Warme und kalte Speisen schmerzen. Zähneputzen Zahnpflege Was uns die Zahnfee verschwieg tut weh. Selbst kalte Luft löst stechenden Schmerz aus. Das sind die möglichen Symptome der Krankheit MIH (Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation), umgangssprachlich Kreidezähne genannt.

Typi­scherweise betroffen sind die letzten Milch­backenzähne, die ersten bleibenden Molaren und seltener die bleibenden Frontzähne. Weil der harte Zahnschmelz bei der Ent­wicklung nicht genügend ausgebildet wird, ist die Zahnsubstanz weich und porös. Bei zu hoher Kaubelastung können Teile der Milch-, aber auch der bleibenden Zähne wegbröckeln. Über die Ursachen wird gerätselt – es gibt deshalb auch keine Strategie zur Vermeidung der MIH.

«Für uns war es ein Schock», sagt Fabienne Molinari. Bei ihrer vierjährigen Tochter Nyla musste Anfang Juni das Milchgebiss vollständig saniert werden. Jeder Backenzahn brauchte eine Füllung, ein Zahn erhielt eine Krone. Der Eingriff dauerte zwei Stunden und musste unter Vollnarkose Narkose «Viele fürchten sich vor dem Kontrollverlust» durchgeführt werden. Nyla kann jetzt wieder normal essen. Ob auch ihre bleibenden Zähne ein MIH-Problem haben werden, wird sich erst zeigen, wenn sie durchgebrochen sind.

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Dauernd entzündeter Nerv

Weil der Schmelz fehlt, wird der Zahnnerv dauernd gereizt und entzündet sich. Entzündete Nerven aber sind lokal nicht gut zu betäuben. «Sehr oft bleibt dann nur die Vollnarkose Narkose Das böse Erwachen », sagt der Zürcher Kinderzahnarzt Rolf Ammann, der Nyla behandelt hat.

Kreidezähne können weitere Probleme mit sich bringen. Wenn ihretwegen im Unterkiefer ein bleibender Backenzahn entfernt werden muss, rutschen die zwei verbleibenden nicht wie im Oberkiefer in die Lücke, sondern drohen zu kippen. So kann MIH zu aufwendigen kiefer­orthopädischen und zahnärztlichen Folgebehandlungen führen. Ammanns Fazit: «Kreidezähne sind ein therapeutischer Alptraum.»

Seit 15 Jahren beobachte er eine stetige Zunahme der MIH. «Kinder mit vollständig intaktem Schmelz sehe ich fast gar nicht mehr», sagt Ammann. Jedes dritte Kind zeige deutliche Anzeichen einer MIH, fünf Prozent seien schwere Fälle mit grossem Behandlungsbedarf.

Eine weltweite Zunahme

Ammanns Berufskollegen argumentieren manchmal, er habe als Kinderzahnarzt eben überdurchschnittlich ­viele MIH-Fälle. Doch ein Blick auf die aktuelle Forschung stützt Ammanns Befund. Das Phänomen Kreidezähne ist in den vergangenen Jahren global in den Fokus geraten.

Eine chinesische Forschergruppe beziffert die weltweite Häufigkeit auf 14 Prozent, betroffen seien besonders Kinder unter zehn Jahren. In Deutschland ­stellte die Universität Giessen für den Zeitraum von 2003 bis 2015 eine Zunahme um 60 Prozent fest. «Das Ergebnis ist alarmierend», sagt Studienautor Norbert Krämer. Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde spricht gar von einer neuen Volkskrankheit.

Gesamtschweizerische Zahlen fehlen noch. Für die Genfer Schulkinder kommt Forscherin Marwa Abdelaziz in einer noch unveröffentlichten Studie auf eine Häufigkeit von sieben Prozent. In Basel sammelt ein Team um Zahn­mediziner Richard Steffen nationale Daten.

 

«Wir wussten nicht, ob wir etwas falsch gemacht hatten.»

Fabienne Molinari, Mutter von Nyla

 

Was Forschende und Eltern beunruhigt: Die Ursachen von MIH sind noch gänzlich unbekannt. «Für uns war das sehr belastend», sagt Nylas Mutter Fabienne Molinari. «Wir wussten nicht, ob wir etwas falsch gemacht hatten. Und es gab auch keine Ratschläge, was wir in Zukunft anders machen sollten.» Ihr Zahnarzt habe ­ihnen das schlechte Gewissen ausreden können. «Er versicherte uns, dass uns keine Schuld trifft.»

Dass die Wissenschaft noch immer rätselt, hat mehrere Gründe. Einer davon: «Bei der Forschung an Kindern sind die Auflagen noch einmal deutlich strenger als bei Erwachsenen. Es ist sehr schwierig, von der Ethikkommission eine Bewilligung zu erhalten», sagt der Basler Zahnmediziner Richard Steffen.

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«Weltweit haben Zahnärzte MIH als ernsthaftes klinisches Problem erkannt. Dennoch fehlen grossangelegte Studien zu den Ursachen», so die Australierin Mihiri Silva. Ihr Team zählt international zu den führenden. Die finanziellen Mittel fehlten, der Konkurrenzkampf um Forschungsgelder werde immer härter.

Mehrere Faktoren

Wissenschaftler gehen davon aus, dass nicht eine einzige Ursache für MIH verantwortlich ist. Als Faktoren genannt werden Infekte der Mutter in der Schwangerschaft, hohes Fieber, Bluthochdruck, Fehlernährung oder Diabetes. Auch der Kontakt mit Umweltgiften PCB Das Gift, das man vergessen möchte scheint eine Rolle zu spielen.

In verschiedenen Medien wurde Bisphenol A Bisphenol A In der EU giftig – in der Schweiz nicht als Hauptverursacher dargestellt. Es ist etwa im Kunststoff von Trinkflaschen und Lebensmittelboxen enthalten. Doch im August 2018 gab das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung Entwarnung. Ein Zusammenhang zwischen Kreidezähnen und Bisphenol A sei nach derzeitigem Wissensstand unwahrscheinlich.

Die Krankheit trifft Betroffene gänzlich un­verschuldet. Umso erstaunlicher ist es, dass die Krankenkassen die nötigen Zahnsanierungen nicht bezahlen Zusatzversicherungen für Kinderzähne Kommt Zeit, kommt Zahn . «Das Eidgenössische Departe­ment des Innern entscheidet in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Kommission für allgemeine Leistungen und Grundsatzfragen über die Aufnahme neuer Leistungspflichten. Dafür braucht es einen entsprechenden Antrag. Ein solcher wurde bislang nicht eingereicht», heisst es beim Bundesamt für Gesundheit.

 

 «Es kann unseres Erachtens nicht sein, dass die Eltern der Kinder, finanziell auf sich allein gestellt bleiben.»

Schweizerischen Zahnärzte-Ge­sell­schaft (SSO)

 

Bei der Schweizerischen Zahnärzte-Ge­sell­schaft (SSO) ist ein solcher Antrag zwar schon länger ein Thema: «Es kann unseres Erachtens nicht sein, dass die Eltern der Kinder, bei denen schwere Fälle von MIH diagnostiziert wurden, finanziell auf sich allein gestellt Krankenkasse Was, wenn die Kasse nicht zahlt? bleiben. Wir wissen aber auch, dass die Hürden für die Kostenübernahme von neuen Leistungen sehr hoch sind. Wir überlegen daher, ob und wie ein solcher Antrag erfolgreich eingereicht werden kann.»

Kinderzahnarzt Rolf Ammann vermutet, Politik und Verwaltung fürchteten sich vor Missbrauch. «Natürlich besteht nach Aufnahme in die Leistungspflicht die Gefahr, dass versucht wird, auch gewöhnliche Karies über die Kassen abzurechnen. Man muss eventuell die Leistungs­pflicht auf schwere MIH-Fälle beschränken, da hier die Diagnose eindeutig und klar ist.»

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Andres Büchi, Chefredaktor

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