Was haben der US-Komiker David Letterman und der russische Expräsident Boris Jelzin gemeinsam? Ein paar Pfunde zu viel? Den besonderen Humor?

Nein, bei beiden überbrücken Umleitungen, so genannte Bypässe, die verstopften Herzkranzarterien. Boris Jelzin geniesst inzwischen seinen Ruhestand, und David Letterman steht demnächst wieder vor der Kamera.

Verengte Blutgefässe zählen zu den häufigsten Ursachen von Angina pectoris und Herzinfarkt. Doch nicht nur die Herzarterien sind anfällig auf Verengungen. In der Schweiz werden jährlich bis zu 2000 Beinarterien operiert. Oft müssen auch die Halsschlagadern oder die Blutbahnen im Bauchraum behandelt werden.

Wie in einem verzweigten Verkehrsnetz mit Autobahnen und Nebenstrassen fliesst sauerstoffreiches Blut in den Arterien vom Herzen zu den Gliedmassen und Organen. Verkalkungen (Arteriosklerose) oder Blutgerinnsel können diese Wege verstopfen. Solche Strömungshindernisse machen sich durch Schmerzen bemerkbar, die zunächst bei Belastung auftreten, zum Beispiel beim Gehen. Der Betroffene muss öfter stehen bleiben, um das Bein auszuruhen und den Sauerstoffbedarf im Gewebe zu senken – die berühmte «Schaufensterkrankheit».

Anzeige

Je mehr sich die Arterie verengt, desto weniger Blut gelangt ins Gewebe und umso schneller schmerzt das Bein. Wenn bereits im Ruhezustand Schmerzen auftauchen, ist es höchste Zeit zum Handeln: Ein totaler Verschluss muss innerhalb von sechs Stunden beseitigt werden, sonst richtet der Sauerstoffmangel irreparable Schäden an.

Ballone in der Blutbahn
Seit etwa 40 Jahren bringen die Ärzte das Blut mit Skalpell, Umleitungen und Kunststoffschläuchen wieder zum Fliessen. Kleine Gerinnsel (Thromben) werden mit einem Miniballon aus der Blutbahn gefischt. Durch ein Loch in der nächsten geeigneten Arterie – beispielsweise in der Leiste – manövriert der Arzt den auf einen Draht gewickelten Ballon vorsichtig am Hindernis vorbei. Unterhalb des unerwünschten Pfropfens geht der Ballon auf – und der Thrombus sitzt wie eine Mütze darauf. Nun kann der Chirurg beides ans Tageslicht befördern.

Anzeige

Blutgerinnsel oder kleine Kalkherde, die an der Wand eines Blutgefässes festsitzen, werden mit Hilfe eines runden Messers ausgeschält. Behindern starre Verkalkungsherde den Blutstrom, wird die Blockade mit einem Ballon gesprengt. Damit sich die geweitete Arterie danach nicht wieder zusammenzieht, legen die Gefässspezialisten neuerdings häufig noch einen so genannten Stent ein – ein dünnes, meist mit Kunststoff überzogenes Röhrchen aus Maschendraht, das das Gefäss von innen her offen hält.

Ein solcher Stent hätte vielleicht auch das Leben von Albert Einstein verlängert. Der Physiker litt an einem so genannten Bauchaorten-Aneurysma – einer krankhaften Ausweitung der Bauchschlagader. Er verblutete vor 40 Jahren wegen eines Risses in der ausgeweiteten Bauchschlagader.

Den Stau umfahren
«Heute kann man solche Schwachstellen mit einem dicken Stent oder einer Prothese aus Kunststoff schienen», sagt Markus A. Enzler, Chirurg am Gefässzentrum der Klinik Hirslanden in Zürich. «Häufig geht das sogar ohne eine grosse Operation: durch einen kleinen Schnitt in der Leistenbeuge.»

Anzeige

Auch für verschlossene Blutgefässe gibt es eine Lösung. In solchen Fällen überbrückt ein Bypass die Barrikade. Solche Umleitungen lassen sich an den Herzkranz- und anderen Arterien anbringen. Oberhalb des Verschlusses schneidet der Arzt ein kleines Loch in die Wand der Ader. Daran näht er einen passenden Arterien- oder Venenschlauch, den er unterhalb des Hindernisses auf die gleiche Weise wieder anschliesst. Uber diesen kleinen Umweg erhält das «ausgehungerte» Gewebe wieder Blut und Sauerstoff.

Als Material für diesen Kunstgriff verwendet man Kunstfaserarterien oder kleine Venen, die dem Patienten meistens aus dem Bein entnommen wurden.

Ganz so unkompliziert wie Rohre verlegen gestalten sich Gefässoperationen allerdings nicht. Bypässe, Stents und Dehnungen von innen bilden einen Reiz, der die Entstehung neuer Blutgerinnsel oder Verkalkungen fördert. Dagegen helfen blutverdünnende Medikamente, die die Patienten nach dem Eingriff eine Zeit lang – manchmal sogar lebenslänglich – einnehmen müssen.

Anzeige

Weltweit tüfteln Wissenschaftler an der Verbesserung der Operationstechniken und Ersatzmaterialien. So versucht man beispielsweise, das Zuwachsen von Stents durch Medikamente oder Bestrahlungen zu verhindern. Fortschritte erhoffen sich die Ärzte auch von Ersatzarterien aus menschlichem Gewebe, denn diese wären besser verträglich als Kunststoffprothesen oder Metallgeflechte. Allerdings befinden sich diese viel versprechenden Neuheiten noch im Experimentalstadium.

Gesünder leben heisst die Devise
«Zu den wichtigsten Neuerungen der letzten Jahre gehören die Stents, aber auch neue Materialien und Techniken für Gefässprothesen», sagt Markus A. Enzler. «Dank diesen einfacheren Operationsmethoden wird der Krankenhausaufenthalt der Patienten nachhaltig verkürzt.»

Auch die Betroffenen können durch Umstellung der Lebensweise zum langfristigen Erfolg einer Gefässreparatur beitragen: Rauchen, Ubergewicht, erhöhter Blutdruck und zu hohe Cholesterin- und Blutzuckerwerte bei Diabetikern sind Gift für angeschlagene Gefässe.

Anzeige


Kontakt