Die Schmerzen hören nicht auf. Wenn sie ihre Periode hat, sind sie am schlimmsten. Sie lähmen ihre linke Körperhälfte, setzen sie für drei Tage ausser Gefecht. Dann erinnert sich Liliane Novak (Name geändert) an die Tränen, die ihr vor Schmerz über die Wangen strömten. Daran, wie sie in diesem sterilen Spitalzimmer lag, weisse Wände, weisse Laken, Katheter. Vor zwölf Jahren war sie unter Druck gesetzt und am Unterleib operiert worden.

«Die Schmerzen sind noch dieselben», sagt die 44-Jährige. «Aber die Person, die ich war, gibt es nicht mehr.»

Liliane Novak war eine kreative Frau. 32 Jahre alt, in einer grossen Stadt zu Hause «und gerade dabei, mich in einen netten Mann zu verlieben». Vielleicht würden sie einmal Kinder haben. Sie arbeitete als Floristin, «weil meine Mutter sich das gewünscht hatte», wollte aber Bildhauerin werden. Mit schwerem Material wie Stein arbeiten, etwas mit den Händen erschaffen, «das nicht so vergänglich ist wie eine Blume». Doch das Leben spielte nicht mit.

«Ich spürte auf einmal ein Ziehen im Unterleib. Dann wehenartige Koliken, Zwischenblutungen und Fieber. Meine Gynäkologin stellte eine Verdickung des rechten Eileiters fest.» Die Spätfolgen eines Chlamydien-Infekts.

Liliane Novak musste wegen des Infekts eine Antibiotikakur machen. Vibramycin, zweimal 100 mg, zehn Tage lang. «Gleichzeitig sagte mir die Ärztin, dass bei mir der Verdacht auf Gebärmutterhalskrebs bestehe.» Sie habe beim Zellabstrich und im Blut einen erhöhten CA-125-Wert festgestellt. Einen Laborwert, der bei Krebserkrankungen ansteigen kann. Was Novak nicht wusste und kein Arzt erwähnte: Der CA-125-Wert kann auch dann hoch ausfallen, wenn eine entzündliche Erkrankung im Bauchraum vorliegt. Nicht nur bei einem Tumor.

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Das Schlimmste prophezeit

Novak wurde ans Spital überwiesen. «Dort sagte mir die Chefärztin, wenn ich mich nicht operieren liesse, würde ich vermutlich am Tumor sterben. Ich fühlte mich ohnmächtig – und unter Druck gesetzt.»

Ein Aufklärungsgespräch über den Eingriff habe nicht stattgefunden. «Stattdessen sagte mir die Ärztin, je länger ich warte, desto schlimmer werde es. Mir würden ein Bauchschnitt und Chemotherapie drohen.»

«Es ist zwar viele Jahre her, für mich aber fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen.»

Liliane Novak*, 44, Opfer von gynäkologischer Gewalt

In Situationen wie dieser sprechen Fachleute von gynäkologischer Gewalt: wenn psychische und physische Gewalt und Druck ausgeübt werden, wenn eine Patientin beleidigt oder misshandelt wird. «Ein sehr wichtiges, aber von der Öffentlichkeit kaum verstandenes Thema», sagt Irène Dingeldein, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. «Denn jede Frau empfindet Gewalt anders.»

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Gleich sei es bei Ärztinnen und Ärzten: Eine Handlung oder ein Gespräch, das für sie unproblematisch erscheine, könne von einer Patientin als gewaltvoll empfunden werden. «Das ist ein wesentlicher Grund, warum es gerade in der Gynäkologie schwierig ist, Daten zu erheben», so Dingeldein.

Anders in Deutschland. Gemäss einer Studie, die das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen 2012 gemacht hat, sind die Auswirkungen und Spätfolgen von sexueller und gynäkologischer Gewalt gravierend. Die Rede ist von Selbstwertproblemen, Minderung der Lebensqualität, Beziehungs- und Partnerschaftsproblemen oder Problemen mit der eigenen Sexualität.

Gesellschaft sensibilisieren

Dass die Debatte längst überfällig ist, bestätigt SP-Nationalrätin Valérie Piller Carrard. «Das Bewusstsein für gynäkologische Gewalt hat gerade erst begonnen.» 2018 hat die damalige Nationalrätin Rebecca Ruiz die Interpellation «Gynäkologische und geburtshilfliche Gewalt in der Schweiz» eingereicht. Mitunterzeichnende war auch Piller Carrard.

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In seiner Antwort wies der Bundesrat darauf hin, dass das Problem in die Zuständigkeit der Kantone falle, und spielte den Ball an die medizinischen Fachgesellschaften zurück. Damit wurde die Interpellation auf Bundesebene ohne weitere Massnahmen erledigt.

Alle zwei Jahre erscheint ein Bericht über Geburten vom Bundesamt für Statistik. «Ich will mich aber nicht damit begnügen. Denn dieser Bericht erhellt nur zu einem minimen Teil gynäkologische Misshandlungen», sagt Valérie Piller Carrard. Man schätze, dass bei Geburten eine von zehn Frauen traumatische Zustände erlebt.

«Das ist alarmierend. Es erweckt den Eindruck, dass geburtshilfliches Personal nicht nur zahlreiche Fehler begeht, sondern auch ein gewisses Mass an Straffreiheit geniesst.»

Deshalb sei es wichtig, dass die Gesellschaft sensibilisiert werde. «Auch die Ärzteschaft muss auf die möglichen Traumata aufmerksam gemacht werden, die bestimmte Gesten oder Worte verursachen können.» Das geschehe bereits, sagt Irène Dingeldein. «Die Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ist daran, Qualitätsstandards und -sicherung neu zu definieren.»

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Zweitmeinung wurde ignoriert

Auch die Aktion Roses Revolution, 2011 von einer Spanierin gegründet, macht weltweit auf gynäkologische Gewalt aufmerksam. Vor allem auf Gewalt während der Schwangerschaft und der Geburt. Liliane Novak fühlt sich der Rosen-Revolution verbunden. «Frauen kriegen durch diese Organisation Gehör für ihr Leiden. Das hatte mir damals gefehlt.» 

Damals im Spital fühlte sie sich fremdbestimmt und war völlig verunsichert. Als auch ihre Mutter und ihre Gynäkologin sie zum Eingriff drängten, stimmte sie schliesslich zu.

Geplant war eine Laparoskopie, eine Bauchspiegelung mit einem oder mehreren Einschnitten in der Bauchdecke. Das war im Mai 2008. In letzter Minute holte sie eine Zweitmeinung in einer Uniklinik ein. Diese bestätigte den Krebsverdacht nicht. Doch darauf ging die zuständige Ärztin nicht ein. «Sie fragte mich nur: ‹Wollen Sie an Krebs sterben?› Ich war wie erstarrt. Dann passierte mir dieser Eingriff.»

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Nie zugestimmt

Liliane Novak spricht langsam und überlegt. Wenn sie aber von diesem Tag im Mai erzählt, wird ihre Stimme kräftiger. «Es fällt mir schwer, klare Gedanken zu fassen», entschuldigt sie sich. «Es ist zwar viele Jahre her, für mich aber fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen.» Die Gesichter der Ärzte, das sterile Zimmer, die weissen Wände, die weissen Laken, der Schlauch in der Nase.

Als sie aus der Narkose aufwachte und die Wirkung der Medikamente nachliess, schrie sie vor Schmerz. «Ich merkte sofort, dass etwas nicht stimmt.» Später erfuhr sie, dass sie von einem Chirurgenteam operiert worden war, das sie nicht kannte. «Menschen, denen ich noch nie die Hand geschüttelt hatte, schnitten in meiner Scheide herum.»

«Mein Unterleib wurde verstümmelt.»

Liliane Novak*, 44, Opfer von gynäkologischer Gewalt
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Während der zweistündigen Operation führten die Ärzte eine Messerkonisation durch. Ein Chirurg schnitt mit dem Skalpell einen Kegel aus dem Gewebe im unteren Teil des Gebärmutterhalses. Der Krebsverdacht bestätigte sich nicht – es wurde kein Tumor gefunden.

Ausserdem wurde ihr die Gebärmutter ausgekratzt – ohne vorherige Absprache. «Wenn ich über diesen Eingriff und seine Folgen aufgeklärt worden wäre, hätte ich nie zugestimmt», sagt sie. «Mein Unterleib wurde verstümmelt.»

Zu Hause winselte sie vor Schmerzen, und als sie im Spital anrief und am Telefon weinte, habe der Chirurg gesagt: «Sie können mich ja verklagen», und aufgelegt.

Keine Lust, kein Verlangen

Bis heute leidet sie an chronischen Schmerzen Hilfe gegen chronische Schmerzen Wenn der starke Schmerz bleibt , ausgehend von der linken Seite des Unterleibs, obwohl der rechte Eileiter nach dem Infekt verdickt war. Weshalb ihr linker Unterbauch schmerzt, konnte ihr bisher kein Arzt sagen. «Es gibt kein bildgebendes Verfahren, das zeigt, woher die Schmerzen kommen.» Sie müsste sich einer weiteren Laparoskopie unterziehen. Doch davor hat sie Angst.

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Sie leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. «Mein Körper fühlt sich fremd an. Ich bin gefangen in einer Hülle, in der ich nicht sein möchte. Ich fühle mich wie ein Monster.» Sie hat kein sexuelles Empfinden mehr. Keine Lust, kein Verlangen nach Nähe und Berührungen. Nur Abstumpfung.

«Ich kann mit keinem Mann mehr zärtlich sein. Ich kann mich seit zwölf Jahren nicht mehr öffnen. Mir wurde das Intimste genommen.» Ihren Kinderwunsch habe der Eingriff zerstört. «Das ist ein beschissenes Lebensgefühl.»

«Zeit ist Geld. In der Medizin spüren wir das sehr.»

Irène Dingeldein, Gynäkologin

Es sei immer am wichtigsten, dass die Patientin informiert werde – über jeden einzelnen Schritt, sagt Gynäkologin Irène Dingeldein. «Dafür muss sich eine Gynäkologin Zeit nehmen.» Genau das sei aber das Problem: die Zeit. «Zeit ist Geld. In der Medizin spüren wir das sehr.»

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Liliane Novak trägt schwer an den Folgen. «Man hat mir die Blüte meines Lebens geraubt. «Ich wurde gedemütigt und fahrlässig manipuliert. In einem kapitalistischen Korsett, das sich Gesundheitssystem nennt.»

Bildhauerin ist sie nicht geworden, sie ist körperlich nicht mehr belastbar. Heute lebt sie zurückgezogen in einer kleinen Wohnung eines Mehrfamilienhauses, Grossstadt-Agglo. Sie schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und musste lange um eine IV-Rente kämpfen.

«Auf dem Abstellgleis, auf dem ich gelandet bin, möchte ich nicht bleiben. Ich habe noch das halbe Leben vor mir.»

Illustration: Frau steht in Museum vor Statue

Sie hatte Bildhauerin werden wollen. Mit schwerem Material wie Stein arbeiten.

Quelle: Andreas Gefe
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