1. Home
  2. Gesundheit
  3. Medizin & Krankheit
  4. Magenbypass: Krankenkassen zahlen Hautstraffung nicht

MagenbypassEndlich schlank, aber dann...

«Die negativen Folgen interessieren niemanden»: Jsabella Stieger hat seit der Magenbypass-Operation viel überschüssige Haut.

Wer extrem abnimmt, hat danach überschüssige Haut. Das führt leicht zu Abszessen und psychischen Leiden. Doch Krankenkassen zahlen nicht für Operationen.

von und aktualisiert am 13. September 2018

Jsabella Stieger wog 148 Kilogramm. Heute sind es nur noch 70. Die Kehrseite des Gewichtsverlusts Abnehmen Wie man wirklich Gewicht verliert : Ihr Körper steckt jetzt in einem viel zu grossen Hautkostüm. Stieger wünscht sich nichts sehnlicher als eine Operation, die die unnütze Haut entfernt. Aber ihre Krankenkasse, die Swica, will nicht zahlen.

Stieger wollte nicht klein beigeben und legte beim Zürcher Sozialversicherungsgericht Rekurs ein. Doch weder die hängenden Hautlappen an Armen und Beinen, die Brusterschlaffung dritten Grades noch die eiternden Abszesse in den Hautfalten vermochten die Richter zu beeindrucken. Selbst Stiegers Suizidgedanken Suizidprävention Viel guter Wille, aber kein Geld und die Verletzungen, die sich die 52-Jährige gemäss Arztbericht immer wieder zugefügt hat, liessen das Gericht kalt.

Jsabella Stieger vor der Magenbypass-Operation
Diäten und medizinische Behandlung nützten nichts: Jsabella Stieger vor der Magenbypass-Operation.
Quelle: zVg/Privat

Mit der Fettschürze leben lernen

Das Leiden von Jsabella Stieger, steht im Urteil, habe keinen echten «Krankheitswert». Sie müsse mit den hängenden Fettschürzen leben lernen, schrieben die drei Richter.

Die Hautfalten könne sie täglich mit «Hautcremen, Puder oder Ähnlichem» einreiben, damit sie nicht wund gescheuert werden. Die «depressive Störung» könne ein Psychiater behandeln. Und die Problemzonen seien ja «üblicherweise von Kleidung bedeckt». Deshalb sei der «ästhetische Mangel» nicht entstellend.

20 Jahre lang gelitten wegen Übergewicht

«Die negativen Folgen des Gewichtsverlusts interessieren niemanden», sagt Stieger. Die Winterthurerin hat einen langen Leidensweg hinter sich. Wegen ihrer Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit muss sie sich seit über 20 Jahren immer wieder in einem Adipositas-Zentrum untersuchen lassen. Weder Diäten noch medizinische Behandlungen nützten. Sie blieb extrem übergewichtig.

Im Frühling 2014 legte sie sich schliesslich auf Anraten der Ärzte unters Messer. Der Chirurg setzte ihr einen Magenbypass, weil es keine andere Möglichkeit mehr gab. Die obligatorische Krankenkasse bezahlte die Operation. Jsabella Stieger nahm fast 80 Kilo ab. Sie hält ihr Gewicht seither konstant. Die Gefahr von Herz-Kreislauf-Problemen Herzinfarkt Kein Risiko für Frauen? ist laut Stiegers Fachärztin nun stark gesunken, die Gelenkbeschwerden haben abgenommen. Und Diabetes Diabetes Die unsichtbare Bedrohung hat Stieger noch immer nicht.

Krankenkassen sparen mit Magenbypass-OPs viel Geld

Rund 42'000 schwer Übergewichtige haben sich hierzulande bisher einen Magenbypass setzen lassen. Die Krankenkassen Krankenkasse Sind Sie überversichert? können sich über jeden Einzelnen freuen, der sich dieser Magenverkleinerung unterzieht. Weil dabei ein Teil des Magens direkt mit dem Dünndarm verbunden wird, werden die Operierten schneller satt und verlieren reichlich Gewicht. Die Kosten eines Eingriffs liegen in der Regel erheblich tiefer als die Folgekosten von Übergewicht. Diese belaufen sich schweizweit auf 8 Milliarden Franken pro Jahr, schreibt das Bundesamt für Gesundheit.

Die Grundversicherungen sparen also unter dem Strich viel Geld mit Bypass-Operationen. Der Eingriff ist sogar leicht günstiger als konventionelle und medikamentöse Diättherapien, wie eine Auswertung von 16 wissenschaftlichen Studien durch das Swiss Medical Board 2016 gezeigt hat.

Strenge Auflagen für Magenbypass-Operation

Die Bedingungen für eine Operation sind streng. Jeder krankhaft Übergewichtige muss während 24 Monaten ein ärztliches Diätprogramm durchlaufen und danach mindestens einen Body-Mass-Index (BMI) von 35 haben – also immer noch «schwer übergewichtig» sein. Nur vier Prozent der Betroffenen wählen schliesslich die chirurgische Option.

Jeder Fünfte wünscht sich später die Fettschürzen wegoperiert. Doch wie bei Jsabella Stieger verweigern die Krankenkassen meistens die Kostengutsprache für die Operation. Selbst wenn die Ärzte, wie bei Stieger, diese gleich zweimal beantragen.

«Nur wer keine Ahnung hat, fällt solche Urteile»

«Nur etwa zehn Prozent erhalten eine Operation», sagt Ralph Peterli, Präsident der Schweizer Fachärztegesellschaft für krankhafte Fettleibigkeit (Smob). Es gibt keinen Rechtsanspruch: Die Entfernung von Adipositas-Haut ist nicht im Leistungskatalog der Grundversicherung enthalten.

Ob eine Krankenkasse zahlt, liegt weitgehend im Ermessen ihres Vertrauensarztes. Gemäss Gesetz muss die Grundversicherung die Kosten nur übernehmen, wenn die Hautlappen zu Symptomen mit «Krankheitswert» führen. Und lediglich, sofern die Operation eine wirksame, zweckmässige und wirtschaftliche Behandlungsmethode ist.

«Wenn die Brüste in die Hosen rutschen, hat das sehr wohl Krankheitswert.»

Renward Hauser, Chirurg

 

Der Zürcher Chirurg Renward Hauser versteht die knausrige Haltung der Krankenkassen nicht. «Nur wer keine Ahnung hat, fällt solche Urteile», sagt der Facharzt. «Wenn die Brüste in die Hosen rutschen, hat das sehr wohl Krankheitswert. Es geht um Wiederherstellungschirurgie, nicht um Schönheitschirurgie», so der Adipositas-Spezialist.

Dass das Bundesgericht Kaum Chancen auf Recht Wie die Justiz Normalbürger ausschliesst in mehreren Fällen ebenfalls abschlägig geurteilt hat, beeindruckt Hauser nicht. «Ein Magenbypass bringt eine beträchtliche Verbesserung der Lebensqualität. Aber nicht wenige hassen ihren neuen, schlaffen Körper. Und dieses Körperbild macht sie erneut krank.» Junge hätten besonders oft Mühe. «Wer bereits mit 30 einen schlaffen Körper hat, findet sich verständlicherweise nicht so leicht damit ab», sagt Chirurg Hauser.

Schnelles Zu- und Abnehmen schädigte das Bindegewebe

Anja Schelbert  kennt das Problem. Die 23-Jährige litt ab ihrem elften Lebensjahr unter Binge-Eating, einer Essstörung mit unkontrollierbaren Heisshunger- und Magerattacken, die sich abwechseln. Als Teenager wog sie bis zu 144 Kilo, ihr Body-Mass-Index Gesundheits-Test BMI-Rechner kratzte an der 50er-Marke. Das Bindegewebe wurde durch das sich rasant ändernde Gewicht stark beansprucht.

2014 erhielt sie schliesslich einen Magenbypass. Auch sie, die stolze 74 Kilogramm abgenommen hat und das Gewicht nun seit über zwei Jahren konstant hält, steckt heute in einem viel zu grossen Hautkostüm. Vor allem an den Oberschenkelinnenseiten, dem Bauch und am Rücken hängt die Haut.

Auch bei ihr bildeten sich unter den Hautlappen offene Stellen und Furunkel, die sehr schmerzen. «Man riecht auch viel schneller, egal, wie gut man sich pflegt und vorsorgt», sagt die hübsche Frau, die beruflich viel Kundenkontakt hat. Dreimal am Tag muss sie sich reinigen und desinfizieren, drei- bis viermal am Tag Wundverbände anlegen, um neue Entzündungsherde zu verhindern.

Krankenkasse entschied, ohne Patientin je gesehen zu haben

Behandlungsversuche erfolgten, so ein ärztliches Gutachten, mit «Iruxol, Keli-med, Actigel, Weleda Calendula, Fenistil-Gel, Vitamin A über sechs Monate, Ibuprofen bei Schmerzen, Bi-Oil, Kräutersalben und Quarkwickeln, Wundreinigungstüchern, Kamillenbädern, Schwarzteeumschlägen». Auch Po-Beine-Bauch-Übungen hätten nichts zur Hautstraffung beigetragen, schreibt der Gutachter weiter.

«Ich habe alles versucht, aber die überschüssige Haut blieb.»

Anja Schelbert, Magenbypass-Patientin

 

Ausgedehnte Haut zieht sich nicht mehr selbständig zusammen. «Ich habe wirklich alles versucht, aber nichts hat geholfen», sagt Schelbert. Hinzu kommen die psychischen Folgen. «Ich bin in meiner Tätigkeit als Handelsreisende behindert und kann selbst in einem so heissen Sommer wie diesem unmöglich in die Badi. Und sogar vor meinem Partner schäme ich mich.» Eine äusserst belastende Situation.

Doch auch ihre Krankenkasse, die CSS, will nicht zahlen. Ihr Körperzustand sei «gemäss der gesellschaftlichen Anschauung nicht als entstellend zu bezeichnen», heisst es im ablehnenden Entscheid. Zudem liessen sich «die Hautentzündungen leicht durch konservative Massnahmen beheben. Mit geeigneter Kleidung und entsprechenden hygienischen Vorkehrungen sollten diese zukünftig nicht mehr auftreten», steht da. Es liege kein Leiden mit Krankheitswert vor, resümiert die Kasse. Ein reiner Schreibtischentscheid: Peter Luckhardt, der Vertrauensarzt der CSS, hat Schelbert gar nie persönlich gesehen und nie untersucht.

«Übergewicht ist kein Frage des Willens»

«Die Krankenkassen entscheiden zum Teil willkürlich», sagt Ralph Peterli von der Fachärztegesellschaft. Er räumt zudem mit einem Vorurteil auf: «Übergewicht ist keine Frage des Willens. Adipöse sind keine disziplinlosen Menschen», sagt Peterli, stellvertretender Chefarzt für Viszeralchirurgie am Basler Claraspital. «Ich esse zum Teil sehr viel mehr als meine Patienten.»

«Übergewichtige sind eine unbeliebte Gesellschaftsgruppe.»

Renward Hauser, Arzt

 

Das Bundesamt für Gesundheit sieht keinen Handlungsbedarf. Man habe keine Kenntnis von einer systematischen Willkür bei der Beurteilung der Kostengutsprachen durch die Vertrauensärzte der Krankenkassen, schreibt das Amt. Die Swica betont, dass ihr Ziel sei, Gleiches gleich zu beurteilen. Da es aber um Ermessensfragen gehe, könnten unterschiedliche Vertrauensärzte zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. 

Facharzt Renward Hauser plädiert deshalb dafür, dass die Wiederherstellungschirurgie nach Magenverkleinerungen von der Grundversicherung bezahlt wird, sofern die Betroffenen drei Jahre nach der Operation ein stabiles Gewicht und nachweisbare Probleme mit ihrem Körperbild haben. «Aber das werde ich wohl nicht mehr erleben. Übergewichtige sind eine unbeliebte Gesellschaftsgruppe. Für sie macht die Politik nichts.»

Buchtipp
Stressfrei abnehmen
Buchcover stressfrei abnehmen
Mehr Infos

Patienten müssen Hautstraffungs-Operation meist selbst zahlen

Konkret bedeutet das, dass die meisten Betroffenen die Operationen selber bezahlen. Wenn sie können. «Die körperliche Unversehrtheit ist in der Schweiz ein Privileg der Reichen», sagt Heinrich von Grünigen, Stiftungsratspräsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung.

Die ehemalige Ladenbesitzerin Jsabella Stieger, seit kurzem von der Sozialhilfe abhängig, hat noch nicht aufgegeben. Sie will die 16'450 Franken für die Bauchdeckenstraffung im Kantonsspital Thurgau irgendwie auftreiben. Anja Schelbert wird ebenfalls den Rechtsweg beschreiten. «Was habe ich denn für eine Wahl? Mit 23 Jahren werde ich mich bestimmt nicht mit einem Kompromiss zulasten meiner Gesundheit zufriedengeben.»

«Tun Sie sich etwas Gutes.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

Tun Sie sich etwas Gutes.

Der Gesundheits Newsletter

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

2 Kommentare

Sortieren nach:Neuste zuerst
nicar
Es ist mir unverständlich dass,das die Dame nicht gewusst haben will. Solche Fälle werden seit vielen Jahren immer wieder in den Medien gezeigt ( Fernsehen und Zeitschriften ) und davor gewarnt dass die Folgekosten (Bauchstraffung-Hautentfernung etc. ) von den Kassen nicht übernommen werden ausser aus Kulanz ,zum Teil vergütet werden. Wichtig! vor solchen Eingriffen immer Informationen einholen
saskia
Mir geht es genau gleich. Minus 60kg und ich sehe aus wie eine uralte Frau dabei bin ich erst 30. Es schränkt mich im Alltag mit meinen Kindern enorm ein. Aber ich solle zum Psychologen :(