Zähne sind das Erste, was schadhaft wird. Bei neun von zehn Menschen ist das so. Seit der Steinzeit leiden wir unter Zahnfäule, und trotz Bürste, Pasta, Seide und Mundwasser nagt weiterhin Karies an unserem Selbstbewusstsein. Bakterien der Gattung Streptococcus mutans und Milchsäurebakterien bohren Löcher in unser Lächeln. Heute repariert der Zahnarzt den Schaden, füllt Löcher mit Plomben aus Amalgam, Gold, Keramik oder Kunststoff. Wir können wieder in den Apfel beissen, ohne dass ein Zahn darin stecken bleibt. Gezogen werden müssen Zähne nur selten. Das war nicht immer so.

Bis ins 20. Jahrhundert galten Zahnlücken selbst bei jüngeren Menschen als Regel. Wegen Mangelernährung waren ihnen die Zähne schlicht ausgefallen. Für den Rest ihres Lebens mümmelten sie Brei und Mus. Dem Übel der Zahnlosigkeit beizukommen versuchten bereits Ärzte im alten Rom. Sie übten sich in der Entnahme und im Einsetzen von Zähnen. Unfreiwillige Spender waren Sklaven, die Empfänger reiche Römer.

Als George Washington 1789 sein Amt als Präsident der Vereinigten Staaten antrat, steckte bloss noch ein einziger Zahn in seinem Kiefer. Washington war 57 und trug eine Prothese aus Elfenbein und den Zähnen anderer Menschen. Die dritten Zähne gewann man von Verstorbenen, denen man vor der Beisetzung zog, was noch brauchbar war. Prothesen wie jene Washingtons waren kosmetischer Natur. Bei Tisch nahm man sie heraus, damit man die kostbaren Ersatzteile nicht irrtümlicherweise verschluckte.

Immerhin waren die Extraktionen für die Toten schmerzlos. Lebende mit Zahnweh hatten mehr zu leiden, denn das Ziehen des Zahns war die einzige Lösung. Dazu mussten die Unglücklichen warten, bis ein Zahnbrecher oder Bader mit einer Zange in die Gegend kam.

Zur Ablenkung gab es Schausteller, zur Betäubung Wein oder Schnaps, denn die Anästhesie wurde erst im 19. Jahrhundert erfunden und flächendeckend eingesetzt: Damit künftige Gatten mit ihrer Frau keine Kosten hätten, liess man in manchen Gegenden der Schweiz noch im 20. Jahrhundert jungen Frauen alle Zähne ziehen und schenkte ihnen als Mitgift ein Gebiss. Das künstliche Gebiss war ein sichtbarer – und hörbarer – Fortschritt, denn es erlaubte normales Sprechen und Essen.

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