Thomas B. war 20, als er begriff, wie kostbar sein Blut ist. Er wohnte bei den Eltern in Genf, als das Unispital anrief und ihn fragte: «Wäre es Ihnen möglich, ein Taxi zu uns zu nehmen?» Man brauchte dringend sein Blut für eine Transfusion. Empfänger war ein Kleinkind. «Woran es litt, weiss ich nicht», sagt Thomas, «ich weiss aber, dass es nur wenige Menschen gab, die ihm in diesem Moment helfen konnten.» Thomas war einer davon – wegen seiner Blutgruppe. Die ist so selten, dass man auf der Welt bloss vier Dutzend Menschen kennt, die sie teilen.

Erfahren hatte er von seiner raren Blutgruppe als Zehnjähriger. Als der Bluttest vorlag, schaute die Ärztin ungläubig aufs Blatt und liess die Probe erneut prüfen, in Paris und Amsterdam. Das Resultat war dasselbe: Thomas B.s Blut weist den Rhesusfaktor Null auf – ein medizinisches Wunder.

Einzigartig wie ein Fingerabdruck

Vor 100 Jahren wussten die Ärzte noch nicht, dass die Blutgruppe des Spenders zum Empfänger passen muss. Das kostete etliche Patienten das Leben. Landläufig bekannt sind die vier Hauptblutgruppen 0, A, B und AB sowie der positive und der negative Rhesusfaktor. Diese Einteilung ist aber eine starke Vereinfachung: Es gibt nicht bloss acht, sondern Millionen von Kombinationen der Bluttypen – das Blut kann so einzigartig sein wie ein Finger­abdruck.

An jedem roten Blutkörperchen haften Proteine, sogenannte Antigene. Von ihnen gibt es rund 350. Sie werden in 35 Blutgruppensysteme eingeteilt. Eines ist das AB0-System, ein anderes das Rhesus-System. Letzteres ist besonders wichtig: Über 60 Antigene sind darin klassifiziert. Trifft ein rotes Blutkörperchen auf ein fremdes, das andere Antigene besitzt, reagiert das Abwehrsystem sofort. Der Körper bekämpft das unbekannte Molekül, das Blut verklumpt. Diese Reaktion kann bei einer Transfusion tödlich enden.

Bei Thomas ist diese Gefahr besonders hoch: Ihm fehlen sämtliche Antigene des Rhesus-Blutgruppensystems. «Eigentlich war man überzeugt, dass diese Antigene überlebenswichtig sind», sagt Thierry Peyrard, Direktor des Nationalen Referenz­labors für Immunhämatologie in Paris, wo Thomas’ Blut tiefgefroren aufbewahrt wird. Lange gingen Ärzte und Wissenschaftler davon aus, dass ein Mensch mit Rhesus Null bereits als Embryo sterben würde. «Deshalb war es ein Schock, als man 1961 die erste Frau mit dieser Blutgruppe entdeckte – eine Ureinwohnerin aus Australien.»

Peyrard erklärt auch, weshalb das Blut von Thomas so kostbar ist: Es kann allen übertragen werden, egal, welche Antigene im Rhesus-Blutgruppensystem fehlen. Dazu gehören auch Menschen mit sehr seltenen Kombinationen. «Es ist universelles Blut», sagt Peyrard. «Goldenes Blut.»

Quelle: Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

«Ich bin ein ganz normaler Mann»

In seinem Büro in Lausanne offeriert der Mann mit dem goldenen Blut einen Schwarztee. Thomas B. spricht langsam, bedacht, leise. «Es ist ein merkwürdiger Gedanke, dass mein Blut wertvoll ist», sagt er. «Dabei bin ich eigentlich ein ganz normaler Mann: Ich bin verheiratet, habe Kinder, eine gewöhnliche Stelle.»

Mit seiner Besonderheit wird Thomas aber jeden Tag konfrontiert: Egal, wo er hingeht, er trägt einen Ausweis mit seiner Blutgruppe auf sich. Darauf ist die Telefonnummer des Labors in Paris gedruckt. Denn obwohl viele Menschen von seinem Blut profitieren können, braucht er selber im Fall einer Transfusion Rhesus-Null-Blut. Von den rund vier Dutzend Trägern weltweit spenden aber nur acht oder neun; viele leiden an Anämie.

«Als Kind durfte ich nicht ins Pfadi­lager», sagt er mit einem scheuen Lächeln. «Meine Eltern dachten, es sei zu gefährlich.» Später wurde er vom Militärdienst dispensiert, und noch heute achtet er darauf, keine Risiken einzugehen. Bei Reisen vermeidet er etwa Länder, die kein modernes Gesundheitssystem haben: 

«Wenn ich irgendwo im Amazonas-Gebiet dringend Blut brauchen würde, könnte es schwierig werden.»

Thomas B.*

Sein Blut hat bereits mehreren Leuten das Leben gerettet, selber hat Thomas noch keine Transfusion benötigt. Falls er operiert werden müsste, träte sofort eine internationale Maschinerie in Gang, die auf eine Sache getrimmt ist: Geschwindigkeit. Denn das Finden und das Liefern von solch seltenem Blut gleicht oft einem Rennen gegen die Zeit.

Die Blutbank im Berner Keller

Im Industriegebäude in Bern ist es kalt. Es sind knapp vier Grad im Kühlraum, der Atem verpufft in kleinen Wolken. Im Keller ist es noch frostiger: minus 30 Grad. «Hier bewahren wir unser Blut auf», sagt Christoph Niederhauser, Leiter Labordia­gnostik des Blutspendedienstes Bern. In Harassen liegen Hunderte von Beuteln mit je 450 Millilitern roter Flüssigkeit, die Behälter mit seltenem Blut wurden mit gelber Leuchtfarbe markiert. International hat man sich darauf geeinigt, eine Blutgruppe, der bloss eine Person aus 1000 angehört, als selten zu bezeichnen. Sehr selten sind Blutgruppen, die mit der Häufigkeit von 1 zu 10'000 vorkommen. Rhesus Null weist nur einer von 167 Mil­lionen auf.

Um Patienten mit seltenen Blutgruppen zu helfen, wurde in der Schweiz eine Datenbank aufgebaut. Im Notfall können die Ärzte so unter den rund 1000 Spendern einen geeigneten finden. Falls kein Blut in den 13 Lagern der Schweiz liegt, wird der Spender telefonisch gebeten, in einen Blutspendedienst zu eilen. «Wenn die Zeit drängt, fahren die Mediziner zu dem Spender nach Hause», sagt Christoph Niederhauser.

In manchen Fällen gelangt ein kleines Land wie die Schweiz aber an seine Grenzen: bei der Blutgruppe Bombay etwa, die in Europa ein Mensch von einer Million hat. Dann wenden sich Ärzte an inter­nationale Laboratorien wie Amsterdam und Paris, wo sehr seltenes Blut in Stickstoff bei minus 180 Grad gelagert wird.

In der Schweiz kann man die Zahl ­solcher internationaler Suchaktionen im Jahr an einer Hand abzählen. «Vor einigen Wochen hatten wir einen schwierigen Fall», erzählt Behrouz Mansouri, leitender Arzt Transfusionsmedizin des Berner Inselspitals und medizinischer Direktor der Blutspende SRK Schweiz. Eine Patientin hatte sich an der Wirbelsäule verletzt und musste rasch operiert werden. Passendes Blut gab es in der Schweiz keines, dafür in Amsterdam. Dort waren drei Beutel ihres Bluttyps tiefgefroren, die eine Frau 1999 gespendet hatte. «Das Blut muss aufgetaut und dann gewaschen werden, um es vom Gefrierschutzmittel zu befreien», erklärt Mansouri. Anschliessend haben Ärzte 24 Stunden Zeit, es einzusetzen.

Quelle: Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Teurer Transport

In diesem Fall wurde der kostbare Stoff eingeflogen – «von Paris kommt es aber oft auch per Taxi». Die Operation verlief gut, nur einer der drei Beutel wurde verwendet. «Es war schade, solch seltenes Blut wegzuwerfen», sagt Mansouri. «Aber wir wollten kein Risiko eingehen und zu wenig bestellen.»

Es ist meist der Transport, der bei einer solchen Aktion am teuersten ist. Ein Beutel des raren Saftes kostet 6000 bis 8500 Franken. Um möglichst wenig Blut international bestellen zu müssen, haben die regionalen Spendedienste Bern und Zürich in den vergangenen Jahren 60'000 regelmässige Spender auf seltene Blutgruppenmerkmale untersucht. «So konnten wir mehrere hundert neue Spender in die Datenbank eintragen», sagt Laborchef Niederhauser.

Zweimal im Jahr fünf Deziliter Blut

Falls Thomas Blut braucht, ist er auf dieses internationale Netz von Labors und Blutbanken angewiesen. Er selber reist für ­seine Spenden auch ins Ausland, da es schwierig ist, Blutbeutel über die Grenze zu transportieren. «Die Zollformalitäten sind mühsam», weiss Thierry Peyrard, Direktor des Pariser Referenzlabors. «Und das Blut von Thomas ist zu wertvoll, als dass wir ein Risiko eingehen wollen.»

Zweimal im Jahr nimmt Thomas deshalb frei, besteigt den Zug nach Annemasse in Frankreich und lässt sich dort einen knappen halben Liter Blut aus den Venen ziehen. Das Billett zahlt er selber. Für ihn ist das kein Hinderungsgrund: «Ich bin der einzige Mensch in Westeuropa, der derzeit Rhesus-Null-Blut schenken kann», sagt er. «Spenden ist nicht nur in meinem eigenen Interesse, sondern auch meine Pflicht.»

Weitere Informationen zum Thema Blutspende

80 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind mindestens einmal im Leben auf eine Blutspende oder ein Produkt welches daraus entsteht, angewiesen. Aber nur jede(r) 20. Schweizerin und Schweizer spenden regelmässig Blut.

 

*Name der Redaktion bekannt

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

Wissen, was dem Körper gut tut.

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