Mittel nicht davon ab, auf eigene Faust Tinkturen zu mixen und weiterzureichen. So auch bei Tamara Sedioli. Ihre Freundin sagte ihr später, sie habe die Substanz von einer weiteren Kollegin erhalten, die sie selbst zusammenmixe. Flüssiges Chlordioxid ist in verschiedenen Online- Shops erhältlich. Korrekt etikettiert, mit dem Warnhinweis, dass es sich um einen ätzenden Stoff handle.

Update vom Mittwoch, 19. Januar 2022

Nachdem die Behörden aufgrund der Beobachter-Recherchen auf das Angebot der Chlordioxid-Lutschpastillen aufmerksam wurden, verschwand das Angebot der David19-Lutschpastillen wenig später vom Netz. Kurz nach Redaktionsschluss der Ausgabe 02/22 wurde auf der Webseite ein Hinweis aufgeschaltet, dass der Webshop wegen «Aufarbeitung kantonaler Vorgaben» in den nächsten Tagen geschlossen bleibt Chlordioxid Wundermittel-Verkäufer narren die Behörden .

Hinweis auf der Webseite von David19, dass der Webshop kurzzeitig geschlossen bleibt.
Quelle: Screenshot: Beobachter
Tipps Das hilft bei Covid-19

Bei einem milden Verlauf genügt es, die Symptome bei Bedarf mit Husten- oder Schmerzmitteln zu lindern. Auch fiebersenkende Mittel können helfen. Wichtig sind viel Ruhe und genügend Flüssigkeit. Bei schwereren Symptomen wie lang anhaltendem Fieber oder Atemnot sollte man einen Arzt konsultieren. Wichtig: Wenn andere Personen im Haushalt leben, Maske tragen, regelmässig Hände waschen und häufig lüften.

Irrglaube des «vergifteten» Körpers

Der Glaube, eine Krankheit verunreinige den Körper, ist tief verwurzelt. Im Mittelalter etwa versuchte man, das «Gift» durch Abführ-, Brechmittel oder Aderlässe aus dem Körper zu schaffen. Heute kursieren Theorien von «oxidativem Stress», der mit Antioxidantien bekämpft werden soll. Die Anhänger dieser Theorie sind überzeugt, dass auch die Spikeproteine der Impfung dem Körper schadeten und mit Chlordioxid aus dem Körper geschafft werden müssten. 

«Wissen, was dem Körper gut tut.»
Chantal Hebeisen, Redaktorin
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